04 Januar 2011, 12:00
Plädoyer für die Vernunft
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Wahrheit'
Ein KATH.NET-KLARTEXT von Bischof Andreas Laun: Gefahr der Reduktion aller Wahrheit und Vernunft auf bloße „Meinung“, heute auch in der Form des „Für mich ist….“, als ob sich die Wirklichkeit nach meinem „für mich“ richten würde!

Salzburg (kath.net) Gott hat den Menschen Seine Zehn Gebote gegeben, und Jesus hat das Liebesgebot das „neue Gebot“ genannt, das Er uns gibt.

Aber Er hat auch ein anderes „neues Gebot“ gegeben, vor allem durch die Art, wie Er mit den Menschen umgegangen ist, ohne dabei von Gebot zu sprechen: Das Gebot, die Vernunft zu gebrauchen, zu denken, zu argumentieren, nicht einfach zu behaupten. Das ist die logische Voraussetzung vieler seiner Streitgespräche, besonders deutlich im Lauf des Verhörs vor dem Hohen Rat: Ein Diener schlägt Jesus ins Gesicht, und Jesus antwortet: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach, wenn es aber recht war, warum schlägst du mich ?“ (J 18,23).

Ein anderes biblisches Plädoyer für Vernunft ist die Geschichte vom Blindgeborenen: Dabei geht es nicht um rationale Argumente, sondern um die elementare Anerkennung der Tatsachen, die „man“ aus ideologischen Gründen nicht anerkennen will. In beiden Fällen geht es nicht um religiösen Glauben, sondern um Anerkennung des Rechtes auf Argumente und Anerkennung von Tatsachen, es geht um Vernunft. Aber in beiden Fällen urteilen und handeln die Gegner Jesu gegen Vernunft und Recht, um den Anspruch der Wahrheit auszuhebeln!

Werbung
weihnachtskarten


Genau das geschieht auch heute vielfältig: mit Hilfe von Schlagworten, mit Hilfe von Zeitgeist-Dogmen der „politischen Korrektheit“, die behaupten, vernünftig zu sein, während sie im selben Atemzug die Wahrheits-Fähigkeit der Vernunft bestreiten und sich auf diese Weise jeder vernünftigen Prüfung entziehen. Wenn es ideologisch passend scheint, bringt man die beiden Säulen der Wahrheit zu Fall: auf der einen Seite missachtet man die Autorität der Tatsachen, auf der anderen die Autorität des logischen Argumentes.

Die Angriffe auf diese beiden Säulen der Vernunft werden geführt mit Hilfe der Diktatur der Mehrheiten und mit der moralischen Entrüstung über denjenigen, der anders denkt als es der Zeitgeist erlaubt! Wer sich als Häretiker gegen ein Zeit-Dogma outet, hat kein Recht mehr auf Beweise und Argumente, er wird der Lynchjustiz der Medien ausgeliefert und damit der gesellschaftlichen Vernichtung preisgegeben. Mit solchermaßen „Vorbestraften“ gibt es dann auch keinen Dialog mehr.

Es wundert nicht, dass da und dort nicht nur der Ruf nach dem Gesetzgeber bereits laut geworden ist, sondern dass es bereits Gesetze und Sanktionen für bestimmte ideologische Vergehen gibt! Während man Zensur und Unterdrückung der Meinungsfreiheit in anderen Ländern beklagt, unterdrückt man mit Gesetzen und Strafandrohungen eben diese Freiheit auch im eigenen Land, wenn es um bestimmte ideologische Dogmen geht wie etwa die Evolutionslehre, die Veränderbarkeit einer homosexuellen Orientierung oder die Gender-Ideologie. Auch hält man sich für berechtigt, andere Länder unter Druck zu setzen, wenn sie sich z.B. weigern, Abtreibung als Menschenrecht anzuerkennen!

Besonders schlimm ist auch dies: Man nimmt sich das Recht, die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu verstaatlichen und sie entsprechend widervernünftig zu beeinflussen: Einerseits sollen sie zwar intellektuell geschult werden, sollen logisch denken lernen und mit den Methoden empirischer Forschung vertraut gemacht werden.

Gleichzeitig aber will man sie z. B. zwingen zu glauben, Millionen von höchst komplexen Organismen seien „durch Zufall“ entstanden und dies zu glauben, sei allein vernünftig, obwohl ein solcher Zufall nie beobachtet wurde und auch nie künstlich wiederholt werden konnte!

Ebenso werden sie darauf verpflichtet, sich moralisch zu entrüsten über jeden, der die Veränderung einer homosexuellen Orientierung für möglich hält. Die Entrüstung verhindert die empirische Überprüfung der Frage und gibt dem Entrüsteten zusätzlich das angenehme Gefühl, „moralisch besonders „gut“ zu sein und nicht ein Sünder, wie derjenige, der die Sache prüfen will! Es ist als ob man ein Streitgespräch darüber, ob es in Afrika Elefanten gibt oder nicht, durch eine Abstimmung entscheiden wollte statt mit Hilfe einer Expedition nach Afrika!

Das wohl tollste und absurdeste Beispiel für widervernünftige „Wahrheitsfindung durch Moral“ liefert in jüngster Zeit die Gender-Ideologie. Ihre Vertreter benehmen sich dabei ganz ähnlich wie jene absolutistischen Herrscher, die meinten, gut und böse und alle Gerechtigkeit hinge von ihrem Wollen ab! Jeder Mensch weiß, dass sich die gesunde Vernunft nach der Wirklichkeit richtet und nur die kranke Vernunft meint, die Wirklichkeit müsse sich nach ihren Fantasien und ihrem Wollen richten. Und jeder Mensch weiß, dass das rechte Denken wesentlich vom rechten Unterscheiden lebt, weil Unterscheiden die einzige Methode ist, die es gibt, um nicht zu verwechseln!

Um aber dem ideologisch erkrankte Denken den Anschein von Gerechtigkeit zu verleihen, nennt man jede ideologisch unerwünschte Unterscheidung „Diskriminierung“ und lässt sie dadurch als Frage der Unmoral und nicht als Frage des Denkens erscheinen. Dass diese Verblendung so weit gehen könnte, dass sogar die urmenschliche Unterscheidung von Vater und Mutter unter den Verdacht gestellt werden könnte, eine „Ungerechtigkeit“ im Sinn einer Diskriminierung zu sein, hätte sich noch vor kurzem niemand, auch nicht in seinen finsterten Träumen, auch nicht im Zustand der Volltrunkenheit, vorstellen können! Man bedenke zudem: Ausgerechnet in einer Zeit, die sich einbildet, für die Würde der Frau moralisch besonders sensibel zu sein, hält man die Anerkennung der spezifisch weiblichen Fähigkeit, Mutter zu werden, für „diskriminierend“, also für ungerecht und unmoralisch!

Zum Kampf gegen die Vernunft und ihre Wahrheit gehört seit Menschengedenken auch die Reduktion von aller Wahrheit auf bloße „Meinung“, heute auch in der Form des „Für mich ist….“, als ob sich die Wirklichkeit nach meinem „für mich“ richten würde! Wahrheit in der Naturwissenschaft natürlich, aber in allen anderen Bereichen darf es nur „Meinung“ geben und auch hier wieder: Über Meinungen kann man Umfragen machen und Mehrheiten feststellen, die dann, demokratisch gedacht, auch „Recht“ haben und bekommen!

Vor allem aber: Alles ist nur „für mich wahr“ und „für dich ist es ganz anders“. Etwa: „Für mich ist Familie, wo Kinder sind“ oder jemand „Verantwortung für andere übernimmt“. So verunmöglicht man das Gespräch, weil man ja nicht mehr die gleiche Sprache spricht, wenn die Worte „für jeden Einzelnen“ etwas anderes bezeichnen. Beim Turmbau von Babel verwirrte Gott die Sprache der Menschen, aber heute geht es umgekehrt: Sie verwirren selbst ihre Sprache und meinen, so ihren „Turm“ besser errichten zu können!

Die Kirche musste im Lauf ihrer Geschichte schon die merkwürdigsten Häresien über Gott, über Christus, über alle möglichen Glaubensfragen zurückweisen, heute scheint es nötig, die Vernunft zu verteidigen und ihr zu ihrem Recht zu verhelfen: Und sie, die Kirche, der man gerne und oft Vernunft-Feindschaft vorgeworfen hat, tut es auch und lehrt: Wer gegen die Vernunft redet und ihre Gesetze mutwillig missachtet, ist kein Christ!

Tatsächlich hat Papst Johannes Paul II. eine Enzyklika geschrieben, um die Vernunft zu verteidigen: Denn er sieht die Gefahr, dass sich das Denken „im Fließsand eines allgemeinen Skeptizismus verliert“ Daher will er den „Blick wieder auf die Betätigung der Vernunft lenken“ und helfen, das geistige Menschheits-Erbe einer „rechten Vernunft“ wiederzuentdecken! Und so sieht er es als eine wesentliche Aufgabe der Bischöfe, den Menschen „echtes Vertrauen in ihre Erkenntnisfähigkeit“ wiederzugeben“ und so das verbreitete „Misstrauen gegenüber der Wahrheit“ zurückzudrängen.

Papst Benedikt XVI. steht ganz in der Tradition des katholischen Ja zur Vernunft, wenn er in seiner Regensburger Rede vor der Erkrankung der Religion warnte - an einem Mangel an Vernunft! Gesunde Religion braucht gesunde Vernunft, aber auch die gesunde Gesellschaft braucht die gesunde Vernunft! Die Kirche verkündet den Glauben, aber auch, liebe Atheisten, hört zu, die Größe und die Bedeutung der gesunden Vernunft! Helft uns Christen im Kampf gegen die Häresie der Un- und Wider-vernunft!







kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 

meist kommentierte Artikel

Wiederverheiratete und 'Pathologie schismatischer Zustände' (68)

Facebooksperre für Birgit Kelles Kritik an Hidschab-Barbie - UPDATES! (53)

Ist die Bibel grausam? (51)

Gouverneur Brown zum Klimawandel: ‚Gehirnwäsche’ notwendig (45)

„Kanzlerin Merkel ist doppelt geschwächt, aber noch alternativlos“ (31)

Bärtige Männer fordern Ordensfrauen zur Konversion zum Islam auf (27)

Papst Johannes Paul II. warnte 1992 vor einer „Invasion des Islams“ (24)

Limburg: „Bischof und Bistum werben nicht für Abtreibung“ (22)

'Repräsentanten einer ethisch, humanistisch orientierten Organisation (19)

Für mich einfach traurig (17)

Kardinal Marx gegen bedingungsloses Grundeinkommen (15)

Papst zum Lebensende: Einstellung der Therapie ist keine Euthanasie (15)

Angst und Unsicherheit führen zu einem falschen Gottesbild (15)

'Weihnachtsblut. Warte...' (12)

Bundesjugendseelsorger gegen "Antworten auf ungestellte Fragen" (12)