05 August 2019, 13:00
Der Nicht-Ort einer zu anderen Zwecken idealisierten Indio-Welt
 
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Kurze Überlegungen und Randbemerkungen zu dem, was aus dem ‚Instrumentum laboris’ für die kommende Amazonassynode hervorgeht. Ein Argonaut der Westlichen Inseln

Rom (kath.net/as) Dass die sogenannte Amazonas-Synode, die im Oktober In Rom stattfinden wird (Rom? Amazonas??) wenig mit dem Amazonas zu tun haben wird, dafür umso mehr mit ideologischen Haltungen (kirchen-)politischer und „reformorientierter“ Natur, wird von immer mehr Beobachtern bemerkt und unterstrichen. Meinte jemand, sich unter dem Vorwand anderer Ziele bewegen zu können, so ist dies nunmehr nicht mehr möglich. Dieser Sachverhalt wird dann gerne auch ironisch mit der Aussage zum Ausdruck gebracht, dass der Amazonas nun definitiv in den Rhein fließen sollte, so dass dieser dann auch den Tiber speisen kann. Andere wiederum sprechen deutlicher von einer anderen Form deutschen Kolonialismus.

Nun meldete sich in den letzten Tagen gerade auch jemand zu Wort, der sich in seiner Kompetenz als Sozialanthropologe mit dem viel kritisierten Vorbereitungsdokument zur Synode auseinandergesetzt hat. Der Autor zieht es aus persönlichen Gründen vor, seine Identität nicht preiszugeben.

Der Sozialanthropologe aus Lateinamerika befasste sich lange Zeit mit Themen wie kultureller Identität und sozialem Wandel und tat dies in einheimischen Gemeinschaften mit Forschungen auf dem Feld: direkt im tropischen Regenwald (Nord-Brasilien) und in einheimischen „verstädterten" Gemeinschaften. Der Autor macht deutlich, wie er ein Grundprinzip der wissenschaftlichen Anthropologie anwendet: „An anthropologist’s primary duty is to present facts, develop concepts [and] destroy fictions and empty phrases, and so reveal relevant active forces – Die Hauptaufgabe eines Anthropologen besteht darin, Tatsachen zu präsentieren, Konzepte zu entwickeln [und] Fiktionen und leere Phrasen zu zerstören und auf diese Weise relevante aktive Kräfte aufzudecken“ (Bronislaw Malinowski).

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kath.net wird den sehr breit angelegten, ausführlichen und präzisen Aufsatz in mehreren Teilen veröffentlichen.

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„Ausgehend vom liberalen Triumph wird der Indio schließlich eine Abstraktion. Der Indio, eine Kreatur des Kolonialismus, ist verschwunden; es wird notwendig sein, ihn zu erfinden“: die Worte des mexikanischen Anthropologen Arturo Warman führen sehr passend meine Gedanken zum Instrumentum Laboris (IL) für die Amazonas-Synode im Oktober in Rom ein und fassen sie zusammen.

Der Eindruck, den die Lektüre des Dokuments hinterlässt, ist, dass die gesamte Diskussion tatsächlich eine abstrakte und erfundene „Indio-Welt“ betrifft. Ein anderer klarer Eindruck ist, dass das Ziel der Synode nicht darin besteht, sich auf die mehr oder weniger autochthonen Probleme des Amazonas und seiner Bewohner zu konzentrieren, sondern auf das, was nicht explizit ist und bereits von mehreren Seiten her signalisiert wurde: um die angeblich amazonischen Instanzen als Kanonen bereit zu stellen, um andere Breiten gut zu beschießen und zu treffen.

Die bloße Idee einer panamazonischen Synode im Herzen des Vatikans ist ein ausgesprochen entfremdender Umstand. Angesichts der Sensibilität dieser Argumente wundere ich mich darüber, dass es in Lateinamerika noch keine Proteste hinsichtlich einer derart ethnozentrischen (die an antike Kolonialpraktiken erinnert) und antiökonomischen (das Budget der Synode könnte ganze Amazonasgemeinden für Monate und vielleicht auch länger versorgen) und anti-ökologischen Entscheidung (die Emissionen der Flugzeuge, die Bischöfe, Delegierten und Eingeborenen nach Rom führen, sind kein gutes Zeugnis) gegeben hat.

Spontan stellt sich die Frage: warum um alles in der Welt sollen der Amazonas und die Ureinwohner nach Rom transportiert werden?

Die erste Antwort, die die Lektüre des IL suggeriert, besteht darin, dass der Amazonas ein sehr exotischer Ort ist und die Eingeborenen des Amazonas noch mehr. Tatsächlich könnte das mehr als eine panamazonische Synode als „Synode der Exoten“ bezeichnet werden. Das Genre ist faszinierend. Von Kipling bis Salgàri, von der Tarzan-Saga bis zur Indiana Jones-Saga hat die exotische Kulisse die Phantasie ganzer Generationen in Erstaunen versetzt. Welchen besseren Rahmen also könnte es geben, der Welt Revolutionen zu präsentieren, die nicht weniger als den Gefühlen der einheimischen Amazonasbewohner entspringen? Gefühle sind ein starker Bestandteil des IL.

Zusammen mit den Stereotypen und Klischees skizzieren sie etwas, das ich als „exotisch-emotional“ bezeichnen könnte. Zwischen den Zeilen schwingt der ständige Ruf einer nicht identifizierten ursprünglichen amazonischen Welt mit, die umweltverträglich und voller urgesteinhafter Spiritualität ist, die aus dem Herzen des Regenwaldes und der Eingeborenen „integral“ hervorpocht. Wer auch immer in einem konkreten Kontakt zum echten und realen Lateinamerika steht, weiß, dass sich das IL nicht mit Amazonien befasst, sondern mit Suggestionen. Es zeigt eine Art imaginären „locus amoenus, einen idealisierten „Nicht-Ort“ („U-topie“), der aus der Fantasie eines Drehbuchautors geboren wurde. Anstatt uns zu helfen zu verstehen, was im Amazonasgebiet passiert, beschreibt das IL die Mentalität, den kulturellen Hintergrund sowie die Absichten derjenigen, die es geschrieben haben und im Oktober darüber diskutieren werden.

In dem Dokument stoßen wir auf eine Verflechtung von Themen, von denen jedes eine eigene Diskussion erfordern würde. Ich möchte kurze Überlegungen anstellen, Randbemerkungen, die in einer säkularen Perspektive formuliert sind, dies mit der Absicht, einen anderen Beobachtungspunkt zu denselben Themen zu liefern.

Die erste Frage betrifft den vermuteten sozio-anthropologischen Schnitt des vorsynodalen Schreibens. Verständlich. Die theologischen Argumente der Darlegungen stießen auf bedeutsame Ablehnung seitens herausragender Persönlichkeiten und wurden als häretisch und apostatisch erklärt. Wahrscheinlich hat die zentrale Bedeutung von Themen im Zusammenhang mit indigenen Kulturen und der Ökologie einige zu der Annahme veranlasst, dass der privilegierte Standpunkt des Dokuments sozio-anthropologischer Natur sei. Ich sehe mich gezwungen, dem klar zu widersprechen.

Die Anthropologie verwendet Verfahren, Methoden und Feldtests, von denen im IL keine Spur vorhanden ist. Es gibt weder eine Abgrenzung des Analyseobjekts noch eine Darlegung der theoretischen und konzeptuellen Referenzen, die bei der Formulierung der Arbeitshypothesen Anwendung fanden. In Ermangelung dieser Grundelemente ist jede Herangehensweise sozialer und kultureller Natur an die Phänomene reine Literatur oder – schlimmer noch – nur Gemeinsinn.

Die Approximation, die das IL kennzeichnet, ist erstaunlich. In mehreren Abschnitten wird das Konzept des „Paradigmas“ zitiert, aber paradoxerweise ist dies genau das, was in einem Dokument am meisten fehlt, das als Ganzes für diejenigen vereinfacht und inkohärent erscheint, die gründliche Kenntnis von den Themen der Synode haben. Dagegen: labyrinthisch und desorientierend für diejenigen, die sich zum ersten Mal mit dem Problemkreis beschäftigen. Auch der Begriff der „integralen Ökologie“ wird beharrlich wiederholt, bleibt aber trotz eines gewissen stilistischen Aufwands ein abstraktes, mehrdeutiges und rein rhetorisches Prinzip.

Der Amazonas und seine Bewohner werden alternativ als eine Art kompakter Monoblock oder als multiethnische, multikulturelle und multireligiöse Realität betrachtet. Die nicht näher bezeichnete indigene „Familie“ wird gelobt, wobei vernachlässigt wird, dass dieser Begriff im spezifischen anthropologischen Kontext unterschiedliche Bedeutungen und Morphologien hat, die mit der traditionellen Dynamik des Clan- und Abstammungstyps verbunden sind und soziale Strukturen hervorrufen, die der katholisch verstandenen Familie völlig fremd sind.

Die Verwandtschaftsbeziehungen, die in der Großfamilie mit Gemeinschaftsunterkünften („Maloca“) und der gemeinschaftlichen Betreuung der Kinder gründen, sind weit verbreitet. Das Werk der Missionare hat zu einer Schwächung der indigenen Tradition geführt und Phänomene des Synkretismus und der Diversifizierung von Formen der Familienorganisation innerhalb derselben Gemeinschaft mit damit verbundenen Destabilisierungen, Spaltungen und Konflikten geschaffen, von denen sich wiederum im IL keine Spuren finden.

Für einen Forscher auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften würden diese einfachen Hinweise ausreichen, um das Dokument im Papierkorb zu entsorgen, da es keine Daten und Kontextualisierungen enthält und voller Verallgemeinerungen und Reduktionismen ist, die es unzuverlässig und unbrauchbar machen.

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