22 September 2006, 10:24
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Ist die Natürliche Empfängnisregelung auch in schwierigen Situationen lebbar? Interview mit Elisabeth Rötzer - Teil 4 der KATH.NET-Serie über natürliche Empfängnisregelung.

München (www.kath.net) Die Natürliche Empfängnisregelung (NER) nach Rötzer hat viele Vorzüge. Aber was ist, wenn es wirklich schwierig wird? Dorothea Treder sprach mit Elisabeth Rötzer, der Tochter des Begründers der NER-Rötzer, Professor Josef Rötzer. Sie hat die Entwicklung der NER und zahlreicher Paare mit der Methode mitverfolgt.

KATH.NET: Kommen wir doch zu den Dingen, die manche als schwierig erleben: Die NER ist ja ganz schön für die Frau, sagen manche. Der Mann muss sich allerdings – weil er biologisch so anders gestrickt ist als die Frau – ganz schön quälen…

Rötzer: Gerne lasse ich diese Frage von einem Mann beantworten. Hubert Weißenbach erstellte 2005 eine Broschüre mit dem Titel: „Natürliche Empfängnisregelung nach Prof. Dr. Josef Rötzer. Die moderne Alternative – für einen Mann wie mich“. In seinem Erfahrungsbericht kommt er auch zu der von Ihnen gestellten Frage „Komme ich als Mann zu kurz?“

Hier ein Ausschnitt aus seiner Antwort: „Nein, auf keinen Fall. Dadurch, dass ich in den Fruchtbarkeitszyklus von uns beiden voll miteinbezogen bin und ich es sehr schätze, dass mich meine Frau daran teilhaben lässt, nehme ich die enthaltsamen Tage gern auf mich. Dadurch kann ich meine Frau und mich von den Belastungen durch die Verhütungsmittel fernhalten. Ich fühle mich durch meine freiwillige Enthaltsamkeit noch ein Bisschen mehr als „starker Mann“. Diese Stärke bleibt auch meiner Frau nicht verborgen.“

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KATH.NET: Ist es immer der Mann, der sich in Sachen Sexualität auf den anderen einstellen und zurückstecken muss?

Rötzer: Es ist nicht immer so, dass sich der Mann auf die Frau einstellen und zurückstecken muss. Viele, gerade auch junge Ehepaare, gehen diesen Weg gemeinsam, getragen von viel Liebe und Respekt voreinander. Aber Sie haben Recht, Mann und Frau sind verschieden - aber einander ebenbürtig. Mann und Frau ordnen sich der von Gott geschenkten Ordnung der Fruchtbarkeit unter, auch die Frau „erzeugt“ ja nicht ihren Zyklus, auch sie muss damit umgehen lernen. Und das ist nicht immer einfach. Das Annehmen von fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen, das Leben in diesem Rhythmus von fruchtbarer und unfruchtbarer Zeit, kann auch der Frau viel abverlangen. Es kann für sie einfach einige Zeit notwendig werden, bis sie vertraut ist mit dem, was da in ihrem Körper vor sich geht.

KATH.NET: Wie überbrückt ein Paar, das nach der NER lebt, denn die „Wartezeiten“?

Rötzer: Wenn die Form des geschlechtlichen „Ein-Fleisch-Werdens“ nicht immer gegeben sein kann, da ein Kind nicht verantwortet werden kann, dann soll dies dazu führen, dass das Paar für sich Zeichen und Gebärden sucht, die konkret die Liebe ausdrücken, und so kann gerade diese „enthaltsame“ Zeit dazu führen, die Vielfalt der Ausdrucksformen der ehelichen Liebe zu entdecken - wie Gespräch, gemeinsame Interessen, verschiedenste Unternehmungen und vieles andere mehr.

Als Ehepaar hat man auch Zugang zu vielen Formen der Zärtlichkeit, die helfen, diese Zeit gut zu durchleben! Wir verwenden dafür sehr gerne auch den Begriff von der „Zärtlichkeit des Alltags“, oder von der „absichtslosen Zärtlichkeit“. Denn die "enthaltsame" Zeit ist ja keine "lieblose" Zeit, sondern soll umgekehrt Ansporn dafür sein, dass sich das betreffende Paar in schöpferischer Weise damit auseinandersetzt, wie es sich gegenseitig die Liebe zeigen kann.

KATH.NET: Welche – psychischen, physischen – Voraussetzungen braucht es denn, damit die NER funktioniert?

Rötzer: Die Lebensweise der NER benötigt keine besonderen Voraussetzungen, denn im Grunde genommen ist es ein einfacher Weg, wenn der Mensch nur bereit ist, hinzuhören, was im Körper der Frau vor sich geht. Zutiefst berührt hat mich ein Brief einer jungen Frau, die als Kind sexuell missbraucht worden ist, und die das Leben mit der NER als Stück des Heilwerdens als Frau erleben darf. Mit Staunen und Freude verfolgt sie Zyklus für Zyklus, wie sie selbst die fruchtbare Zeit erkennen und auswerten kann, ja, wie sie sich auf ihre eigenen Beobachtungen verlassen darf und wie sie gemeinsam mit ihrem Mann diesen Weg in Verantwortung leben darf.

KATH.NET: Was kann die Frau tun, wenn die Frau mit dieser Methode leben will, der Mann aber das Warten nicht hinnehmen will? Wie kann das Paar eine gemeinsame Linie finden?

Rötzer: Bevor ich auf Ihre Frage eingehe, möchte ich einen wichtigen Gedanken vorausschicken: Wir ermutigen jede Frau, ihren Zyklus zu beobachten und kennen zu lernen, unabhängig davon, ob sie dieses Wissen zur Empfängnisregelung benötigt oder nicht. Denn mein persönlicher Zyklus gehört zu mir als Frau dazu, zu meinem Person-Sein, und das bewusste Leben mit diesem Zyklus ist daher für sich bereits ein wertvoller Gewinn für mein Frau-Sein.

Nun aber zu Ihrer Frage: In der Kleinschrift „In der Familie – allein im Glauben“ ist ein ermutigender Brief einer betroffenen Frau enthalten, die unter anderem Folgendes schreibt. „Vor Jahren wurde mir die Lebensweise der Natürlichen Empfängnisregelung (NER) an einem Nachmittag von einer Freundin erklärt. Ich kam voll Begeisterung heim und erzählte: ,Jetzt weiß ich, das ist etwas für uns, jetzt habe ich etwas begriffen.’

Mein Mann wurde im Sessel immer länger. Totale Ablehnung. ,Du meinst, ich soll mich da ganz nach Dir und Deinem Kalender richten?’ Mein Mann hatte Aggressionen, ich war beleidigt und fühlte mich unverstanden. Es begann ein jahrelanger Weg für uns beide. In Abständen, wenn sich die Gelegenheit bot, sprach ich immer wieder darüber. Zeitweise war unsere Beziehung deswegen sehr belastet.

Ich glaubte von etwas zu wissen, wie wir unsere Sexualität vertiefen könnten, wenn wir bewusst mit unserer Fruchtbarkeit umgehen. Der Gedanke, was für uns Sexualität sein könnte, und was wir zusammen daraus machten, war schmerzlich und ich kämpfte mit Enttäuschungen. Nach acht Jahren kam das entscheidende Wort von meinem Mann: ,Ja, wir versuchen es.’“

KATH.NET: Was ist dann daraus geworden?

Rötzer: Sie haben es dann bis durch die Wechseljahre hindurch gelebt, das gesamte fruchtbare Leben. Den Mann hat die Methode überzeugt – weil sie funktioniert und weil sie die Beziehung befruchtet.

KATH.NET: Frauen, die einen sehr kurzen Zyklus haben, klagen, dass ihnen nicht mehr viele Tage bleiben, wo sie sicher sein können, dass sie nicht schwanger werden. Was sagen Sie ihnen?

Rötzer: Da darf ich ganz humorvoll sagen: Frauen mit einem kurzen Zyklus haben auf das ganze Jahr hin gesehen, mehr sicher unfruchtbare Tage als Frauen mit längeren Zyklen. Warum? Ganz einfach deswegen, weil sie öfter eine Temperaturhochlage erleben. Und das bedeutet wiederum: Da ja am Zyklusbeginn nie hundertprozentige Zuverlässigkeit erreicht werden kann, aber in der ausgeprägten Temperaturhochlage sehr wohl, erleben diese Frauen öfter eine sicher unfruchtbare Zeit.

KATH.NET: Wie steht es mit Frauen, die einen unregelmäßigen Zyklus haben: Können die sich auf NER verlassen?

Rötzer: Gerade für Frauen mit einem unregelmäßigen Zyklus ist es sehr wertvoll, wenn sie ihren Zyklus kennen lernen. Denn mit Hilfe der täglichen Beobachtung und der Messung der Aufwachtemperatur tritt oft das Phänomen auf, dass allein durch das genaue Beobachten der Zyklus regelmäßiger wird. Es gibt auch ganz konkrete und einfache Ratschläge, wie die Frau selbst dazu betragen kann, damit der Zyklus regelmäßiger wird, wie zum Beispiel: auf ausgewogene Ernährung achten, Schlafen im dunklen Zimmer und vieles andere mehr.

Bei jenen Frauen, bei denen der Zyklus auch unter der Beobachtung unregelmäßig bleibt, bieten die konkreten Zyklusaufzeichnungen die notwendige Grundlage für eine Diagnose und zielgerichtete Therapie. Wie für andere Themenbereiche haben wir auch für die Situation des unregelmäßigen Zyklus Merkblätter zusammengestellt, die wir gerne weitergeben.

KATH.NET: Dann gibt es welche, die klagen: „Gerade dann, wenn es am Schönsten ist, dürfen wir nicht.“ Sie haben ein besseres, schöneres Empfinden, wenn sie fruchtbar sind – und da dürfen sie nicht… Was sagen Sie denen?

Rötzer: Zunächst ist es ganz wichtig, diese Aussage ganz ernst zu nehmen und darauf einzugehen und mit dem Paar darüber zu sprechen. Dazu gehört auch die Erklärung, dass es keine bestimmte Zeit im Zyklus gibt, in der die Lust größer wäre. Untersuchungsreihen mit Frauen, die nicht um die fruchtbare und unfruchtbare Zeit wussten, ergab keine Konzentration der höchsten Lust zur möglichen fruchtbaren Zeit. Vielmehr verteilte es sich über den gesamten Zyklus, leicht „erhöht“ etwa um die Tage der Regelblutung.

KATH.NET: Ja, aber was machen jene, die es gerade „trifft“?

Rötzer: Das Wissen, dass diese eigene Erfahrung kein Naturgesetz ist, und dass es nicht von der Hormonlage der Frau abhängt, ob sie ein schönes Empfinden erlebt oder nicht, allein dieses Wissen ist schon ein erster Schritt zum bewussteren Umgang mit dieser Empfindung. Ein weiterer Schritt wäre der, die Phantasie walten zu lassen, wie man gemeinsam diese fruchtbare Zeit durchleben kann, wie man mit Einfühlungsvermögen die Tage des Einswerdens in der sicher unfruchtbaren Zeit vorbereitet, um sich dann in der unfruchtbaren Zeit voll schenken zu dürfen. So kann dieser Wechsel des Wartens und des Erfüllens in jedem Zyklus eine Erfahrung werden, vergleichbar vielleicht dem Erleben der Brautzeit und der Hochzeit.

Das Unabhängigsein von der Hormonlage der Frau in Bezug auf die Freude am körperlichen Einswerden ist eine ganz wesentliche Erkenntnis, denn auch die Frauen in den Wechseljahren, die ja diese „fruchtbare“ Zeit nicht mehr erleben, bezeugen, wie schön und intensiv das Einswerden bleibt, ja sogar vertieft erlebt werden kann. Darf ich zu diesem Thema auch noch ein paar Gedanken einer erfahrenen NER-Kursleiterin weitergeben, die uns sagt: „Sexualität hat zunächst viel mit dem Kopf zu tun. NER heißt: ganz bewusster Umgang mit der Fruchtbarkeit. Es ist das Wissen: In der fruchtbaren Zeit könnten wir ein Kind empfangen, wenn wir das nicht verantworten können oder wollen, ist dies auch eine bewusste und freiwillige Entscheidung von uns beiden. Im Alltag ist es wichtig, Abende in der unfruchtbaren Zeit als ,Zeit zu Zweit’ freizuhalten...“

KATH.NET: Eine oft gestellte Frage, auch in christlichen Kreisen: Was tut ein Paar, das bereits mehrere Kinder hat und beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen keines mehr verantworten kann? Manche verzweifeln und suchen dann nach anderen Wegen, weil sie meinen, die Methode ist in ihrem Zustand nicht lebbar. Was sagen Sie solchen Paaren?

Rötzer: Bei den Beratungen von Ehepaaren, bei denen eine Schwangerschaft aus lebenswichtigen Gründen nicht verantwortet werden kann, bin ich sehr dankbar, wissen zu dürfen, dass es im Zyklusgeschehen der Frau eine sicher unfruchtbare Zeit gibt – eine Zeit, in der hundertprozentig keine Empfängnis eintreten kann und die mit ganz exakten Auswertungsregeln bestimmt werden kann. Wir dürfen diese Ehepaare beraten, und von ihnen kommt die dankbare Aussage über „das Geschenk der sicher unfruchtbaren Zeit im Zyklus der Frau“. Kein Verhütungsmittel erreicht diese Zuverlässigkeit.







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