04 November 2004, 13:59
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Die Kirche hört nicht auf, das Evangelium des Lebens zu verkünden und fordert, die gesamte Abtreibungsregelung wieder auf den Prüfstand zu stellen. Von Bischof Heinz Josef Algermissen.

Fulda (www.kath.net) Wie aufgespalten wir in unserer Gesellschaft leben, zeigt sich etwa auch an solch grotesker Situation in manchen Kliniken: In einem Raum wird menschliches Leben in der 32. Schwangerschaftswoche durch eine gesetzlich ermöglichte medizinische Indikation im Rahmen einer Spätabtreibung getötet und zerstört. Im selben Haus, vielleicht nur einige Räume weiter, wird ein Kind, das in der 32. Schwangerschaftswoche als Frühgeburt auf die Welt gekommen ist, mit allen erdenklichen Mitteln intensivmedizinisch betreut. Zwei ganz unterschiedliche Eingriffe von außen, der eine hat Leben, der andere Tod zur Folge.

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Seit der Neufassung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schwangerschaftsabbruch im Jahr 1995, die durch die deutsche Einheit notwendig geworden war, verbirgt sich unter der so genannten medizinischen Indikation (§ 218a Abs. 2 StGB) auch das, was in der alten Gesetzgebung unter wesentlich strengeren Bedingungen als embryopathische Indikation bekannt war. Nach jetzt geltendem Recht bedeutet dies, dass zum Beispiel im Falle eines diagnostizierten Down Syndroms ein Abbruch der Schwangerschaft ohne zeitliche Begrenzung möglich und nicht rechtswidrig ist, weil der körperliche oder seelische Gesundheitszustand der Mutter beeinträchtigt werden könnte. Um es noch einmal festzustellen: Der Abbruch einer Schwangerschaft, die Tötung eines ungeborenen Menschen, ist praktisch bis zum Tag seiner Geburt unter der genannten Indikation in Deutschland geltendes Recht. Das ist ein Skandal!

Die gesetzliche Grundlage hat die gesundheitliche Stabilisierung der Frau zum Ziel, in Wahrheit aber wird ein Kind getötet, das auf irgendeine Weise beeinträchtigt ist. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. schlägt Alarm. In ihrer Stellungnahme „Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik“ nennt sie „schwere Bedenken“ und die Gefahr „einer möglichen Ausweitung der Abbrüche“ durch die immer extensiver betriebene vorgeburtliche Diagnostik.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei klar gesagt: Wenn die pränatale Diagnostik dazu dient, in bestimmten Fällen therapeutische Maßnahmen zu ermöglichen oder Ängste und Befürchtungen zu nehmen bzw. die bewusste Annahme eines behinderten Kindes zu ermöglichen, hat sie eine positive Auswirkung. Mit dem christlichen Menschenbild überhaupt nicht zu vereinbaren sind solche Untersuchungen aber, wenn sie als Mittel zur Selektion eingesetzt werden, wenn mit ihnen ein gesellschaftlicher Druck auf Eltern ausgeübt wird, sie sollten die Verantwortung übernehmen, dass behinderte Kinder nicht geboren werden.

Leider sind vorgeburtliche Untersuchungen, die das Ziel haben, mögliche Behinderungen wie das Down Syndrom zu erkennen, nicht mehr die Ausnahme, sondern Routine in der Schwangerenvorsorge. Diagnostizierte Abweichungen von der „Norm“ führen in den meisten Fällen zu einem späten Schwangerschaftsabbruch. Ein behindertes oder krankes Kind ist, auch mit Blick auf die Haftung der Ärzte, fatalerweise ein „Schaden, den es zu vermeiden gilt“.

Viele Frauen geraten in diesen routinemäßigen Strudel der Pränataldiagnostik hinein, ohne in Ruhe und gegebenenfalls mit fachlicher psychosozialer Beratung klären zu können, ob sie die vorgeburtliche Diagnostik überhaupt in Anspruch nehmen oder wie sie mit einem bestimmten Untersuchungsergebnis umgehen wollen. Hier wird starker Druck auf Frauen ausgeübt, der unter dem Deckmantel der optimalen Schwangerenvorsorge steht.

Unvergesslich ist mir ein Plakat, das von dem „Infocenter Deutsches Down Syndrom“ herausgegeben wird. Es zeigt das Gesicht eines kleinen Kindes mit Down Syndrom. In dicken Lettern sind die Worte „Glück gehabt“ auf seine Stirn gedruckt. Tatsächlich hatte es das Glück, nicht wie mehr als 90 Prozent der Kinder, die sein Schicksal der Behinderung teilen, durch eine Spätabtreibung sein Leben verloren zu haben.

Vor kurzem ist ein politischer Vorstoß, die Rechtsgrundlage der Spätabtreibungen neu zu überprüfen, gescheitert und wird in dieser Legislaturperiode sicher chancenlos bleiben. Wenn auch auf der politischen Ebene die Chancen einer gesetzlichen Neufassung zum späten Schwangerschaftsabbruch äußerst gering sind, wird sich jedoch die Kirche mit dieser hingenommenen Praxis niemals abfinden. Politik und Gesellschaft, die solche Form der Selektion von Menschenleben sprachlos akzeptieren, müssen damit rechnen, dass die Kirche nicht aufhört, das Evangelium des Lebens zu verkünden. Sie fordert, über das Problem der Spätabtreibungen hinaus die gesamte Abtreibungsregelung wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Der Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung “Bonifatiusbote“ vom 7. November.

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