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Noch ein Akt im Jesuitendrama

28. September 2010 in Aktuelles, 26 Lesermeinungen
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Wie der Dekan der „Boston College’s School of Theology and Ministry“ die „Hermeneutik des Bruchs“ vorexerziert. Von Armin Schwibach / Rom


Rom (kath.net/as)
Wenn ein Jesuit zu reden anfängt – dann kann man sich heute auf vieles gefasst machen. Die Geschichte will, dass dieser von einem der großen Heiligen gegründete Orden eine wichtige Stoßkraft in der Kirche ist, die sich durch ihren besonderen Gehorsam und Treueeid gegenüber dem Papst auszeichnet. Heute ist es leider dazu gekommen, dass dies in das Reich einer Vergangenheit gehört. Die Jesuitenlegende ist wahre Legende geworden, fern von aller Realität. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade in den westlichen Ländern von der alten Glorie nichts übrig geblieben ist. Einstmals angehäuftes Kapital scheint unwiederbringlich aufgebraucht zu sein.

Erregten in Deutschland gewisse Jesuiten aus Berlin und Frankfurt die Gemüter, als sie zum einen den deutschen „Missbrauchsskandal“ losgetreten hatten, um dann zum zweiten nichts anderes zu tun, als gegen Rom zu schreien und den Papst zu verunglimpfen – natürlich verbunden mit den abgelutschten Dauerbrennern der „Kirchenkritik“ wie Zölibat, Sexualmoral und Demokratisierung der Kirche –, so setzte sich dies dann nicht zuletzt durch eine vieldiskutierte Rede des neuen Jesuitenprovinzials für Deutschland Stefan Kiechle SJ fort.

Ernennungen in der kirchlichen Hierarchie erinnern fast an „Korruption“, meinte der Pater im Rahmen des „Kardinal-Höffner-Kreises“ katholischer CDU-Abgeordneter Anfang September 2010. Dass der Pflichtzölibat abgeschafft werden soll, versteht sich schon von selbst, ebenso wie das notwendige Überdenken der Zulassung zu den Sakramenten von wiederverheirateten Geschiedenen oder Menschen, die in nichtehelichen Lebensformen stehen, natürlich aus Gründen der „Barmherzigkeit“. Auf dieses ewig gleiche Gerede einzugehen, lohnt sich schon fast nicht mehr. Derartige selbsternannten „Kritiker“ offenbaren sich letztendlich nur als Langweiler, die jeglichen Kontakt mit der Wirklichkeit verloren haben und allein zu kleinbürgerlicher Öde fähig sind. Von wegen durchdachter Glaube: Nur das Ich und seine jeweilige Stimmung stehen im Mittelpunkt.


Natürlich gibt es das „Jesuitenproblem“ nicht nur in Deutschland. Auch in den Vereinigten Staaten wird nicht gescherzt. Auch wenn es einem schwer fällt, nicht an einen Ulk zu denken (hat es vielleicht eine amerikanische Kalenderreform gegeben, von der wir nichts wissen und durch die Karneval auf die endende Sommerzeit verlegt worden ist?): dieser Gedanke stellt sich unweigerlich ein, liest man das Interview, das der Dekan der ehemals renommierten „Boston College’s School of Theology and Ministry“ Mark Massa SJ dem Internetdienst „Religion News Service“ gegeben hat (22. September).

Generationen von Katholiken hätten die katholische Kirche als ewig, zeitlos und unbeweglich in den Gezeiten der Geschichte gesehen. Mit dem II. Vatikanischen Konzil jedoch sei dies nun jedoch endgültig vorbei. Massa ist wenigstens klar, und der Titel seines letzten Buches bestätigt es: „The American Catholic Revolution: How the '60s Changed the Church Forever“ Von wegen „Hermeneutik der Kontinuität“, wie das der Bischof von Rom meint. Wichtig ist der revolutionäre Bruch, der die Kirche „für immer“ (?) geändert habe. Und der Pater vergisst nichts: weder die „revolutionäre“ neue Messe noch den „Kampf“ mit dem Papst um die Geburtenkontrolle noch die Priester, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierten – all dies eröffnete für den Jesuiten neue Wege in der Kirche.

Endlich hätten die Katholiken begriffen, dass die Kirche, ihr Gottesdienst und ihr Glaube „sich ändern“, dass „sich die Kirche in der Geschichte entwickelt“. Und natürlich weiß der Pater auch, dass die gegenwärtigen Kämpfe in der Kirche zwischen den „Rechten“ und den „Linken“ ein Kampf zwischen denen ist, die nach einem geschichtlichen Bewusstsein des Wechsels drängten, und den anderen, die die Kirche als zeitlos sehen wollten.

Für Massa beginnt die „katholische Revolution“ im Jahr 1964, und zwar mit der „neuen Messe“. Massa weiß, dass diese in jenem Jahr in den Vereinigten Staaten eingeführt wurde, und er weiß auch, dass die „neue Messe“ die Änderungen des II. Vatikanischen Konzils in einer Weise „real“ und „konkret“ gemacht habe, wie das die Theologie des Konzils nicht vermocht habe.

Anscheinend ist es dem Dekan einer theologischen Fakultät nicht bekannt, dass das, was heute „neue Messe“ genannt wird, das Ergebnis einer Liturgiereform ist, die nach dem Konzil aufgenommen und mit der verpflichtenden Einführung des neuen Messbuches durch Papst Paul VI. im Jahr 1970 besiegelt wurde. 1964? Zu etwas ist es zweifellos gekommen, noch während das Konzil im Gange war, was sich dann in der unmittelbaren Nachkonzilszeit dramatisch entwickelte: zu einem liturgischen Wildwuchs ohne Gleichen, der – im Guten wie im Schlechten – durch die Reform Pauls VI. beendet wurde.

„Veränderung“ – das ist für den Pater noch vor „Sex“ das „kleine schmutzige Geheimnis“ der Kirche. Das Konzil habe endlich mit der Kirche als ewiger Schluss gemacht. Die armen Gläubigen – sie wollten wie alle nur Sicherheit, Gewissheit und Frieden. Damit musste und muss aufgeräumt werden, meint der Jesuit, denn der Glaube „ist ein Haltung in der Geschichte“, er bewahrt nicht „vor Unordnung, Veränderung, die religiösen Institutionen eingeschlossen“.

Natürlich ist Benedikt XVI. für den Jesuiten ein „Klassizist“. Der Papst denke, dass das Wesen des Menschen „dasselbe“ bleibe. Natürlich kümmert es den Jesuiten und Papstversteher nicht, dass er im offenen Widerspruch zum Papst steht, denn er sei ja ein Historiker: „Ich deute nur die Vergangenheit“.

Und als Historiker scheint sich Massa auch zu einem Urteil über die Liberalisierung der sogenannten alten Messe durch Benedikt XVI. berufen zu fühlen – und legt dabei seinen ganzen Scharfsinn zutage: „Teilweise handelt es sich dabei um eine persönliche Vorliebe. Er ist Österreicher, und es gefällt ihm, in die Vergangenheit zurückzublicken. Er mag die Gerüche und Glocken. Ich auch. Ich habe den Verdacht, dass da etwas mehr dahintersteht als das, aber ich weiß es nicht“.

Dazu kann man eigentlich nur sagen: No comment. Leider stehen derartige Historiker an wichtigen leitenden Positionen. Arme Studenten. Aber es könnte ja dennoch sein, dass sie sich für die Lehre des „Österreichers auf dem Stuhl Petri“ mehr interessieren als für eine alberne „Hermeneutik des Bruchs“ in ihrer banalsten Form.


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