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Äthiopien: „Gewalt hat mehr religiöse als ethnische Dimension“

1. Dezember 2019 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Am 10. Dezember erhält Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis.


München-Wien (kath.net/KIN) Am 10. Dezember erhält Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis. Damit wird vor allem sein Einsatz für den Friedensschluss mit dem Nachbarland Eritrea gewürdigt – eine sensationelle Wende im Verhältnis der jahrzehntelang verfeindeten Staaten. Im eigenen Land aber sind im Oktober schwere Unruhen ausgebrochen, die sich auch gegen den Präsidenten richten. Dabei sind Polizeiangaben zufolge mindestens 67 Menschen ums Leben gekommen. Auslöser waren schwelende ethnische Konflikte in der Oromia-Region rund um die Hauptstadt Adis Abeba.

Ein Konflikt, in dem auch religiöser Fundamentalismus eine Rolle spielt und der sich auch gegen Christen richtet, findet der Priester Petros Berga aus der Diözese Adis Abeba. In Äthiopien sind rund 60 Prozent der Einwohner Christen. Die meisten gehören der orthodoxen Kirche an, die Zahl der Katholiken liegt bei maximal einer Million Menschen, etwa einem Prozent der Bevölkerung. Berga ist ein langjähriger Projektpartner des weltweiten päpstlichen Hilfswerks „Kirche in Not“. Amélie de La Hougue hat mit ihm gesprochen.

Amélie de La Hougue: Wie hat sich die Situation in Adis Abeba und im Land entwickelt?

Petros Berga: Die Lage ist sehr unbeständig. Es gibt in einigen Regionen ethnische Probleme. Aber das wahre Problem kommt aus dem Nahen Osten. Ein ethnisch-religiöser Aktivist namens Jawar Mohammed ist zu einer ernsthaften Bedrohung für die Christen in Äthiopien geworden. In mehreren Orten wurden bereits Kirchen, Priester und Gläubige attackiert. Mohammed wird mutmaßlich illegal aus dem Nahen Osten finanziert. Er hat einen eigenen Fernsehsender und ein großes Netzwerk in den Sozialen Medien. Die Zahl seiner Anhänger ist groß. Die Aktivisten benutzen die Jugendlichen in der Oromo-Region als Instrument, um Konflikte zu schüren. Die Jugendlichen erhalten sogar kostenlose Handys, gespendet aus den Golfstaaten.


Wie entwickeln sich die Demonstrationen?

Langsam verebbt die Protestwelle. Die weitere Entwicklung ist jedoch ungewiss. Radikale Politiker und selbsternannte Aktivisten rufen zur Gewalt auf. Sowohl die Regionalverwaltung als auch die Regierung greifen kaum ein, selbst wenn Menschen angegriffen, vertrieben, ausgeraubt, bedroht oder belästigt werden. Am Stadtrand von Adis Abeba haben Anhänger von Jawar Mohammed Anwohner angegriffen. Dorthin sind in den vergangenen Jahren viele Menschen im Zuge der städtebaulichen Entwicklung ausgesiedelt. Ihre Lage, vor allem die der Jugendlichen, ist von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit geprägt. Jetzt sind sie auch noch der Gewalt ausgesetzt. Das macht es für uns als Kirche noch dringender, den Jugendlichen in den Außenbezirken beizustehen.

Die Medien haben von ethnischen und religiösen Konflikten als Auslöser der Gewalt gesprochen. Stimmen Sie dem zu?

Die Gewalt richtet sich derzeit gegen Christen, vor allem gegen die orthodoxe Kirche. Hauptakteure sind der genannte Jawar Mohammed und Dawed Ibsa, Anführer der sogenannten Oromo-Befreiungsfront. Beide sind Muslime und gehören der Volkgruppe der Oromo an. Sie nutzen die ethnische Zugehörigkeit, um die Jugendlichen zu mobilisieren. Aber die Angriffe haben eher eine religiöse als eine ethnische Dimension. Die traditionelle Form des Islam in Äthiopien ist vom Sufismus geprägt. Er zeichnet sich durch Toleranz und eine hohe Integrationsfähigkeit gegenüber den Stammeskulturen aus. Diese Form des Islam wird nun durch militantere und fundamentalistische Strömungen ersetzt.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation verbessern wird?

Die Äthiopier verschiedener Religionen und Ethnien leben seit Jahrhunderten Seite an Seite. Ich bin zuversichtlich, dass die gemeinsamen Werte sie in dieser schwierigen Situation zusammenhalten werden.

Was ist die Rolle und die Botschaft der katholischen Kirche in diesem Konflikt?

Die katholische Kirche ist zwar eine winzige Minderheit, spielt jedoch eine wichtige Rolle bei der Förderung des friedlichen Zusammenlebens. Der Erzbischof von Adis Abeba, Berhaneyesus Demerew Kardinal Souraphiel, wurde vom Premierminister zum Vorsitzenden der Nationalen Kommission für Frieden und Versöhnung ernannt. Wir organisieren Workshops zu Friedensarbeit und Dialog. Als Minderheitskirche, die der Gesellschaft ohne ethnische oder religiöse Unterscheidung dient, ist die katholische Kirche am besten in der Lage, eine Rolle bei der Vermittlungsarbeit zu spielen.

Um die Friedensarbeit und den pastoralen Einsatz der katholischen Minderheit in Äthiopien weiterhin unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Foto: Heilige Messe unter freiem Himmel bei Dhadim in Äthiopien © Kirche Not


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