13 Januar 2005, 14:15
Liturgiemissbrauch und Visitation in Linz?
 
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Ein Kommentar des Kirchenrechtlers und Küngberater Vizeoffizial Dr. iur. can. Alexander Pytlik (Militärbischofsamt Wien): Visitation der Diözese Linz sinnvoll und möglich

Das Zauberwort „Visitation“ und die Mißbräuche in der Liturgie im deutschen Sprachraum angesichts der schockierenden Berichte aus der Diözese Linz.
Gefragter Kirchenrechtler und Küngberater Vizeoffizial Dr. iur. can. Alexander Pytlik (Militärbischofsamt Wien) hält eine Apostolische Visitation der Diözese Linz für durchaus sinnvoll und möglich.

I. Hoffnungszeichen am Papier

1. Nicht wenige Katholiken und nicht nur solche, „die sich mit einigen früheren liturgischen und disziplinären Formen der lateinischen Tradition verbunden wissen“ (Johannes Paul II., Ecclesia Dei adflicta, 2. Juli 1988, Nr. 5 [c]), blicken seit geraumer Zeit wesentlich hoffnungsvoller nach Rom und danken in ihren Gebeten für die nunmehr bereits zahlreich gewordenen Päpstlichen Schreiben und kurialen Interventionen im Sinne einer geordneten und ein Mindestmaß an Sakralität gewährenden heiligen Liturgie und eines den heutigen Zeitanforderungen entsprechenden und doch radikal an der Heiligkeit Christi orientierten priesterlichen Lebens. Doch derart wertvoll bedrucktes Papier ist bekanntlich geduldig, wenn sich auch zarte Anzeichen auftun, daß im Priesternachwuchs durchaus eine Trendwende hin zu einer bewußteren Zelebration des Heiligen Meßopfers im Gange ist. Im gültigen katholischen Direktorium für Dienst und Leben der Priester heißt es daher ganz richtig: „In einer Zivilisation, die immer mehr sensibel ist für die Kommunikation durch Zeichen und Bilder, wird der Priester all dem sein Augenmerk schenken, was Schmuck und Sakralität der eucharistischen Zelebration erhöhen kann. Es ist wichtig, bei der Eucharistiefeier die Eignung und Sauberkeit des Ortes in rechter Weise zu berücksichtigen, die Architektur des Altares und des Tabernakels, die Erhabenheit der Gefäße, der Paramente, des Gesangs, der Musik, das heilige Schweigen usw. All dies sind Elemente, die zu einer besseren Teilnahme am eucharistischen Opfer beitragen können. Zuwenig Aufmerksamkeit nämlich für die symbolischen Aspekte der Liturgie, weiters Auslassungen und Eile, Oberflächlichkeit und Unordnung, entleeren die Zeichenhaftigkeit und schwächen das Glaubenswachstum. Wer schlecht zelebriert, zeigt damit die Schwachheit seines Glaubens und erzieht andere nicht zum Glauben. Gut zelebrieren dagegen bildet eine erste wichtige Katechese über das heilige Opfer.“ (Kongregation für den Klerus, 31. Jänner 1994, Nr. 49)

II. Gewissenhafte Meldung nach Rom macht Sinn

2. Hat es Sinn, wenn sich einzelne persönlich von schweren Mißbräuchen liturgischen und priesterlichen Lebens in ihrem Glaubensleben betroffene Katholiken schriftlich nach Rom wenden? Ein ganz klares Ja ist darauf zu antworten. Wenn ein Diözesanbischof auf gar nichts mehr reagiert, so nehmen die zuständigen römischen Dikasterien die Sorgen der Gläubigen um so ernster. Die wertvolle Wiener Initiative http://members.telering.at/altar/ übersetzt auf ihren Seiten ein exemplarisches Antwortschreiben der Römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vom 1. Juli 2002 an einen amerikanischen Beschwerdeführer, dem wie vielen anderen die Heilige Mundkommunion in knieender Haltung einfach verweigert worden war: „Es ist beunruhigend, daß Sie einige Vorbehalte zu äußern scheinen, sowohl über die Angemessenheit als auch über die Sinnhaftigkeit eines Anschreibens des Heiligen Stuhles in dieser Sache. Can. 212 § 2 des Codex des kanonischen Rechtes lautet: ‚Den Gläubigen ist es unbenommen, ihre Anliegen, insbesondere die geistlichen, und ihre Wünsche den Hirten der Kirche zu eröffnen.’ Der Canon setzt in § 3 fort: ‚Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen ...’. Dementsprechend steht es unter Berücksichtigung der Natur des Problems und der relativen Wahrscheinlichkeit, ob es auf lokaler Ebene gelöst werden könnte oder nicht, jedem Glied der Gläubigen rechtlich zu, einen Rekurs beim Römischen Pontifex entweder persönlich oder mittels der Dikasterien oder Gerichte der Römischen Kurie einzubringen. - Ein weiteres fundamentales Recht der Gläubigen, wie wir in can. 213 lesen, ist ‚das Recht, aus den geistlichen Gütern der Kirche, insbesondere dem Wort Gottes und den Sakramenten, Hilfe von den geistlichen Hirten zu empfangen’ (...) Bitte seien Sie versichert, daß diese Kongregation die Materie sehr ernst nimmt und die notwendigen Kontakte in dieser Hinsicht herstellt. Gleichzeitig setzt dieses Dikasterium seine Bereitschaft fort, seine Hilfe anzubieten, wenn Sie uns in der Zukunft wieder angehen müssen.“

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3. Die amerikanischen Katholiken hatten mit ihrer Beschwerde Erfolg, denn der Diözesanbischof wurde sehr deutlich angeschrieben, und zwar auch per 1. Juli 2002: „Eure Exzellenz, die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung hat kürzlich Berichte von Teilen der Gläubigen Ihrer Diözese erhalten, welchen die Heilige Kommunion verweigert worden sein sollen, weil sie diese nicht stehend empfangen wollten, sondern im Gegensatz dazu knieend. Die Berichte zeigen auf, daß den Pfarrkindern eine solche Vorgehensweise verkündet worden sei. Es gab mögliche Indizien dafür, daß ein solches Phänomen in Ihrer Diözese möglicherweise weiter verbreitet wäre, aber diese Kongregation ist nicht in der Lage, zu prüfen, ob dies tatsächlich der Fall sei. Dieses Dikasterium hat das Vertrauen, daß Eure Exzellenz in der Lage sein werden, eine zuverlässigere Erforschung der Sachlage vorzunehmen. Diese Beschwerden sind jedenfalls eine Gelegenheit für diese Kongregation, die Art und Weise kundzutun, mit der diese Sache gewöhnlich behandelt wird, verbunden mit der Bitte, daß Sie diese Position jedem Priester bekanntmachen, der diesbezüglich Informationsbedarf hat. - Die Kongregation ist in der Tat besorgt über die Anzahl ähnlicher Beschwerden, welche sie in den letzten Monaten aus verschiedenen Orten erhalten hat, und betrachtet jede Verweigerung der Heiligen Kommunion gegenüber einem Glied der Gläubigen auf Basis seiner oder ihrer knieenden Haltung als schwerwiegende Verletzung eines der fundamentalsten Rechte des Christgläubigen, namentlich jenes auf die Hilfe durch ihre Hirten mittels der Sakramente (Codex Iuris Canonici, can. 213). In Anbetracht des Gesetzes, welches da lautet ‚Die geistlichen Amtsträger dürfen die Sakramente denen nicht verweigern, die gelegen darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind’ (can. 843 § 1), sollte es keine solche Verweigerung gegenüber irgendeinem Katholiken geben, der sich selbst in der Heiligen Messe zum Empfang der Heiligen Kommunion präsentiert, außer in jenen Fällen, in denen aufgrund von unverbesserlicher öffentlicher Sünde oder hartnäckiger Form der Häresie oder des Schismas, welches öffentlich bekannt oder ausgesprochen wurde, die Gefahr eines groben Ärgernisses bei anderen Gläubigen gegeben ist (...) Tatsächlich hat - wie Seine Eminenz Joseph Kardinal Ratzinger kürzlich betont hat - die Praxis des Knieens bei der Heiligen Kommunion eine Jahrhunderte alte Tradition auf ihrer Seite, und sie ist ein besonders ausdrucksvolles Zeichen der Anbetung und ist im Lichte der wahren, realen und substantiellen Präsenz unseres Herrn Jesus Christus unter den konsekrierten Gestalten vollständig angemessen. - Angesichts der Wichtigkeit dieser Sache, würde dieses Dikasterium Eure Exzellenz bitten, zu untersuchen, ob dieser Priester unter den oben beschriebenen Umständen tatsächlich eine beständige Praxis der Verweigerung der Heiligen Kommunion gegenüber irgendeinem Glied der Gläubigen pflegt - und wenn die Beschwerde verifiziert wäre - daß Sie ihn und ebenso alle anderen Priester, die eine solche Praxis pflegen, auch mit Festigkeit belehren, in Zukunft von diesem Handeln Abstand zu nehmen. Die Priester sollen begreifen, daß diese Kongregation zukünftigen Beschwerden dieser Art mit großem Ernst begegnen werde, und wenn sie verifiziert würden, beabsichtigt sie, entsprechend der Schwere des seelsorglichen Mißbrauches disziplinäre Maßnahmen zu ergreifen. In dem ich Eurer Exzellenz für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Sache danke und mich auf ihre zuverlässige Zusammenarbeit in dieser Hinsicht verlasse, verbleibe ich Ihr im Herrn ergebener Jorge A. Kardinal Medina Estevez, Präfekt.“ (Vgl. für alles Notitiae, n. 436, 2002, 582- 586) Stimmt es nun wirklich, daß im Linzer Priesterseminar Kandidaten, welche die Heilige Kommunion in den Mund und knieend empfangen wollen, entweder gar nicht aufgenommen oder später nur deshalb wieder ausgesondert wurden und werden?

III. In Krisenzeiten das Instrument „Apostolische Visitation“ öfter nützen

4. Es müßte also somit exemplarisch jedem klarer denn je sein, wie sinnvoll es ist, bei schweren liturgischen und anderen Mißbräuchen die Dikasterien des Heiligen Stuhles damit intensiv zu befassen. „Jeder Katholik, ob Priester, Diakon oder christgläubiger Laie, hat das Recht, über einen liturgischen Mißbrauch beim Diözesanbischof oder beim zuständigen Ordinarius, der ihm rechtlich gleichgestellt ist, oder beim Apostolischen Stuhl aufgrund des Primats des Papstes Klage einzureichen.“ (Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 25. März 2004, Nr. 290) Je mehr gewissenhafte Katholiken sich diese Zeit nehmen, desto mehr kann für die raschere Wiederherstellung halbwegs geordneter Verhältnisse im Bereich der Liturgie und des priesterlichen Lebens getan werden. Wir aber wollen ehrlich beten, daß Seine Exzellenz Maximilian Aichern, regierender Diözesanbischof von Linz, in kluger Weise die rechten Maßnahmen setzt: es scheint jedoch fünf nach zwölf. Wir beten für diesen in der Tat persönlich frommen und überaus toleranten katholischen Bischof, daß er spät, aber doch einen Rahmen gegen die ärgsten Mißbräuche einzieht und so zum vorbildhaften Beispiel einer Wende zum guten Regieren wird. Diese Wende hin auch zum wirksamen Durchsetzen älterer und neuerer römischer Ermahnungen ist längst überfällig. Das vor mehr als 11 Jahren am Gründonnerstag 1994 präsentierte Direktorium für Dienst und Leben der Priester, das sich viele Diözesanbischöfe bereits 1990 auf der Römischen Bischofssynode über die Priesterausbildung gewünscht hatten, weiters die von derselben Kleruskongregation im Jahr 2002 herausgegebene Instruktion „Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde“ und die seitens der Gottesdienstkongregation im Jahr 2004 erarbeitete Instruktion „Redemptionis sacramentum“ über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind, bieten sich wie von selbst als Arbeitsunterlage einer Apostolischen Visitation der Diözese Linz an (und nicht nur dieser) an:

a) Dokument 1

b) Dokument 2

c) Dokument 3

5. Doch wir müssen realistisch und realitätsverbunden bleiben: es ist nur schwer möglich, Diözesen miteinander zu vergleichen. Denn die Visitation in St. Pölten handelte als ganz klare Notfallsintervention völlig zu Recht über die Situation des Bistums, der dortigen bischöflichen Amtsführung sowie der Lage des dortigen Priesterseminars. Und wer meint, daß mit einer kurzen und gründlichen Notfallsintervention auch automatisch alle Probleme, die erfaßt wurden, sogleich gelöst wären, irrt gewaltig. Ohne Klugheit, ohne Geduld, ohne echte spirituelle Verbindung von Wahrheit und Liebe in den handelnden Personen, ohne Bereitschaft auf allen Seiten, Änderungen hin zu Disziplin und Wahrhaftigkeit vornehmen zu wollen, kann die konsequenteste Notfallsintervention sogar ohne Frucht bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, wie lange offenbar schon in der Aus- und Fortbildung der Priester völlig falsche Schwerpunkte gesetzt worden sind. Eine Notfallsintervention ist so eine Gratwanderung zwischen sofortiger Zerstörung alles bereits am Rande der Legalität Bestehenden und dem liebevollen Entdecken und Fördern alles Guten bei den jetzt wirkenden Priestern in ihrer Gesamtheit. Ohne guten Zuspruch und nur mit disziplinären Maßnahmen allein ist eine Krise nicht lösbar. Und dies alles muß vom ehrlichen und täglichen Gebet umfangen sein. Kontraproduktives Zuspitzen und Ausblendung von Fakten dienen der Sache nicht, wie es im Fall St. Pölten noch heute ganz kleine fanatische Grüppchen negativ vorzeigen, die immer noch die altgewordene faule Ausrede von den angeblich „linken“ Medien und den angeblich dauernd verfolgten „Rechten“ erzählen. Nein, unabhängig von jedem sinnlosen Lagerdenken und losgelöst vom kontraproduktiven Verteidigen gefallener Brüder und Schwestern muß der Wahrheit ganz ins Auge gesehen werden. Wo dies nicht mehr angepeilt wird, wo ein Bischof dies nicht mehr professionell übersteuern kann, dort ist tatsächlich nichts anderes angesagt als die Hilfe von oben, eine Apostolische Visitation. Ohne dies hier unter diesem Beitrag ausführen zu wollen (ich verweise auf zukünftige ausführliche wissenschaftliche Abhandlungen), wird man festhalten müssen, daß von der Sachlage und vom Blickwinkel her die Lage in St. Pölten einzigartig gewachsen und komponiert war und dort Glaubwürdigkeit gegen Doppelmoral mühsam anzukämpfen hatte. Aber dies schließt nicht aus, daß in Hinkunft zur rascheren Behebung der Krise im deutschen Sprachraum öfter zu diesem Mittel gegriffen werden sollte und könnte. Es gibt wahrscheinlich einzelne oder einige Katholiken in der Diözese Linz, die im Hinblick auf den angeblich unvergleichlichen „liturgischen Verfall“ tatsächlich eine Visitation unter demselben Arbeitstitel wie in St. Pölten wünschen. Doch es muß objektiv schon vieles zusammenkommen, daß der Heilige Stuhl einem Diözesanbischof nicht mehr zutraut, der Lage Herr zu werden. Der ehemalige Apostolische Visitator der Diözese St. Pölten, Dr. Dr. Klaus Küng, deutete dies an, als er am 9. Oktober 2004 berichtete, daß unter anderem auch das Problem entstanden war, daß Bischof Dr. Kurt Krenn „bestimmten Personen, die er schon im Widerstand eingesetzt hat, total vertraute und es einfach auch nicht wahrhaben wollte, was da geschehen ist“. Es habe dann auch Stellungnahmen von Bischof Krenn gegeben, „die er abgegeben hat zu Dingen, wo man sagen muß, das ist bedauerlich, da müssen wir uns entschuldigen, daß das passiert ist. Das darf nicht passieren. Wenn so was passiert, muß man sehr rasch korrigieren. Das hat schon den Ausschlag gegeben“ für die Bitte des Heiligen Vaters zum Rücktritt. Ja, es braucht auch den richtigen Visitator. Nicht immer wird man sich den Glücksfall eines Bischof Küng erwarten dürfen. Es würde ja schon der Arbeitsauftrag „Apostolischen Visitation der Feier der Liturgie in der Diözese Linz unter Berücksichtigung grober Mißbräuche in der Liturgie einiger Pfarren sowie des priesterlichen Lebens in denselben Pfarren“ genügen - doch zunächst war es zweifellos auch den stillen Leidenden und den Lesern von http://www.kath.net ein Anliegen, in größter Treue zur neuen Liturgieinstruktion „Redemptionis sacramentum“ (Nr. 184) die konkreten Beschwerden und Klagen dem Diözesanbischof im ersten Schritt selbst vorzulegen. Maßstab muß immer sein: „Dies soll immer im Geist der Wahrheit und der Liebe geschehen.“

IV. Liturgiekrise trägt symptomatisch „Mitschuld“ an Gesamtkrise von mangelnder Priesteridentität und Sakralität

6. Völlig zu Recht haben große Denker und weise Theologen darauf verwiesen, daß gerade die Krise in der konkreten gefeierten katholischen Liturgie der letzten Jahrzehnte dazu beigetragen hat, die Beliebigkeits-Krise insgesamt, also auch auf anderen Gebieten des geistlichen Lebens und gesellschaftlichen Lebens zu verschärfen. Mehr noch, müssen wir sagen: nicht die Beliebigkeit der Welt hätte in die Praxis so mancher mißbrauchsgetränkter Gottesdienste einfließen dürfen, sondern umgekehrt sollte der hochsakrale katholische Opferkult der Welt in ihrer Beliebigkeit einen Maßstab aufleuchten lassen, der unverbrüchlich auf Jesus Christus als dem einzigen Erlöser verweist, durch den wir im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben. So wird 2005/2006 vom Sprachphilosophen und Priester Prof. Dr. Heinrich Reinhardt (Freising / Chur) sein Beitrag „Sacrifera sacralitas. Zur Erinnerung an das Urphänomen christlicher Liturgie“ aus dem Jahr 1994 neu und adaptiert erscheinen. Bleibend aktuell sind jedoch seine wissenschaftlichen Ausführungen von damals, die in Fortführung wichtiger Erkenntnisse von Dietrich von Hildebrand den schockierend-feierlichen Abschluß dieses Kommentars bilden mögen:

„Sakralität ist jener seelisch prägende ‚Raum’ oder ‚Bereich’, in welchem sich die Ehrfurcht heimisch fühlt (...) Es gibt zwei hauptsächliche Stufen der Ehrfurchtslosigkeit: ahnungslose Stumpfheit und absichtsvolle Frechheit. Die erstgenannte ist eine über den Einzelnen mehr oder weniger zwangsweise verhängte Verdumpfung und Verdummung, die aber doch stets auch ein Stück Mitschuld enthält. Die zweite, ‚höhere’ und somit schlimmere Stufe resultiert aus dem Hochmut (...) ‚Der Ehrfurchtslose aus Hochmut, der Freche, tritt an alles in dünkelhafter Scheinüberlegenheit heran; er glaubt, alles schon zu kennen, ohne weiteres zu durchschauen. Er interessiert sich nur für die Welt, soweit sie seiner Selbstherrlichkeit dient ... Er nimmt das Seiende nicht in sich ernst, für keine Sache läßt er den geistigen Raum leer, in dem sie ihre Eigenart, ihr Sein entfalten könnte. Er glaubt sich stets größer als das, was nicht er ist. Für ihn birgt die Welt keine Geheimnisse. In taktloser Weise rückt er allem auf den Leib ... Vor seinem willkürlichen Zugriff ist die Welt verschlossen, nichtssagend, aller Geheimnisse bar, aller Tiefe verlustig, platt und eindimensional geworden’ (D. von Hildebrand, Liturgie und Persönlichkeit [in: Idolkult und Gotteskult, Regensburg 1974, 225.])

(...) Die ständige Erwägung, wer was tun könne, ob ‚wir’ (wer ist das eigentlich?) dies oder jenes noch ‚brauchen könnten’, ob die Jugendlichen, Frauen, Männer (usw.) genügend zu Wort kämen, ob wir nur ja gleich viele weibliche wie männliche Lektoren hätten, möglichst viele - auch weibliche - Kommunionhelfer ..., genug Ministrantinnen usw. - diese ständigen soziopraktischen Überlegungen ziehen das liturgische Gesamtgeschehen schon im Ansatz auf ein beliebig manipulierbares, alltägliches Interaktionsgeschehen ohne innere Tiefe und ohne sachlich gebotene, feste Gestalt und Struktur herab. Kennzeichnend ist für diese Art, die heilige Liturgie zu sehen und zu ‚feiern’, eine tiefsitzende Unruhe. Und diese drückt sich dann in der Art des ‚Feierns’ selbst aus: zügig-saloppes Hereinmarschieren mit höchstens noch beiläufig gefalteten Händen, respektloses ‚Weiterdichten’ der vorgeschriebenen Texte, ständige Zwischenbemerkungen und Kommentare, nie anbetendes Schweigen, niemals lateinische Sakralsprache, alles in légèrem Tonfall, alles in légèrer Haltung, sodaß die heilige Messe oder auch andere liturgische Akte wie Begräbnisse oder öffentliche Weihungen und Segnungen bequem, beiläufig und schnell ablaufen; denn eine gewisse Nervosität, Verkrampftheit und Unruhe hindert die Teilnehmer solcher Veranstaltungen, jemals ruhig zu werden. Sie müssen sich immerfort gegenseitig bestätigen, wie gut es tut, beisammen zu sein, anstatt zu bezeugen, wie selig es macht, daß Gott so nah bei uns wohnt. Die heilige Messe v. a. wird somit zu einer Vorlese-, Sing- und Belehrungsstunde mit sozialtherapeutischem Grundton und mit unübersehbarer Frechheit; Gott, in dessen Haus man sich befindet, wird ständig ignoriert, und Gottes Ehre, die der alleinige Zweck von Gottesdiensten sein kann, wird ständig verletzt. ‚Aller Tiefe verlustig, platt und eindimensional’ kreisen solche Veranstaltungen nur um menschliche Wohlgefühle, die man anderswo letztlich doch ‚kompakter’, jedenfalls aber mit weniger Umständlichkeit haben kann - und so vermindert sich die Zahl der Teilnehmer stetig. Dies scheint ein unvermeidlicher, systemimmanenter Effekt der rein auf therapeutische oder genußorientierte Erlebnisse schauenden ‚modernen’ Liturgie zu sein: man findet schließlich doch eine bessere Möglichkeit, und zwar nicht nur de facto, sondern mit Notwendigkeit, da solche Art von Liturgie eben durch und durch ein Surrogat ist; sie kann, da sie wenigstens den Anschein von Gottesverehrung wahren muß, nie eine klinische Therapie ersetzen oder soviel wohlig empfundenen Lärmschock bieten wie ein Rockfestival; und solch ‚zweitklassige Ware’ nimmt der Konsument eben nicht sehr lange an. Es sei denn, er könne sich selbst dabei zur Schau stellen - und hier haben wir den Grund, weshalb sich diese Art von Liturgie schon seit 20 Jahren und ohne nennenswerte Alterserscheinungen erhalten konnte. Sie ist ein Forum für ‚Talente’ aller Altersklassen, sich vor anderen zu produzieren: der Hochmut nicht nur als Wurzel, sondern als Ziel des Gottesdienstes! Hier liegt offen zutage, daß die Begehrlichkeit - genauer gesagt, die Lust am Spielen von Autorität und Herrschaft - ein wichtiges Element der Sakralitätsvergessenheit ist. ‚Der begehrliche Mensch interessiert sich nur für die Welt als Mittel, ihm Lust zu bereiten. Er maßt sich seine Herrscherstellung gegenüber dem Seienden an, weil er herrschen will, nicht um der Herrschaft als solcher willen, sondern um sie für seine Lust auszunützen’, indem er sich eben permanent wichtig macht. Die heilige Liturgie verkommt so zur bloßen Bühne für menschlich-allzumenschliche Begehrlichkeiten und nicht selten auch Begierden, denn wer unter den Augen des zelebrierenden Priesters oder gar Bischofs sich ungeniert produzieren darf, fühlt sich in allem gerechtfertigt; er wird auch in ernsten Gewissensfragen zur schlechten ‚Großzügigkeit’ verführt und fragt seltener und seltener, ob man dies und jenes wirklich dürfe. Wer sich öffentlich in der Kirche ‚sein Recht nimmt’, darf gar vieles ... Desensibilisierung ist die unvermeidliche Folge: ungeniertes Herumlaufen im heiligen Raum sogar während der heiligen Liturgie, Stehenbleiben während der Wandlung, Sitzen und Sichunterhalten beim Segen, sogar beim eucharistischen, lautes Gespräch im heiligen Raum unmittelbar nach dem Segen, u. a. (...) Die Kirche wäre nicht die zutiefst heilige Braut des Heiligen Geistes und der mystische Leib des Erlösers Jesus Christus, wenn sich in ihr überhaupt kein Widerstand gegen die Sakralitätsvergessenheit fände.“

V. Gesunder und sittsamer Priesternachwuchs löst jede Krise langfristig

7. Wer den von Prof. Reinhardt schon 1994 festgestellten zunehmenden Widerstand gegen die Sakralitätsvergessenheit und die Wesensmerkmale einer sakralitätsbezogenen Liturgie in voller Besinnung auf das Urphänomen christlicher Liturgie kennenlernen möchte, findet auch heute noch diesen ursprünglichen religionspsychologischen und liturgiephilosophischen Beitrag auf www.internetpfarre.de/sakral.htm, der unter Berücksichtigung weiterer positiver und negativer Entwicklungen in adaptierter Form 2005/2006 wieder erscheinen soll. Vergessen wir aber nicht - auch nicht beim Gebet - die Grundvoraussetzung der Überwindung jeder Krise in der Kirche Christi, an die der ehemalige Apostolische Visitator und neue Diözesanbischof von St. Pölten am 12. August 2004 in so verständlichen Worten erinnerte: “Wir brauchen Priesterpersönlichkeiten, die belastbar und gesund sind. Gerade in der Situation der heutigen Gesellschaft sind die Anforderungen, denen sich der Priester in der Aufgabe der Verkündigung und der Seelsorge stellen muß, sehr hoch. Je bedrängender der Priestermangel wird, desto ausgeglichener, aufrichtiger und tugendhafter müssen jene sein, die Priester werden. Vor allem Vorbilder von Menschen sind nötig, die selbst tatkräftig zupacken, wo es nötig ist. Sie brauchen eine klare Ausrichtung an Christus, aber auch ‚Erdung’.“ Wurden in der einen Diözese im Zuge der Aufnahme fragwürdiger Kandidaten zur Überprüfung wohl zu wenig gute und wirklich unabhängige psychologische Gutachter, die dem integralen christlichen Menschenbild verpflichet sind, eingesetzt, so besteht der Verdacht, daß in anderen Priesterseminarien eine vor dem Erreichen der Weihe sich harmlos gebende, aber doch totalitär aufgedrückte Gruppendynamik zur Depersonalisierung und Vernichtung echter Priesterpersönlichkeiten führt, die aber der Klerus so wie früher auch heute wieder dringend braucht: weg von der Ideologie hin zum Wesen des Priestertums und der Liturgie, hin zur vollen Treue zur Lehre und Disziplin der Kirche!

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Vizeoffizial Mag. Mag. Dr. Alexander PYTLIK war im Jahr 2004 Mitarbeiter des Apostolischen Visitators der Diözese St. Pölten.
www.padre.at
www.internetpfarre.de/blog/

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Foto: (c) ORF

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