22 August 2019, 12:00
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Was bedeutet der Ausdruck "Qualität des Lebens"? Von Gerhard Kardinal Müller

Vatikan (kath.net) Was bedeutet der Ausdruck "Qualität des Lebens"?

In seiner Schrift über die Kategorien und im 5. Buch seiner Metaphysik rechnet Aristoteles die Qualität zu den Kategorien, d.h. den Grundweisen des Seins und damit des menschlichen Denkens und Handelns. Aber die Qualität ist auf verschiedene Weise zu verstehen und charakterisiert die Substanz, d.h. ein wirklich seiendes Subjekt unter unterschiedlichen Gesichtspunkten. Ein Getränk kann die Qualitäten von heiß und kalt haben oder die Beschaffenheit eines Kaffes oder eines Saftes haben oder sich unterschieden als alkoholisch oder nicht alkoholisch. Oder für das Leben hat das Wasser die entscheidende Bedeutung, ob es die Qualität des Trinkwassers hat oder nicht.
Worin besteht die höchste Qualität des menschlichen Lebens?

Wenn wir heute nach der Qualität des Lebens fragen, meinen wir in unserem Zusammenhang das Leben nicht als das, was allen organischen Wesen gemeinsam haben, dass und wie sie lebendig sind. Wir meinen das Leben des Menschen und welche Beschaffenheit gegeben oder anzustreben sind, dass am Ende jeder einzelne Mensch von sich sagen kann: Es ist ein wunderbar und schön, dass es mich gibt, dass ich in Gemeinschaft bin mit meinen Eltern, meiner Familie, der Sprachgemeinschaft meines Volkes. Manche beschränken sich auf den materiellen Lebensstandard, den Zugang zur Bildung und zur Gesundheitsfürsorge und messen die Qualität des Lebens am Grad des subjektiven Glücksempfindens, das aber nie in ein Stadium der Endgültigkeit überführt werden kann. Der gesellschaftliche Trend geht zum Recht auf Euthanasie und assistierten Selbstmord, wenn der materielle Lebensstandard und die Schmerzgrenze erreicht zu sein scheint. Aber zur Lebensqualität eines geistigen und transzendenzoffenen Wesen gehört auch eine Hoffnung jenseits der Negation all dieser äußeren Bedingungen und meines zeitlichen begrenzten Aufenthaltes auf der Erde. Das wäre die höchste Qualität des Lebens, wenn uns der Urheber allen Seins die Unsterblichkeit der Seele garantieren würde und wie wir im Apostolischen Credo bekennen: die Auferstehung des Fleisches. Nach dem hl. Augustinus ist das Leben des Leibes die Seele, das Leben der Seele aber ist Gott.

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Die Frage nach dem Sinn ist die Qualität des Intellektes

Damit stehen wir in einer seit 3000 Jahren bis heute anhaltenden philosophischen theologischen Diskussion über den Sinn des Lebens, ohne den alle seine primären und sekundären Qualitäten im Bodenlosen versinken würden. Vereinfacht gesagt, findet der Idealismus alle Qualitäten des Lebens im Geistigen und den Ideen, dem gegenüber das Leibliche und Materielle nur als ein vergänglicher Abglanz erscheint, während der Materialismus die Qualität des Lebens nur auf das sinnlich Genießbare, das politisch Machbare, das sinnlich Verifizierbare reduziert.

Die christliche Position, die über die Heilsgeschichte Gottes mit dem Bundesvolk Israel wesenhaft verbunden ist, erkennt die Qualitäten des Lebens sowohl in der leiblichen, seelischen, geistigen und geistlichen Dimension menschlicher Existenz, wie auch in seiner materiellen Verwirklichung in der Leiblichkeit, in der Geschichte, Gesellschaft, Kultur und in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott in der Zeit und der Ewigkeit.

Ein von der Inkarnation her verstandenes Christentum in der sakramentalen Kirche kennt nicht die falsche Alternative, entweder den Sinn des Lebens nur im Diesseits zu suchen in der kurzen Spanne unseres Daseins auf der Erde oder in der schnellst möglich aus dem irdischen Jammertal ins Jenseits zu entliehen. Unser Devise ist nicht nihilistisch: "lasst uns essen und trinken, das Leben genießen, denn morgen sind wir tot." Aber wir überlassen auch nicht fatalistisch die Welt ihrem Schicksal. Die Freude des Christen ist das Gegenteil von der Schadenfreude der Spötter und Neider. Und sie überlassen sich nicht dem Weltschmerz, der sich in Untergangsszenarien gefällt.

Die Qualität des Lebens jenseits des Dualismus

Der von der Religionskritik des 19. und 20. Jahrhunderts erfundene Dualismus von Jenseits und Diesseits beruht auch der Vermischung von einem - missverstandenen - Platonismus mit einer Definition des Christentums als Erlösungsreligion.

Aber, so könnte man einwenden: Geht es denn im christlichen Glauben nicht um die Erlösung? Ist Jesus Christus, der Sohn Gottes denn nicht in die Welt gekommen, um uns zu erlösen? Ja, ganz richtig! Aber er erlöst und von der Sünde, der Destruktion des Bösen und nicht von unserem Leib und von der Welt, die Gottes gute Schöpfung ist. Er erlöst uns für ein Leben der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Die Qualität des Lebens mit Christus besteht in unserer Befreiung "von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." (Röm 8, 21). Darum gehören die Verantwortung für die Welt und unsere umfassende Orientierung am dreieinigen Gott, auf den wir unsere ganze Hoffnung setzen, untrennbar zusammen. Wir glauben nicht anstelle Gottes an den Fortschritt, durch den die Menschheit sich selbst neu erschaffen könnte. Wir vergötzen nicht menschliche Führer, sondern beuten Gott allein an und wir setzen unsere Hoffnung im Leben und Sterben ausschließlich auf ihn. Aber wir erkennen solche Menschen in Kirche und Gesellschaft an, die sich ehrlich mühen, ihren Aufgaben als Dienst zu erfüllen. Aber wir fördern den Fortschritt in der Erziehung, Bildung, in der Medizin und der digitalen Kommunikation ohne die ethische Dimension zu vergessen. Denn sonst kann der Mensch auch zum Sklaven seiner erweiterten Möglichkeiten werden. So ist die totale Überwachung und Kontrolle mit den Mitteln des Internet, dem social scoring mit creditpoints, einem System der Belohnung und Bestrafung für gewünschtes und verpöntes Verhalten, durch totalitäre Staatsparteien eine ungeheurer Rückschritt in die Sklaverei. Dies endet in einer alles geistige und sittliche Leben zerstörende Herrschaft von Menschen über Menschen. Ein solches Leben hat keine Qualität mehr, weil der Sinn des Lebens nur im austauschbaren Funktionieren in des Gesellschaftsmechanismus bestünde. Der Preis der Freiheit ist zu hoch für die Verhinderung von Straftaten einzelner. So will man ja den totalen Überwachungsstaat rechtfertigen. Denn die perfekte Zerstörung der geistigen und sittlichen Freiheit ist zwar ein unblutiges, aber das bisher grausamste Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Würde des Menschen hat in der Glaubens- und Gewissensfreiheit ihre Spitze. Gott unser Schöpfer hat dem Menschen die Freiheit geschenkt und uns sogar um der Freiheit willen die Möglichkeit offengelassen, sie zu missbrauchen und daher zu sündigen. Der im Denken, Handeln und Fühlen total gleichgeschaltete Mensch ist zu einer Maschine erniedrigt und damit seiner Menschwürde beraubt. Das kommunistische oder kapitalistische Paradies auf Erden ist die Hölle auf Erden.

Die Welt ist dagegen von Gott geschaffen und dem Menschen zur treuen Bewahrung und Kultivierung übergeben. Gott hat sich im Alten Bund ein Volk erwählt und mit Israel einen Bund geschlossen. Die Geschichte seiner Selbstoffenbarung ist identisch mit der Heilsgeschichte Israels, die sich gemäß dem Glauben an Jesus den Christus in der Menschwerdung des ewigen Wortes, des Sohn des Vaters vollendet. Jesus Christus - wahrer Gott und wahrer Mensch -: das ist die irreversible Renaissance der Menschheit, der echte Humanismus mit Gott, der den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Jesus verkündete das Reich Gottes, die Herrschaft der Wahrheit und Güte seines himmlischen Vaters und verwirklichte es in seinen Wundern und Machtaten. Er vertröstet die Kranken und Ausgestoßenen nicht auf ein künftiges Paradies im Elysium, sondern er heilte sie und nahm sie in die menschliche Gemeinschaft auf als Zeichen der künftigen Reiches Gottes und der Neuschöpfung von Himmel und Erde. Irdisches Wohl und ewiges Heil sind nicht identisch, aber in Christus und im kirchlichen Wirken dynamisch aufeinander bezogen.
Fromme Faulenzer und solche, die sich auf Kosten anderer ein schönes Leben machen, können sich nicht auf ihn berufen. Es gilt vielmehr für jeden, seine Talente und Fähigkeiten zu erkennen, auszubilden und nutzbar zu machen für den Aufbau einer Gesellschaft nach den Idealen der Freiheit, der Gerechtigkeit, der sozialen Solidarität. Wer durch das Glaubensbekenntnis, die Taufe Firmung und Eucharistie zur Kirche Christi gehört, kann nicht passiv nur die Gnaden und Gaben Gottes für sich in Anspruch nehmen, sondern ist auch berufen am Aufbau der Kirche durch seine Charismen teilzunehmen aufgrund des gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen oder im selbstlosen und hingebungsvollen Dienst als Bischof und Priester im Weinberg des Herrn. Der hl. Benedikt von Nursia, der Patron Europas, hat die die christliche Existenz von Priestern, Ordensleuten und Laien unter die einfache, aber durchdringende Devise gestellt: Ora et labora, bete und arbeite!

Nicht zur Entfaltung von Macht und Einfluss auf die Menschen im politischen oder ideologischen Sinn, sondern um mit Gott zu ko-operieren beim Aufbau seines Reiches in der Welt, betreibt die Kirche Bildungsarbeit in Schulen und Universitäten, fördert sie Kultur und Wissenschaft und hilft bei Aufbau des Gesundheitswesens in kirchlichen Krankenhäusern, Caritas-Stationen. Zur Qualität der Kooperation mit Wahrheit und der Gnade Gottes gehört auch dem Kampf gegen das Böse, die Lüge, die Verzweiflung und die Vermessenheit.

Den größten Beitrag zur modernen Demokratie und zur Humansierung der Gesellschaft nach der industriellen Revolution geleistet mit der katholischen Sozialllehre -beginnend mit der Enzyklika "Rerum novarum" (1981) von Papst Leo XIII. Dazu kann man nun auch die im Rahmen der Schöpfungslehre entwickelten sozialethischen Prinzipien der Ökologie zählen, wie sie in der Enzyklika "Laudato sì. Sulla cura della casa comune", die im Jahre 2015 Papst Franziskus vorgelegt hat.

Wenn ich ein amerikanischer Fernsehprediger wäre würde ich mit einem flammenden Aufruf schließen: Mach was aus Dir. Du schaffst es. Die Qualität deines Lebens hängt von dir selbst ab. Pack es an!
Aber meine katholische Mentalität rät mir zu mehr Gelassenheit. Der Sinn des Lebens kann doch nicht dran hängen, was wir aus uns gemacht haben und nach welchem Index die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die subjektiv empfundene Lebensqualität misst. Wollen wir zu früh Gestorbenen, den geistig und leiblich Behinderten, den unheilbar Kranken und den an den Umständen Gescheiterten, den Verratenen und Verlassenen und all den Unglücklichen dieser Erde die Lebensqualität abstreiten?

Der Mensch hat Qualität und Würde mehr durch das, was er empfangen hat, als durch das, was er sich erworben hat und wie sein Lebensweg äußerlich erfolgreich nach den Maßstäben von Reichtum, Erfolg, Prestige bei den Menschen verlaufen ist. Die unverlierbare Qualität des Lebens liegt doch in der Hoffnung auf die Gerechtigkeit Gottes, der gerechter urteilt als alle Menschen zusammen. Und sein Index für die Qualität des menschlichen Lebens im Gelingen und Scheitern ist die Liebe. Mit Paulus im Hohen Lied der Liebe sagen wir: Wenn ich über alles Wissen der Welt verfügte, alle ihre Reichtümer und Macht besäße "hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts." (1 Kor 13, 2). "Die Liebe Gottes, die durch den Heiligen Geist ausgegossen ist in unsere Herzen" (Röm 5,5) qualifiziert unser Lebens für ein Glück, einen Reichtum und Frieden ohne Ende. Grazie.

Foto (c) kath.net/Markus Gehling

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