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Verräter im Bräter

10. November 2009 in Chronik, keine Lesermeinung
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Warum die Gänse am Martinstag ihren Kopf verlieren - Von Carola Renzikowski (KNA)


Puchheim (kath.net/KNA)
Treffen sich zwei Gänse. Fragt die eine: «Kennst du 'Spiel mir das Lied vom Tod?'» - «Klar», sagt die andere: «Sankt Martin, Sankt Martin...». Rund zehn Millionen Gänse landen in Deutschland jedes Jahr zwischen Kirchweih und Weihnachten knusprig gebraten auf den Festtagstellern. Sollte der heilige Martin von Tours aber wirklich schuld daran sein, dass zu seinem Namenstag am 11. November Gänse geschlachtet werden?

Es ist einfach eine schöne Legende: Der barmherzige Martin teilt als Soldat seinen Mantel mit einem Bettler, lässt sich danach taufen und unterstützt fortan arme und kranke Menschen. Der Gründer des ersten französischen Klosters sollte nach dem Willen der Bürger von Tours ihr neuer Bischof werden. Bescheiden wie er ist, so die Legende, will Martin diese Verantwortung nicht annehmen und versteckt sich in einem Gänsestall, um der Wahl zu entgehen. Doch das Geschnatter der Gänse verrät ihn: Im Jahr 371 wird der Widerstrebende zum Bischof geweiht.


«Sie haben Sankt Martin verraten, drum müssen sie jetzt braten», heißt es lakonisch im Volksmund über die Martinsgänse. Statt für ihre Geschwätzigkeit geehrt zu werden, geht es ihnen bis heute an den Kragen. Allerdings nicht mehr so oft: «Früher sind nicht die Geburtstage, sondern ausschließlich die Namenstage gefeiert worden», vermutet Margret Maier, die auf ihrem Hof in Puchheim bei München um die 200 Gänse hält. Weil es viele Martins gab, sei eher mal die eine oder andere Gans zum Namenstag geschlachtet worden. Und heute? Weil der Tag der Laternenumzüge meist unter der Woche ist, «verschieben die Leute ihren Gänsebraten auf Kirchweih oder auf Weihnachten».

Seit dem frühen Mittelalter war der Martinstag hingegen zugleich Zinstag und Beginn der 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten. Zum Ende des bäuerlichen Jahres wechselten die Mägde und Knechte ihre Arbeitsstellen und wurden von ihren Gutsherren oft mit einer Gans zum Abschied beschenkt. Ihr Blut und Fett verfügte angeblich über heilende Kräfte bei Fieber und Gicht. Ebenso wurden mit den Vögeln Zinsen und Pacht bezahlt - schon um die Tiere im Winter nicht durchfüttern zu müssen. Als letzter Festschmaus vor der langen Fastenzeit kamen in vielen Familien die schlachtreifen Gänse auf den Tisch.

Es gibt allerdings auch ziemlich gruselige Bräuche rund um die Martinsgans - zum Beispiel das in Nordrhein-Westfalen so beliebte wie umstrittene «Gänsereiten» oder auch «Gänseköppen». Bei dem über 400 Jahre alten Reiterspiel wird eine tote Gans an den Füßen zwischen zwei Bäumen aufgehängt. Die Reiter müssen versuchen, dem Vogel im Galopp den Kopf abzureißen. Wer es schafft, ist «Gänsereiterkönig». Zwar werden seit einigen Jahren in immer mehr Orten Gänse-Attrappen verwendet - wegen des Tierschutzes und weil Gegner das gewaltverherrlichende Potenzial kritisieren. Noch bis 1806 waren bei dem Spiel lebende Gänse aufgehängt worden.

Bei dem Gedanken daran schaudert es Margret Maier, die ihren Gänsen von Juli bis Weihnachten viel Auslauf auf der großen Wiese gönnt und sie beim Einfangen unterm Bauch packt, statt grob an den Flügeln. Bei manchen Vögeln kommt es aber gar nicht so weit: Vom «Fuchs, du hast die Gans gestohlen», kann die Bäuerin wahrlich ein Lied singen. Zwar verhalten sich die Gänse schlau, wenn Gefahr droht: Um den Feind zu verwirren, bilden sie ein dichtes Knäuel, der sich ständig im Kreis dreht. Diese Taktik hilft aber eher gegen Greifvögel als gegen den roten Räuber: Der hält sich auch nicht ans Kinderlied und reißt statt einer gleich bis zu 25 Gänse auf einmal.

(C) 2009 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.


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