14 Juli 2009, 11:35
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"Oh Herr", heißt es in einem Gebet aus dem Mittelalter, "du hast deine Kirche gegründet auf die Tränen des Petrus und die Briefe des Paulus - Von Paul Badde / Die Welt

Rom (kath.net/welt.de)
Aus aktuellem Anlass bringt Kath.Net nochmals den Artikel von Paul Badde aus dem Jahre 2005 über die Entdeckung des Paulusgrabes:

Die Entdeckung eines neuen Pharaonengrabes könnte für das abendländische Europa nicht bedeutsamer sein. Doch Giorgio Filippi sagt: "Ich bin nicht neugierig." Er hat den Sarkophag mit den Gebeinen des heiligen Apostels Paulus in Rom wieder entdeckt, identifiziert und teilweise freigelegt. "Ich bin fertig", sagt er, "ich habe meine Arbeit getan. Andere müssen entscheiden, was jetzt weiter zu geschehen hat; das kann ich meinem Arbeitgeber nicht vorschreiben."

Der Arbeitgeber des vatikanischen Archäologen ist Papst Benedikt XVI., der bis jetzt womöglich gar nicht weiß, welch sensationelle Entdeckung Filippi in der Basilika San Paolo fuori le Mura gemacht hat.

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Nach Filippis Vorarbeiten versperrt nur noch ein Pfropfen aus antikem Mörtel den Zugang ins Innere vom Sarkophag des Apostels. Groß wie ein Daumennagel ist die Öffnung, durch die eine endoskopische Kamera morgen schon höchst präzise Bilder zu Tage fördern könnte. Der Pfropfen verstopft im Deckel des steinernen Sarges den Boden eines dort eingelassenen Trichters, den der Archäologe schon bis auf diesen Grund hin leer gesaugt hat. Vielleicht findet sich noch ein durchgetrennter Halswirbel in dem Sarkophag, vielleicht auch nicht.

Der gelassene Gelehrte hat jedenfalls wahrhaftig das Grab des früheren Musterschülers von Rabbi Gamaliel wieder entdeckt, eines wütenden Verfolgers der jungen Christenheit aus Tarsus, der schließlich zusammen mit Petrus aus Galiläa die Kirche Roms begründet hat. Doch dieser unversehrte Sarkophag ist unvergleichlich zu Petrus' Überresten, die man vor 60 Jahren im Vatikan fand.

"Oh Herr", heißt es in einem Gebet aus dem Mittelalter, "du hast deine Kirche gegründet auf die Tränen des Petrus und die Briefe des Paulus." Und auf das vergossene Blut der beiden, muß man hinzufügen. Petrus wurde etwa im Jahr 64 unter Nero gekreuzigt, Paulus geköpft. Bei der Enthauptung an der Laurentina-Fernstraße sei sein Schädel dreimal aufgesprungen, erzählen uralte Quellen aus Rom, die auch noch wissen wollen, daß eine gewisse Lucina dem Toten danach ein Grab an der Via Ostiense überlassen habe. Da befindet es sich auch heute noch. Totenruhe war heilig im alten Rom. Daß das Grab aber unsichtbar wurde, hat mit einer Brandkatastrophe und einem fast schon wunderbaren Wiederaufbau der Basilika zu tun (s. Kasten).

Durch ein tonnenschweres Fundament aus dem 19. Jahrhundert hat sich Dottore Filippi jetzt mit einer so genannten Tast-Grabung bis an die Außenwand des völlig intakten Sarkophages des heiligen Paulus vorgewagt, bis zu einem rosafarbenen Monolith am Ende eines schmalen Ganges, den bis jetzt noch kein Journalist je sehen oder gar fotografieren durfte: einen Eckstein der apostolischen Christenheit.

Kein Dokument liegt in dem hohlen Block verborgen, kein Manifest, kein Vertrag, nur Gebeine: die Überreste eben jenes Menschen, der in Rom geköpft worden ist, nachdem er zuvor in Jerusalem das bis dahin exklusive Heil des Judentums für die ganze Welt aufgebrochen hatte. Der steinerne Sarg befindet sich in der Mittelachse der Basilika in der gleichen Position, wo er im Jahr 390 auf den Fußboden aufgestellt worden war. Alle Pilger konnten ihn damals unter dem Altar frei sehen und berühren. Es war eine revolutionäre Neuerung - auch im Gegensatz zu dem Grab des Petrus, das sich schon immer im Untergrund von Sankt Peter befand und von dort nie weg bewegt wurde. Nach dem Vorbild von Sankt Paul aber wurde es danach in der ganzen westlichen Christenheit Brauch, Sarkophage von Heiligen und Märtyrern als Altäre zu nutzen, auf denen die Meßopfer gefeiert wurden.

Vom Grab des Paulus her wurde es schließlich Brauch, daß keine Altarplatte mehr ohne eingelassene Reliquie sein durfte. Nach dem Brand von 1823 wurde deshalb wie selbstverständlich angenommen, daß sich das Grab des Paulus weiter vor der Apsis unter einer Marmorplatte befand, die die verstümmelte Aufschrift PAVLO APOSTOLO MART trug ("Für den Martyrer und Apostel Paulus"). Zu einem Sarkophag konnte diese Platte jedoch nie gehören.

Exakt unter ihr hat Dottore Giorgio Filippi den Sarkophag nun jedoch wieder entdeckt: etwa einen halben Meter tiefer unter dem Boden, von allen Seiten regelrecht eingebacken vom Füllmaterial des alten Sockels. Die Ausgrabungen geben über die Frühzeit der Kirche ebenso Auskunft wie über die jüngere Vergangenheit.

Wenige Meter vor dem Sarkophag legte Dottore Filippi die Außenmauer einer Apsis frei, in deren Zentrum der Sarkophag wohl gestanden hatte, als Kaiser Konstantin rund siebzig Jahre zuvor eine erste Gedächtniskirche über dem Grab des Apostelfürsten errichtet hatte - doch etwa drei bis vier Meter tiefer. Ständige Überschwemmungen durch die Hochwasser des Tiber hatten die Architekten des Kaisers Theodosius unter dem Präfekten Sallust deshalb später veranlaßt, das Niveau einer neuen und viel größeren Basilika auf Verlangen von Papst Siricius an dieser Stelle insgesamt anzuheben.

Auch etwa 5000 andere Gräber ruhen noch unter dem heutigen Boden der Basilika. Sie ist ein einziger überdeckter Friedhof, wo die Gebeine so vieler Toter, die alle in der Nähe des Paulus begraben werden wollten, auch mit für die Authentizität des Apostelgrabes bürgen. Theodosius hatte im Jahr 386 ein Gesetz erlassen, das sowohl den Handel mit Reliquien verbot, als auch, sie überhaupt von ihrem Platz zu bewegen. Spätere Bauphasen unter den Päpsten Leo und Gregor dem Großen ließen die Position des Sarkophages immer unverändert, den Dottore Filippi im Jahre 2003 wieder entdeckt hat.

Seitdem liegen seine Ausgrabungen in der Basilika hinter Scheinwänden verborgen. In seinem Büro aber verwahrt er einen Gipsabdruck des (ungeöffneten) Trichters in dem Sarkophagdeckel.

Früher habe dieser zwei Funktionen gehabt. Erstens sollte hier wie durch einen geöffneten Parfüm-Flacon eine Heiligung des ganzen Kirchenraumes erfolgen, zweitens konnten Stoffstreifen durch diese Öffnung in den Sarkophag herabgelassen werden, um sie in "Berührungsreliquien" zu verwandeln. Paulus begriff sich zu Lebzeiten als "Duft, der von Jesus Christus ausgeht".

Vielleicht bewegt diese Erinnerung den neuen deutschen Papst ja bald, den Sarkophag noch einmal ganz freilegen zu lassen - oder zumindest das Ventil in dieser christlichen Wunderlampe zu öffnen, damit der Duft und die Erkenntnis dieses Heiligen die Basilika und das Europäische Haus noch einmal neu erfüllt wie Rauch aus einem Weihrauchfaß.

Foto: (c) Paul Badde

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