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Ein fragwürdiger Nobelpreis oder ein 'handfester Skandal'?

5. Oktober 2010 in Aktuelles, 21 Lesermeinungen
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Der Brite Robert Edward erhält den diesjährigen Nobelpreis für Medizin wegen seiner Leistungen im Bereich der Reproduktionsmedizin. Der Kontrast zwischen Ethik und Forschung. Von Armin Schwibach / Rom


Rom (kath.net/as)
Der diesjährige Nobelpreis für Medizin, der dem Briten Briten Robert Edwards verliehen wurde, führt unweigerlich zu kritischen Anfragen seitens der katholischen Kirche (und nicht nur). Die Medien in Italien haben es nicht versäumt, diese berechtigten Kritiken mit „Nobelpreis für den Vater der künstlichen Befruchtung. Der Vatikan greift an: ‚Inakzeptabel’" zusammenzufassen.

Nun, „der“ Vatikan „greift“ eigentlich nie „an“. Wie der Direktor des vatikanischen Presseamtes P. Federico Lombardi SJ in der Vergangenheit mehrmals erklärt hatte, ist eine offizielle Stellungnahme seitens des Heiligen Stuhles dann gegeben, wenn sie als solche bezeichnet und vom Presseamt veröffentlicht wird.

Angesichts der ethischen Problematik, die sich seit über vierzig Jahren für die Forschung im Bereich der Reproduktionsmedizin stellt, hatte sich am gestrigen Montag der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Bischof Carrasco de Paula, mit einer persönlichen Stellungnahme zu Wort gemeldet und diese als solche gekennzeichnet, da kein Verantwortungsträger in der Römischen Kurie im Namen „des Vatikans“ sprechen kann, ohne vorher ausdrücklich dazu befugt worden zu sein.

Der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben lässt in seiner Mitteilung seine Verwunderung erkennen und erklärt, dass er persönlich den Nobelpreis anderen Kandidaten wie den Entdeckern der Stammzellen McCullock und Till oder Yamanaka zugesprochen hätte, der als erster eine induzierte pluripotente Zelle hergestellt habe.


Nichtsdestoweniger scheine die Zuerkennung des Nobelpreises an Edwards nicht völlig unberechtigt zu sein. Einerseits entspreche dies der Logik des Nobelpreiskomitees, andererseits handle es sich bei dem britischen Wissenschaftler um jemanden, der nicht unterbewertet werden dürfe. Edwards habe ein neues und wichtiges Kapitel im Bereich der menschlichen Fortpflanzung eingeleitet, dessen beste Ergebnisse, die Geburt von Kindern durch In-vitro-Fertilisation, für alle sichtbar seien.

Dennoch würden sich viele Fragen und Probleme stellen, so Carrasco de Paula. Ohne die Forschungen von Edwards gäbe es keinen Markt für Oozyten (Eizellen). Ebenso wenig gäbe es eine Unzahl von eingefrorenen Embryonen, die auf die Verpflanzung in einen Uterus warten, für Forschungszwecke benutzt oder einfach, von allen vergessen, absterben würden.

„Ich würde sagen, dass Edwards ein Haus eingeweiht hat, allerdings die falsche Tür aufgemacht hat, da er alles auf die In-vitro-Fertilisation gesetzt hat und so implizit den Rückgriff auf Ei- und Samenspenden sowie auf den Verkauf von Zellen gestattete, die Menschen einbeziehen“, so Carrasco de Paula. Auf diese Weise habe er weder das pathologische noch das epidemiologische Gesamtbild der Unfruchtbarkeit verändert.

Der Spezialist für bioethische Fragen und Autor der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ Stephan Rehder setzt die diesjährige Verleihung des Nobelpreises in einen breiteren Rahmen (Ausgabe vom 5. Oktober 2010). Unter dem Titel „Medizin ohne Maߓ erklärt Rehder entschlossen, dass selbst derjenige, der die Zeugung von Menschen im Labor nicht aufgrund prinzipieller Erwägungen ablehne, die Verleihung des diesjährigen Medizin-Nobelpreises an den Briten Robert Edwards für einen handfesten Skandal halten werde. Die Forschungen Edwards ab dem Jahr 1960 mit ihrem Höhepunkt, der Schöpfung des ersten Retortenbabys am 25. Juli 1978, seien derart „unethisch und abstoßend“ verlaufen, das sich die Frage nach dem Konzept von Medizin stelle, welches vom Nobelpreiskomitees prämiert werde.

In dem 1980 erschienenen Buch: „A Matter of Life. The Story of a Medicial Breakthrough“, das Edwards zusammen mit seinem Kollegen, dem 1988 verstorbenen Gynäkologen Patrick Steptoe verfasst habe, beschrieben beide den Weg zur ersten erfolgreichen Reagenzglasbefruchtung bis in die Details, so Rehder:

„Von Experimenten mit menschlichen Eizellen in Tieren, die Edwards zuvor mit seinem eigenem Sperma befruchtet hatte, ist dort ebenso die Rede, wie von Patientinnen, denen die Gebärmutter entnommen werden musste und die Steptoe auf Drängen von Edwards bat, am Abend vor der Operation noch mit ihren Partnern geschlechtlich zu verkehren. Oder: Die Mutter von Louise Brown – die als erstes künstlich erzeugtes Kind zu verzichtbarem Ruhm gelangte – litt an einem Verschluss der Eilleiter. Edwards und Steptoe ließen sie im Glauben, sie unterziehe sich einer etablierten Therapie, mit der schon hunderte Babys erzeugt worden seien. Dass beide zuvor nur Fehlversuche produziert hatten – seriöse Schätzungen sprechen von ‚mindestens 60’ – erfuhr Lesley Brown erst später. Die Liste der Verstöße gegen den Codex ärztlichen Handelns ist so lang, dass niemand erst die katholische Morallehre anführen muss, um diese Preisverleihung für eine Farce zu halten.“

Bereits in den Anfängen der modernen Reproduktionsmedizin wurde der hohe Preis ersichtlich, den diese Forschung und Praxis fordert. Der Preis scheint der Verzicht auf das Menschliche zu sein, insofern alles undifferenziert auf reines „Forschungsobjekt“ reduziert wird. Somit stellt sich in diesem Zusammenhang erneut die Frage: Welche Art von Wissenschaft will die Menschheit auf ihrem Weg der Erkenntnis der Welt und der materiellen Zusammenhänge in ihr? Oder wie ein Philosoph aus Königsberg einmal fragte: Was kann sie erkennen, was soll sie tun, worauf soll sie ihre Hoffnung setzen? Und schließlich: Was ist der Mensch?


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