19 Juli 2004, 10:54
'Es darf neben dem einen Gott keine anderen Götter geben'
 
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Bischof Algermissen sprach bei Erhebung des Fritzlarer Doms zur päpstlichen Basilika allen seinen Dank aus, die als Christen auch in der Öffentlichkeit Rückgrat zeigten und für ihre Glaubensüberzeugung einstünden

Fritzlar (kath.net/bpf)
„Ich wünsche mir, daß es in unserem Bistum Fulda zahlreiche Orte gibt, wo Menschen in ihrer Gottsuche ernstgenommen werden. Ich bete dafür, daß sich viele vom Geist Gottes neu ansprechen und begeistern lassen, sich am Evangelium grundsätzlich orientieren und so wirksamer Sauerteig unserer Gesellschaft werden.“ Dies hob der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen am Sonntag im Fritzlarer Dom hervor. In einem Pontifikalamt aus Anlaß der Erhebung der Pfarrkirche St. Petrus zur Päpstlichen „Basilica minor“ bat der Oberhirte die versammelten Gläubigen: „Bitte helfen Sie hier in Fritzlar mit, daß unsere Kirche auf diese Weise lebendig und für andere anziehend wird“.

Einer der weitsichtigen Kirchenleute der letzten Jahrzehnte war der Jesuitenpater und Soziologe Alfred Delp (1907-1945), der einen hohen Preis für seinen Widerstand gegen die Barbarei des Nationalsozialismus zahlen mußte, wie der Bischof von Fulda in Erinnerung rief. In einem Vortrag am 22. Oktober 1941 in Fulda habe Pater Delp gesagt: „Wir sind ein Missionsland geworden. Diese Erkenntnis muß vollzogen werden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren alles Lebens sind unchristlich.“ Daraus folgte für ihn die Einsicht, aus der Defensive herauszutreten: „Missionsland darf man nur betreten mit einem echten Missionswillen.“

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Es sei die Frage, so Algermissen weiter, wie man zu solch „echtem Missionswillen“ finden könne. „Wir sind all der Analysen und Diagnosen der Glaubens- und Kirchenkrise längst müde und suchen nach Therapie“, betonte der Bischof und fragte danach, wo die Medizin zu finden sei. „Da es um das Evangelium Jesu Christi als probates Heilmittel geht, lade ich Sie ein, in die Schule eines großen Glaubenszeugen zu gehen, den wir in einem fuldischen Lied den ‚Glaubensvater, den ‚Apostel der Deutschen’ nennen.“ Als junger Mann im benediktinischen Geist in Exeter erzogen, begeisterte sich Winfrid-Bonifatius für die Botschaft des Evangeliums. Nachdem er in verschiedenen Klöstern seines Heimatlandes segensreich gewirkt hatte, fühlte er sich gedrängt, Anfang des 8. Jahrhunderts in den friesischen, sächsischen und thüringischen Missionsgebieten den Glauben zu verkünden.

„Wäre es nicht endlich an der Zeit, so frage ich mich, diesen missionarischen Geist auch heute wieder zu entdecken?“, fuhr Bischof Algermissen fort. „Daß wir nicht ängstlich und defensiv unsere Grenzen abstecken, uns etwa in die sakrale Nische unserer Tradition zurückziehen und den allgemeinen Niedergang beklagen, sondern selbstbewußt an die Öffentlichkeit gehen, bereit, ‚jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund unserer Hoffnung fragt’ (1 Petr 3,15).“ Algermissen machte sich zu eigen, was der Erfurter Bischof Joachim Wanke in einem Brief an die Christen in unserem Land schrieb: „Ich habe die Vision einer Kirche in Deutschland, die sich darauf einstellt, wieder neue Christen willkommen zu heißen.“ Bei allem missionarischen Eifer sei der heilige Bonifatius allerdings kein Heißsporn gewesen, der mit dem Kopf durch die Wand gegangen sei. Seiner Glaubensverkündigung liege vielmehr ein Plan zugrunde, was man heutzutage vermutlich Konzeption oder Strategie nenne würde, der seiner benediktinischen Spiritualität entspreche. „Er läßt es nicht dabei bewenden, im Heidenland zu predigen und zu taufen, er gründet wie hier in Fritzlar im Jahr 724 so in Amöneburg 721 und in Fulda 744 Klöster und Mönchszellen: Orte, an denen der neue Glaube lebendig und anschaulich wird.“ In einer Zeit großer Umbrüche und tiefer Veränderungen habe Bonifatius so Inseln der geistigen und geistlichen Stabilität geschaffen.

Des weiteren falle ihm an Bonifatius vor allem seine Standfestigkeit und Furchtlosigkeit auf, unterstrich der Bischof. Bonifatius bezeichnete er als einen Mann, der mit sich und seiner Botschaft identisch gewesen sei und insofern auch Widerstände ertragen habe. „So sehr es ihm um die Gewinnung der Menschen für Christus geht, er biedert sich nicht an, schließt keine faulen Kompromisse.“ Wo es um die Substanz seiner Botschaft gehe, sei er klar und unnachgiebig, führte Algermissen vor Augen. So mußte die Donar-Eiche hier bei Fritzlar gefällt werden, um unmißverständlich deutlich zu machen: „Es darf neben dem einen Gott keine anderen Götter geben“.

„Eine Entscheidung für Gott und gegen die Götzen unserer Zeit ist auch heute eine Entscheidung gegen den Trend“, sagte Bischof Algermissen an die Gläubigen gewandt. Diese wüßten, daß es nicht leicht sei, im Freundes- oder Kollegenkreis im Abseits zu stehen, weil man an der eigenen Glaubenspraxis, an christlichen Werten und Überzeugungen festhalte. „Mir macht der Pragmatismus und Populismus große Sorge, mit dem in unserer Gesellschaft, in Medien, Wissenschaft und Politik insbesondere das menschliche Leben an seinem Anfang wie an seinem Ende in Frage und zur Disposition gestellt wird.“ Algermissen sprach allen seinen Dank aus, die als Christen auch in der Öffentlichkeit Rückgrat zeigten und für ihre Glaubensüberzeugung einstünden.

Das Martyrium, das der heilige Bonifatius vor 1250 Jahren erlitt, als er bei den Friesen noch einmal den Glauben und das Evangelium verkünden wollte, hat Bischof Algermissen sehr beeindruckt. „Als bereits alter Mann über 80 Jahre bricht er im Jahr 754 noch einmal nach Friesland auf und wird dort während einer Tauf- und Firmreise am frühen Morgen des 5. Juni mit seinen Gefährten von einer Mörderbande getötet.“ Man kenne das Bild, wo er das Buch der Bibel über den Kopf halte, um sich zu schützen. „Mir steht beim Betrachten dieses Bildes meine eigene Bischofsweihe vor acht Jahren vor Augen. Im entscheidenden Moment der Weihehandlung wird die Bibel dem Kandidaten wie ein Dach über den Kopf gehalten, um anzudeuten: Von heute an sollst du im Haus des Wortes wohnen. All dein Denken und Fühlen, dein Beten und Tun sollen vom Wort Gottes inspiriert sein, an ihm sollst du in deinem Reden und Tun Maß nehmen.“ Wenn es Widerstand von außen gebe und die Welt einen nicht verstehe, hob der Bischof hervor, dann solle man beim Wort der Heiligen Schrift Zuflucht nehmen, das einen stärken, trösten, aufrichten und je neu orientieren werde.

Noch ein Letztes könne man von Bonifatius lernen, so Bischof Algermissen weiter. Das sei ihm besonders wichtig an diesem Tag, da der „St.-Petri-Dom“ zur Päpstlichen Basilica Minor erhoben werde. „Als der Heilige Vater meiner Bitte am 14. Februar diesen Jahres entsprach, hat er dieses herrliche Gotteshaus gleichsam auch unter seine schützenden Hände genommen.“ Dreimal sei der heilige Bonifatius nach Rom gereist, und in vielen Briefen habe er immer wieder in Rom angefragt. Das werde ihm bis heute von vielen übel genommen, besonders im protestantischen Bereich, die ihn als Repräsentanten der römischen Amtskirche kritisierten. „Aber ist gerade in einer sich globalisierenden Welt nicht umgekehrt eine im eigenen Saft schmorende Kirche museumsreif?“, hinterfragte der Oberhirte.

Bonifatius habe über den eigenen Zaun hinausgeschaut, die deutsche Kirche aus ihrer Isolierung befreit und sie mit der universalen Weltkirche verbunden. „Er hat – so würden wir heute sagen – europäisch gedacht, er war ein Global Player.“ Ein solches weltoffenes und im ursprünglichen Sinn des Wortes katholisches Christentum brauchten die Menschen heute dringend. „Die Gemeinschaft mit dem Nachfolger des heiligen Petrus ist deshalb nicht etwa ein Handicap, sondern ganz im Gegenteil die eigentliche Stärke unserer Kirche, sie garantiert die Einheit“, machte Bischof Algermissen deutlich.

„Wir feiern in diesem Jahr 1250 Jahre Bonifatius. Wir haben zu danken für das Licht des Glaubens, das Gott durch ihn unserem Land in seiner 1200jährigen Geschichte geschenkt hat“, betonte Algermissen mit Nachdruck hinsichtlich des heiligen Bonifatius. Die Welt habe sich seit Bonifatius grundlegend gewandelt, und sie sei in einem dramatischen Wandel begriffen. „Das Glaubensfundament, das er gelegt hat, ist bleibend gültig. Es ist das einzige, auf das wir unsere Zukunft sicher bauen können.“ Deshalb müßten das diesjährige Bonifatiusjubiläum und besonders dieser Ehrentag des Fritzlarer Gotteshauses zu einem inneren Aufbruch werden. „Ein Ruck muß durch unsere Kirche gehen“, forderte der Bischof. Man müsse keine Angst haben, denn die Freundschaft mit Jesus Christus, die Bonifatius vermittelte, trage und halte die Christen und sei Stütze und Stärke auf dem Weg in die Zukunft. „Sie ist unsere Freude und unser Glück.“ Wenn die Christen tief begründet in der Freundschaft mit Christus blieben, würden sie ganz sicher wie Bonifatius damals auch heute wieder Frucht bringen können, schloß der Oberhirte.

Stichwort: Basilica
Basilica minor (lat. "kleine Basilika") ist der Ehrentitel, den der Papst besonders auserwählten, bedeutsamen Kirchen außerhalb Roms verleiht (im Gegensatz zu "Basilica maior", die jeweils eine der 5 Hauptkirchen Roms bezeichnet). Die Basilica minor wird auch "Päpstliche Basilika" genannt. In Deutschland gibt es derzeit 69 Basilicae minores.

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