27 August 2019, 11:35
Abenddämmerung über dem Institut Johannes Paul II.?
 
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Mitgründer Prof. Grygiel im „Polonia Christiana“-Interview: „Das Institut wurde von Papst Franziskus einfach aufgelöst“, der Papst schuf dann „ein eigenes Institut, das den Namen seines heiligen Vorgängers beibehielt“.

Vatikan-Warschau (kath.net/pl) Prof. Stanisław Grygiel (Foto), einer der Gründerväter des Instituts und Schüler sowie guter Freund von Johannes Paul II., äußerte sich im Interview mit der polnischen Website „Polonia Christiana“ (PCh24.pl) ausführlich über seine Sicht auf die Entwicklungen im Institut Johannes Paul II. Der emeritierte polnische Philosophieprofessor war bis zu seiner Entlassung der Leiter des Forschungslehrstuhls Karol Woytila, jetzt darf er zwar noch am Insitut forschen, aber nicht mehr unterrichten. Er ist Philosoph, Ethiker und Anthropologe. Über die dramatischen Entwicklungen am Institut Johannes Paul II. hat kath.net mehrfach berichtet. Auf das Interview wird beispielsweise auf der Homepage des britischen katholischen Bistums Lancester aufmerksam gemacht.

kath.net dokumentiert das Interview in voller Länge in eigener Übersetzung – Übersetzung anhand der englischen Version © kath.net

Hanna Nowak (Teologia Polityczna): In der letzten Zeit hat sich das Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienforschung, das Sie vor 40 Jahren gemeinsam mit Karol Wojtyła gegründet haben, stark verändert. Wie kommen Sie mit Ihrer Entlassung zurecht? War es möglich, eine solche Situation vorherzusagen?

Prof. Stanisław Grygiel:
Am Johannes-Paul-II-Institut für Ehe- und Familienforschung hat sich nichts geändert. Das Institut wurde vor genau zwei Jahren von Papst Franziskus einfach aufgelöst. Im gleichen Motu Proprio (Summa familiae cura, 8. September 2017) löste der Papst das Werk von Johannes Paul II. in einem Satz auf und schuf im nächsten ein eigenes Institut, das den Namen seines heiligen Vorgängers beibehielt. Das neue Institut heißt „Päpstliches Theologisches Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften“.

Ein neues Wort im Namen sagt alles: „Wissenschaften“. Welche Wissenschaften? Es gibt keine Wissenschaft über Ehe und Familie. Was beschreibt dieser Name? Nur die Tatsache, dass Soziologie, Psychologie und verwandte Wissenschaften entscheiden, wie und was man im neu gegründeten Institut über Ehe und Familie denken soll.

Einmal forderte ich die Streichung des Namens von Johannes Paul II. aus dem Namen des Instituts, weil er, wie gesagt, nicht als Feigenblatt verwendet werden sollte…

Die Moraltheologie und auch die angemessene Anthropologie von Wojtyła wurden vom Institut aufgegeben – bedeutet das dann, dass die Ethik von Menschen, die verheiratet sind, künftig durch Meinungsumfragen bestimmt werden? Ermächtigt uns die Tatsache, dass viele Menschen stehlen, Ehebruch begehen, lügen usw., die Zehn Gebote aufzulösen?

Wer nach dem Sinn des Lebens fragt und auf der Suche nach dem Weg ist, den er einschlagen sollte, ohne die Antwort auf diese Fragen zu verpassen, kann nicht in einem Gebäude leben, das auf soziologischen und psychologischen Mäanderungen von Ehe und Familie in den verschiedenen sogenannten Kulturen beruht . Christus predigte keine soziologischen Meinungen, sondern das Wort des lebendigen Gottes.

Wie ich mit meiner Entlassung zurechtkomme? Ich halte Kontakt zu meinen Freunden, insbesondere zu dem unvergesslichen verstorbenen Kardinal Carlo Caffarra. Dies hilft mir, eine familienähnliche wissenschaftliche Realität zu schaffen, die den Gedanken und Wünschen von Johannes Paul II. für das Institut entsprach. Ich bin überrascht von Worten wie „Erneuerung, Erweiterung und Vertiefung“ dieses Instituts, die von denen geäußert werden, die es zusammen mit seiner Gründung zerstören. Zerstörung ist nicht gleichbedeutend mit Erneuerung.

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Hätten die Ereignisse vorhergesagt werden können, die heute die Weltmeinung erschütterten? Es war möglich. Die Manöver in der Doktrin, die 2014 und 2015 während der beiden Synoden über Ehe und Familie durchgeführt wurden, ließen keinen Zweifel daran, dass die postmodernen Tendenzen des Verhaltens und Denkens der Menschen jenseits von Gut und Böse durch Theologen und Hirten (die dafür Gründe hatten, die ihnen nur selbst bekannt sind), in die Kirche eindrangen, indem sie anfingen, das Wort Gottes so zu verdrehen, dass es diesen Tendenzen entsprach. Durch den Gebrauch mehrdeutiger Worten und schräger Aussagen sorgten sie bei vielen Menschen für Chaos und Verwirrung. Die Worte Christi bewahrheiteten sich: „Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37). Wenn man sich auf dieses „was darüber hinausgeht“ einlässt, wird die Glaubwürdigkeit des Evangeliums und der Tradition der Kirche untergraben. Es genügt, an die Aussage des jetzigen Generals des Jesuitenordens zu erinnern, dass wir nicht sicher sein können, ob Christus die Worte, die uns die Evangelisten überliefert haben, wirklich gesagt hat, weil sie keine Aufzeichnungsgeräte hatten. Das Fehlen von Rekordern bedeutet nach Auffassung des Jesuitengenerals, dass wir uns auf Interpretationen von Interpretationen verlassen müssen. Daher müssen wir uns fragen, welchen Einfluss Menschen auf die Kirche haben, die nicht nur auf das Wort des lebendigen Gottes vertrauen, das in der Kirche gegenwärtig ist und nur einmal gesagt wird („semel dixit“), sondern auch auf die eine oder andere Art von soziologischen oder psychologischen Interpretationen dieses Wortes.

Der religiöse Glaube hängt davon ab, dass der Mensch dem lebendigen Gott im täglichen und direkten Gespräch mit ihm vertraut, aber nicht seiner eigenen Meinung über ihn. Man möchte mit einem geliebten Menschen von Angesicht zu Angesicht sprechen und nicht mit der Stimme dieser Person, die auf Tonband aufgezeichnet ist.

Hanna Nowak: Viele Intellektuelle wurden aus dem Institut entlassen wegen ihrer Reaktion auf die Stimmen, die eine Alternative zu der Tradition darstellten, der sie eigentlich folgten. Können diese Ereignisse als ein symbolisches Moment betrachtet werden, ein greifbares Symptom dieser Transformationen, denen die institutionelle Kirche nachgibt?

Prof. Grygiel:
Ja, das ist genau so zu verstehen, wir müssen diese Ereignisse als solche behandeln. Ich bin überzeugt, dass das, was mit dem Institut geschehen ist, mit den Änderungen zusammenhängt, die durch die bevorstehende Pan-Amazonien-Synode eingeführt werden könnten. Wir könnten die Frage stellen: „Kann die Kirche, die den Menschen im Lichte der in Christus offenbarten Wahrheit betrachtet hat, den Menschen auch im Lichte der lokalen Kulturen (zum Beispiel des Amazonas) oder auf fast derselben Ebene betrachten? Sollte die Kirche im Licht des Evangeliums bleiben und predigen, was sie sehen kann?“

Die Abschaffung des Instituts Johannes Paul II. wurde zu einem Zeichen, das die Gedanken vieler Herzen offenbarte. Einige Professoren wurden aus dem Institut entfernt, Professoren, die Amoris Laetitia im Licht des im Evangelium und in der Tradition verwurzelten Glaubens der Kirche lesen, statt (wie es Kardinal Christoph Schönborn aus Wien in seinem Gespräch mit Kardinal Carlo Caffarra verlangte) die Tradition, die in der Lehre der früheren Päpste vorhanden ist, im Sinne dieses Dokuments zu lesen.

Es ist im Namen der Tradition, dass beide Wege der Reise zur Wahrheit in der Kirche wichtig sind. Wenn man die geoffenbarte Wahrheit über den Menschen nur im Lichte des heutigen Hier und Jetzt liest, ist es sehr leicht, auf die Ebene der Schmeichelei der Wahrheiten abzusteigen, von denen die Karriere abhängt.

Wenn Christus sagt, dass jeder, der seine Frau verlässt und mit einer anderen Frau zusammenlebt, Ehebruch begeht, kann selbst die Interpretation des klügsten Theologen oder Geistlichen die Bedeutung des Wortes „jeder“ nicht ändern. Wenn wir sagen, dass in diesem oder jenem Fall jemand keinen Ehebruch begeht, weil er durch dieses oder jenes gerechtfertigt ist, bedeutet dies, dass wir gleichzeitig sagen, dass Christus nicht wusste, was er sagte, weil er es nicht wusste, was in einem Menschen steckt. Er hätte andere Leute fragen sollen. Aber der heilige [Evangelist] sagt, dass Christus „alle Menschen kannte“ und niemanden fragen musste (Joh 2,25). Der herrischen Stimme der heutigen Anhänger der Situationsethik und der pseudo-ignatianischen Unterscheidung wusste Christus aber nicht, was in jedem Menschen verborgen war, zum Beispiel wusste er nicht, was in dem Menschen mit reinem Gewissen verborgen war, der in seiner zweiten oder dritten pseudoehelichen Vereinigung lebt… Christus war also nicht Gott. Jemand, der heute in der Kirche sehr wichtig ist, hat es bereits gewagt zu sagen, dass Christus erst nach dem Moment seines Todes Gott wurde.

Hanna Nowak: Seit einiger Zeit sind verstörende Signale bezüglich der Veränderungen im Institut zu vernehmen. Gab es in Anbetracht dieser Tatsache irgendwelche Überlegungen, die Identität des Instituts zu retten, indem beispielsweise die Zentrale an einen anderen Ort verlegt würde? Man könnte ja durchaus sagen, dass jener Teil der entlassenen Professoren über ihr eigenes Copyright verfügt – da sie es waren, die es gemäß den Entscheidungen von Johannes Paul II. geschaffen haben. Vielleicht hätte ein solcher Schritt, der auf der Konsolidierung an einem anderen Ort beruht, verhindert, was mit der Zerstreuung der entlassenen Professoren geschehen ist?

Prof. Grygiel:
Man kann nicht sagen, dass die Professoren des Instituts Urheberrechte hätten. Das Institut hatte päpstliche Rechte, keine Professorenrechte. Das von Johannes Paul II. gegründete Institut hat jedoch bei Tausenden von Studenten auf der ganzen Welt seinen Geist hinterlassen. In diesen Tagen war ihre Stimme so stark, dass dies selbst die Professoren überraschte. Die Professoren sind nicht zerstreut. Sie sind immer noch die einzige Familie, die der heilige Johannes Paul II. haben wollte. Sein Institut bleibt, aber auf veränderte Weise.

Hanna Nowak: Unter Bezugnahme auf die vorherige Frage möchte ich fragen, wie Sie die Rolle der polnischen Kirche in den allgemein verständlichen Studien zu den Gedanken Johannes Pauls II. und ihrer Verbreitung sehen.

Prof. Grygiel:
Ich denke, dass unsere polnischen Bischöfe darauf achten sollten, dass Abteilungen, die der Philosophie von Karol Wojtyła und der Lehre von Johannes Paul II. gewidmet sind, in den Seminaren und Universitäten eingerichtet werden, auf die sie Einfluss haben. Anthropologische und theologische Studien, die auf Wojtyłas adäquater Anthropologie und auf der Theologie des Leibes beruhen, werden den Priestern helfen, junge Menschen auf ein Leben der schönen Liebe in Ehe und Familie sowie auf das soziale und staatliche Leben vorzubereiten. Diese Studien helfen dem Leben in der Kirche. Feste und aufwendige Zeremonien zu Ehren des heiligen Papstes reichen nicht aus. Es bedarf der Arbeit des Verstandes und des Herzens, einer sorgfältigen Arbeit, bei der die Wahrheit die Person, die sie sucht, von der ägyptischen Knechtschaft des Bösen befreit. Solche Abteilungen sollten Abteilungen der verantwortlichen Liebe oder Abteilungen der Freiheit genannt werden.

In der heutigen schwierigen Zeit brauchen die Ortskirchen Bischöfe, die mutig ihren Glauben an Christus bekennen und dem Teufel ein starkes „Nein“ sagen.

Die jüngsten Äußerungen von Erzbischof Marek Jędraszewski aus Krakau, der der Ideologie des verzerrten Regenbogens sein evangeliumsgemäßes „Nein“ entgegensetze, ermutigen und bringen Hoffnung nicht nur für die Polen. Viele Kardinäle und Bischöfe aus anderen Ländern standen ihm bei und sahen in ihm einen würdigen Nachfolger der Kardinäle Adam Stefan Sapieha und Karol Wojtyła. Gott verlässt sein Volk niemals. Er gibt ihm immer Hirten, die in der Lage sind, sich den Herausforderungen zu stellen, denen sie begegnen könnten. Der Regenbogen des Bundes zwischen Gott und dem Menschen hat sieben sakramentale Farben. Sie sind das Leben der Kirche. Sie alle erzählen uns von der Liebe, die in ihnen offenbart und verwirklicht wird. Das Herausnehmen einer Farbe im Regenbogen verhindert, dass es eine Offenbarung des Lichts der Liebe Gottes ist, das in sieben Farben verteilt ist. Der falsche Regenbogen bringt Chaos in die menschliche Liebe, was die Liebe widerspiegelt, die Gott ist. In diesem Chaos werden der Verstand und das Herz des Menschen brutalisiert und versklavt. Es ist die Pflicht der Bischöfe und Priester, die ihnen anvertrauten Mächte gegen dieses Chaos und gegen diejenigen zu verteidigen, die dieses Chaos nutzen, um an die Macht zu gelangen. Ihre Aufgabe ist es daher, „Ja, Ja, Nein, Nein“ zu sagen und nicht um den heißen Brei herumzureden und ihren eigenen privaten Erfolg darin zu suchen. Vielleicht ist es angenehm, mit dem Teufel zusammen zu sein, aber es ist niemals ehrenwert.

Eines Abends überreichte mir Johannes Paul II. Einen Brief, den ein bekannter Theologe an ihn geschrieben hatte. Er sagte: "Lies es und sag mir, was du darüber denkst." Dieser Theologe riet Johannes Paul II., die Ethik der ehelichen sexuellen Beziehungen zu ändern, denn wenn er sie nicht ändern würde, würden viele Menschen die Kirche verlassen. Kurz nachdem ich den Brief gelesen hatte, sagte ich scharf: „Das ist dumm!“ Nach einem Moment der Stille sagte der Papst einfach: „Ja, das stimmt, aber wer wird ihm das sagen?“ Dann ging er wortlos zur Kapelle und ist dort allein geblieben.

Hanna Nowak: Welche Absicht hatte Johannes Paul II. bei der Gründung des Instituts? Auf welchen Werten haben Sie aufgebaut? Was ost Ihnen von Ihren ersten Gespräche mit Karol Wojtyła darüber in Erinnerung geblieben?

Prof. Grygiel:
Johannes Paul II. war sich der Tatsache bewusst, dass das Schicksal der Kirche von dem abhängt, was in der Ehe und in der Familie geschieht, ebenso, dass das sogar Schicksal der Welt davon bestimmt wird. In unseren Gesprächen in Krakau und dann in Rom tauschten wir anthropologische und theologische Überlegungen zur Ehe- und Familienliebe aus, die die in der Kirche gepflegte Theologie und Philosophie prägen sollten. In der ehelichen Familienliebe, die durch den Schöpfungsakt des Universums und des Menschen durch Gott in seinem Sohn konzipiert wurde, wird die Wahrheit offenbart – der Logos des lebendigen Gottes, wie wir, sit venia verbo, die Lehre von die Kirche nennen (Mk 5,33-34). Indem wir diesem Wort vertrauen, in dem Gott kreativ die menschliche Person denkt, sollten sowohl Theologie als auch Philosophie in der Kirche gepflegt werden. Die Kraft des Glaubens an den Menschen und des Glaubens an Gott zeigt sich in der Kraft unseres „Nein!“ zu denen, die aus ideologischen Gründen verlangen, dass die Gesellschaft das menschliche Leben in seinem Anfangsstadium (Abtreibung) und in seinem Endstadium (Sterbehilfe) nur bedingt und nicht bedingungslos achtet. Die Verleugnung des Anfangs und des Endes der Liebe, zu der Ehe und Familie berufen sind (dieser Liebe, die eine Offenbarung der Liebe ist, die den Vater und den Sohn in der Heiligen Dreifaltigkeit vereint), verbiegt die Ekklesiologie in eine nur horizontale Dimension und mit Hilfe soziologisch-psychologischer Argumentationsmethoden wird der Mensch den in diesem Moment vorherrschenden Ideologien unterworfen. Johannes Paul II. warnte und verteidigte die Kirche und die Gesellschaft vor dieser Gefahr.

Jenen, die sagen, dass er nicht erfolgreich war, werde ich kurz antworten, dass er einen ewigen Sieg wollte. Er vertraute sich der ewigen Wahrheit an, die ans Kreuz genagelt war, und beugte die Knie vor Ihm. Er kniete nicht vor dem Bösen, der in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Raum triumphiert und vergängliche Königreiche dieser Welt verspricht. Mit der Kraft des Wortes des lebendigen Gottes erklärte er, dass die Freiheit nicht davon abhängt, was der Mensch heute oder morgen tun möchte, sondern davon, was alle wollen. Und die Wahrheit sagt uns, was der Mensch wollen soll. Freiheit kommt von der Wahrheit, nicht von der Gesetzlosigkeit. Es hat nichts mit fehlenden Regeln zu tun.

Hanna Nowak: Johannes Paul II. sprach bereits vor 40 Jahren von der Krise der Familie. Dieses Thema war in seinem gesamten Pontifikat von großer Bedeutung, und sein formaler Ausdruck war die apostolische Ermahnung Familiaris Consortio. Ist die päpstliche Lehre jetzt gefährdet, wo sich die Krise noch weiter verschärft hat und die Institution, die ihr entgegenwirken sollte, solch radikale Veränderungen durchmacht?

Prof. Grygiel:
Die Bedrohung der Wahrheit, die im Glauben der Kirche und in der Liebe des Menschen zum Mitmenschen vorhanden ist, und dann der Wahrheit, die auch in der Lehre von Johannes Paul II. vorhanden ist, die den Glauben an Gott und an den Menschen zum Ausdruck bringt, kann Menschen schmerzlich verletzen. Es ist jedoch niemals eine tödliche Bedrohung für die Wahrheit selbst. Die Wahrheit wird dem Menschen immer gnädig gegenwärtig sein. Dank dessen trägt der Mensch auch im Herzen der Dunkelheit ein Geschenk der Hoffnung gegen die Hoffnung (spes contra spem). Christus, der die Toten auferweckt, damit sie Heilige sein können, ist in dieser Gabe gegenwärtig. Die Kirche lebt dank der auferstandenen Freiheit ihres Glaubens, ihrer Hoffnung und Liebe. Christus ist in diesen drei Offenbarungen der Gabe der Freiheit gegenwärtig. Er ist in den Meinungen über Ihn nicht präsent, insbesondere in denen, die von einigen Theologen und Geistlichen nach dem marxistischen Prinzip geschaffen wurden: Die Praxis (in diesem Fall die sogenannte pastorale Praxis) bestimmt die Wahrheit oder den Logos.

Heutzutage sollten die apostolische Ermahnung Familiaris Consortio oder die Enzyklika Redemptor Hominis jeden Tag in den Kirchen gelesen werden. Jeder Christ sollte die Worte Christi in seinen Verstand und sein Herz eingravieren: „Du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37). In den Dokumenten der lehrenden Kirche gibt es keinen Platz für Zweideutigkeiten oder das in Polen bekannte „Ich bin dafür und sogar dagegen". Ambiguität kann in der Kirche sogar tragische Folgen haben. Sie führt in das Leben der Kirche ein Verständnis der Wahrheit in einem linearen Konzept der Geschichte ein, nicht in der Sicht des Erlösers des Menschen, der „das Zentrum des Universums und der Geschichte ist“ (vgl. Redemptor Hominis, 1).

Hanna Nowak: Was bedeuten die Vorschläge der neuen Ideologie und inwieweit sind sie auf lange Sicht eine echte Bedrohung für die Kirche und für die Familie?

Prof. Grygiel:
Die Antwort auf diese Frage finden Sie in den Antworten auf die vorherigen Fragen. Ich möchte nur hinzufügen, dass es in diesen Vorschlägen Wörter gibt, deren Bedeutung sich geändert hat. Sie sind losgelöst von der Realität, die sie betreffen. In postmodernen Ideologien gehören Wörter wie Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Toleranz nur zu den Meinungen, die auf der Grundlage der vorübergehenden Modeerscheinungen entstanden sind und unter dem Grundsatz „Tu, was immer du willst!“ stehen. Heute lohnt es sich, an die prophetischen Worte von Vladimir Soloviev aus seinem 1899 veröffentlichten Buch „Antichrist“ zu erinnern, dass der Antichrist, wenn er erscheinen wird, die Gestalt eines Pazifisten, eines Vegetariers, eines Ökologen und eines Ökumenikers annehmen wird. Wird die Familie zusammenbrechen? Ich bin mir sicher, dass es nicht so sein wird. Warum? Weil die Wahrheit, der ein Mensch verpflichtet ist, und damit auch Ehe und Familie, nicht zusammenbrechen werden. Gott kann nicht durch irgendeine Meinung über Ihn zergebrochen werden. Es gibt also jemanden, zu dem man zurückkehren kann und in dem es möglich ist, zu neuem Leben zurückzukehren. Die Wahrheit verteidigt uns.

Hanna Nowak: Nach Ansicht von George Weigel hat die nachkonziliare Kirche zwei widersprüchliche Wege beschritten. Die erste ergibt sich aus der Philosophie von Hegel, Feuerbach, Marx. Die andere, die traditionelle, bezog sich auf die Lehre des Schutzpatrons des Instituts Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie. Ich möchte eine philosophisch naive Frage stellen, aber nur aus der bloßen Verwunderung heraus: Wie konnte sich in der Kirche eine so starke und parallele Macht mit einem Standpunkt durchsetzen, der ihre lebenswichtigen Eigenschaften in Frage stellt?

Prof. Grygiel:
Das ist eine schwierige Frage. Christus warnte seine Jünger davor, die intellektuelle und gebeterfüllte Wachsamkeit zu verlassen (vgl. Mt 26,41). Viele Faktoren trugen zu ihrer Schwächung bei. Ich nehme an, dass einer der Hauptgründe für diesen Mangel an Wachsamkeit ein Mangel an Gebet und auch ein Mangel an Kultur ist. Ich spreche von der Kultur, von der der hl. Johannes Paul II. sprach und ohne die keine historische Kultur Kultur ist. Ich spreche von Kultur als Kultivierung der Menschheit im Menschen dank der Gnade der befreienden und heilenden Wahrheit, ohne die sich kein Mensch verstehen kann. Die Erfüllung der Menschheit im Menschen ist das Verheißene Land für alle, in das wir bis zum letzten Moment des Lebens reisen. Sterbend sehen wir es nur und grüßen es von weitem (vgl. Hebr 11,13). Wie ein brüllender Löwe streift der Böse um unsere Hoffnung und wartet auf eine angemessene Zeit, um anzugreifen. Das Institut wurde von Theologen und Geistlichen angegriffen, denen es an Hoffnung und Glauben mangelte. Sie hörten auf, an die Gnade zu glauben, die sich aus dem Leben in der Heiligkeit des Sakraments der Ehe ergibt und dass dies ein Ideal ist, das unmöglich zu erfüllen ist. Sie haben die vertikale Dimension der Metaphysik und ein Fortiori [umso mehr] der Moraltheologie und Wojtyłas angemessene Anthropologie durch die horizontale Ebene der Soziologie, Psychologie und ähnlicher Wissenschaften ersetzt. Der neue Name des Instituts zeigt eine neue Grundlage des Denkens über Ehe und Familie, was eine andere Wahrnehmung von Liebe und Freiheit bedeutet.

Hanna Nowak: Warum ruft eine angesehene katholische Einrichtung ausgerechnet während einer universitären Krise danach, die „Entwicklung“ als ihre Neuformulierung zu benennen und de facto Schemata von Laienuniversitäten zu kopieren? Warum verdrängt Pragmatismus das Kerygma?

Prof. Grygiel:
Das ist eine gute Frage. Danke, dass Sie das gefragt haben. Die Erfahrung zeigt mir, dass Pragmatismus das Kerygma ersetzt, wo immer die entscheidende Stimme von Menschen gehört, die auf die eine oder andere Weise durch die „Schwäche des Fleisches“ verfälscht wurden (vgl. Mt 26,41), deshalb hielten sie keine nächtlichen Gebetswachen und beteten nicht. Sie wollen das Böse rechtfertigen, das sie getan haben, weil sie nicht glaubten, dass das einzige Heilmittel für die Sünde die Barmherzigkeit Gottes ist. Sie glauben nur an die Macht von Politik und Besitz. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Vorstellung von Barmherzigkeit nur darin besteht, Brot zu verteilen, und mit dieser Barmherzigkeit wollen sie sich rechtfertigen. In ihrer pragmatischen Barmherzigkeit verdunkeln sie die Menschen vor der Barmherzigkeit, die das erlösende Wort des Lebendigen Gottes ist. Das Geschenk der Wahrheit ist die Barmherzigkeit für den Menschen. Der Mensch soll Gottes Reich suchen und der Rest wird ihm dazugegeben (vgl. Mt 6,33). Weltliche Universitäten, die zuallererst nach den Dingen suchen, die „gegeben“ sind, verlieren den Weg zur Wahrheit und vergessen schließlich, nach dem Weg zu fragen und versinken in Gedankenlosigkeit. Wollen die Menschen in der Kirche, dass ihre Universitäten das Schicksal der säkularen Universitäten teilen? Einige vielleicht doch. Warum? Das ist hier die Frage.

Hanna Nowak: Ich frage ironisch – und keineswegs ohne Sorge –, ob der nächste Schritt möglicherweise darin besteht, das Dogma durch das derzeit angesagte Programm der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu ersetzen?

Prof. Grygiel:
Dies kann durch die Denkweise vieler Theologen und Minister erreicht werden, die sich an einem erweiterten marxistischen Prinzip orientiert: Die pastorale Praxis schafft Wahrheit. Die pastorale Arbeit ist für sie zu einer Art Geschäft geworden. Der Wille, bemerkenswerte Erfolge zu erzielen, lässt sie in Meinungsumfragen nach dem Kriterium von Gut und Böse, Wahrheit und Unwahrheit suchen. Priester, Theologen, Philosophen und die Institute, an denen sie arbeiten, werden anhand der experimentell nachgewiesenen Erfolgseffizienz beurteilt. Einige Hirten und Erzbischöfe scheinen zu vergessen, dass die Betrachtung von Wahrheit, Gut und Schönheit nicht mit der Herstellung von Eimern, Hämmern oder Nägeln gleichgestellt werden kann.

Hanna Nowak: Der Streit, den wir haben, ist nicht nur eine Diskussion über die Zukunft. Wenn es um das Christentum geht, haben fiktive Streitigkeiten immer ihr eigenes materielles, konkretes Gewicht. Die strukturellen Veränderungen im Vatikan bestätigen nicht nur, dass bestimmte Tendenzen seit einiger Zeit in der Kirche vorhanden sind, sondern dass sie auch eine neue Realität darstellen. Wie sehen Sie Ihre Rolle – sowohl als intellektueller Schöpfer des Instituts als auch als Katholik – angesichts dieser neuen Realität?

Prof. Grygiel:
Ich mache mir keine Sorgen darüber, was ich heute tun soll, sondern darüber, wie ich hier und jetzt sein soll, um nicht der Angst zu erliegen, sondern mich mit Würde um die Gabe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu kümmern. Ich lehne die horizontale Idee der schönen neuen Kirche oder der schönen neuen Welt ab, die von den theologischen Fans von Aldous Huxley gepredigt wird. Dies ist das marxistische Prinzip: Die Praxis entscheidet um jeden Preis, was wahr ist, und führt zu dem, was nicht wahr ist. Jeder, der an die Kraft des fleischgewordenen Wortes Gottes glaubt, sollte immer ein lautes und eindeutiges Nein zu denen sagen, die sich anderen Kräften anvertrauen. Solch eine Person sollte sein Glas in Kardinal Newmans Toast zum Gewissen erheben.

Hanna Nowak: Sehen Sie aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung in Rom Lehrfehler in der Art und Weise, wie Sie über Ehe und Familie unterrichtet haben? Können wir die traditionellen, unveränderlichen Werte in modernen Kommunikationsformen ausdrücken? In welcher Sprache soll heute über die Heilige Familie gesprochen werden? Erzählt uns die Heilige Familie etwas über sich selbst und sollten wir uns am Ende keine Sorgen machen, das Evangelium zu verwässern?

Prof. Grygiel:
In dieser Hinsicht haben wir Fehler gemacht, indem wir mit leeren Worten über Ehe und Familie gesprochen haben. Ich meine Worte, die nicht mit der Liebe zur Wahrheit über die menschliche Liebe in Einklang standen. Die Worte, in denen wir nicht anwesend waren, waren „ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Ich hoffe, dass wir auch Wörter gesprochen haben, die nicht leer waren, weil sie mit dem Wort gefüllt waren. Wir vertrauen auf dieses Wort und auf die Konsequenzen unseres Glaubens daran. Uns dem Wort des lebendigen Gottes anzuvertrauen ist gleichzeitig schwierig und einfach. Jeder kann sich Ihm anvertrauen, unabhängig von seiner Ausbildung. Der Glaube der Analphabeten ist manchmal so groß, dass Theologen ihn nicht mit ihrem begrenzten Verstand ergründen können. Die Schwierigkeit des Glaubens liegt in der Tatsache, dass er von allen, sowohl den Analphabeten als auch den Gelehrten, die Bekehrung zu Gott fordert. Ein Geistlicher ist ein Geistlicher und ein Theologe ist ein Theologe, wenn sie mit einem Wort, das eine Handlung ist, und mit einer Handlung, der ein Wort ist, auf diese einzige Worthandlung hinweisen, der Erlöser der Menschen (Redemptor Hominis) ist – „das Zentrum des Universums und der Geschichte“. Hegel würde sagen, dass die Menschen ständig an den Tod erinnert werden sollten, denn nur wenn ihnen das ins Auge springt, können sie sich der Frage nach dem Sinn ihres Lebens stellen. Sie fangen an zu denken.

Politiker verwenden allzuoft leere Worte. Deshalb werden sie von Leuten, die nicht denken, begrüßt und gewählt. In der Kirche geht es nicht um Politik, sondern um Erlösung in Christus – im Wort des lebendigen Gottes. In der Kirche gibt es keinen Ort, an dem leere Worte und Gedankenlosigkeit gepredigt werden könnten. Bevor Theologen und Geistliche anfangen, nach Worten für ihre Reden zu suchen, sollten sie sich vor das Wort hinknien, dessen Gegenwart sie anderen offenbaren und sie zum Zuhören bringen sollen. Dieses Wort ist dasselbe wie vor zweitausend Jahren. Es ändert sich nicht. Daher sollten die Worte, die verkündet werden sollen, absolut klar sein. Die schmutzigen Worte, die aus den Mündern der Menschen kommen, die sich vom Bösen täuschen lassen, öffnen niemanden für Gott, sondern dienen als Instrumente, um seine Gegenwart im Gewissen aller Menschen dem Willen der Herrscher von dieser Welt zu unterwerfen. Christus spricht immer das gleiche Wort, weil er sich selbst spricht, den Sohn des lebendigen Gottes. Die einzigen Wörter, die nicht kommuniziert werden können, sind diejenigen, die das Wort nicht enthalten. Das Wort, in dem der Schöpfungsakt geschieht. Die Heilige Familie ist ein epiphanischer Beweis für den Schöpfungsakt und gleichzeitig für den Erlösungsakt, ein Beweis, der in der Geschichte der Menschheit einzigartig und unwiederholbar ist. Niemand und nichts kann es übertönen, weil niemand und nichts das Wort übertönen kann, das das Zentrum des Universums und der Geschichte ist.

Papst Johannes Paul II. betet den Rosenkranz




Archivfoto: Prof. Grygiel (c) Polonia Christiana

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