13 Juli 2004, 11:02
Gläubig ist noch nicht katholisch: Zum 'Höhepunkt' des Katholikentages
 
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In einem Beitrag für "Die Tagespost" hat Leo Kardinal Scheffczyk Stellung zum diesjährigen Katholikentag bezogen

PEK dokumentiert den Text im Wortlaut:

Auf dem vergangenen Katholikentag von Ulm wurde die Diskussion zwischen Hans Küng und Kardinal Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, mehrmals und betont als „einer der Höhepunkte" der Veranstaltung bezeichnet, von einem Beobachter sogar zum „absoluten Höhepunkt" erhoben. Ein Journalist sprach vom Katholikentag und von dem genannten Disput als von einem „Ereignis, auf dem Kirchengeschichte geschrieben werden soll" (was gar nicht als so abwegig empfunden werden muss, wenn man die Frage offen lässt, ob es sich um ein gutes oder um ein schlimmes Ereignis handelte). Wenn dem Diskurs eine solche Spitzenstellung eingeräumt wird, dann darf man wohl von diesem Gipfel das Ganze überschauen und beurteilen, auch das, was auf den niedrigeren Ebenen geschah, die ja mit dem „Gipfel" in Verbindung stehen. Es bot den Eindruck einer solchen ungebändigten Vielfalt, dass man in etwa das Urteil eines Kirchenmannes verstehen kann, der von einer allein möglichen „subjektiven Beurteilung" des Kirchentages sprach. Andererseits sollte ein christliches Denken doch die Urteilskraft aufbringen, dieses Geschehen, bei dem in vielem tatsächlich der Geist radikaler Subjektivität aufbrach, am objektiven Maßstab eines vernunftgemäßen Glaubens zu messen.

Katholizität als „Stimmung"

Unbestreitbar gab es unter den überaus zahlreichen Veranstaltungen neben den obligaten sozialpolitischen Kundgebungen und der unvermeidlichen Gesellschaftsrhetorik auch viel Frommes, Spirituelles, Gläubiges, zumal ja auch Bischöfe ein authentisches Zeugnis ablegten. So muss man die Aussage eines kirchlich gesinnten Teilnehmers nicht bezweifeln, dass er „auf seine Kosten gekommen" sei. Aber Frömmigkeit, Spiritualität und Gläubigkeit allein sind noch keine Kennzeichen des eigentümlich Katholischen. Auch Pietisten sind fromm, religiös bewegt, vom Glauben existenziell betroffen, aber sie sind nicht „katholisch" im Sinne eines eindeutigen Lehr- und Bekenntnisglaubens, der an der Offenbarung als Inhalt und Wahrheit festhält. Hier tut sich eine bei den dauernden Bekundungen der zu erstrebenden Einheit mit den evangelischen Christen vergessene Unterscheidung auf, dass nämlich der katholische Glaube, anders als der evangelische, auch Lehrglaube ist und nicht allein vertrauende Annahme der Heilszusage Gottes, dass er deshalb auch an die Gemeinschaft der Kirche gebunden bleibt.

Viele Aussagen von Katholikentagsteilnehmern bekunden aber, dass sie das Treffen, das auch als „Glaubensfest" (H. J. Meyer) ausgegeben wurde, mehr als Vermittlung von Erlebnissen, Erfahrungen, Gefühlen und Stimmungen empfanden, denn als Bekundung eines eindeutigen Bekenntnisglaubens. Darum ist die Frage erlaubt, ob es sich im Blick auf das Ganze, auf das bestimmende Konzept und auf die leitende Idee, nicht doch mehr um die Darstellung einer „Wohlfühl-Katholizität" handelte als um eine Bekundung des wahren Glaubens der katholischen Kirche, zu dem auch die Anerkennung des Einheitsprinzips der Catholica gehört, nämlich des universalen Lehramtes im Zentrum.

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Der Pluralismus der „deutschen Wirklichkeit"

Hand in Hand mit der Dominanz des Erlebnisglaubens ging die Demonstration der Pluralität des Katholischen, die nicht mehr nur Verschiedenes und Vergleichbares darbot, sondern Gegensätzliches und Widersprüchliches. Von journalistischer Seite wurde anerkennend vermerkt, dass es diesem Katholikentag gelungen sei, das Protestpotenzial der Kirchenvolksbegehrer, der „Kirche von unten" und des „alternativen Katholikentags" glücklich einzubinden. Aber „Einbinden" ist eine völlig unzutreffende Bezeichnung für ein Geschehen, das der Quadratur des Kreises gleichzukommen schien: die Ermöglichung von glaubensfeindlichen (Drewermann) oder glaubensgleichgültigen (Gaillot) Demonstrationen, das anerkannte Nebeneinander von Glaubenskritikern und (wenigen) Glaubensverteidigern, das Zusammensein von Kirchengegnern und Kirchentreuen, von amtsbeflissenen Klerikern und entschiedenen Vertretern eines Antiklerikalismus, von ethischen Antipoden (wie Homosexuellen und Förderern der christlichen Ehe, wie Bekennern der permissiven Moral von „Donum Vitae" und den „Helfern für Gottes kostbare Kinder"): alles als gleich gültig erachtet (und dann im tieferen Sinne gleichgültig), dennoch mit deutlicher Schieflage nach der Seite der Liberalität und Freizügigkeit hin. Das alles war wohl mit der Kennzeichnung des Katholikentags als „Ort des gemeinsamen Nachdenkens und des freimütigen Dialogs" (H. J. Meyer) auch intendiert. Aber ein Glaube, der sich vornehmlich in der Dimension des Dialogs, im Medium des Hinterfragens und der Kritik vollzieht, der keine theologische Unterscheidung kennt, ist kein eigentlicher Glaube, sondern allenfalls ein gläubiges Experimentierfeld. So boten diese Tage im Zeichen eines unverbundenen Pluralismus eher das Bild der von den Soziologen so bezeichneten „Sektorenkirche", als dass sie den Eindruck einer im Glauben geeinten Gemeinschaft (bei legitimer Vielfalt) hätten vermitteln können. Den Veranstaltern aber war offenbar die ebenfalls aus der Soziologie kommende Einsicht nicht mehr vertraut, dass der „Pluralismus" als „die eigentliche Ursache der schwindenden Plausibilität unserer Religion" zu gelten hat.

Die Integrierung dieser Vielfalt konnte diesem zersplitterten Gemenge von katholischen Elementen auch deshalb nicht gelingen, weil ihm die Ausrichtung auf jene geistige Mitte fehlte, welche allein die wahre Katholizität garantiert: die bewusste Verbundenheit mit dem universalkirchlichen Lehramt. Diesen Mangel brachte der ZdK-Präsident auf den Punkt, wenn er eine „universalkirchliche Wirklichkeit" von der „deutschen Wirklichkeit" abhob. So waren dann auch eine Vielzahl von Aktivitäten und Kundgebungen bewusst von „Vorstellungen und Wünschen" geleitet, die „man in Rom in ihrer Notwendigkeit und Berechtigung nicht anerkennt" (H. J. Meyer). Die im Sinne dieser „deutschen Wirklichkeit" vorgetragenen Reformforderungen nach „gemeinsamem Abendmahl" (wobei schon die Wortwahl kennzeichnend ist), nach Laienpredigt und „Laienpriestertum", nach dem Diakonat der Frau (aus dem sich wie von selbst das Verlangen nach der Frauenordination ergibt), nach Abschaffung des Zölibats und nach dem „Abschied von der Kleruskirche" veranlassten einen der entschiedensten Reformer zu der Voraussage, dass die Verwirklichung dieser Reformen die Kirche in „Zerreißproben" hineinführen würde (L. Karrer).

Demgegenüber bleibt es unverständlich, wie angesichts solcher Fakten immer wieder behauptet werden konnte, dass dieser Katholikentag Orientierungshilfen geboten und keinerlei Desorientierung betrieben habe. Hier bewirkte offenbar das Eingeschlossensein in die „deutsche Wirklichkeit" eine erhebliche Einschränkung des Realitätsbewusstseins. Sieht man diese Forderungen im großen Zusammenhang der Ereignisse der Dissoziierung der Kirche in Deutschland vom Zentrum der Weltkirche (Streit um „Humanae Vitae", um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen, um die Schwangerschaftskonfliktberatung und nun um „Donum Vitae"), so wird man dahinter das Grundmuster eines latenten „Febronianismus" erkennen und die Feststellung von Guido Horst von der „Wirklichkeit einer deutschen Nationalkirche" nicht mehr als abwegig bezeichnen können.

Lenkt man nun den Blick wieder auf den von vielen herausgehobenen „Höhepunkt" der ganzen Veranstaltung, dann lässt sich zeigen, wie sich in dem Diskurs zwischen Hans Küng und Kardinal Lehmann all die genannten Tendenzen konzentrieren und komprimieren. Allerdings muss man zum Verständnis der inhaltlichen Bedeutung dieser Diskussion eine kurze Darstellung der Lehre Küngs anhand seiner Schriften vorausschicken, deren Kenntnis man bei den Katholikentagsteilnehmern nicht voraussetzen konnte.

Diagramm einer Umprägung des katholischen Glaubens

Den kirchenkritischen Christen ist Küng vor allem wegen seiner Leugnung der Unfehlbarkeit von Kirche und Papst bekannt. Aber schon dieser Irrtum steht bei dem Autor in einem größeren Zusammenhang, welcher der ganzen rhetorischen Theologie des Schweizers den Stempel aufdrückt. Es ist die philosophisch dürftige Ansicht, dass in menschlichen Aussagen und Sätzen keine gültige Wahrheit zum Ausdruck gebracht werden könne. Weil menschliche Sätze endlich, begrenzt, geschichtlich bedingt und situationsbezogen seien, weil in ihnen Wahrheit und Irrtum zusammengehen, (so dass Wahrheit im Irrtum und Irrtum in der Wahrheit steckt), kann der Glaube nicht von Sätzen abhängig gemacht werden.

Ungeachtet der Tatsache, dass aufgrund einer solchen Annahme auch die eigenen Sätze nicht mehr bewahrheitet werden können, überträgt der Autor dieses relativistische Grundkonstrukt auf die Dogmen der Kirche. Sie verlieren bei ihm alle ihren objektiven Wahrheitsgehalt und werden in subjektive Bedeutungen eines humanistischen Christianismus umgemünzt: die Trinität rückt in die Nähe „einer ,Göttergeschichte' zwischen zwei oder gar drei Gottwesen", sie ist aus „mythischen Vorstellungen [erwachsen], die nicht mehr die unseren sein können". Darum kommt Christus auch keine vorweltliche Existenz zu. Der Titel „Gottessohn" meint einen „persönlichen Botschafter, Treuhänder, Vertrauten, Freund Gottes", der als solcher „nicht ein bloßer Mensch, sondern der wahre Mensch" gewesen sei. So war auch der Tod Jesu kein Sühneopfer für die Sünden, sondern ein in der Erinnerung immer neu aufgehender Impuls zur Veränderung des Menschen und seiner Welt. Der „Auferweckungsglaube ist ... nicht der Glaube an eine unverifizierbare Kuriosität ... kein Glaube an das Faktum der Auferweckung oder an den Auferweckten isoliert genommen", sondern „grundsätzlich Glaube an Gott".

Bezeichnend ist Küngs Umgang mit dem Mariengeheimnis, das ein markantes Kennzeichen des katholischen Christusglaubens ist. Für den Kirchenreformer ist Maria nicht die Mutter Gottes, weil „Gott nicht geboren werden kann". Die Jungfräulichkeit Marias ist eine „ätiologische Legende am Rande des Neuen Testamentes", zu deren Glaubensannahme niemand verpflichtet werden kann. Die neuen Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis und der Aufnahme Marias in den Himmel sind Produkte der unglücklichen Symbiose von „Papalismus und Marianismus" bei zwei „absolutistisch regierenden Päpsten". Verständlicherweise kann der „bloße, wahre Mensch Jesus Christus" keine Kirche gegründet haben. Sie stammt aus dem Glauben der nachösterlichen Gemeinde. Diese Gemeinde kannte aber keine Apostolische Nachfolge in den Bischöfen, sondern nur im Apostolischen Dienst der ganzen Kirche. Ziel dieser Kirche, wie „aller Kirchen", ist allein die Fortführung der „Sache Jesu Christi" in Ausrichtung auf „das umfassende Wohl des Menschen". Darum soll die wahre Kirche keine Amtskirche sein, sondern nur eine geistliche Bruderschaft, mit Leitungsdiensten an Stelle des Weihepriestertums. Als „Mutter" können wir diese Kirche nicht anerkennen.

Mit diesem Konzept eines völlig verformten und depotenzierten katholischen Glaubens versucht der Autor, das ökumenische Anliegen voranzubringen, das angeblich keine wirklichen Probleme mehr bietet. Aber es bleibt die Frage, ob etwa ein gläubiges Luthertum diesen humanistischen Jesuanismus wirklich annehmen kann. Dennoch behauptet der Autor, dass die neue Theologie „in den entscheidenden Kontroversfragen eine Konvergenz oder gar Einigung zwischen den Kirchen aufgewiesen habe". Das eigentliche Hindernis sei eigentlich nur das Papsttum, das derzeit einen „Kurs des unbarmherzigen Rigorismus" verfolge. Der Papst erscheint als „Wachhund, der seine katholische ,Herde' mit drohender und knurrender Aggressivität zu bewachen versucht".

Inzwischen aber hat sich das ökumenische Interesse Küngs auch auf die Weltreligionen ausgedehnt, zu deren gegenseitiger „Transformation" er rät. Charakteristisch dafür ist das Bekenntnis: „Als Christ kann ich dabei der Überzeugung sein, dass ich, wenn ich für mein Leben und Sterben diesen Jesus als den Christus gewählt habe, seinen Nachfolger Muhammed, insofern er sich auf den einen Gott und auf Jesus beruft, mitgewählt habe". Der von Küng befürwortete Transformismus der Weltreligionen ist hier bereits vollzogen unter Preisgabe des christlichen Propriums.

Die Kirche hat diese eindeutige Verfälschung des katholischen Glaubens schon 1971 zurückgewiesen mit der an den Autor gerichteten Mahnung, solche Lehrmeinungen nicht mehr zu vertreten. Auch die Deutsche Bischofkonferenz hat an den Autor in einer Erklärung vom Jahre 1975 den „dringenden Appell" gerichtet, dass er „die vom kirchlichen Lehramt mehrfach abgewiesene Position nicht weiter vertritt". Die Auseinandersetzung führte im Jahre 1979 schließlich zu einem Entzug der Lehrerlaubnis des Tübinger Professors (der aber dadurch nicht an der Predigt und am Vollzug der Eucharistie gehindert ist, was viele Gläubige als widersprüchlich empfinden). Der Betroffene aber hat nie einen Widerruf geleistet, sondern die irrigen Thesen seinen Lesern mit allen Mitteln moderner Propaganda und in monotonen Wiederholungen immer neu eingehämmert, stets unter Aufbietung aller emotionalen Kräfte gegen die Kirche „wegen ihrer erneuten Erstarrung", „ihres lernunfähigen ‚Lehramts' und ihrer Unterdrückung der Freiheit". Auf die Frage, warum er in einer solchen Kirche bleibe, antwortete er mit dem Hinweis auf sein „Gefühl", das ihm „den Sprung vom Boot der Kirchengemeinschaft - für viele ein Akt der Ehrlichkeit und des Protestes" verwehrt und er sich „zuviel für die Einigung engagiert habe", allerdings nur für eine Einigung nach dem Ermessen seiner Subjektivität.

Mit dem ungebrochenen Selbstbewusstsein des Dissidenten, der das Glaubenswidrige seiner Ansichten nicht zu erkennen vermag, betrat Küng die Arena des Katholikentages wie ein Sieger, der keinen eigentlichen Gegner zu fürchten hatte; denn auch Kardinal Lehmann, der es bei dem Diskurs mit der Vornahme einzelner Ausstellungen an den nun schon etwas verstaubten Thesen Küngs bewenden ließ, bekundete ein weitgehendes Einverständnis, wenn er sagte: „Ich habe nie einen Zweifel gelassen, dass ich zwar da und dort, aber nur an einzelnen Punkten, nie im Sinne eines totalen Urteils, etwas anderer Meinung bin als Hans Küng ... Ich habe auch keinen Zweifel gelassen an dem, was er insgesamt theologisch geleistet hat". Dass dies allein schon im Hinblick auf den erfolgten Lehrentzug für den katholischen Glauben eine (anerkennenswerte) Fehlleistung war, sagte der Kardinal nicht.

Antikirchliche Visionen

Die Diskussion wurde zunächst an einem hochtheologischen Aufhänger festgemacht, der wohl den wissenschaftlichen Rang des Gespräches ausweisen sollte: Es ging um die Bedeutung der ersten drei Kapitel der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche" des Zweiten Vatikanums. Dabei wurde bald klar, dass Küng das Konzilsdokument eklektizistisch und kontrovers anging, so, wenn er zwischen den Aussagen über das „Volk Gottes" (c. 2) und denen über die hierarchische Ordnung der Kirche (c. 3) einen unheilvollen Widerspruch klaffen sah, der angeblich durch die nachkonziliare Interpretation noch verstärkt wurde.

Für ihn bedeutete die Anerkennung der „Kirche als Gottesvolk" und als hierarchisch aufgebaute Gemeinschaft einen Gegensatz, ungeachtet der Tatsache, dass das Konzil schon in der Kennzeichnung der Kirche als Gottesvolk dieses Volk mit dem Hirtenamt, mit der „heiligen Weihe" und dem „hierarchischen Priestertum" ausgestattet dachte und als „sichtbaren Verband mit Christus" darstellte, den Christus „durch den Papst und die Bischöfe leitet" und der „durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung geordnet ist". Für den Reformer aber sollte die Kirche nur als Communio und als geistliche Bruderschaft existieren.

Dazu führte er eine jener typischen Doppeldeutigkeiten ein, mit denen er sich als Verteidiger des Amtes in der Kirche und sogar des „Pastoralprimats des Papstes" ausgeben konnte, was die arglosen Zuhörer als mit der kirchlichen Lehre übereinstimmend empfinden mussten. Allerdings trug er in der Diskussion die Ablehnung des Amtes nicht so eindeutig vor wie an vielen Stellen seines Gesamtwerkes. Aber er blieb bei den in den Werken bekundeten Grundpositionen: Die Kirche ist nicht „einfach" eine „von Christus gegründete", sie ist „nicht das Licht der Völker" (das ist nur Christus allein), der hierarchische Aufbau der Kirche bietet (nach dem Zweiten Vatikanum) „das ganz gleiche alte Modell" (gegen das man auf dem Konzil angeblich angehen wollte); die Kirche (unter Einschluss der Bischöfe) ist nur eine „Gemeinschaft von Brüdern"; das Papsttum ist seit dem elften Jahrhundert gekennzeichnet durch den „päpstlichen Absolutismus" (der danach den Vergleich mit dem Kreml ermöglichte); er wird, in populistischer Diktion, darauf reduziert, „dass da einer ist, der das alles selber allein kann".

Kardinal Lehmarm bemerkt dazu: „Also zweifellos haben wir da verschiedene Akzente, die man sicher noch lange besprechen kann". Einem objektiven Beobachter konnte wohl aber nicht entgehen, dass Küng eine andere Kirche propagierte. An die Adresse der „alten" Kirche wurde nur jene geballte Macht von Vorwürfen gerichtet, welche die Bücher des Kirchenkritikers erfüllt und nun das Proprium der „Volksbegehrer" ausmacht: Forderung nach einer geschwisterlichen Kirche mit „Gleichberechtigung der Frau", nach „freier Wahl zwischen zölibatärer und nichtzölibatärer Lebensform", nach „positiver Bewertung der Sexualität in Sachen Empfängnisverhütung und anderem" und - gegen die gesamte Verkündigung der Kirche gerichtet: „Frohe Botschaft statt Drohbotschaft".

Der Kardinal bezeichnete diese auf nicht gerade hohem theologischem Niveau stehenden Postulate als „Tuttifrutti", widerlegte sie aber nicht, sondern bekundete etwa bezüglich der „Königsteiner Erklärung" weitgehend sein Einvernehmen. In einer ernsten theologischen Diskussion wäre festgestellt worden, dass die „Königsteiner Erklärung" für gläubige katholische Christen nie Geltung beanspruchen konnte, weil sie, gegen den Großteil des Weltepiskopats und gegen das Lehramt gerichtet, keine Authentizität besitzt. Auch musste sich die Freigabe der so genannten „Gewissensentscheidung" gegenüber dem universalen Lehramt der Kirche genauso auch gegen diesen partikularistischen Spruch der Bischöfe wenden.

Zu der von Küng propagierten „anderen Kirche" gehörte folgerichtig auch ein „anderer Christus". Hier richtete der Theologe an das Konzil den Vorwurf, dass es mit der „Sakramentalität" der Kirche begonnen habe, wo es hätte „mit Jesus Christus anfangen" müssen. Die Kirche müsste „allein die Gestalt des Jesus von Nazareth widerspiegeln". Wie in den Schriften des Autors, war an die Menschwerdung und an die Gottessohnschaft Christi nicht gedacht. Dieser löst sich in den humanistischen Jesuanismus auf, trotz zweideutiger Verwendung mancher christologischer Titel.

Die Diskussion bot dem Kirchenkritiker die geschickt genutzte Möglichkeit, sein Bild einer depotenzierten Kirche und eines entleerten Glaubens weiter unter die Leute zu bringen. Wenn man schon darüber staunen konnte, dass ein Katholikentag einem von der Kirche mit Lehrentzug gemaßregelten Theologen ein offenes Forum bot, so lag das noch Erstaunlichere darin, dass die Gesprächsteilnehmer wie auch die Zuhörer die irrigen Thesen als katholisch anerkannten. Offenbar ist die „deutsche Wirklichkeit" so nebulös geworden, dass man zwischen „katholisch" und „antikatholisch" nicht mehr unterscheiden kann. Die Moderatorin gab die Küngschen Deformationen von Kirche und Glauben als Zeugnis des „gleichen Glaubens" aus. Zu diesen Wirrnissen passte auch das Segenswort des Bischofs an den „Kirchenrebellen", den er eigentlich zuerst hätte zur Bekehrung rufen müssen. Aber nicht „Bekehrung" war verlangt, sondern „Treue" zum eigenen Anliegen (L. Karrer) und „revolutionäre Geduld" (R. Laurin).

Glaube statt Illusion

Die zuletzt genannte Schlusstendenz bestätigt, dass dieser Kundgebung der „Laienkatholiken" eine revolutionäre Attitüde eignete, die zugleich etwas Utopisches an sich hatte. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass dieses fröhlich-futuristische Gehabe mit ständiger Berufung auf eine sichere Zukunft der Kirche angesichts seiner eher doch bescheidenen geistigen Kräfte sich überhebt und in Illusionen abgleitet. Das lässt manche Verantwortliche gelassen reagieren. Sie begnügen sich mit dem scheinbar realistischen Urteil: So ist nun einmal der Zustand der gegenwärtigen Kirche. Aber so darf er nicht bleiben. Die Zukunft kann nicht einer Kirche gehören, in der der Glaube vom Unglauben oder „Christus von Belial" nicht mehr geschieden werden kann. Das gilt konkret auch von der auf dem Treffen vielfach unrealistisch beschworenen Ökumene. Hier gilt es, einzusehen, dass eine in sich selbst uneinige, im Glauben zersplitterte Kirche keine Legitimation und Kraft zur Verwirklichung einer Einigung mit den anderen Christen besitzt. Darum fordern die Erfahrungen des Katholikentags vor allem, entgegen den aufgeblähten Revolutionären, eine neue Konzentration auf den Glauben, auf den „göttlichkatholischen" Glauben, dessen innere Mitte der Gottmensch Jesus Christus ist und dessen sichtbares Zentrum das Kollegium der Bischöfe mit dem Haupt im Nachfolger Petri bleibt.







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