23 September 2019, 09:30
Herr bleibe bei uns – Leseprobe 1
 
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Unsere Welt befindet sich am Rande des Abgrunds: Glaubenskrise, Untergang des Abendlandes, moralischer Relativismus und entfesselter Kapitalismus. Leseprobe 1 aus dem neuen Buch von Kardinal Robert Sarah: Herr bleibe bei uns

Linz (kath.net)
Kreuzopfer und Messopfer

Zeichen der fortwährenden Identität der Kirche
Kardinal Robert Sarah

Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass die Kirche im Bezug auf das Sakrament und Opfer der Eucharistie die schlimmste Krise aller Zeiten durchmacht. Das aggiornamento der Liturgie hat nicht die erhofften Früchte hervorgebracht. Wir müssen alles daransetzen, um all jene populären Elemente zu entfernen, welche die Eucharistie zu einem Theater machen. Unglaubliche Extravaganzen haben sich in die Feier der Heiligen Messe eingeschlichen und lassen das Pascha-Mysterium verblassen.

Sonderbare Musikformen sind in Messfeiern üblich geworden. Mancherorts werden sogar »Motto-Messen« gefeiert. Es wird zu wenig auf die Einhaltung der liturgischen Regeln geachtet. Treue bedeutet auch Anerkennung liturgischer Vorschriften der kirchlichen Autorität. Sie verbietet willkürliche und hemmungslose Neuerungen ebenso wie die sture Ablehnung von promulgierten heiligen Riten.

Mit Recht betonte Joseph Ratzinger in seinem Gespräch Zur Lage des Glaubens: »Daher […] muss weit entschiedener, als es bisher geschehen ist, rationalistischer Verflachung, geschwätzigem Zerreden und pastoraler Infantilität entgegengetreten werden, die die Liturgie zum Gemeindekränzchen degradiert […] Auch die geschehenen Reformen, besonders im Bereich der Rituale, werden unter solchen Gesichtspunkten überprüft werden müssen.«

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Außerdem wurden nach den 1960er Jahren einige Reichtümer der Liturgie aufgegeben, wie etwa die hieratische Unveränderlichkeit der Gottesdienste. Auch die örtliche und zeitliche Einheit wurde aufgehoben, welche die Liturgiesprache Latein, die überlieferten Riten, die Schönheit ihrer Kunst und Feierlichkeit gewährleistet hatten. Der Verlust der sprachlichen Einheit in der Liturgie zugunsten der Landessprachen ist meines Erachtens eine mögliche Ursache der Uneinigkeit. Waren es nicht semantische Unklarheiten zwischen Griechen und Lateinern, welche zum Schisma zwischen Ost und West führten?

Das Zweite Vatikanische Konzil fordert ausdrücklich, die lateinische Sprache beizubehalten. Kommen wir dieser Bitte nach? Der Gebrauch der lateinischen Sprache in einigen Teilen der Messe kann uns helfen, das tiefe Wesen der Liturgie wieder zu entdecken. Als zutiefst mystische und kontemplative Wirklichkeit darf die Liturgie nicht von menschlichen Experimenten angetastet werden. Von uns wird vielmehr verlangt, dass wir uns für den Vollzug des Mysteriums öffnen. So empfiehlt die Konstitution über die Heilige Liturgie, sich um ein volles Verständnis der Riten zu bemühen, und ordnet an, »dass die Christgläubigen die ihnen zukommenden Teile des Mess-Ordinariums auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können«.

In der Tat ist das Verständnis der Riten kein Werk menschlicher Vernunft, die alles selbst begreifen, verstehen und beherrschen muss. Aber haben wir überhaupt den Mut, dem Konzil so weit zu folgen? Ich möchte die jungen Priester ermutigen, sich beherzt von den Ideologien der Liturgie-Erfinder abzuwenden und zu den Vorgaben von Sacrosanctum concilium zurückzukehren. Eure Gottesdienste sollen die Menschen zur Anbetung, zu einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit Gott führen, einer Begegnung, welche sie umwandeln und heiligen soll. »Die heilige Liturgie [ist] vor allem Anbetung der göttlichen Majestät«, lehrt uns das Konzil. Sie versetzt uns in die Gegenwart des Geheimnisses der Transzendenz Gottes. Sie ist nur insofern von pädagogischem Wert, als sie voll und ganz auf die Verherrlichung und Anbetung Gottes ausgerichtet ist. Christus »hat das Heilige nicht abgeschafft, sondern es zur Vollendung gebracht und einen neuen Kult eröffnet, der zwar gänzlich geistlich ist, sich jedoch solange wie wir in der Zeit unterwegs sind, noch der Zeichen und Riten bedient«, sagte Benedikt XVI. in seiner Predigt am Fronleichnamsfest im Juni 2012.

Ich halte es für wichtig, den Reichtum der Liturgie zu bewahren, den uns die lange Tradition der Kirche überliefert hat. Dies betrifft besonders die Orientierung, also die Ausrichtung des Altares nach Osten hin, die wir mit den meisten Ostkirchen gemeinsam haben, seien sie uniert oder von Rom getrennt. Ich habe bereits betont, wie wichtig dieser Punkt ist. Wir sollen verstehen, auf wen wir schauen und zu wem wir gehen wollen. »Wo der Blick auf Gott nicht bestimmend ist, verliert alles andere seine Richtung«, schrieb Benedikt XVI. im Vorwort des elften Bandes seiner Gesammelten Schriften. Der Umkehrschluss ist ebenso richtig: Wenn wir die Ausrichtung des Leibes und des Herzens auf Gott verlieren, dann lassen wir uns nicht mehr vom Bezug auf Ihn bestimmen; man verliert – im eigentlichen Sinn – die Orientierung. Sich auf Gott hin auszurichten ist zuerst eine innere Tat, eine Umkehr der Seele zum Herrn, dem einen Gott.

Diese Umkehr zum Herrn muss in uns die Liturgie bewirken – zu Ihm, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben. Deshalb macht die Liturgie Gebrauch von Zeichen und einfachen Hilfsmitteln. Die Zelebration ad orientem ist ein Teil davon. Sie ist ein Schatz der Christenheit, der uns hilft, den Geist der Liturgie zu wahren. Sie darf nicht Ausdruck einer sektiererischen oder polemischen Haltung werden, sondern soll vielmehr das äußere Zeichen jener ganz innigen und wesentlichen Bewegung jeder Liturgie bleiben: unserer Ausrichtung auf den Herrn.

Mancherorts ist die Liturgie zum Schlachtfeld geworden, wo die Verfechter des vorkonziliaren Messbuchs und die Anhänger der Reform von 1969 aufeinanderprallen. Das Sakrament der Liebe und Einheit, in dem sich Gott uns zur Speise gibt, uns belebt und heiligt, sodass wir in Ihm bleiben und Er in uns, dieses Sakrament wurde Anlass zu Hass und Verachtung. Benedikt XVI. setzte dieser Situation mit seinem Motu Proprio Summorum pontificum ein für alle Mal ein Ende.

Denn er bekräftigte in einem Brief an die Bischöfe am 7. Juli 2007 mit seiner ganzen lehramtlichen Autorität: »Es ist nicht angebracht, von diesen beiden Fassungen des Römischen Messbuchs als von ›zwei Riten‹ zu sprechen. Es handelt sich vielmehr um einen zweifachen Usus ein und desselben Ritus.«

So wies er gleichzeitig beide Beteiligten im Konflikt um liturgische Belange zurück. Die außerordentliche Form des römischen Ritus, wie sie vor den Reformen von 1969 üblich war, darf nicht verachtet werden, nur weil sie das Schlachtross von Monsignore Marcel Lefebvre war. Die Anhänger von Monsignore Lefebvre waren nicht die Einzigen, welche die Möglichkeit schätzten, den Gottesdienst nach der außerordentlichen Form zu feiern. Auch viele andere nahmen Anstoß an der Art und Weise, wie die Messe vielerorts kompromittiert wurde.

»Die Liturgie besteht gerade darin, in Gottes Mysterium einzutreten; sich zum Mysterium führen zu lassen und im Mysterium zu sein«, sagte Papst Franziskus in seiner Tagesmeditation am 10. Februar 2014. Die außerordentliche Form erlaubt dies auf vorzügliche Weise; machen wir sie nicht zu einem Anlass der Spaltung! Diese Form gehört fest zum lebendigen Erbe der katholischen Kirche. Sie ist kein Museumsobjekt, das von einer längst vergangenen, glanzvollen Zeit zeugt. Sie ist dazu da, für die Christen von heute fruchtbar zu sein! Ebenso wäre es wünschenswert, dass diejenigen, welche das alte Messbuch gebrauchen, sich an die wesentlichen Kriterien der konziliaren Konstitution über die heilige Liturgie hielten. Auch diese Messfeiern sollen unbedingt die vom Magisterium geforderte Auffassung über die Teilhabe der anwesenden Gläubigen übernehmen.

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben mit Recht dieser alten Form des Ritus einen Platz in der Kirche eingeräumt. Es geschah jedoch unter der Voraussetzung, dass die Beteiligten dem Lehramt zustimmten, seine verschiedenen ausdrücklichen Bedingungen anerkannten und die Feier nach den neuen Messbüchern nicht aus Prinzip ablehnten.

Ich will ausdrücklich ermutigen, die Heilige Messe nach dem alten römischen Messbuch zu feiern, als Zeichen der fortwährenden Identität der Kirche. Denn das, was bis 1969 Liturgie der Kirche, ja das Heiligste für uns gewesen ist, das darf nicht nach 1969 zum Unerträglichsten werden. Wir müssen unbedingt anerkennen, dass etwas, was 1969 grundlegend war, es auch noch heute ist. Es handelt sich um die gleiche Sakralität, um die gleiche Liturgie.

Aus ganzem Herzen rufe ich dazu auf, die liturgische Versöhnung, von der Benedikt XVI. sprach, mit dem pastoralen Geist von Papst Franziskus umzusetzen. Niemals darf die Liturgie zur Standarte einer Partei werden. Manche sehen in dem Ausdruck »Reform der Reform« ein Synonym für die Herrschaft einer Gruppierung über die andere. Ich möchte lieber von einer liturgischen Versöhnung sprechen. Der Christ hat innerhalb der Kirche keinen Feind! So schrieb auch Kardinal Ratzinger in seinem Werk Diener eurer Freude: »Wir [müssen] wieder den Mut zum Sakralen finden, den Mut zur Unterscheidung des Christlichen; nicht um abzugrenzen, sondern um zu verwandeln, um wirklich dynamisch zu sein.«

Mehr als um eine »Reform der Reform« geht es hier um eine Reform der Herzen, um eine Versöhnung von zwei Formen desselben Ritus, um eine gegenseitige Bereicherung. Die Liturgie muss sich stets mit sich selbst versöhnen, mit ihrem eignen tiefen Wesen.

kath.net Buchtipp
Herr, bleibe bei uns!
aus dem Französischen von Hedwig Hageböck
Von Kardinal Robert Sarah und Nicolas Diat
440 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3863572426
fe-medien, Kisslegg
Preis: Euro 20,40

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