28 Dezember 2005, 12:18
Die Heilige Messe und liturgische Missbräuche
 
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"Manche Bischöfe schweigen lieber, als sich sagen zu lassen, sie seien kleinlich; oder sie resignieren und lassen den liturgischen Ungehorsam mehr oder weniger laufen" - Ein Kommentar von Weihbischof Andreas Laun (Salzburg)

"Die heilige Messe ist das Wichtigste, was wir haben. Ihr könnt es noch nicht verstehen, aber später werdet ihr es begreifen." So lehrte eine alte Ursuline die ihr anvertrauten Kinder vor knappen hundert Jahren. Meine Mutter war eines dieser Kinder und sie hat diese Lehre ihrer Katechetin noch im hohen Alter befolgt, indem sie täglich zur heiligen Messe ging, solange sie noch konnte.

Ich bin kein wissenschaftlicher Liturge, aber ich feiere seit 1967 täglich die heilige Messe. Was das Verstehen dessen, was ich da tue, betrifft, bin und bleibe ich ein Pilger. Noch immer stehe ich "am Anfang" und mein Weg ins Geheimnis hinein wird nie zu Ende sein.

Was ist die heilige Messe? Die Eucharistie ist, sagt die Kirche, die "Quelle und Höhepunkt" all ihres Tuns, das Größte, was sie besitzt, etwas Einzigartiges, der "Kern" ihres eigenen Geheimnisses (Johannes Paul II. in "Ecclesia de eucharistia" Nr.1). Mit Blick auf die anderen Religionen, könnte man sagen: Der Unterschied zwischen ihnen und der katholischen Kirche (zusammen mit der Orthodoxie) ist: Die Kirche ist die Religion mit der heiligen Messe; keine andere Religion hat etwas, was sich damit vergleichen ließe. Nur das Judentum nimmt mit seinem Passah-Fest eine Sonderstellung ein und ist als Wurzel, aus der die Kirche hervorging, nicht einfach eine "andere Religion".

Warum ist die Messe "Quelle und Höhepunkt"? Deswegen, weil in ihr jene Ereignisse gegenwärtig werden, von denen die Erneuerung und Rettung der Welt ausgeht. Das Geheimnis ist: Auch die "gewöhnlichste" stille Eucharistiefeier ist das schlechthin Außergewöhnlichste, das sich denken lässt, sie ist die Öffnung des Himmels, in den die Mitfeiernden - zwar noch verborgen, aber dennoch wirklich - eintreten, es ist Gemeinschaft mit Gott selbst und mit Seinen Heiligen. Die heilige Messe ist Hochzeitfeier, die niemals endet. In ihr wird über Gott nicht nur nachgedacht, sondern Gott ist der Jahwe, der, der "da" ist, der Emmanuel, der "Gott mit uns". Zu sagen, Eucharistie sei Erinnerung an das, was geschah, wäre zu wenig, denn in ihr dauert das Wunder aller Wunder geheimnisvoll weiter: Das Wort ist Fleisch geworden und hört nicht auf, in der Gestalt des Brotes unter uns gegenwärtig zu sein - das Wort selbst, buchstäblich "leibhaftig" und keineswegs nur als Gedanke. Das ist der Kern der Liturgie und darum ist die das "Höchste", was sich denken lässt, darum ist sie uns so heilig, und darum fällt auch dem Papst auf seinen Reisen "auch nichts Besseres ein", als eine Messe zu feiern - weil es nichts Besseres auf Erden gibt und auch nicht geben kann.

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Gefeiert wird die heilige Eucharistie wie durch ein heiliges "Spiel" mit Worten und Gesten. Die Gläubigen wollen so reden und sich so benehmen, wie es sich in Gottes Gegenwart geziemt - nicht "so, wie wenn Er gegenwärtig wäre", sondern wir benehmen uns "so, weil Gott Gegenwart ist, Wirklichkeit mitten uns." Messe feiern ist "Hochzeit des Lammes", wir sind die Festgäste und zugleich die "Braut", weil wir Kirche sind.

Wie soll also Liturgie gefeiert werden? So, dass sie diesem Geheimnis entspricht, so gut wie irgend möglich: Darum die Gewänder, darum die Kelche in Gold und Silber, darum der Weihrauch und die Kerzen, darum all die Schönheit der Kirchen, der Gesang und darum vor allem auch die liturgische Körpersprache mit all ihren Zeichen und Gebärden. Dem Heiligsten gebührt die Liturgie, die ihm, dem Heiligsten, entspricht.

Wenn wir nachdenken darüber, wie unsere Liturgie zu gestalten ist, müssen wir uns verhalten wie ein Ikonenmaler, der betet, während er malt: Unser Reden und Denken über Liturgie kann nur richtig sein in einem Blick, der unverwandt auf das Mysterium gerichtet ist.

Wenn die rechte Feier der Liturgie solche Ansprüche stellt, kann dann Liturgie nicht nur im Himmel gefeiert werden, weil alle irdische Liturgie niemals entsprechen kann? Nein, denn Gott ist Mensch geworden, Er ist hinein gestiegen in die menschliche und allzu menschliche Geschichte. Er hat gewusst, wer wir Menschen sind, und dennoch hat Er zu uns gesagt: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Er hat die heilige Messe uns, Seinen geliebten Sündern, anvertraut, wohl wissend, wie fehlerhaft unser Umgang auch mit diesem Seinem Leib und Blut sein wird.

So ist es! Aber diese Erkenntnis darf kein Freibrief für liturgische Schlamperei oder Willkür sein, sondern umgekehrt: sie spornt uns an, in der Feier der Liturgie unser Bestes zu geben, um die "Hochzeit des Lammes würdig zu feiern, angetan mit "hochzeitlichen Gewändern" und "brennenden Kerzen".

Weil das so ist, bedarf die Liturgie, besonders die Liturgie der heiligen Messe, dringend einer Reform. Ich denke jetzt nicht an jene Reform, durch die der Ritus von der Kirche selbst wieder verändert wird, obwohl ich auch von dem Sinn, ja der Notwendigkeit einer "Reform der Reform" (J. Ratzinger) überzeugt bin. An dieser Stelle will ich auch nur wenig über die schweren liturgischen Missbräuche sprechen, angesichts derer man sagen muss: Der Rauch des Satans, den Paul VI. im Inneren der Kirche zu "riechen" begann, hat sich da und dort auch mit dem Weihrauch im Allerheiligsten der Kirche zu vermischen begonnen, er verwirrt und berauscht wie alles beim "Vater der Lüge". Thema dieser Überlegungen sollen vielmehr jene vielen "kleineren" Missstände sein, denen ich in den letzten Jahren immer häufiger begegne oder die mir verlässliche Zeugen berichtet haben.

Was sind "schwere liturgische Missbräuche"? Solche liegen vor, wenn das Heiligste und das Innerste der heiligen Messe angegriffen wird oder, was heute besonders häufig geschieht, sich Laien priesterliche Funktionen anmaßen. Als ob die eigentliche priesterliche Würde aller Christen nicht das Geschenk der Taufe wäre und vor allem in der Mitfeier der Eucharistie bestünde, nicht darin, den priesterlichen Dienst zu tun! "Schwerer Missbrauch" ist es,

- wenn die heilige Kommunion auch an Buddhisten und andere Nicht-Christen ausgeteilt wird;
- wenn Pastoralassistenten oder evangelische Amtsträger, also auf jeden Fall "Laien", "konzelebrieren", indem sie z.B. das Hochgebet mitbeten, Teile davon vortragen oder sogar die Wandlungsworte mitsprechen;
- wenn der Priester statt des Evangeliums eine profane Geschichte vorliest;
- wenn die Messe als "Event", mit Rockmusik und Lichtorgeln, "gestaltet" wird;
- wenn man "Tiermessen" mit möglichst vielen Tieren in der Kirche "feiert";
- wenn die Gemeinde in der Messe nicht mehr Tod und Auferstehung Jesu Christi feiert, sondern "sich selbst". Dieser Missbrauch unterläuft besonders leicht die Wahrnehmung des Gewissens und ist dennoch schwerwiegend;
- wenn der Mesner sagt, falls der Priester nicht kommen sollte, werde er selbst die Palmsonntag-Liturgie halten, wenigstens bis kurz vor der Wandlung;
- wenn der Pfarrer hinter dem Rücken des Bischofs während der heiligen Kommunion Brotstücke an jene Kinder verteilt, die noch nicht bei der ersten heiligen Kommunion waren.

Alle diese Missbräuche geben Grund zur Besorgnis. Dennoch sind auch die kleineren Abweichungen und Eigenmächtigkeiten nicht ungefährlich, sie bereiten der großen liturgischen Verwirrung den Weg und schläfern das liturgische Gewissen ein. Auch wenn manche Abweichungen in sich betrachtet harmlos sind, in Summe tragen auch sie zu der schlechten Entwicklung bei. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich fragen und berichten:

- Wer hat angeordnet, eine liturgische Farbe abzuschaffen? Schwarze Messgewänder sind mittlerweile aus vielen Sakristei-Schränken verschwunden, auf Nachfrage hin holt sie der Mesner, wenn es gut geht, vom Dachboden oder er teilt mit, dass er sie nicht mehr finden könne. Zur ideologischen Begründung heißt es, man wolle auf die Gefühle der trauernden Angehörigen Rücksicht nehmen, denen man das "düstere Schwarz" nicht zumuten wolle. Eigenartig, die Leute selbst tragen zum Zeichen der Trauer nach wie vor schwarz und nicht violett.

- Unverständlich ist auch die Allergie vieler Priester gegenüber den schönen alten Messgewändern. Lieber tragen sie irgendeine unschöne Mantelalbe (mit den meist halb ausgerissenen Druckknöpfen), als dass sie eine "Bassgeige", wie sie verächtlich anmerken, nehmen würden.

- Nicht nur bei den Gewändern, auch bei den liturgischen Geräten und Büchern scheint die Frage der Schönheit kein Kriterium mehr zu sein. Bücher sind oft abgenützt und verschmuddelt, und in den meisten Kirchen stehen neben herrlichen alten Kelchen billige, notdürftig vergoldete Hostienschalen. Natürlich, wirklich schöne Schalen kosten auch mehr, aber ist es wirklich nur das fehlende Geld, das die Gemeinde an der Anschaffung würdiger oder gar ebenbürtiger Schalen hindert?

- Zum Thema Schönheit gehört auch die Kraft der Sprache, der Bilder und Gesten. Wie man in den 70er Jahren des 20. Jahrhundert gemeint hat, vor allem nüchtern, farblos, eintönig bauen zu müssen, so denken auch heute noch manche Leute bezüglich der Liturgie. Ein Beispiel für das Gemeinte: "Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst." Dieser Satz berührt die Menschen in ihren Gefühlen, in ihrer Fantasie, in ihrer Erinnerung an die Toten und den Tod. Ihn mit dem sprachlich viel blasseren Aufruf zur Bekehrung zu ersetzen, ist "dogmatisch" möglich, aber pastoral gesehen ein Unglück. Ein Beispiel für die Gestik: Am Beginn der Karfreitags-Liturgie streckt sich der Priester auf dem Boden aus und verharrt eine kurze Zeit wortlos in dieser Stellung. Manche wollen diese große Geste durch bloßes Knien ersetzen. Aber das Prinzip: "So einfach, grau und unauffällig wie möglich", ist kein guter Berater für eine kraftvolle, katholische Liturgie.

- Auch die Musik ist ein wichtiges Thema. Natürlich ist es schön und gut, wenn z.B. Jugendliche auf ihre Weise singen und spielen. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere lautet: Nicht jede Musik passt für jedwedes Ereignis. Auch in der profanen Welt unterscheidet man zwischen Unterhaltungsmusik, Ballmusik oder Trauermusik. Aber es gibt auch Musik, die für die Liturgie geeignet ist, und solche, die es nicht ist.

- Manche Priester tragen bei der heiligen Messe demonstrativ keine Stola, um so ihre "Solidarität" mit den Pastoralassistenten zum Ausdruck zu bringen. Wenn diese selbst mit einer Albe bekleidet auftreten, trifft man sich sozusagen "in der Mitte": Wenigstens dem Erscheinungsbild nach, so lässt sich die Botschaft lesen, sind Priester und Laien damit "gleich" und "dasselbe" - und sind es eben doch nicht!

- In den Gebeten und sonstigen Texten für die Verstorbenen tauchen bestimmte Begriffe nicht mehr auf: Man hört nichts mehr von den "Seelen" der Verstorbenen, die Gefahr der Hölle scheint es nicht zu geben und auch vom Fegefeuer wissen diese Texte nichts mehr. Folgerichtig feiert man "Auferstehungs-Gottesdienste" und singt Osterlieder. Der Glaube an die Auferstehung gehört dazu, natürlich, aber nicht die Heiligsprechung der Verstorbenen. Und wozu eigentlich für Verstorbene beten, wenn es den Ort der Reinigung nicht gibt?

- Bei der Doxologie am Ende der Gebete sagen viele Priester statt "durch unseren Herrn" lieber "durch unseren Bruder" oder "durch unseren Herrn und Bruder"... Nicht ganz falsch, aber doch auch nur die halbe Wahrheit, die Schrift spricht vor allem von unserem "Herrn", "Meister" und "Lehrer".

- Immer wieder predigen Laien. Andere, die sich noch in der Ausbildung befinden, werden gezwungen, ebenfalls in der heiligen Messe zu predigen. Um zu lernen, was sie nie brauchen sollten? Oder sollen sie sich an den Ungehorsam von Anfang an gewöhnen?

- Auch zu den Predigten der Priester und Diakone ist ein Wort zu sagen: Nicht immer scheint es klar zu sein, was ihre Aufgabe ist. Sie sollen nämlich das Wort Gottes und Lehre der Kirche verkünden, sogar wenn sie selbst eine Schwierigkeit damit haben, und nicht im Namen einer missbrauchten "Ehrlichkeit" ihre eigenen Ideen, sogar dann nicht, wenn diese der Wahrheit entsprechen sollten.

- Eine andere Einfallspforte für falsche Ideologien sind die Fürbitten, die man ja "selbst schreiben darf". Um was da nicht alles gebetet werden soll! Ein Beispiel nur: Während vorne jemand die Gläubigen einlädt, um die Verwirklichung ihrer "Kirchenträume" zu beten, übersehen die Beter sehr leicht die massive Kritik, die der so "Träumende" gerade durch seine Wachträume an der Kirche übt. Einmal erlebte ich eine Fürbitte, in der wir alle um die Einsicht der römischen Behörden in irgendeinem Streitfall beten sollten, von dem keiner der Betenden etwas Genaues wissen konnte - klar war nur, dass Rom im Unrecht ist.

- In vielen Kirchen ist das Kelchvelum verschwunden, ohne dass jemand sagen könnte, wer es abgeschafft habe und warum. Man hört nur, es sei ohnehin unnütz und so sei alles praktischer. Auf die Idee, dass das Kelchvelum auch in der lateinischen Liturgie ähnlich der östlichen einen spirituellen Sinn haben könnte, kommt niemand, so scheint es; abgesehen davon, dass die Kelche ohne Velum wie mangelhaft bekleidet ausschauen.

- Immer wieder glauben Priester, ein "spontan" erfundenes Hochgebet sei besser, wärmer, menschlicher, ansprechender als eines der im Messbuch vorgegebenen. Jeder, der das erlebt hat, weiß: Die "spontanen" Texte werden dabei immer länger, und ihr theologisches und sprachliches Niveau sinkt und sinkt. Außerdem fallen auch solche Priester nur allzu schnell in die Wiederholung dessen, was sie schon oft "frei formuliert" haben. Warum hält man sich nicht einfach "im Gehorsam" an die Liturgie der Kirche (Bischof Mixa)? Das Schlimmste ist: Priester, die das machen, zwingen allen anderen Gläubigen und Konzelebranten ihre allzu subjektive Theologie und ihren Geschmack auf. Die liturgische "Freiheit", die sich der eine nimmt, ist die Unterdrückung aller anderen. Es ist, wie mit einem schlecht passenden Schuh: Damit geht man nicht weit, weil es mit der Zeit immer mehr und mehr weh tut!

- In vielen Kirchen wird die große Doxologie am Ende des Kanon von allen mitgebetet, und Priester, die das wieder richtig stellen wollen, beißen auf Granit. Das ist unsere besondere liturgische Ordnung, heißt es dann, mit dem Unterton: Wenn du bei uns zelebrieren willst, hast du dich an unsere Ordnung zu halten.

- Manche Priester beten aus unerfindlichen Gründen das "Vater unser" mit gefalteten Händen, aber nicht in der schönen liturgischen Oranten-Haltung der ausgebreiteten Arme. Das halten sie, so hört man, für modern. Aber ist Modernität eigentlich eine Kategorie der Liturgie?

- Die biblisch bezeugte Kniebeuge vor dem Allerheiligsten wird immer seltener. Wenn zum Beispiel der Priester zum Ambo geht: Warum macht er nicht vor dem Allerheiligsten - das sich in den meisten Kirchen am Hochaltar befindet - eine Kniebeuge? Oder: Während etwa der Diakon das Allerheiligste zurückstellt, könnte der Priester und seine Assistenz stehend zum Tabernakel gewandt verharren und vor dem Schließen der Tabernakeltüren gleichzeitig mit dem Diakon eine Kniebeuge machen.

- Der Friedensgruß wird gegen seinen tiefen Sinn so ausufernd und so "herzlich" gegeben, als ob es sich um den Beginn eines Klassentreffens handelte. Natürlich ist es im Anschluss daran schwer, sofort wieder in die Haltung der Andacht und Anbetung zurückzufinden. Erzbischof Eder empfahl, man sollte immer nur dem unmittelbaren Nachbarn den Friedensgruß geben. Noch besser wäre es wohl, den Friedensgruß an einen anderen Ort der Eucharistiefeier zu verlegen, wie dies ja auch von manchen gefordert wird, um die Sammlung vor der heiligen Kommunion nicht zu unterbrechen. Und unter den Konzelebranten wäre es wünschenswert, sie blieben bei der liturgischen Umarmung statt des liturgisch wenig passenden Händedrucks.

- Beim Austeilen der heiligen Kommunion bleiben sogar bei Festmessen mehr und mehr Bischöfe, Priester und Diakone sitzen, während Laien die heilige Kommunion aus dem Tabernakel holen und auch austeilen. Das widerspricht eindeutig der kirchlichen Ordnung. Zudem: Abmachungen sind einzuhalten, und abgemacht war, dass Laien in Notfällen zur Hilfe zugezogen werden können. Vom Ersetzen des Priesters oder Diakons war nie die Rede.

- Wird die heilige Kommunion unter beiden Gestalten ausgeteilt, erlebt man immer wieder: Die Gläubigen nehmen den Leib des Herrn und tauchen ihn in den Kelch ein. Dazu zwei kritische Fragen: Warum darf sich der Diakon den Kelch nicht selbst nehmen, wenn der Laie sich das Blut Christi selbst nehmen darf? Und: Wie will man vermeiden, dass ab und zu der Ungeübte die Finger in das Blut des Herrn taucht und zudem auf dem Weg zwischen Kelch und Mund Tropfen von der Hostie zur Erde fallen lässt? Warum dieses Risiko eingehen, wenn der Priester es viel besser kann? Oder gilt bei bestimmten Leuten das "Empfangen" des Leibes Christi statt des "Nehmens" als Beeinträchtigung ihrer Mündigkeit?

- Eine evangelische Christin erzählte mir, wie sie entsetzt aus der Kirche floh, weil der evangelische Pastor beim Abendmahl normales Brot vom Bäcker nebenan verwendete. Ähnliche Vorkommnisse gibt es leider bei den Katholiken auch. Erst kürzlich hörte ich von einem Priester, der einen Brotleib auf den Altar legte, ihn vor der Wandlung noch in Stücke brach und diese dann an die umstehenden Gläubigen verteilte. Am Ende der Messe blieb der Altar mit Bröseln übersät.

- Bei der Entlassung am Ende der Messe hört man verschiedene Formeln: "Geht hin und bringt den Frieden", zum Beispiel. Ohne Zweifel, ein schöner Wunsch. Nur - richtig ist es nicht. Denn die im Messbuch vorgesehene Formulierung lautet nicht nur anders, sie meint auch etwas anderes. Liturgische Formulierungen sind genau zu nehmen, weil sie genau auf das Geheimnis zielen. Es genügen kleine Veränderungen, um es zur verfehlen.

Zum Umgang mit der Liturgie passt das Sprichwort: "Bevor man eine Mauer abreißt, sollte man wissen, wozu sie gebaut wurde." Ich möchte es ergänzen: Die Entscheidung, welche Mauer man versetzen kann und welche nicht, können nur die Architekten fällen, im Gespräch mit allen Bewohnern des "liturgischen Hauses", das jemand "umbauen" will.

Mich beunruhigt auch zu sehen, wer die liturgische Ordnung nicht mehr ernst nimmt: Oft sind es Gläubige, die zu den katholischen "Kernschichten" gehören, und ihre Priester "gestalten" zusammen mit ihnen "ihre" Liturgie. Manche Bischöfe schweigen lieber, als sich sagen zu lassen, sie seien kleinlich; oder sie resignieren und lassen den liturgischen Ungehorsam mehr oder weniger laufen. Ihre Aufgabe ist auch deswegen in vielen Fällen geradezu unlösbar, weil die Betroffenen schon lange keine Vorstellung mehr davon haben, was mit dem Gehorsam gemeint war, den sie bei ihrer Weihe dem Bischof versprochen haben.

Ohne Zweifel haben die Missbräuche auch mit einem Mangel an Glauben zu tun. Wie sonst könnte man manche Streitigkeiten um die Mund- oder Handkommunion verstehen? Stünde im Hintergrund der unverkürzte Glaube der Kirche, würde die Auseinandersetzung anders verlaufen: Wie kann derjenige, der weiß, wen er hier empfängt, die Frage, wie er Ihn empfangen darf, zum großen Streitpunkt machen? Wie ist es möglich, dass ein "engagierter Laie" behauptet, es sei ein Skandal, weil der Priester, treu zu den Regeln der Kirche, ihm nicht erlaubte, die Hostie selbst in den Kelch zu tauchen? Wie ist es zu begreifen, dass man ein Dorf lieber ganz ohne Priester und Messe belässt als einem frommen, aber ängstlichen Priester zu erlauben, die Kommunion nur in der Form der Mundkommunion auszuteilen?

Wir brauchen dringend eine Reform der Liturgie, zuerst einmal die Reform der Rückkehr zur liturgischen Ordnung. Denn wenn die heilige Messe das "Höchste" ist, kommt der liturgischen Erneuerung die höchste Dringlichkeit für die Neuevangelisierung Europas zu. Und was bräuchte unser liebes Europa mehr als eben dies: die Rückkehr zu Christus? Wer soll diese Reform einleiten? Natürlich die Bischöfe, dazu gibt es sie.
(Aus "Kirche Heute")







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