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Gegen Mitgliederschwund: Christen sollten „mehr Wärme ausstrahlen“

5. Dezember 2019 in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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Zürcher evangelischer Dekan Peter sagt zur Nachricht, dass in Basel 2050 möglicherweise keine Christen mehr leben werden: Kirchenaustritte würden sozialen Zusammenhalt schwächen – Was ist davon zu halten? kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg


Basel (kath.net/pl) „Wir leiden seit 1968 unter einer sehr ungünstigen kulturellen Großwetterlage, die vielen den Zugang zur Kirche verschließt, bevor sie sich überhaupt mit ihr auseinandersetzen konnten.“ Darauf macht Niklaus Peter, Dekan des evangelischen Pfarrkapitels von Zürich/Schweiz und vielfacher Autor, in einem Interview mit Linus Schöpfer in der „Basler Zeitung“ aufmerksam, er äußerte sich zu Zahlen des (Schweizerischen) Bundesamtes für Statistik (Siehe „Hintergrund“ unten). „Man schaut die Grafik an und denkt: Oh, Gott.“

Der Zürcher Dekan liefert in seinem Interview interessante Beobachtungen. Man müsse differenzieren, erinnert er, es seien ja „nicht alles Kirchgänger, die uns davongelaufen sind“. Weitere Faktoren für den Schwund der Christen seien auch, dass beispielsweise die Migration den Christen kaum zugutegekommen sei, „dazu kommt eine geringe Geburtenrate, zumal unter Protestanten“.

Dann wird Peter konkreter: man sei „zu bürokratisch aufgestellt“, man müsse sich rhetorisch „stark verbessern“ und „mehr Wärme ausstrahlen“. Er weist auf die Freikirchen hin, „die ihre Besucher jeweils sehr persönlich abholen, sie etwa beim Eintritt in die Kirche begrüßen“. Man müsse „die Gemeinschaft stärken, selbstbewusster sein, heute gilt ja für gewisse Leute als verhaltensauffällig, wer in die Kirche geht“. Man müsse die eigenen Stärken mehr hervorheben, beispielsweise den kirchlichen Beitrag „für den sozialen Zusammenhalt im Land“, wenn man sich etwa „um Randständige“ kümmere und Alte besuche. Austritte, so diagnostizierte Peter, würden „diese Art von Solidarität“ schwächen. Trotz Sozialstaat sei es doch ein Unterschied, „ob jemand sich aus einer inneren Überzeugung heraus um Alte kümmert, oder man nur seinen Job macht“.

Auf die Frage, ob sich in so einer „Notlage“ wohl eine Fusion von Katholiken und Reformierten anbieten würde, vertrat Peter, dass die Ökumene derzeit seitens der Katholiken „eher gebremst“ werde. Außerdem sei die „Vielfalt des Angebots“ eigentlich „gut fürs Christentum“. Reformierte hätten „tendenziell bessere Predigten“ und seien „intellektuell interessanter“, „Katholen können Dinge, die wir weniger gut können: Das Festliche, Barocke“.


Auf die abschließende Frage, warum man die Kirchenaustrittserklärung nicht unterschreiben solle, antwortete Peter wörtlich: „Weil man damit auch ein soziales Projekt aufkünden würde – und wer kann das wollen? Und: weil der Weltinnenraum des Geistes, um einen Begriff von Rilke zu benutzen, sich nirgends so gut erkunden lässt wie im Glauben.“

Was ist davon zu halten?

Zunächst einmal: nur weniges bringt die aktuelle Krise des Christentums in der westlichen Welt derart auf den Punkt wie die Nachricht, dass es 2050 - also in nur 30 Jahren! - in Basel möglicherweise praktisch keine Christen mehr geben wird. Dekan Peter ist dafür zu danken, dass er sich davon schockieren lässt und dass er in einem Interview (und sicher auch für sein Dekanat) nach Wegen aus dieser Krise sucht.

Die statistisch erfassten Vorgänge zeigen, dass uns die Themenbereiche „Niedergang des Christentums“ und „Neuevangelisierung“ dringendst unter den Nägeln brennen sollten. Das satte Zurücklehnen mancher unserer Bischöfe, Kirchenräte und Pfarrer (in beiden Konfessionen) in ihren gepolsterten Stühlen im sicheren Wissen um weiterhin geldspendende Kirchensteuerquellen und um reichen Kirchenbesitz, das saturierte Verwalten des Niedergangs trifft das schockierende Problem in keiner Weise.

Gleichzeitig ist Peters Interview auch deshalb bemerkenswert, weil es zwar vieles sagt, dem man zustimmen möchte, aber trotzdem ungewollt die eigentlichen Ursachen für das Kränkeln des Christentums offenbart. Der Zürcher Dekan präsentiert den christlichen Glauben in hoher Einseitigkeit als „soziales Projekt“. Doch ist das Christentum nicht mehr als nur ein ehrenwerter Nachbarschaftsverein?

Bis auf wenige tastende Versuche im Unkonkreten wird das Christentum auf die zwischenmenschliche Schiene verengt. Einen wie auf immer gearteten Bezug auf den Namensgeber des Christentums, Jesus Christus, stellt der Pfarrer nicht her. Die Worte „Jesus“, „Christus“, „Kreuz“ und „Bibel“ tauchen schlicht nicht auf.

Der Text ist kaum mehr als Text eines protestantischen Christen zu erkennen, bemerkenswert für einen evangelischen Dekan in einer Stadt, die vom calvinistischen Reformator Ulrich Zwingli so grundlegend geprägt worden war.

Und auch wer kein Kostverächter bei warmherzigen Begrüßungen von Gottesdienstbesuchern und bei intellektuellen Predigten ist, wird doch feststellen müssen: Damit sind wir nicht im Herzen des Christentums, ebenso wenig übrigens wären wir das mit einer stärkeren Begabung fürs Festlich-Barocke (wobei „Barock“ für das katholische Verständnis von Amt und Liturgie deutlich zu kurz greift, aber dies sei einmal dahingestellt).

Auch Peters Diagnose der aktuellen ökumenischen Schwierigkeiten greift zu kurz. Denn unerwähnt bleibt bei ihm, dass sich die beiden Konfessionen zwar in der Theologie stark angenähert haben, aber in Moralfragen vor tiefer werdenden Gräben stehen, seit die evangelischen Christen verstärkt dazu neigen, die Gewissensentscheidung des Einzelnen sogar in Fragen wie Abtreibung über die göttlichen Gebote (hier über das „Du sollst nicht töten“) zu stellen. So hatte beispielsweise der vatikanische „Ökumeneminister“ Kurt Kardinal Koch – seines Zeichens früher ausgerechnet Bischof von Basel – bereits 2016 geäußert, dass ökumenisch schwierige Themenbereiche der Schutz des Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende, außerdem Familie, Ehe und Sexualität vor allem im Zusammenhang mit der Gender-Debatte, seien.

Unerwähnt bleibt in diesem Interview auch, dass der eigentliche „Funke“, der Menschen zum Christentum motiviert, weder ein Kulturchristentum noch Warmherzigkeit noch ein faktisch gelebtes „soziales Projekt“ ist. Wo aber springt der Funke dann wirklich?

Das Christentum nennt sich beim richtigen Namen, der sich auf Jesus Christus bezieht: Ursprung und Ziel des gelebten Christentums ist die persönliche Beziehung zu Jesus Christus als dem für unsere Sünden gekreuzigten und auferstandenen Heiland, wie sich Protestanten und Katholiken im Kern einig sind. Eine persönliche Beziehung zum Heiland entsteht im persönlichen „Gespräch“ mit ihm, also in Gebet und Bibellesen, für uns Katholiken besonders auch in der Anbetung seiner tatsächlichen Gegenwart in der Eucharistie. Dann erst kann die Ausfaltung des Christentums in konkret gelebte Moralität erfolgen, sei es der Verzicht auf eine Abtreibung oder sei es der Kontakt zu Vereinsamten. Auch ansprechende Predigten und feierlich-„barocke“ Gottesdienste entspringen diesem Quell (oder sollten es zumindest).

Ich ertappe mich - als Katholikin - bei dem Wunsch, der reformierte Dekan würde sich wieder mehr auf das lutherische „sola fide“ besinnen, statt die „Werke“ so sehr zu betonen. Denn das Christentum steht und fällt mit dem Wert, den Jesus Christus für den Einzelnen hat. Oder wie Jesus selbst gesagt hat: „ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“. Vielleicht sollten wir Christen aller Konfessionen DARÜBER wieder mehr reden?

Hintergrund: In der durch geschichtliche Prozesse traditionell eigentlich stark protestantischen Schweiz nimmt der Anteil der Christen in der Bevölkerung ab, es wachsen die Anteile der Menschen ohne Religionszugehörigkeit (25 Prozent, Zahlen aus den Jahren 2015-17) und verschiedener muslimischer Bekenntnisse (5,2 Prozent). Das lässt sich den Zahlen des Bundesamtes für Statistik entnehmen. Die Evangelisch-reformierten Landeskirchen stellen nur noch 24,4, Prozent der Bevölkerung, die römisch-katholische Kirche hat bereits vor geraumer Zeit den Anteil der reformierten Landeskirchler überholt und liegt bei 36,5 Prozent. Allerdings sinkt auch der Anteil der Katholiken, der 1970 noch bei deutlich über 40 Prozent gelegen hatte.

Symbolbild: Kreuz



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