13 Januar 2011, 10:05
Meisner: 'Religion gehört zum Menschen wie zum Fisch das Wasser'
 
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'Die Religionsfreiheit ist das fundamentalste und wichtigste aller Menschenrechte!' - 'Die Hoffnung für die Welt ist das vom Heiligen Geist erfüllte Herz'

Köln (kath.net/pm) Joachim Kardinal Meisner hat im Hohen Dom zu Köln zum 34. Internationalen Soldatenfriedensgottesdienst über die Religionsfreiheit gepredigt: „Was hat denn eigentlich Religion mit dem Weltfrieden zu tun, wo doch Religion Privatsache ist?“

Kath.net dokumentiert die Predigt von Kardinal Meisner im Wortlaut:


Liebe Schwestern, liebe Brüder! „Religionsfreiheit - der Weg zum Frieden" sind die wenigen, aber wichtigen Worte, die Papst Benedikt XVI. über den Weltfriedenstag 2011 geschrieben hat.

1. Vielleicht könnte man denken: Was hat denn eigentlich Religion mit dem Weltfrieden zu tun, wo doch Religion Privatsache ist? Das wünschten sich manche, aber dem widerspricht die menschliche Natur, das Wesen des Menschen. In jedem Menschen lebt als Abbild Gottes die Sehnsucht nach Gott, die sich in vielfacher Weise zeigen kann. Zum Menschen gehört in irgendeiner Weise Religion wie zum Fisch das Wasser. Der gläubige Mensch existiert nicht neben seinem Volk oder über seinem Volk, sondern er lebt inmitten seines Volkes. Er hat Anteil am Wohl und Wehe der Gesellschaft. Das Gleiche gilt für die Gemeinschaft der Glaubenden, für die Kirche. Sie trägt auch die Last unseres Volkes mit, die ihm aus seiner Geschichte aufgeladen ist. Darum sagt uns Christus ausdrücklich: „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen" (Lk 12,8). Es ist für uns befreiend, dass Christus der Bekennende ist Er bekennt sich vor Gott zu uns. Er ist unser Zeuge im Gericht. Er spricht für uns, wo wir aus Scham schweigen müssten. Er tritt für uns ein, wo wir im Boden versinken müssten. Er ist unser Zeuge. Er ist dies ungeteilt, ganz mit Wort und Tat, mit seiner Treue bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,8). Sein Bekenntnis ermöglicht auch uns zu bekennen, dass wir Verantwortung für das Schicksal unserer Mitmenschen tragen, ja für den Frieden in der Welt.

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2. Es hat jemand gesagt, entweder betet der Mensch Gott an oder sich selbst. Letzteres ist ein großes Unglück und eine Gefährdung für den Frieden in der Welt. Die Geschichte weiß das zu Genüge zu berichten. Gerade unser Volk ist von den Folgen der Selbstvergötzung stigmatisiert. Das Hitler-Regime als tragische Ersatzreligion ist mit seinen 60 Millionen Toten die schlichte Folge, dass sich der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt hat. Hier hieß es nicht mehr: „Wie im Himmel, so auf Erden", sondern „Wie auf Erden, so im Himmel". Das „Heil Hitler!" war der grausame Ersatz für den Heiland Jesus Christus. Ich durfte im September 2009 im Dom zu Münster einen 31-jährigen Priester seligsprechen, der 1941 im KZ Dachau von den Nazis umgebracht worden war, weil er gesagt hatte: „Wer Christus den Jugendlichen aus den Herzen reißt, ist ein Verbrecher!" Die Kirche war der große Störenfried in diesem von Größen- und Rassenwahn geprägten Naziregime. Wer dagegen Stellung bezog, riskierte sein Leben. Die Judenverfolgung resultierte ebenso aus einem tragisch-religiösen Motiv heraus. Weil Hitler selbst der Herr und Gott sein wollte und keine so genannten fremden Götter neben sich duldete, unterminierte er die Grundlagen menschlicher Zivilisation, indem er die Empfänger und Zeugen der Thora, also der Zehn Gebote Gottes, von der Erde vertilgen wollte. Er wollte vom Gott des Sinai, des Berges der Zehn Gebote, nicht gehindert werden, darum mussten die Empfänger der Thora sterben.

3. In der anderen großen und unheiligen Bewegung des 20. Jahrhunderts, im Kommunismus, zeigte sich das gleiche Phänomen, nur unter anderen Vorzeichen. Damals hieß es: „Religion ist Opium für das Volk". Gerade als man den Menschen den Gottesglauben geraubt hatte, griff der Mensch zur Droge oder zur Gewalt, um seine Gottlosigkeit ertragen zu können. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein" war jahrzehntelang in der DDR die politische Losung für die Erntearbeit auf den LPG's. Als Konsequenz legte sich der Atheismus wie ein Mehltau auf das gesamte menschliche Leben. Um die Menschen in diesem Verlies des Atheismus zu halten, wurde die Berliner Mauer gebaut, wurden durch unser Land Stacheldraht und Betonmauern mit Selbstschussanlagen errichtet, und alle Bewacher waren verpflichtet, bei einem Fluchtversuch sofort die Waffe zu gebrauchen. Die Religionsfreiheit ist die sensibelste Grundlage aller anderen Menschenrechte.

Die Weltgeschichte ist auch immer die Geschichte des menschlichen Herzens. Alle guten und bösen Geister kommen in die Welt durch die Tür des menschlichen Herzens: Habsucht, Machthunger und Größenwahn fangen im Herzen an und bringen Streit, Krieg, Mord und Tod in die Welt. Die Gefahr für die Welt ist das verkehrte Herz des Menschen. Die Hoffnung für die Welt ist das vom Heiligen Geist erfüllte Herz, denn der Geist Gottes in uns verbindet den Menschen mit Gott, den Menschen mit den Menschen und die Menschen mit der Welt. Wenn Menschen in rechter Gottes-, Nächsten- und Weltliebe stehen, entsteht eine neue Welt. Es verschwinden dann Habsucht, Machthunger und Größenwahn. Es verschwinden, wie die Schrift sagt, die Werke des Fleisches, und es wächst die vielfache Frucht des Geistes. Eigentlich retten nicht Weltprogramme und Manifeste die Welt, sondern der Heilige Geist, der schon am Anfang über der Schöpfung schwebte und das Chaos zum Kosmos gestaltete. Er wird das Angesicht der Erde erneuern durch neue Herzen. Wo ein neues Herz ist, entsteht eine neue Welt.

Die Machthaber im Kommunismus gaben sich mit ihrer Ersatzreligion wie die im Naziregime folgerichtig mit den Köpfen der Menschen nicht zufrieden: Sie wollten ihre Herzen haben. Das lag in der Konsequenz ihrer Ideologie, die eben eine reine Ersatzreligion darstellte. Olof Klohr, der Inhaber des atheistischen Lehrstuhls an der Universität Rostock in Zeiten der DDR, plädierte sehr deutlich für eine Umstellung der marxistischen Ideologie von einer „Ideologia Rationalis" in eine „Ideologia Cordis". Er meinte: „Solange im menschlichen Herzen noch religiöse Vorstellungen, Gefühle, Gedanken und eben eine Logik des Herzens leben, solange ist das ganze System des kommunistischen Sozialismus trotz Waffen und Mauern bedroht, denn dann würde sich eines Tages aus diesen verborgenen Abgründen der menschlichen Herzen der große Widerspruch erheben, und er wird schließlich das ganze System unseres sozialistischen Aufbaus wegfegen." Er hat sich darin nicht getäuscht, nur darin, dass das menschliche Herz auch mit einer innerweltlichen, gottlosen Ideenwelt nicht die Erfüllung finden kann.

4. Wie das Zeugnis Jesu Christi ungeteilt und ganz ist, so hat auch das Zeugnis der Christen ungeteilt und ganz zu sein. Die Begrenzung auf den Bereich der Innerlichkeit oder des rein Religiösen, die Ausklammerung der Welt, zerteilt Christus und führt letztlich zur Verleugnung Christi selbst und zur Schizophrenie des Menschen. Das christliche Zeugnis ist dann aber mit allen Problemen der Welt und mit der Verantwortung für die Welt gesegnet, wenn es ungeteilt ist. Wir sagen darum in alle Richtungen der Welt hinein: „Die Religionsfreiheit ist das fundamentalste und wichtigste aller Menschenrechte!" Und deshalb rufen wir auch in alle Himmelsrichtungen: „Achtet und schützt die Verantwortung jedes Menschen vor seinem Schöpfer! Denkt daran: Technik ohne Ethik gefährdet den Menschen und macht ihn zum Gegenstand der Manipulation." Den Menschen die ihnen von Geburt zukommenden Rechte vorzuenthalten, ist die Ursache permanenter Friedensgefährdung in Gesellschaft und Völkergemeinschaft. Schritte zum Frieden zeigen sich im Vertrauen der Menschen und Völker zueinander. Dazu bietet die Kirche ihre guten Dienste an, indem sie die religiösen Überzeugungen anderer Menschen achtet und das Gute in anderen religiösen Gemeinschaften zu stärken, zu entbinden und zu ermutigen sucht.

Die Kirche betet darum, dass die ideologischen Waffenarsenale geschlossen werden. „Bin ich denn der Hüter meines Bruders" (Gen 4,9), sagt der Brudermörder Kain in der zweiten menschlichen Generation zu Gott im Schöpfungsbericht. Diese Antwort sollte uns nicht mehr möglich sein. Natürlich sind wir die Hüter unserer Schwestern und Brüder: „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen". Dieses Bekenntnis hat Konsequenzen für die Ewigkeit, und die Ewigkeit hat Konsequenzen für unser Reden und Schweigen hier in dieser Welt. Das Zeugnis der Christen ist nicht nur Wortbekenntnis, sondern Lebenszeugnis der Nachfolge. Es gibt keinen bekennenden Glauben ohne reale Nachfolge. Der Christ steht immer vor der Alternative, Gott oder den Menschen zu gehorchen. Die Entscheidung kann nur heißen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg 5,29). Das war damals so, und das wird immer aktuell bleiben.

Angesichts unseres eigenen Versagens werden wir uns nicht bücken dürfen, um Steine auf die anderen zu werfen, sondern wir werden immer auch im Hinblick auf die anderen demütig an die eigene Brust schlagen müssen, weil wir Heutigen es oft versäumen, entschiedener zu glauben, vorbehaltloser zu hoffen und radikaler zu lieben. Weil Christus in seiner Person unser Friede und unsere Versöhnung ist, kann unser Beitrag zum Religionsfrieden in der Welt nur in einer treueren Nachfolge Christi bestehen. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln







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