01 November 2019, 12:46
Röhls Film „Verteidiger des Glaubens“: „Ein schreckliches Zerrbild“
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Peter Seewald: „Jeder kann ein Pamphlet gegen Ratzinger herausbringen, es gibt ja ganze Bibliotheken davon. Aber bislang hatte noch niemand die Dreistigkeit, eine Sammlung von Polemiken als Dokumentation zu bezeichnen.“ Interview von José García

Würzburg (kath.net/Die Tagespost) Peter Seewald hat mit Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. von 1996 bis 2010 vier Interview-Bücher verfasst. Nun bereitet er die Veröffentlichung einer Benedikt-Biografie vor. Deshalb gilt Seewald als der beste Ratzinger-Kenner unter den deutschen Journalisten.

José García: Welchen Eindruck haben Sie von Christoph Röhls Film „Verteidiger des Glaubens“?

Peter Seewald:
Ich meine, jeder kann eine Streitschrift, ein Pamphlet gegen Ratzinger herausbringen, es gibt ja ganze Bibliotheken davon. Aber bislang hatte noch niemand die Dreistigkeit, eine Sammlung von Polemiken, Halb- und Unwahrheiten als Dokumentation zu bezeichnen. Schade eigentlich, denn das Thema ist viel zu ernst und viel zu wichtig, um es auf so eine billige Weise abzuhandeln und die Opfer für fragwürdige Zwecke zu benutzen.

García: Warum verdient Ihrer Meinung nach „Verteidiger des Glaubens“ den Namen Dokumentation nicht?

Seewald:
Ein Werk, dass keine Hemmungen hat, mit Bildern, Texten, subtilen Darstellungsformen zu manipulieren, disqualifiziert sich selbst und ist als Diskussionsbeitrag nicht ernst zu nehmen. Das beginnt schon mit dem Titel, der im Grunde nur zynisch gemeint ist. Denn ein Verteidiger des Glaubens, wie Ratzinger es ja tatsächlich ist, und zwar im positiven Sinne, gilt nach Lesart des Films als eine eher verdächtige, rückwärtsgewandte, engherzige Erscheinung, die nichts Gutes im Sinn hat.

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Der Film versammelt deshalb auch, wie bei einem Tribunal über einen afrikanischen Diktator oder einen Kriegsverbrecher, ausschließlich Ankläger. Darunter den Professor Hermann Häring, einen altbekannten Papst-Hasser, der seit Jahrzehnten nichts unversucht lässt, Ratzinger mit übelsten Verleumdungen ans Kreuz zu nageln. Im Film wird er als Ratzinger-Schüler vorgestellt. In Wahrheit war er der Assistent von Hans Küng.

Dass auch Georg Gänswein zu Wort kommt, dient erkennbar als Feigenblatt. Seine Statements wurden in einer Umkehrung dessen, was er eigentlich sagen wollte, so zusammengeschnitten, dass sie ins Schema des Films passen. Was nicht gebogen werden konnte, wurde weggelassen.

Im Grunde arbeitet der Regisseur hier wie ein Missbrauchstäter: Er hat sich das Vertrauen des Papstsekretärs erschlichen und es dann missbraucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

García: „Verteidiger des Glaubens“ ist also vor allem ein einseitiger Film ...

Seewald:
Ich beschäftige mich jetzt seit einem Vierteljahrhundert mit Leben und Werk Ratzingers. Mit mir hat der Regisseur wohlweißlich nicht gesprochen. Ich hätte ihm sagen können, dass sein Ansatz völlig an der Realität vorbeigeht und dass das Ergebnis eine Fälschung ist.

Da verspricht ein offensichtlich von seiner eigenen Wahrheit besessener Filmemacher ein journalistisches Projekt, aber er lässt alle journalistischen Standards außer Acht: Etwa eine gründliche Recherche, eine ausgewogene Darstellung, die Orientierung an Fakten.

Es gibt keine positiven Seiten des Papstes. Keine klugen Zitate, für die er eigentlich berühmt ist, keinen Hinweis auf seine Theologie, die Vernunft und Glauben versöhnen will; auf seine Beiträge zur Ökumene, zur Aussöhnung mit dem Judentum, zum interreligiösen Dialog. Oder auf seine Leistung an der Seite des „Jahrtausendpapstes“ Johannes Paul II. Das alles kommt nicht vor.

Statt eines differenzierten, die Nuancen auslotenden Bildnisses gibt es dann halt nur ein schreckliches Zerrbild, eine Karikatur des Protagonisten, eine geschichtsfälschende Darstellung der Wirklichkeit.

García: Können Sie einige Beispiele nennen, die im Film Beachtung hätten finden sollen?

Seewald:
Einige habe ich eben genannt. Ich meine, es müsste doch bei einem Portrait über den deutschen Papst eine Rolle spielen, dass ein Historiker wie der Engländer Peter Watson Ratzinger zu den großen Genies der Deutschen zählt, in einer Reihe mit Bach, Lessing, Schopenhauer. Dass er als einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit gilt, und als jemand, in dem unzählige Christen, und nicht nur Katholiken, den Kirchenlehrer der Moderne sehen. All das kommt nicht vor.

Um die krude These vom gescheiterten Papst durchzuhalten, der ja laut Röhl für den ganzen Missbrauch und damit für die Krise der katholischen Kirche verantwortlich ist, wird sogar verschwiegen, dass Ratzinger bereits als Präfekt mit dem 2001 veröffentlichten Motu proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ und die Note „De delictis gravioribus“ die entscheidenden Voraussetzungen für den Kampf gegen den Missbrauch geschaffen hat und als Papst konsequent eine Null-Toleranz-Politik gegenüber kirchlichen Missbrauchstätern durchgezogen hat. Warum wird seine Initiative zur Novellierung der entsprechenden vatikanischen Gesetze ausgeblendet? Warum sein wegweisender apostolischer Brief an die Gläubigen in Irland, in dem er den Masterplan im Umgang mit Missbrauch vorgab, nämlich: Solidarität mit den Opfern, Sanktionen gegen Bischöfe, die ihre Pflicht vernachlässigen, Reform der Seminare, Zusammenarbeit mit der zivilen Justiz, Notwendigkeit von Reinigung und Buße – und vor allem: die konsequente Ahndung der Täter? Warum werden seine Treffen mit Missbrauchsopfern verschwiegen, die zu einem festen Bestandteil seiner pastoralen Reisen wurden? Oder dass er rund 400 Geistliche suspendierte, darunter auch Bischöfe und Kardinäle?

García: Sie sprechen von einer geschichtsfälschenden Darstellung der Wirklichkeit ...

Seewald:
Man könnte sagen, der ganze Film ist eine Fälschung. Es ist, als ob jemand aus zwei plus zwei fünf macht, aus einem Plus ein Minus, oder wenn in einem Konzert nur Misstöne erklingen, weil einfach die Vorzeichen nicht stimmen. Eine brutale Geschichtsfälschung ist der Versuch, Ratzinger zu unterstellen, er sei dafür verantwortlich, dass die scheußlichen Taten des Gründers der Legionäre Christi nicht aufgedeckt werden konnten. Dabei war Ratzinger jene Person, die quasi im Alleingang Marcial Maciel zwar spät, aber dann doch noch zu Fall brachte.

Um ein anderes Beispiel zu nennen: Röhl sagt wörtlich, „das Interessante ist ja, dass Ratzinger immer das Böse von außen hat kommen sehen. Das Böse war aus seiner Sicht nicht innerhalb der Kirche“. Was für ein Unfug! Schon in seiner legendären Meditation zum Kreuzweg 2005 sagte Ratzinger: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten.“ Auf seiner Portugal-Reise meinte er: „Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.“

García: Wie erklären Sie sich, dass Vorab-Rezensionen von einem „kritischen, überaus seriösen Film“ sprachen?

Seewald:
Offenbar sind viele Journalisten bereit, nicht so genau hinzusehen, wenn es darum geht, das Feindbild Ratzinger zu bedienen. Statt den Verstand einzuschalten wirft man sich mit Huldigungen vor dem Regisseur regelrecht in den Staub. Dabei ist doch für jedermann zu erkennen, dass der Film eben nicht seriös gemacht ist, sondern extrem unsauber und manipulativ arbeitet, das er eben nicht kritisch ist, sondern unkritisch nur die altbekannten Klischees ausbreitet, einschließlich der abgedroschenen Legende, Ratzinger hätte in Tübingen ein Trauma erlebt, das aus einem progressiven einen konservativen Theologen machte, was völliger Quatsch ist.

Ganz klar, der Film ist parteiisch, er ist voreingenommen, er will nur eines: Ratzinger gewissermaßen den Gnadenschuss verpassen. Papst tot, Klappe zu. Zu diesem Zweck wird die Wahrheit gebogen, dass es nur so raucht.

García: Zielt Röhls Film „nur“ auf Benedikt XVI.?

Seewald:
Nein, hier wird nicht nur der Papst vorgeführt, hier wird der tradierte katholische Glaube vorgeführt, und zwar in einem von Ahnungslosigkeit geprägten Agit-Prop-Stil, wie man ihn aus den 80-er Jahren kennt. Gleich zu Beginn des Streifens wird schon mal klar Schiff gemacht. Da heißt es dann: „Der Katholizismus zielt darauf ab, die Gedanken der Menschen zu kontrollieren“. Der Regisseur sagt ja von sich selbst, dass er als Atheist von der katholischen Kirche keine Ahnung hat. Leider hat er sich nicht schlau gemacht, sondern hat nur alle Klischees aufgeklaubt, die er finden konnte.

García: Das lässt eine Voreingenommenheit seitens des Machers erkennen.

Seewald:
Das ist hier nicht zu übersehen. An anderer Stelle heißt es, Ratzinger sei angetreten, die Kirche und ihre Werte zu bewahren. Ich bitte Sie, welche Apostel, welche Heiligen wären anders angetreten, allen voran Petrus! Das wird aber quasi als Makel hingestellt, weil ja diese ganze katholische Kirche gefährlich ist und ihr Glaube und ihr Kult gewissermaßen den Nährboden des Missbrauchs bilden.

Röhl hat sogar die Frechheit, zu behaupten, als „Repräsentant der Restauration“ habe Ratzinger „den Boden bereitet für die vielen Krisen, die es heute gibt“. Er liefert dann aber keine Belege für diese These.

Und offenbar sind dann auch Erscheinungen wie die Mee-Too-Bewegung, die Skandale um Harvey Weinstein, Jeffrey Eppstein, Michael Jackson und so weiter genauso an Röhl vorbeigegangen wie der massenhafte ungesühnte Missbrauch an den über 220 Millionen Kindern, die nach Angaben der UNICEF weltweit jährlich zum Sex gezwungen werden. Das mindert in keiner Weise den Skandal in der Kirche und die ungeheure Schuld, die damit einhergeht. Aber es sollte dann doch auch Erwähnung finden.

García: Ihr Fazit?

Seewald:
Nicht alle Maßnahmen Benedikts haben getroffen. Manches wurde zu spät getan oder gesagt, einiges nicht oft genug. Im Ganzen aber war das Krisenmanagement des deutschen Papstes, gerade auch im Vergleich zu seinem Nachfolger, nicht so schlecht, als dass es nicht geholfen hätte, in den Stürmen dieser Jahre die katholische Kirche vor noch größeren Zusammenbrüchen zu bewahren.

Der Erzbischof von Boston Patrick O’Malley hat es so gesagt: „Für jeden, der unparteiisch ist“, sei eines klar: „Kardinal Ratzinger und der spätere Papst Benedikt hat sich der Aufgabe gewidmet, sexuellen Missbrauch in der Kirche auszumerzen und die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.“ In einer Zeit, als es in Europa hierfür noch keine Bewußtsein gab, „war er unser stärkster Verbündeter.“

Und der Vatikankenner Armin Schwibach, der eine Chronik des Missbrauchsskandals vorlegte, fasste es so zusammen: „Kein Papst, kein Bischof der Welt hat in diesem Sumpf soviel geleistet wie Benedikt XVI., der der Kirche eine entschiedene Wende aufgeprägt hat.“

Zuerst erschienen in „Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur.“ Mit freundlicher Genehmigung des Johann Wilhelm Naumann Verlags.

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Pressefoto Peter Seewald




Foto (c) Jung-Hee Seewald

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