18 Februar 2008, 08:26
'Oremus et pro Iudaeis'
 
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Kommentar von Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, zur neuen Formulierung der Juden-Fürbitte in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus

Vatikan (kath.net) Ein Kommentar des Kurienerzbischofes Gianfranco Ravasi, Titularerzbischof von Villamagnensis in Proconsulari und Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche und der Päpstliche Kommission für Archeologia Sacra, zur neuen Formulierung der Juden-Fürbitte in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus (aus dem "Osservatore Romano" vom 15. Februar 2008) in einer eigenen KATH.NET-Übersetzung:

Einmal antwortete Kafka dem Freund Gustav Janouch, der ihn über Jesus von Nazaret befragte: "Dieser bedeutet unendliche Tiefen des Lichts. Man muß die Augen schließen, um nicht hineinzustürzen." [Anm.: das Zitat ist eine Rückübersetzung aus dem Italienischen und findet sich in seinem Original in Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen, Frankfurt am Main 1954.] Die Beziehung zwischen den Juden und diesem ihrem "älteren Bruder", wie ihn der Philosoph Martin Buber interessanterweise genannt hatte, war immer schon von Verständnis und von Qualen geprägt, auch wenn wir die viel umfassendere und mühseligere Beziehung zwischen dem Judentum und dem Christentum erwägen. Und sei es auch in der Simplifizierung der Formel, wofür die beeindruckende Bemerkung von Shalom Ben Chorin in seiner Abhandlung vom sinnbildlichen Titel "Bruder Jesus" (1967) steht: "Der Glaube Jesu einigt uns mit den Christen, aber der Glaube an Jesus trennt uns."

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Wir wollten diesen Hintergrund aufzeigen, der in Wirklichkeit viel umfangreicher und abwechslungsreicher ist, um Euch in einer besseren Zusammenschau das neue "Oremus et pro Iudaeis" für die Liturgie des Karfreitags vorzustellen. Es muß nicht wiederholt werden, daß es sich um einen Eingriff in einen bereits kodifizierten Text besonderer Verwendung handelt, nämlich für die Karfreitagsliturgie gemäß dem Missale Romanum in seiner vom seligen Johannes XXIII. promulgierten Fassung, vor der liturgischen Reform des II. Vatikanischen Konzils. Es ist also ein Text, der in seiner Redaktion und in seinem aktuellen Gebrauch klar umschrieben ist, gemäß den längst bekannten Bestimmungen, die im päpstlichen Motu proprio "Summorum Pontificum" vom vergangenen Juli enthalten sind.

Im Inneren der Verbindung, die das Israel Gottes und die Kirche zutiefst eint, wollen wir uns bemühen, die theologischen Charakteristika dieses Gebetes herauszufiltern, auch im Dialog mit den harten Reaktionen, die es im hebräischen Umfeld hervorgerufen hat. Das erste ist eine "textgemäße" Betrachtung im strengen Sinn: man erinnere sich, daß das Wort "textus" tatsächlich auf die Idee eines "Gewebes" ("tessuto") verweist, das mit verschiedenen Fäden ausgearbeitet ist.

Nun gut, die etwa 30 substantiellen Worte des Oremus sind vollständig Frucht einer "Weberei" ("tessitura") aus neutestamentlichen Begriffen. Es handelt sich daher um eine Ausdrucksweise der Heiligen Schrift, die der orientierende Stern für den Glauben und für das christliche Gebet ist.

Zunächst wird eingeladen, zu beten, damit Gott "die Herzen erleuchte", sodaß auch die Juden "Jesus Christus als Erlöser aller Menschen erkennen". Daß Gott Vater und Christus "die Augen und den Geist erleuchten" können, ist ein Wunsch, den der heilige Paulus bereits für dieselben Christen von Ephesus - sowohl jüdischer als auch heidnischer Herkunft - vorsieht (1,18; 5,14). Das große Bekenntnis des Glaubens an "Jesus Christus, Retter aller Menschen" ist eingefaßt in den ersten Brief an Timotheus (4,10), aber es wird in analogen Formen auch von anderen neutestamentlichen Autoren bekräftigt, wie zum Beispiel von Lukas in der Apostelgeschichte, der Petrus dieses Zeugnis vor dem Synedrion in den Mund legt: "In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen." (4, 12)

Hier, an dieser Stelle, findet sich also der Horizont, den das wahre und eigentliche Gebet angibt: man bittet Gott, "der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen", um sicherzustellen, "daß beim Eintritt der Fülle aller Völker in die Kirche auch ganz Israel gerettet werde." Oben wird auf die feierliche Erscheinung des allmächtigen und ewigen Gottes verwiesen, dessen Liebe wie ein Mantel ist, der sich über die ganze Menschheit breitet: wie wir im ersten Brief an Timotheus (2,4) weiterlesen, will er tatsächlich, "daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen". Zu Füßen Gottes jedoch bewegt man sich wie in einer grandiosen planetarischen Prozession, die aus jeder Nation und Kultur besteht und die Israel gewissermaßen in einer privilegierten Reihe sieht, in notwendiger Anwesenheit.

Es ist immer noch der Apostel Paulus, der den berühmten Abschnitt seines theologischen Hauptwerkes, des Briefes an die Römer, welcher dem jüdischen Volk gewidmet ist - dem edlen Ölbaum, in den wir eingepfropft wurden - mit dieser Vision beschließt, deren Beschreibung aufgebaut ist auf prophetischen und psalmenmäßigen Zitationen: die Erwartung der Fülle der Errettung "besteht, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es in der Schrift heißt: Der Retter wird aus Zion kommen, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen. Das ist der Bund, den ich ihnen gewähre, wenn ich ihre Sünden wegnehme." (11,25 - 27).

Wir haben also ein Gebet, daß der klassischen Zusammensetzungsmethode in der Christenheit entspricht: die Anrufungen auf der Basis der Bibel "weben" ("tessere"), um so das Glauben und das Beten von innen her zu verflechten (das ist eine Interaktion zwischen den sogenannten "lex orandi" und "lex credendi").

An dieser Stelle können wir eine zweite Reflexion vorschlagen, die sich strenger am Inhalt orientiert. Die Kirche betet, um in der einzigen Gemeinschaft der Christgläubigen auch das gläubige Israel bei sich zu haben. Das ist es, was St. Paulus in den Kapiteln des Briefes an die Römer (Kapitel 9 - 11) als große eschatologische Hoffnung erwartet, das heißt als letzten Landungsplatz der Geschichte, worauf wir oben eingingen. Das ist es, was dasselbe II. Vatikanische Konzil proklamierte, als es in seiner Konstitution über die Kirche geltend machte, daß "diejenigen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, auf das Gottesvolk auf verschiedene Weise hingeordnet sind. In erster Linie jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleische nach geboren ist, dieses seiner Erwählung nach um der Väter willen so teure Volk: die Gaben und Berufung Gottes nämlich sind ohne Reue" (Lumen gentium, Nr. 16).

Diese intensive Hoffnung ist der Kirche klarerweise eigen, die als Zentrum und Quelle der Rettung Jesus Christus hat. Für den Christen ist er der Sohn Gottes und das sichtbare und wirkkräftige Zeichen der göttlichen Liebe, weil - wie Jesus in jener Nacht Nikodemus, einem "führenden Mann unter den Juden" gesagt hatte - "Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, und er hat ihn nicht gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird" (vgl. Joh 3, 16 - 17). Von Jesus Christus, dem Sohn Gottes und dem Sohn Israels strömt daher die reinigende und befruchtende Woge der Erlösung aus, sodaß wir in abschließender Analyse auch sagen können, wie es der Christus des Johannes tut, daß "das Heil von den Juden kommt" (4,22). Die von der Kirche erhoffte Mündung der Geschichte liegt daher in dieser Quellenlage begründet.

Wiederholen wir: das ist die christliche Vision, und das ist die Hoffnung der Kirche, die betet. Das ist keine vorgegebene Programmatik einer theoretischen Vereinnahmung, aber auch keine missionarische Bekehrungsstrategie.

Es ist die charakteristische Haltung der betenden Anrufung, der gemäß man sich auch für Personen, die man als nahestehend, wertvoll und bedeutungsvoll ansieht, eine Wirklichkeit wünscht, die man als kostbar und erlösend einschätzt. Ein wichtiger Exponent der französischen Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts, Julien Green, schrieb, daß es "immer schön und legitim ist, dem anderen das zu wünschen, was für Dich ein Gut und eine Freude ist: wenn Du daran denkst, ein wahres Geschenk anzubieten, dann halte Deine Hand nicht zurück". Natürlich muß dies immer im Respekt der Freiheit und der verschiedenen Wegstrecken, die der andere aufgenommen hat, geschehen. Aber es ist auch Ausdruck von Liebe, dem Bruder ebenso das zu wünschen, was Du als einen Horizont des Lichtes und des Lebens erachtest.

Es liegt in dieser Perspektive, daß auch das in Frage stehende Oremus - trotz der Grenzen seiner Verwendung und seiner Spezifität - unseren Bezug und unseren Dialog mit "jenem Volk, mit dem Gott den Alten Bund geschlossen hat", bekräftigen kann und muß, da wir genährt werden "von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind" (Nostra aetate, Nr. 4). Und wie die Kirche am kommenden Karfreitag gemäß der Liturgie des Meßbuches Pauls VI. beten wird, besteht die allgemeine und letzte Hoffnung darin, daß "das Volk, das Gott als Erstes zu seinem Eigentum erwählt hat, zur Fülle der Erlösung gelange" ("ut populus acquisitionis prioris ad redemptionis mereatur plenitudinem pervenire.")

Ein Beitrag aus dem "Osservatore Romano" vom 15. Februar 2008 ein einer eigenen KATH.NET-Übersetzung!

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