13 September 2009, 21:00
Wir sind Paulus!
 
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Der Vortrag von Michael Hesemann beim Kongress "Freude am Glauben" in der Stadthalle Aschaffenburg vom 13. September 2009 - Jetzt in voller Länge auf kath.net!

Aschaffenburg (kath.net)
Hochwürdige Herren,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor zweieinhalb Monaten endete das Paulus-Jahr, das unser Heiliger Vater ins Leben rief um an den 2000. Geburtstag des Völkerapostels zu erinnern, den wir in diesem Jahr feiern.

Auf unzähligen Veranstaltungen wurde ein Jahr lang, vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009, an den hl. Paulus und seine entscheidende Rolle in der Entstehung des frühen Christentums ebenso wie in der ersten Verkündigung des Evangeliums in Europa erinnert, aber auch an den Vater der Theologie, der Interpretation des Heilsgeschehens im Licht der jüdischen wie der griechisch-antiken Geisteswelt.

Als Autor einer Paulus-Biografie sowie als Betreiber der ersten deutschen Website zum Paulusjahr (www.paulusjahr.info) – ein halbes Jahr später folgte dann die DBK mit der offiziellen Website – möchte ich eine Bilanz des Paulus-Jahres ziehen – denn das Abenteuer der Wiederentdeckung dieser Lichtgestalt der frühen Kirche ist noch lange nicht abgeschlossen. Und das soll unter dem Motto geschehen: Wir sind Paulus!

Wir sind Papst! – titelte die größte deutsche Tageszeitung, die mit den großen Lettern, als Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn auf die Kathedra Petri gewählt wurde und fortan den Namen Benedikt XVI. trug.

Leider war diese Begeisterung und Identifikation mit dem „deutschen Papst“ schnell vergessen, als der Heilige Vater vor einem halben Jahr Opfer einer Pressekampagne wurde, nur weil er ein paar verlorenen Söhnen die Möglichkeit zur Umkehr eröffnen wollte. Dass die Journalistenkollegen den Unterschied zwischen der Aufhebung einer Exkommunikation und einer Rehabilitation nicht kannten, war ja eine Sache. Aber mit ihrer öffentlichen Maßregelung des Heiligen Vaters und ihrer völlig überflüssigen Forderung nach einer „Klarstellung“, wohlbemerkt auf einer Pressekonferenz im Beisein des kasachischen Diktators, hat eine deutsche Spitzenpolitikerin das mit dem „Wir sind Papst“ wohl doch etwas falsch verstanden. Sich als die bessere Päpstin zu empfehlen stand ihr bestimmt nicht zu.

Also vergessen wir das mal mit dem „Wir sind Papst“ und überlassen das Petrusamt dem, der von uns allen am besten dafür geeignet ist und der es nun seit fast fünf Jahren mit Gottes Segen ausübt.

Einigen wir uns lieber im Rückenwind des Paulusjahres auf eine neue Formel: Wir sind Paulus! Denn wer ist für uns Christen als Identifikationsfigur besser geeignet als der Völkerapostel?

Das beginnt mit den schriftlichen Hinterlassenschaften, die wir von ihm haben, seinen mit großem Einfühlungsvermögen und entwaffnender Offenheit verfassten Briefen. Ihnen verdanken wir so tiefe Einblicke in die Seele des Mannes aus Tarsus wie wir sie sonst von keinem der Apostel haben, nicht einmal von Petrus oder Johannes. Und gerade wenn wir die echten wie die apokryphen Apostelakten, die Akten der Märtyrer und die großen Hagiographien zum Vergleich heranziehen, müssen wir sagen: Endlich begegnen wir in den Paulusbriefen mal jemandem mit Höhen und Tiefen, mit Ecken und Kanten, mit Brüchen in der Biographie, mit Momenten der Verzweiflung und Höhenflügen der Begeisterung, kurzum: einem authentischen Menschen, in den man sich hineinversetzen kann.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn viele antike und mittelalterliche Hagiographien erscheinen geschönt und damit abgehoben. Anders die Vita des hl. Paulus.

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Und seine Briefe haben noch einen Vorteil: Sie sind unglaublich spannend und gleichzeitig atemberaubend schön. Sein Hohelied der Liebe ist ein Stück Weltliteratur, das unübertroffen blieb und noch heute vielen Paaren so unendlich viel gibt, dass es auf jeder zweiten Hochzeit zitiert wird, obwohl es darin gar nicht um die eheliche Liebe geht. Es inspiriert ganz einfach und bringt das Wesen unseres Glaubens in einmaliger Präzision auf eine einfache Formel: Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei...

Mehr braucht man nicht zu sagen. Das ist der Kern der Lehre Christi. Das Judentum hat das Schma Jisrael: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig“ (Dtn 6,4), der Islam hat sein „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“, der Buddhismus hat seine vier edlen Wahrheiten, aber wir Christen brauchen nur drei Worte, um das Wesen Gottes und Seines Reiches auf Erden zu definieren: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Das durch Paulus christlich gewordene Abendland hat viele große Denker und Theologen hervorgebracht, aber keinem ist es gelungen, die Lehre Christi so klar, knapp und prägnant zusammenzufassen. Und das ist nur ein Beispiel für den Reichtum der paulinischen Schriften, in denen es so viele verborgene Goldstücke dieser Art zu entdecken gibt, die heute noch genauso großartig und aktuell sind wie vor 2000 Jahren.

Und man kann ohne Übertreibung sagen: Mit diesen Briefen hat der Mann aus Tarsus eine Zivilisation geformt, das christliche Abendland. Als Rom christlich wurde, ließ Konstantin der Große über den beiden Apostelgräbern in Rom Basiliken errichten, St. Peter und St. Paul. Die Paulusbasilika war klein, es sollte klar sein, dass Petrus den Vorrang hatte. Das war gut und richtig. Doch schon nach einem halben Jahrhundert platzte das Gotteshaus über dem Paulusgrab am Tiberufer aus allen Nähten. Es musste ein Neubau her, St. Paul vor den Mauern, es wurde die größte Kirche der Welt und blieb es für die nächsten 1100 Jahre, bis zum Bau des Petersdoms! Die römische Kirche musste, man kann schon sagen, Propagandabilder herausgeben, die Petrus und Paulus in enger Umarmung zeigen, damit kein falscher Starkult entsteht, so wie nach dem Tod Johannes Pauls II. gerne das Foto von Joseph Ratzinger in Umarmung mit dem verstorbenen Papst gezeigt wurde, um auch bildlich klarzumachen, dass eine Kontinuität besteht. So populär war Paulus gegen Ende des 4. Jahrhunderts. Und warum? Es war das Jahrhundert der Bekehrung der römischen Eliten, der Patrizier. Die konnten schon aufgrund ihres Standesdünkels mit dem jüdischen Fischer aus Betsaida am See Gennesaret relativ wenig anfangen.

Paulus aber konnte es schon rein literarisch mit jedem antiken Philosophen aufnehmen. Er war römischer Bürger und Kosmopolit, er stammte aus einer bekannten Universitätsstadt, er war ihr Mann. Seine Briefe überzeugten sie, den neuen Glauben anzunehmen, drei Jahrhunderte nach seiner Hinrichtung in Rom. So trat die Kirche das Erbe der Antike an, entstand das christliche Europa.

Theodor Heuss war ein liberaler Bundespräsident und bestimmt kein Lobbyist der Kirche. Doch er war es, der erklärte, dass Europa auf drei Hügeln erbaut wurde: Golgota, dem Areopag und dem Kapitol.

Golgota steht für das christliche Menschenbild, der Areopag für die griechische Philosophie und Demokratie, das Kapitol für den römischen Staatsgedanken und das römische Recht. In der Person des Paulus wurden diese drei Hügel erstmals miteinander verbunden. Das Evangelium traf die Philosophie und eroberte Rom. Paulus verkündete die Lehre dessen, der auf Golgota erhöht wurde, auf dem Areopag in Athen.

Seine Areopag-Rede wurde zur Gründungscharta des christlichen Europa. Er verdammte nicht die griechische Philosophie, im Gegenteil: In seiner Tradition haben die Kirchenväter, insbesondere natürlich Justin der Märtyrer, immer wieder betont, dass die Philosophie vom Heiligen Geist inspiriert war als Vorbereitung auf das Evangelium.

Obwohl er als gläubiger Jude bestimmt die Vielgötterei der Griechen verabscheut haben musste, sah er, was hinter den Masken der Götter steckte, nämlich die Suche nach dem einen, dem wahren Gott. So griff er sich aus den vielen Eindrücken, die ihn in Athen übermannten, einen heraus: An der Straße vom Hafen in die Innenstadt stand ein Altar, der „dem unbekannten Gott“ geweiht war. Solche Altäre gab es in jeder griechischen Stadt, in Pergamon haben deutsche Archäologen ein solches Exemplar ausgegraben. Man wollte ja keinen vergessen, alle Götter auf seiner Seite haben, auch die noch Unbekannten und opferte also auch denen. Paulus aber baute auf diesem Eindruck, dem Wortlaut dieser Weiheinschrift, seine Argumentation auf: Ich bringe Euch die Kunde von diesem unbekannten Gott! Und damit schlug er die Brücke von der Antike in die Gegenwart. Dann ging er nach Rom. Athen war Vergangenheit, nur noch als Universitätsstadt von Bedeutung, in Rom wurde die Welt regiert. Da gab es schon eine kleine Gemeinde von Judenchristen, die von Petrus begründet worden war und an die er den Römerbrief schrieb. Doch er weitete die Mission aus, bekehrte auch Heiden, bis hin zu Senatoren wie den berühmten Pudens mit seiner Frau Claudia und seinen beiden Töchtern, der sein Haus in der Via Urbana der Kirche vermachte, womit es zur ersten Papstwohnung, zum ersten Vatikan wurde, auch wenn diese Begriffe hier natürlich ein monumentaler Anachronismus sind.

Märtyrerblut ist Christensaat, hieß es bald in Rom. Das erste Märtyrerblut vergossen Petrus und Paulus zusammen mit so vielen Mitgliedern ihrer Gemeinde und die Saat ging auf. 300 Jahre später war die Hauptstadt der Welt die Hauptstadt der christlichen Welt.

Wir hier in Deutschland sind fast alle Abkömmlinge von Heidenchristen und daher erlaube ich mir, zu behaupten: Wir alle sind heute hier Dank dem heiligen Paulus! Er war, wie ich in meinem Buch schreibe, der beste PR-Mann, den der Auferstandene für die Verbreitung des Evangeliums rekrutieren konnte.

Wir verdanken ihm viel, aber wir können auch viel von ihm lernen. Seine Aufgabe und sein Werk vor 2000 Jahren war die Evangelisierung Europas. Er legte, wie gesagt, die Grundlage für die Geburt des christlichen Europas. Heute sind viele Europäer gerade dabei, ihre christlichen Wurzeln zu vergessen. Nehmen wir die Europäische Union. Ihre Gründer, Männer wie Robert Schumann, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer, waren allesamt gestandene Katholiken. Sogar das Symbol der Europaflagge, zwölf goldene Sterne auf blauem Untergrund, ist ein christliches Symbol, die Krone Mariens, der „Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ (Offb 12,1) aus der Offenbarung des Johannes. Gleich zwei Männer haben diese Flagge damals vorgeschlagen, der Europaratsmitarbeiter Arsene Heitz und der belgische Konvertit Paul M.G. Levy, und beide erklärten, sie seien von diesem Bild aus der Offenbarung inspiriert gewesen. Tatsächlich wurde die Flagge am 8. Dezember 1955 vom Ministerrat des Europarates beschlossen, dem Festtag der Unbefleckten Empfängnis Mariens. So hat alles gut angefangen. Und heute?

Da soll in der neuen EU-Verfassung sogar auf einen Gottesbezug verzichtet werden! Gott, der Schöpfer des Universums, soll in diesem neuen Europa keine Rolle spielen, Relativismus in jedem Bereich des Lebens den Ton angeben, bis hin zur Relativierung der Grundfesten unserer menschlichen Identität, unserer Bestimmung als Mann und Frau, bis hin zur Keimzelle der Gesellschaft, der Familie, bis hin zum Leben selbst. Alles soll relativiert werden, verwischt die Grenze zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge.

Das aber können wir als Christen so nicht hinnehmen und deshalb stellte schon der verstorbene Papst Johannes Paul II. die Forderung nach einer Neuevangelisierung Europas. Diese Neuevangelisierung Europas ist das Gebot der Stunde, das Gebot dieses, des 3. Jahrtausends. Wenn wir das versäumen werden wir erleben, wie die Fundamente der Gesellschaft, wie die Fundamente einer Kultur, die der Menschheit so unendlich viel geschenkt hat, sie befreite und dem Individuum Würde verlieh, vor unseren Augen zerbröckeln.

Deshalb sollten wir noch einmal die Aufmerksamkeit auf den Völkerapostel lenken, der diese Kultur, das christliche Europa, aufgebaut und so entscheidend geprägt hat – und dabei auch seine damals so erfolgreiche Strategie bei der Mission unter die Lupe nehmen, um zu überlegen, wie wir sie auf die heutige Zeit übertragen können. Nun könnten Sie sagen: Das ist doch gar nicht mehr zeitgemäß, das war vor 2000 Jahren. Doch ich erwidere dann: Die Zeiten gleichen sich. Damals stand die Welt vor einer noch nie dagewesenen Globalisierung. Völker, Kulturen, Religionen stießen aufeinander, die Folge war eine Identitätskrise innerhalb der antiken Gesellschaft. Ist das alles so fern von der Gegenwart?

Die Paulus-Strategie für die Re-Evangelisierung Europas – sie zu definieren wäre eigentlich eine Aufgabe für Jörg Müller, Autor des lesenswerten Buches „Sinnvoller Leben mit der Paulus-Strategie“.

Aber wir wollen den Begriff dennoch aufgreifen und ein paar seiner Strategien definieren:

1. Überzeuge durch deine eigene Biografie – auch und gerade wenn sie Brüche aufweist.

Die Karriere vom Christenverfolger zum Begründer der Heidenmission ist nicht mehr zu toppen. Und zum Glück sind die Christenverfolger in Europa in den vergangenen neun Jahren in ihren Mitteln etwas subtiler geworden. Trotzdem faszinieren Biografien mit Brüchen. Der Schauspieler, der sich heute für die Armen einsetzt – Karlheinz Böhm etwa. Die Karrierefrau aus dem Fernsehen, die Familienwerte entdeckte – Eva Hermann. Der Labour-Linke, der zum Katholizismus konvertierte – Tony Blair. An Eva Hermann sehen wir, mit welchem Gegenwind zu rechnen ist. Daher ist wichtig, wenn wir Christen solchen mutigen Prominenten Rückendeckung geben. Aber wir sind auch selbst gefordert, uns vor unserer Umwelt zu „outen“, zu unserem Christsein zu stehen – gerade wenn man das bisher noch nicht von uns erwartet hat und gerade wenn wir Verantwortung tragen und eine gewisse Vorbildfunktion haben. Oder wenn wir Menschen in einer solchen Rolle kennen und ermutigen können. Gelebter Glaube braucht Vorbilder – je näher, je besser!

2. Nutze jede Gelegenheit zur Evangelisierung!

Als Paulus nach Korinth kam, suchte er sich zunächst mal einen Job. Er wollte ja niemandem auf der Tasche liegen. Da er gelernter Zeltmacher war, heuerte er bei einem Zeltmacherpaar, Aquila und Prisca, an, die beide schon in Rom, wohl von Petrus, die Taufe empfangen hatten. Dort, im Laden und in der Werkstatt, begann er, über das Evangelium zu sprechen. So machte er sich einen Namen, baute sich eine kleine Gemeinde auf, die beständig wuchs. Das heißt: Glauben ist keine Privatsache. Wir sollten ihn auch nicht aus dem beruflichen Alltag heraushalten und auf den Sonntag beschränken. Er gehört mitten in unser Berufsleben! Es soll doch heißen: Ach, der auch? Na dann muss an der Kirche ja doch etwas dran sein...

Nur dabei bitte nicht „abheben“: „Paulus sein“ bedeutet, Brücken unter den Menschen zu bauen, das Evangelium von der unverdienten Liebe Gottes in alle Bereiche des Lebens hinein zu tragen und dabei die Sprache der Menschen zu sprechen: Zu den Juden als Jude, zu den Griechen als Grieche, zu den Schwachen als Schwacher (1 Kor 9,20-22).

3. Stehe zu Deiner Unvollkommenheit!

Nobody is perfect! Weder ich noch, ich bitte um Vergebung, Sie! Das darf uns nicht daran hindern, dennoch unser Bestes zu geben. Paulus zum Beispiel war ein großartiger Autor, aber offenbar ein schwacher Redner. „Seine Briefe sind voller Kraft ... aber sein persönliches Auftreten ist matt und seine Worte sind armselig“ zitiert er seine Kritiker in 2 Kor 10,10-11. Einer seiner Zuhörer ist sogar mal eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen. Doch es kommt nicht darauf an, eine optimale Form zu liefern. Wenn der Inhalt stimmt, dann wirkt dieser schon ganz von allein. Und welcher Inhalt kann wunderbarer sein als das Evangelium?

Dabei soll jeder seinen Beitrag auf einem Feld leisten, auf dem er sich sicher fühlt. „Einem jeden teilt (der Herr) eine besondere Gabe zu, wie er will“, schrieb Paulus im 1. Korinterbrief (12)-

4. Transformation statt Konfrontation!

Beispiel Areopag-Rede: Stoßen wir niemanden vor den Kopf und erwecken wir bloß nicht den Eindruck, wir wären etwas Besseres! Sind wir nicht, wir sind alle Sünder vor dem Herrn! Es ist Feigheit, Menschen zu meiden, ganze Bereiche des Lebens zu meiden, nur weil sie eben keine katholischen Biotope sind. Nehmen wir das Fernsehen oder, noch besser, das Internet: Es ist ein Spiegel des Lebens, der Realität. Natürlich finden sich dort auch die größten Widerwärtigkeiten unserer Tage, Gewaltverherrlichung etwa und Pornografie. Aber damit ist das Medium an sich nicht schlecht. Nehmen wir es an, so wie es ist – und nutzen es als Werkzeug der Verkündigung. Statt es pauschal abzulehnen – transformieren wir es, schaffen wir eine spürbare katholische Präsenz und, vor allem, schotten wir uns auch dort nicht ab. Es ist schön, ein katholisches Facebook zu schaffen, aber es ist besser, etwa das bestehende Facebook oder Twitter schrittweise zum Träger christlicher Verkündigung zu machen und zum Instrument, um Zeugnis für den Glauben abzulegen!
Das bringt uns automatisch zu

5. Keine Angst vor neuen Medien!

Zur Zeit des hl. Paulus waren die Römerstrassen der Information Highway, der Weg, auf dem das Evangelium in die entferntesten Winkel der Welt getragen wurde – bis nach Spanien, ans Ende der Welt, wie Paulus im Römerbrief schreibt, wollte er reisen. Heute haben wir den Information Super Highway, das Internet. Paulus nutzte jedes öffentliche Forum, von den Zusammenkünften der Juden in den Synagogen am Schabbat bis hin zu den Isthmischen Spielen in Korinth, einer Art Olympia, oder dem heidnischen Pilgerverkehr in Ephesus. „Wenn der hl. Paulus heute wieder auf die Erde käme, würde er Journalist werden“, behauptete im 19. Jahrhundert Bischof Wilhelm Emmanuel Frhr. von Ketteler.

Sicher hätte Paulus es, ausgestattet mit eigener Homepage, E-Mail und Handy, viel leichter gehabt, mit den aufstrebenden christlichen Gemeinden in Kontakt zu kommen und seine Botschaft unter die Menschen zu bringen. Aber, wenn er heute aufträte: auf welche Menschen und auf welche Öffentlichkeit träfe er dann – und auf welche Form medialer Kommunikation?

Horst W. Opaschowski hat in seiner neuen Studie „Deutschland 2030 – wie wir in Zukunft leben“ ein breit angelegtes Bild moderner Medienkommunikation entworfen. Danach wäre es für Paulus alles andere als leicht, die passende Medienstrategie zu wählen: Auf welche Medien soll er setzen? Schaut er auf die Print-Szene, müsste er feststellen, dass längere und anspruchsvolle Texte, wie sie ihm lieb wären, kaum mehr gelesen werden. Beim Fernsehen würde ihn die programmliche Niveauverflachung bestimmt ärgern. Das Interesse der Menschen richtet sich ja eher auf unterhaltsames Fastfood als auf Information und Hintergründe.

Einem flachen „Theo-Tainment“ hätte er dennoch wohl wenig abgewinnen können.
Da er mit Empathie auf seine Zielgruppen einging, wird er wohl das Lebensgefühl der „Generation Internet“ oder „Generation @“, dieses „Ich surfe, also bin ich“, schnell erfasst haben. Wer ihr angehört, hat bald mehr direkte Kontakte mit Medien als mit Menschen. Opaschowski bezeichnet diese Menschen als „vernetzte Nomaden“, die ständig auf der Suche sind nach Sinn, Halt und sozialer Geborgenheit. Der Zukunftsforscher befürchtet, die rastlose Dynamik ihres Lebens könnte zur Folge haben, dass Werte wie Loyalität, Treue, Selbstverpflichtung und Verbindlichkeit ihren sozialen und moralischen Rang verlieren.

Und ich denke, gerade deshalb wären diese Menschen eine ideale Zielgruppe für seine Missionsbemühungen gewesen!
Heute würde Paulus also bloggen oder twittern, würde Internettagebücher über seine Glaubenserfahrungen und -einsichten verfassen und versuchen, die Menschen auf diesem Weg für das Evangelium zu begeistern, ihnen den Blick für tiefere Wahrheiten und Wirklichkeiten zu eröffnen, aber auch die Missstände der Gesellschaft und dieses Mediums zum Thema machen. Das Internet ist das Medium der Zukunft – nutzen wir es! Wir brauchen kein Ghetto, wir brauchen keine Nischen, wir müssen die größtmögliche Menge Menschen erreichen und zwar dort, wo sie schon sind!

6. Scheue keinen Widerstand!

Was Paulus während seiner Missionsreisen erlebt hat, möchte ich niemandem zumuten. „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von den Juden die 39 Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt“, schreibt Paulus in 2 Kor 11,23-25. Von Schiffsbrüchen, Hunger und Krankheiten einmal abgesehen, und über 20.000 Kilometer per pedes apostolorum waren gewiss auch kein Zuckerschlecken. Was ist dagegen das Grinsen eines sich damit disqualifizierenden Mitmenschen, ein Karriereknick wie leider bei Frau Hermann oder eine spöttelnde Presse? Nur Mut, meine Damen und Herren, was können wir verlieren, wenn wir unseren Glauben bekennen? Nichts! Was können wir gewinnen? Alles!

Aber, ganz wichtig, seien zumindest wir uns einig, so verschieden wir auch sind in unseren Biographien, Mentalitäten und Arbeitsbereichen, denn in Christus sind wir alle eins und wir wollen doch am Ende alle das gleiche. Wir müssen also zusammenhalten statt gegenseitig die Nase zu rümpfen oder Grabenkämpfe zu führen. Wir sind alle Glieder eines Leibes, wir können nicht ohne den anderen, und wir sind alle von dem selben, heiligen Geist berufen und gestärkt, sagt Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 12.

7. Nicht dem Zeitgeist unterwerfen!

„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist...“, erklärt uns Paulus im Römerbrief (12, 2). Das ist die notwendige Transformation, von der ich bereits sprach. Paulus lehrt aber auch: Wir dürfen uns nicht anpassen an den Relativismus unserer Tage. Wir müssen, wie es der Heilige Vater zum Abschluss des Paulusjahres erklärte, Mut finden zu einem reifen, zu einem erwachsenen Glauben.

Diese Forderung nach einem mündigen Christsein verstehen viele falsch. Sie verstehen darunter, sich über die Kirche, ihre Lehre und ihre Oberhirten zu stellen und sich nach eigenem Gutdünken einen Privatglauben zusammenzubasteln, notfalls noch mit Versatzstücken aus anderen Religionen. Doch das ist kein Mut, das ist Schwäche, ein Eingeständnis des eigenen Versagens vor den Anforderungen des wahren Glaubens, ein Kuhhandel, ein fauler Kompromiss auf den sich Gott nicht einlässt.

Reife bedeutet, für etwas zu stehen, dafür geradezustehen. Und eben nicht mit den Wölfen zu heulen, auch wenn die Papstschelte mal ad nauseam durch alle Medien geht, selbst wenn die eigene Bundeskanzlerin sich dem Chor der Wölfe anschließt. Da hat sie mich wirklich enttäuscht!

Machen wir uns nichts vor. Diese Kirche ist eine Provokation an unsere Zeit, denn sie ist unbequem. Bequem ist der Relativismus, bequem ist die Selfmade-Religion, das Spielen mit Bauklötzen. Sie ist eine Zumutung: Sie mutet uns etwas zu, aber sie traut uns auch etwas zu, nämlich auszusteigen aus dem Alltagstrott, dem Chor der Wölfe, und zu neuen Menschen in Christus zu werden. In diesem Wort Zu-mut-ung steckt das Wort Mut! Sie verlangt uns Mut ab. Es gehört kein Mut dazu, sich gegen das Lehramt der Kirche auszusprechen, denn man hat für jeden noch so großen Unsinn sofort die Medien und ihre Claqueure auf seiner Seite. Mut braucht man vielmehr, um am Glauben der Kirche festzuhalten und ihn gegen alle Widerstände zu verteidigen, gerade weil er dem „Schema“ der gegenwärtigen Welt widerspricht, weil Wahrheit ewig und nicht trendabhängig ist. Diesen Nonkonformismus meint Paulus, dazu ruft er uns auf, wenn er im Epheserbrief schreibt: „Wir wollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, hin und hergetrieben von jedem Widerstreit der Meinungen“ (4,14). Das ist heute aktueller denn je!

Es gehört zu einem erwachsenen Glauben, die Unversehrtheit des Lebens zu verteidigen. Es gehört zu einem erwachsenen Glauben, für die Ehe und Familie als Keimzelle der Gesellschaft einzutreten. Es gehört zu einem erwachsenen Glauben, der Kultur des Todes die Stirn zu bieten und für eine Kultur des Lebens einzutreten, meine Damen und Herren, denn der Wind des Zeitgeistes, in den so viele ihre Fahnen hängen, ist eben nicht das Brausen des Heiligen Geistes. Er ist vielmehr ein Sturm, der uns vom Kurs abkommen lässt und in den Schiffbruch treibt, wenn wir nicht mutig und kraftvoll dagegen steuern! Besser sollten wir alle gemeinsam mit dem Heiligen Paulus bekennen: „Ja, wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (Eph 4,5). Ja, wir wollen alle Cooperatores veritatis werden, wie es der Heilige Vater auf seine Fahne geschrieben hat, womit er eben nicht nur sich meint oder die römische Kurie, sondern jeden einzelnen Christen, der der Wahrheit dient, gemeinsam und in Einklang mit dem Hüter der Wahrheit, dem Nachfolger Petri. Ihn müssen wir in seinem schwierigen Hirtenamt auf jede nur denkbare Weise unterstützen und vor den Feinden der Wahrheit verteidigen.

Von der Liebe leiten lassen: Das garantiert, dass wir zu keinen unangenehmen Fanatikern werden, dass wir unser Gegenüber respektieren, dass wir abwarten, bis der richtige Moment gekommen ist, um mit dem Mitmenschen unsere Freude am Glauben zu teilen. Aber es bedeutet auch, dass wir den Mut nicht verlieren, denn die Liebe Gottes treibt uns nicht nur voran, sie wärmt uns in allen Lebenslagen und schenkt uns Hoffnung auch in dunklen Momenten, wie sie es einst mit Paulus tat.

Wir sind Paulus, meine Damen und Herren, wir sind die Apostel der Neuevangelisierung Europas, wenn nicht wir, wer dann? Natürlich ist es leicht, sich jetzt rauszureden. Vielleicht in einem Jahr oder irgendwann einmal. Aber das einzige, was sich in einem Jahr ändert, ist doch, dass wir dann alle ein Jahr älter sind und das ist, wenn man nicht gerade 17 ist, nicht unbedingt ein Vorteil. Paulus hat sich auch nicht rausgeredet: Da sind doch die Zwölf, die machen das doch schon. Nicht einmal Krankheit und Schwäche ließ er als Argument gelten, er hat einfach losgelegt und das sollten wir auch!

Glaube, Hoffnung, Liebe, das ist auch unser Auftrag. Freude am Glauben ist auch Freude an der Hoffnung und Freude an der Liebe, das alles ist Freude an Christus. In dieser Freude lebte Paulus, in dieser Freude konnte er am Ende seines Lebens mit gutem Gewissen sagen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“ (2 Tim 4,7). Wenn wir wie er in der Überzeugung leben, dass wir diese Freude und Zuversicht aus dem Glauben keinem Menschen vorenthalten dürfen, dann sind wir Paulus, dann wissen wir wofür und woraufhin wir leben – für Christus!

So möchte ich meinen Vortrag beenden mit den Worten unseres Heiligen Vaters: „Die Kirche braucht auch heute leidenschaftliche Verkünder der Frohbotschaft Christi, die sich voll Einsatz und ohne Vorbehalte von Gott in den Dienst nehmen lassen. Das Beispiel des heiligen Paulus sporne uns an, wirksame Werkzeuge der Gnade Gottes zu sein.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Nun ist es an der Zeit, Ihre Freude am Glauben nach draußen zu tragen und mit der Welt zu teilen. Danke.

Veröffentlichung des Vortrags mit freundlicher Genehmigung von Michael Hesemann!

www.paulusjahr.info/

Kathpedia: Michael Hesemann/

Foto: (c) Paul Badde







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