28 August 2009, 08:04
'Als könnte man Kinder planen!'
 
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"Der Schmerz, den kinderlose Paare spüren, ist durchaus mit dem zu vergleichen, wenn jemand sein Kind oder einen Ehepartner verliert", spricht die Gründerin eines Netzwerks für ungewollt Kinderlose über ein Tabu auch unter Christen. Von Matthias Pankau.

Seiffen (kath.net/idea) Jedes Mal wenn Marlene (Name v. d. Red. geändert) eine junge Frau mit Kinderwagen sieht, gibt es ihr einen Stich ins Herz. Dann geht wieder das quälende Fragen los: Warum sie und ich nicht? Warum haben alle um mich herum Kinder und ich nicht? Marlene war 24, als sie heiratete. Ihr Studium hatte sie gerade abgeschlossen. Anders als die meisten jungen Frauen heute wollte sie zuerst Kinder und später die Karriere.

Doch es passierte nichts. Zunächst schob sie es auf die Anspannung und den Umzugsstress nach der Hochzeit. Doch auch als der vorbei war, kam jeden Monat wieder pünktlich mit dem Eintreten der Regelblutung die große Enttäuschung. Nach sieben Jahren schließlich suchte sie einen Arzt auf, der ihr den niederschmetternden Befund gab: Sie kann keine Kinder bekommen!

Für Marlene ein Schock. Sie fällt in ein tiefes Loch. Lange Zeit kann sie sich nicht einmal mehr mit Freunden treffen, die inzwischen Kinder haben. Zu tief sitzt der Schmerz. Und das Schlimmste: Außer mit ihrem Mann kann sie mit niemandem über ihre Trauer sprechen.

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Deutschland braucht mehr Kinder. Dabei wird gern übersehen, dass Schätzungen zufolge jedes sechste Paar ungewollt kinderlos ist. Auch in christlichen Gemeinden gibt es dafür weithin wenig Verständnis.

Vor zwei Jahren schließlich stößt Marlene im Internet auf die Seite der christlichen Organisation „Hannahs Schwestern“, die derzeit hauptsächlich aus evangelischen Mitgliedern besteht. Unter diesem Namen haben sich Frauen zusammengefunden, die keine Kinder bekommen können, und solche, die ihre Kinder während der Schwangerschaft verloren haben. Zweimal im Jahr treffen sie sich an einem zentralen Ort. Ansonsten besteht die Möglichkeit zu regionalen Begegnungen oder zu Gesprächen im Internet. Das Ziel ist immer das gleiche: Austausch, gegenseitige Ermutigung und das gemeinsame Gebet.

Als Selbsthilfegruppe verstehen sich Hannahs Schwestern nicht. „Wir wissen schließlich, dass wir einen starken Gott haben. Er ist es, der uns hilft“, stellt Anne-Kathrin Braun (Seiffen im Erzgebirge) klar, die das Netzwerk gemeinsam mit einer Freundin 2006 ins Leben rief. Der Name der Gruppe rekurriert auf die beiden Hannahs in der Bibel: Hannah, die Mutter Samuels, die lange keine Kinder hatte und schließlich zu Gott ging und ihm ihr Herz ausschüttete (1 Sam. 1). Und die Prophetin Hannah (Lk 2,36-38), die nur sieben Jahre kinderlos verheiratet war. Als Witwe verbrachte sie viel Zeit mit Gott. Später durfte sie das Jesus-Kind auf dem Arm halten.

“Als könnte man Kinder planen!”

Derzeit zählen sich zu dem nach eigenen Angaben bisher einzigen christlichen Netzwerk für ungewollt Kinderlose im deutschsprachigen Europa gut 50 Frauen. Keine schlechte Zahl, findet Anne-Kathrin Braun, „wenn man bedenkt, dass dieses Thema für die Betroffenen mit sehr viel Scham verbunden ist und es viel Mut braucht, den Schritt auf andere zuzugehen“.

Sie spricht aus Erfahrung. Sie und ihr Mann versuchen seit 14 Jahren Kinder zu bekommen. Wie groß der Druck auf Ehepaare gerade in christlichen Kreisen sein kann, hat sie selbst erfahren. „Plant ihr keine Kinder?“, hätten anfangs immer wieder Gemeindemitglieder gefragt.

Die 33-Jährige wird regelrecht wütend, wenn sie davon erzählt: „Als könnte man Kinder planen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Kinder sind doch ein Geschenk.“ Später seien die Aussagen Einzelner in der Gemeinde deutlicher geworden. „‚Ihr macht doch was falsch‘, musste ich mir dann anhören“, erzählt sie.

„Sind wir nicht gesegnet?“

„Auch in den Predigten hieß es immer wieder: Kinder sind ein Segen! Dann habe ich mich immer gefragt: Was aber ist mit denen, die ungewollt keine Kinder haben? Sind wir nicht gesegnet?“ Lange Zeit betete sie darum, dass ihr Kinderwunsch endlich in Erfüllung ginge. „Doch irgendwann habe ich das ‚Dein Wille geschehe’ aus dem Vaterunser wieder ganz bewusst zu beten gelernt“, sagt sie. „Schließlich ist Gott zwar nichts unmöglich, aber er hat eben für jeden Menschen einen anderen Plan.“ Und außerdem habe es zu allen Zeiten kinderlose Frauen gegeben, die sich auf anderen Gebieten – etwa im sozialen Bereich – sehr segensreich engagiert hätten.

Als das der jungen Frau klar wird, beschließt sie, in die Offensive zu gehen. Sie spricht offen darüber, dass sie ungewollt kinderlos ist. „Da habe ich ganz viel Hilflosigkeit erlebt“, erinnert sie sich. „Viele sagten: Das konnten wir doch nicht ahnen.“ Mittlerweile hält die studierte Übersetzerin Vorträge über die Ursachen von Kinderlosigkeit und darüber, was das für die Betroffenen bedeutet. „Der Schmerz, den kinderlose Paare spüren, ist durchaus mit dem zu vergleichen, wenn jemand sein Kind oder einen Ehepartner verliert“, sagt sie.

Wann es besonders wehtut

Besonders groß sei der Schmerz für viele Betroffene zu bestimmten Zeitpunkten, weiß Frau Braun – etwa zu Familienfesten, zum Muttertag oder auch zu Weihnachten, dem Fest der Geburt Jesu. Eine Bekannte habe in der Advents- und Weihnachtszeit beispielsweise jahrelang keine Krippe aufstellen können, weil die sie zu sehr an ihre eigene Kinderlosigkeit erinnert habe.

„Die verschiedenen Phasen der Trauer brauchen bei jedem unterschiedlich viel Zeit. Da ist viel Geduld gefragt.“ Das Netzwerk versteht sich deshalb auch als seelsorgerliches Angebot. Denn Männer verkraften den Befund „ungewollt kinderlos“ in der Regel leichter als Frauen.

Für eine Ehe kann das zur Belastungsprobe werden. Gut, wenn dann Gesprächsmöglichkeiten existieren. „Hannahs Schwestern“ steht übrigens auch Männern offen. „Da derzeit aber nur zwei Männer dabei sind, wollten wir uns noch nicht in ‚Hannahs Geschwister’ umbenennen“, scherzt Frau Braun.

Dass Betroffene mit dem Befund „ungewollt kinderlos“ ganz unterschiedlich umgehen, zeigt sich auch in dem christlichen Netzwerk. Anne-Kathrin Braun und ihr Mann lehnen eine künstliche Befruchtung ab. „Das wäre ein Eingriff in die Schöpfung Gottes“, sagt sie. Außerdem sind ihr die Risiken zu hoch.

Andere lassen sich in einem der deutschlandweit rund 120 „Kinderwunschzentren“ künstlich befruchten. Die Erfolgsquote bei künstlichen Befruchtungen – etwa bei der so genannten In-Vitro-Fertilisation (IVF) – liegt derzeit bei maximal 30 Prozent. Für viele Paare steigert sich die Enttäuschung dann noch einmal, wenn auch dieser Versuch fehlschlägt. Die katholische Kirche lehnt künstliche Befruchtung ab, das neueste Dokument dazu ist Dignitas personae.

Doch manchmal geschehen auch Wunder. Im Mai bekam eine von „Hannahs Schwestern“ ihren ersten Sohn – ganz ohne medizinische Nachhilfe. Sein Name: Nathanael – hebräisch für „Gott hat gegeben“.







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