11 April 2005, 21:09
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Zum Tod von Johannes Paul II - Ein Kommentar von Gabriele Kuby

Niemand, niemand hat das voraussehen können: Da walzen die Medien über Jahrzehnte den Glauben nieder, da "verraten wir" - so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz - "wegen unserer gutgemeinten Anpassungsfreudigkeit die unverwechselbare Stärke unseres Glaubens und seiner Grundsätze", eine spirituelle Wüste breitet sich aus, die einzudämmen menschenunmöglich scheint - und was geschieht? Der Papst stirbt, und die Welt läuft ihm in die Arme, die er 26 Jahre lang ausgebreitet hat. "Ich habe euch gesucht, und nun seid ihr zu mir gekommen", hat er gesagt, als die Menschen ihm in den Tagen seines Todeskampfes auf dem Petersplatz betend beistanden.

Drei bis vier Millionen überwiegend junge Menschen und 200 Herrscher aus 138 Ländern geben ihm am Freitag, den 8. April, die letzte Ehre. Es war die größte Beerdigung, die diese Erde je gesehen hat - auf Bildschirmen im fernsten Winkel.

Wer wurde beerdigt? Der Stellvertreter Christi. Nur er, nur dieser 264. Papst Johannes Paul II, konnte eine solch einigende Kraft entfalten. Schon beim zweiten Friedensgebet der Führer der Weltreligionen in Assisi im Jahre 2002 wandte sich der Rabbiner zu Johannes Paul und sagte: "Only you could do this", nämlich der Welt einen Vorgeschmack davon schenken, wie es sein wird, wenn sie sich in Christus eint.

Wie wird er wohl sterben, hatte ich mich gefragt, und war gespannt auf die himmlische Dramaturgie. Insbesondere in Deutschland gab es seit Jahren und bis kurz vor seinem Tod namhafte Stimmen, die gerne diese Regie übernommen hätten: Er solle doch endlich zurücktreten, dieser alte kranke Mann, dem gleichzeitig vorgeworfen wurde, er führe die Kirche autoritär und er führe sie nicht.

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Man wußte, daß sich dieser Papst ganz Maria geschenkt hat. "Totus Tuus" steht in seinem Wappen. Johannes Paul II gehörte derjenigen, die unter dem Kreuz steht. Zwei Stunden lang konnte die Welt dieses M unter dem Kreuz als einzige Verzierung seines Sarges betrachten, einer soliden Schreinerarbeit aus Zypressenholz. Darauf lag das Evangelium, nicht schwarz eingebunden, sondern rot, in der Farbe des heiligen Geistes, der weht, wo er will.

Niemanden hätte es gewundert, wenn sein Todestag auf den 15. August oder den 8. Dezember gefallen wäre. Fast ein bißchen enttäuschend, daß es ein 2. April war. Aber nur auf den ersten Blick. Maria ist dezent und praktisch. Der 2. April 2005 war der sogenannte Herz-Maria-Sühnesamstag, der auf die Erscheinung der Muttergottes in Fatima am jeweils 13. des Monats im Jahre 1917 zurückgeht. Seitdem ist die 13 ihre Zahl. Damals hatte Maria gefordert, an jedem ersten Samstag solle für die Bekehrung der Sünder gebetet werden. Zur Todesstunde des Heiligen Vaters war bereits die Vorabendmesse für den Barmherzigkeitssonntag gefeiert worden. Mit der Heiligsprechung der Schwester Faustine, deren Auftrag es war, unserer Zeit die unergründliche Barmherzigkeit Gottes neu zu verkünden, hatte Johannes Paul den Weißen Sonntag nach Ostern zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit erhoben. Die Botschaft seiner Todesstunde am Samstag der Osteroktav ist die seines Lebens: Kehrt um, betet, vertraut euch der Barmherzigkeit Gottes an und ihr werdet auferstehen zum ewigen Leben. Für den Liebhaber von Zahlenspielen hat diese Botschaft noch eine verborgene marianische Signatur: Der Papst starb am 2. 4. 2005 um 21.37. Die Quersumme dieser beiden Daten ergibt jeweils 13. 13 + 13 = 26, die Dauer des Pontifikates des heiligen Vaters. Er starb mit 85 - wieder eine versteckte 13.

Als ich am Dienstag Abend im Menschenstrom stehe, der sich in Serpentinen durch die Straßen in Richtung Petersdom windet - ein paar Meter gehe, eine halbe Stunde stehe, ein paar Meter gehe, wieder lange stehe und so Stunde um Stunde, denke ich an den Psalmvers: "Er öffnete den Felsen, und Wasser entquoll ihm, wie ein Strom floß er dahin in der Wüste." (Ps 105, 41) Bricht nicht überall der Glaube zusammen? Werden die Kirchen nicht immer leerer? Ist der Morast der Sexualisierung nicht schon in die letzte Ritze der Gesellschaft gedrungen? Hat die Jugend noch Ziel und Kraft, um eine neue Kultur des Lebens aufzubauen? Und nun sind sie hier Millionen junge Menschen, um sich vor dem Leichnam des Papstes, der die Welt zur Heiligkeit gerufen und der heilig gelebt hat, zu verneigen. "Habt keine Angst, die Heiligen des dritten Jahrtausends zu werden!" rief der Papst der Jugend zu, die er im Heiligen Jahr zum Weltjugendtag nach Rom eingeladen hatte. Damit die Menschen in allen Regionen der Erde Vorbilder haben, wie das geht, heilig werden, hat er 1268 Personen selig und 483 heilig gesprochen. Keine andere Botschaft, kein anderer Star dieser Erde vermochte mehr junge Menschen anzuziehen - lebendig und tot.

Im Strom der Trauernden sind nur menschliche Geräusche zu hören, gedämpftes Sprechen, Rosenkranzbeten auf Italienisch, auf Polnisch, auf Deutsch. Kein Gedränge, kein lautes Wort, ernste Gesichter. Ab und zu werden von den Seiten kostenlose Wasserflaschen herein gereicht. Niemand ißt.

Zur Buße hat Maria in Fatima aufgefordert. Nicht nur das Wort, auch der Geist, der eine solche Handlung ermöglicht, ist der Spaßgesellschaft abhanden gekommen. Dies hier ist eine Bußübung der größeren Art. Als wir gegen zwei Uhr morgens schließlich bis zum Beginn des Petersplatzes vorgerückt sind, hören wir, daß der Petersdom von zwei bis fünf Uhr geschlossen wird. Niemand murrt. Für mich heißt das: umsonst gewartet. Für andere: ausharren in der feuchten Kälte und um fünf Uhr die schrittweise Annäherung weiter durchstehen. Aber ich komme wieder am nächsten Tag, darf dort in den Strom hineinschlüpfen, wo ich in der Nacht ausgeschieden bin, und gelange nach weiteren drei Stunden schließlich in den Petersdom.

Da liegt er. Tot. Jahrzehntelang hat sein vor Leben sprühendes Gesicht dafür Zeugnis gegeben, daß Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Nun ist er tot. Wir verstecken und vergessen den Tod, so gut wir können. Er gilt uns als Störenfried, als Spaßverderber, als einer, der uns Fragen aufzwingt, die wir nicht stellen wollen. Tagelang ruft der aufgebahrte Leichnam des Papstes der Welt zu: Memento mori! Bedenke, daß du sterben wirst! In seinem Testament, schreibt er im Jahre 1980: "Heute möchte ich ... hinzufügen, daß jeder seinen bevorstehenden Tod vor Augen haben muß. Und man muß bereit sein, vor dem Herrn und dem Richter - und gleichzeitig Erlöser und Vater - zu erscheinen. Folglich bin auch ich mir dessen ständig bewußt, wobei ich diesen entscheidenden Augenblick der Mutter Christi und der Kirche anvertraue - der Mutter meiner Hoffnung." Dieses Bewußtsein hat den Papst zum Fels gemacht, den der Zeitgeist nicht zu schleifen vermochte.

Ich schaue, ich weine, ich beuge das Knie und sogleich werde ich weiter komplimentiert. Nun ist mit einem Mal das Drängen vorbei. Wer will, darf sich an den Seitenaltären aufhalten, so lange er möchte. Ich kann in Ruhe beten. Ich bete für den alten und den neuen Papst. Was, so frage ich Johannes Paul II, kann ich tun, damit deine Saat aufgeht?

Wenn die Menschen gefragt werden, warum sie gekommen sind, dann sagen sie Sätze wie: "Ich weiß es auch nicht. Ich mußte einfach kommen." Meine Antwort ist: Wir spüren, daß wir in einer Zeit leben, die Probleme schafft, die wir nicht mehr lösen können. Wie Berge türmen sie sich vor die Zukunft. Wahr und falsch, gut und böse sind verwirrt, ja pervertiert. Aber einen Mann gab es, für jeden sichtbar, der der Wahrheit eine Stimme gab, der das Gewissen dieser Welt verkörperte und der deswegen ein Zeichen des Widerspruchs war. Er war integer, aus einem Stück. Integritas heißt Unversehrtheit, Redlichkeit. Nicht er war gespalten in einen Mann, der in Sachen Friedenspolitik modern und in Sachen Moral unerträglich konservativ war, sondern jene sind gespalten, die sich selbst von ihrem Schöpfer getrennt haben, so daß Verstand und Herz und Sexualität im Streit liegen. Er wurde bekämpft, weil die Welt, die sich durch die Sünde zugrunde richtet, nicht der Sünde überführt werden will. Er wurde geliebt, weil jeder, der ihm begegnete - und heiße er Fidel Castro - erlebte, daß dieser Mann das hohe christliche Ideal verwirklichte: Die Sünde hassen und den Sünder lieben. Er, der Papst, ist der Pontifex, der Brückenbauer hin zu Gott, der alles menschliche Fehlen vor Gott bringt und um sein Erbarmen fleht. Er, Johannes Paul II, war der Leuchtturm der Hoffnung in einer Welt, die in Angst und Depression zu versinken droht. Er hat seine schützende Hand über diese Welt gehalten.

Nun ist er tot. Jahrelang hat er uns Zeit gegeben, mit ihm auf diesen Augenblick zuzugehen. Für alle, die möglichst alt, gesund, schnell und schmerzlos sterben wollen, weil sie glauben, daß dann "alles vorbei" ist, war sein fortschreitender Krankheitszustand eine Provokation. Die Weltöffentlichkeit mußte mit ansehen, wie ein Mann, der wie kein zweiter, die frohe Botschaft bis an die Grenzen der Erde verkündet hat, nicht mehr gehen konnte; wie sein schönes, wunderbar menschliches, Gesicht zur Maske erstarrte und nur noch die Augen seine ungebrochene geistige Präsenz bezeugten; wie er, der diese Zeit im Wort enthüllt hat, nicht mehr sprechen konnte. Aber segnen konnte er bis zwei Tage vor seinem Tod. Er hat uns sein Gesicht auch dann noch gezeigt, als es nur noch Schmerz und Qual war.

Bis zum letzten Augenblick ist er seinem übermenschlich großen Amt treu geblieben und hat der Welt demonstriert: Gott, der Herr über Leben und Tod, ist auch Herr über das Amt seines irdischen Stellvertreters. Wenn man ihn nicht dafür kritisieren kann, daß er nicht lebt, was er predigt, so eben dafür, daß er lebt, was er predigt.

Einen kleinen Satz konnte er noch äußern: "Ich bin froh. Seid ihr es auch." Froh war er, weil er wußte, daß ihn nur noch Stunden davon trennten, der Person Jesus Christus als Karol Woytila gegenüber zu treten und seiner Mutter, die er so innig geliebt hat. "Tut, was er euch sagt", ist die Botschaft Marias an die Menschen. Was das heißt, das hat Johannes Paul II in seinen Enzykliken und Briefen für alle großen Probleme dieser Zeit entfaltet. Sie sind Wegweiser, wie wir von der Kultur des Todes zur Kultur des Lebens gelangen können.

Und was sagt Jesus? Folge mir nach! "Sequimi" ist der Kontrapunkt der Predigt, die Kardinal Ratzinger als Dekan des Kardinalskollegiums beim Requiem auf dem Petersplatz hielt. Wer sich von diesem Ruf erreichen läßt, in dem wird wahr, was uns der Heilige Vater am Anfang seines Pontifikats zugerufen hat: "Fürchtet euch nicht!". Dann wird auch wahr, was er uns mit sterbender Stimme aufgetragen hat: "Ich bin froh. Seid ihr es auch!"

"Santo subito!" steht auf Bannern, die die Menschen mit sich führen. Subito ist nicht Sache der katholischen Kirche. Sie hat einen langen Atem. Aber wer weiß, vielleicht geschieht schon bald das Wunder, das ihr erlaubt, das anzuerkennen, was Millionen nach Rom gezogen hat: Unser heiliger Heiliger Vater ist gestorben. Das Weizenkorn ist in die Erde gefallen. Nur in uns und durch uns kann es reiche Frucht bringen.

Foto: (c) SIR

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