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Bluttat von Malatya: Deutsche Witwe vergibt den Mördern

21. April 2007 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Susanne Geske: "Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun"


Malatya / Berlin (www.kath.net / idea) Susanne Geske, Witwe des bei einem Überfall auf einen christlichen Verlag im türkischen Malatya ermordeten Deutschen Tilman Geske (45), hat den Mördern vergeben.

In einem Interview mit dem türkischen Fernsehsender ATV wählte sie dazu ein Wort, das Jesus Christus über seine Peiniger am Kreuz gesagt hatte: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die Mutter von drei Kindern im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren fügte hinzu: „Ich habe keinerlei Rachegedanken.“ Dem Sender zufolge will die Frau, die seit rund zehn Jahren in der Türkei lebt, in Malatya bleiben. Ihr Mann, der als Übersetzer mit dem Bibelverlag „Zirve“ zusammenarbeitete, soll in der Stadt beigesetzt werden.

Susanne Geske zeigte sich zuversichtlich, dass die Morde von Malatya für die Türkei einen Neuanfang im Miteinander von Christen und Muslimen markieren. Wie es aus ihrem Umfeld hieß, hätten viele befreundete Muslime ihr und den Angehörigen der anderen Opfer des brutalen Überfalls kondoliert und ihre Abscheu über das Verbrechen bekundet.

Opfer wurden gefoltert: 156 Messerstiche

In der südosttürkischen Stadt Malatya waren am 18. April drei Mitarbeiter des Bibelverlags ermordet worden. Neben dem Deutschen starben auch die beiden Türken Necati Aydin (35) und Ugur Yüksel (32). Entgegen ersten Angaben wurde den Opfern nicht nur die Kehle durchschnitten, sondern sie wurden auch gefoltert. Presseberichten zufolge soll Geskes Leiche 156 Messerstiche aufgewiesen haben. An Yüksels Leiche seien Stichwunden an den Geschlechtsteilen und tiefe Wunden an den Fingern festgestellt worden. Zur Tat haben sich vier junge Männer bekannt, die von der Polizei verhaftet wurden.

Ein fünfter Täter verletzte sich bei seiner Flucht vor der Polizei schwer. Inzwischen hat die Polizei fünf weitere Verdächtigte verhaftet. Die muslimischen Täter bekannten, sie hätten die Christen aus religiösen und nationalistischen Gründen ermordet.

Christen unter Polizeischutz

Für die christliche Minderheit in der Türkei ist das Blutbad keine Überraschung. „Es war nur eine Frage der Zeit“, meinte der Pastor einer kleinen protestantischen Gemeinde im Norden des Landes gegenüber idea. Christen in der Türkei erhielten oft Morddrohungen.

Fensterscheiben von Privatwohnungen und Versammlungsstätten würden eingeschmissen. Wer aber die „Auferstehungskraft“ erlebt habe, dem machten diese Drohungen keine Angst. Der Pastor hat nach dem Mord eine neue Offenheit in der Bevölkerung an Fragen des christlichen Glaubens gestellt.

Auch mit islamischen Geistlichen habe er in den letzten beiden Tagen sehr offen über den christlichen Glauben sprechen können. Die Behörden nehmen nach seinen Beobachtungen nun die Drohungen ernster als früher.

Einige ihm bekannte Christen hätten Leibwächter zugeteilt bekomme. Er lehne diese Form des Schutzes aber ab, weil sie in der Bewegungsfreiheit hindere. Nach Angaben des Vorstehers der Siebenten-Tags-Adventisten, Erkin Altinkaynak (Istanbul), wird das adventistische Gemeindezentrum in Istanbul von der Polizei rund um die Uhr bewacht. In der Türkei leben etwa 120.000 Christen, darunter etwas 4.000 Evangelikale.

Hexenjagd auf Christen

Unterdessen haben Vertreter der protestantischen Minderheit schwere Vorwürfe gegen die türkischen Behörden erhoben. Der Staat, die Parteien und die Medien schürten eine Atmosphäre des Hasses gegen Christen und hetzten die Bevölkerung gegen christliche Missionare auf.

„Christen werden als potenzielle Kriminelle, Separatisten und Landesverräter dargestellt“, kritisierte Bedri Peker, der Präsident des Bundes der Protestantischen Kirchen in der Türkei in einer Pressekonferenz. Peker erklärte ferner, dass Missionar zu sein, nichts anderes bedeute, „als unseren Glauben vorstellen zu wollen.“

Der Vorsitzende des Vereins protestantischer Freikirchen, Ihsan Özbek (Ankara), sprach von einer Hexenjagd und mittelalterlichen Verhältnissen. Die seit vielen Jahren gestreute Saat der Intoleranz, des Rassismus und der Christenfeindlichkeit gehe jetzt auf.

Weltweite Evangelische Allianz ruft zum Gebet auf

Der Vorsitzende der Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Pfarrer Johan Candelin (Helsinki), ist unterdessen in die Türkei geflogen, um den Opfern der Familien seelsorgerlich beizustehen.

Er hat die Christen in aller Welt dazu aufgerufen, für die Familienangehörigen der Opfer aber auch für die gesamte Türkei zu beten. Die Entwicklung in dem Land hält er für sehr gefährlich: „Die Türkei klopft an die Tür Europas, aber darüber ist niemand wirklich glücklich.“

Scharfe Kritik an Erdogan

Der Mord in Anatolien schlägt auch in Deutschland politische Wellen. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hat dazu aufgerufen, die Christenfeindlichkeit in der Türkei zu beenden. Der geistige Nährboden, auf dem Gewalttaten gedeihen, müsse trockengelegt werden: „Dazu zähle ich islamistische Propaganda gegen Christen ebenso wie den türkischen Nationalismus.“

Scharfe Kritik übte Kauder am türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Seine Äußerung während seines Deutschlandsbesuchs, dass religiöse Minderheiten in der Türkei mehr Rechte hätten als in Europa, sei „Hohn gegenüber Christen, die täglich unter Diskriminierung und Gewalt leiden.“

Islamisches Zentralinstitut entschuldigt sich für die Bluttat

Unterdessen hat das Islamische Zentralinstitut in Soest die Bluttat verurteilt und sich bei den Opfern dafür entschuldigt. Die Tat sei ein „abscheuliches und unentschuldbares Verbrechen“, heißt es in einer Erklärung.

Es müsse Angelegenheit aller Moslems sein, „gegen derartige Verbrechen aufzustehen, um ihre Solidarität mit der kleinen christlichen Minderheit in der Türkei zu bekunden“. In Istanbul protestierten rund 100 Menschen gegen die Morde von Malatya. Sie trugen Transparente mit der Aufschrift „Wir sind alle Christen“.



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