26 Juli 2019, 11:05
Geburtshaus des hl. Petrus entdeckt?
 
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Am Nordufer des Sees Genezareth machten israelische und amerikanische Archäologen eine sensationelle Entdeckung. Gastkommentar von Michael Hesemann

Jerusalem (kath.net) Eines der großen Rätsel der neutestamentlichen Archäologie ist die Lokalisierung von Betsaida, dem Geburtsort der Apostel Petrus und Andreas, des Philippus und wahrscheinlich auch der Zebedäus-Söhne Jakobus und Johannes. Bislang identifizierten Experten ihn mit dem Hügel von et-Tell, der heute 2,8 km nördlich vom Ufer des Sees Genezareth liegt. Jetzt zwingt eine neue archäologische Entdeckung sie zum Umdenken.

Glauben wir dem verlorengegangenen „Evangelium der Hebräer“, das der hl. Hieronymus noch zitiert, so wurden in den Städten Chorazin und Betsaida von Jesus „53 Wunder gewirkt“. Von nur zweien berichten die kanonischen Evangelien, der Heilung des Blinden (Mk 8,22) und der „Speisung der 5000“, die zumindest Lukas (9,14) auf einer Wiese im Gebiet von Betsaida lokalisiert. Ansonsten ist ihr Ruf nicht der allerbeste, überliefert uns doch Matthäus die Klage Jesu: „Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Denn wären zu Tyrus und Sidon die Wunder geschehen, die bei euch geschahen, sie hätten sich längst in Sack und Asche bekehrt. Aber ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch.“ (Mt 11, 20-22). Nur eine der beiden Städte erlangte trotzdem Bedeutung in der frühen Kirche: Betsaida war der Geburtsort mindestens dreier Apostel: „Philippus war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus“, weiß Johannes (1,44). Einer späteren Tradition nach, die Theodosius (um 530) zitiert, soll es auch die Heimat des Fischereiunternehmers Zebedäus, des Vaters von Jakobus und Johannes, gewesen sein. Als der englische Mönch Wilibald, der bald erster Bischof von Eichstätt werden sollte, im Jahre 725 das Heilige Land besuchte, sah er „eine Kirche, wo einst das Haus von Petrus und Andreas gestanden hat“. Dem syrischen Autor Simon von Bassora zufolge war diese vom Apostel Jakobus persönlich errichtet worden. Wahrscheinlich wurde sie 1009 wie alle christlichen Kirchen in seinem Reich durch den Fatimiden-Sultan al-Hakim zerstört und nie wieder aufgebaut; jedenfalls finden wir in keinem einzigen Pilgerbericht aus der Kreuzfahrerzeit (ab 1099) einen Hinweis auf ihre Existenz.

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Erst ab dem 19. Jahrhundert machten sich Bibelarchäologen auf die Suche nach der „verlorenen Stadt“. Dabei halfen ihnen weniger die kargen Angaben der Bibel, die Betsaida lediglich „Jenseits des Jordans“ „in Galiläa“ und offensichtlich am See (schon der Name „Beth Saida“=Fischhausen deutet auf eine Fischersiedlung hin) lokalisiert, sondern die sehr viel genaueren Schilderungen des jüdischen Historikers Flavius Josephus (1. Jh.). Er beschreibt Betsaida als „nahe der Jordanmündung“ und eines Sumpfgebietes. Und er erwähnt, dass Philippus, einer der Söhne Herodes des Großen, „den Flecken Betsaida … in den Rang einer Stadt erhob“ und sie 30 n.Chr. in Erinnerung an die gerade verstorbene Mutter des Kaisers Tiberius und Gattin des Augustus „Julias“ nannte. Der Umstand der Stadterhebung erklärt dann auch, weshalb Markus (8,23) Betsaida noch als Dorf, Lukas (9,10) dagegen anachronistisch als „Stadt“ betitelt. Bei einem Erdbeben 115 n.Chr. wurde sie gründlich zerstört.

1838 kletterte der Amerikaner Edward Robinson auf eine Anhöhe nordöstlich der Jordanmündung, von den Beduinen einfallslos „et-Tell“ („der Hügel“) genannt, fand Scherben aus der Zeit Jesu und entschied, dass hier einst Betsaida gelegen haben muss. Ein halbes Jahrhundert später stellte der Deutsche Gottlieb Schumacher diese Identifikation infrage. Et-Tell liege zu weit vom See entfernt, um das biblische Fischerdorf zu sein, dessen Fischreichtum selbst der Talmud (der es „Zajjdan“ nennt) rühmt. Er schlug stattdessen vor, die zwei Kilometer weiter südlich gelegenen Ruinen von el-Araj (hebr.: Beit Habeck) am See mit Betsaida zu identifizieren. Gleich nach der israelischen Eroberung des Golan im Sechstagekrieg 1967 machte sich der rührige Benediktinerpater Bargil Pixner auf die damals noch abenteuerliche Suche nach der verlorenen Stadt. Mauerreste auf dem et-Tell überzeugten ihn, dass Robinson richtig gelegen haben musste.

So begann der israelische Archäologe Rami Arav 1988, auf dem et-Tell zu graben. Tatsächlich stieß er auf Ruinen einer uralten Stadt, deren Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert v.Chr. zurückreichen. Nach ihrer Zerstörung durch die Assyrer wurde der Hügel in der hellenistischen Periode neu besiedelt. Zur Zeit Jesu stand hier ein blühendes Dorf, dessen Häuser besser gebaut waren als im benachbarten Kafarnaum. Als das „Betsaida Exploration Project“ (BEP), an dem auch die Universität München beteiligt war, die Ausgrabungen 1991 - 2000 fortführte, wurden Reste eines römischen Tempels und zweier großzügiger Hofhäuser freigelegt, von denen eines offenbar einem Weinhändler, das andere einem wohlhabenden Fischer gehörte. Hier fanden die Ausgräber Netzgewichte, Anker, Nadeln und Angelhaken. Ein Tonsiegel zeigte zwei Männer, die von einem Boot aus die Netze auswerfen. In eine Tonscherbe aus dem 1. Jahrhundert, ganz in der Nähe entdeckt, war ein gleichschenkliges Kreuz eingraviert. Als Papst Johannes Paul II. im März 2000 Israel besuchte, überreichte ihm BEP-Leiter Dr. Richard Freund die Kopie eines Schlüssels aus dem 1. Jahrhundert, der in dem Fischerhaus entdeckt worden war. „Der Schlüssel Petri?“, fragte der große Pole.

Kein Wunder also, dass auch ich von der Gleichsetzung Betsaidas mit et-Tell überzeugt war, als ich meine Bücher „Der erste Papst“ (2003) und „Jesus von Nazareth“ (2009) schrieb – auch wenn die von Willibald erwähnte Kirche nie entdeckt worden ist.

Doch jetzt rücken jüngste archäologische Entdeckungen wieder Schumachers el-Araj in das Scheinwerferlicht. Dort hatte eine israelische Untersuchung bereits 1990 Überreste antiker Gebäude und Scherben aus der herodianischen wie der spätrömischen Zeit zutage gefördert. Trotzdem dauerte es bis 2014, dass erneut ein archäologisches Team, jetzt bestehend aus Professoren und 85 Studenten der North Central University/Minneapolis, USA, des Kinnaret College, dem Institut für Archäologie Galiläas und dem Center for Holy Land Studies sich der Stätte annahm. Dabei fand man nicht nur Scherben aus der hellenistischen, römischen und byzantinischen Zeit, sondern auch Sandstein- und Basaltfragmente eines “großen öffentlichen Gebäudes, wahrscheinlich einer Synagoge“ und Mosaikfragmente, die eine ununterbrochene Besiedlung vom 2. Jh. v.Chr. bis ins 7. Jh. n.Chr. belegen. So begann man 2016 mit einer systematischen archäologischen Ausgrabung unter Leitung von Prof. Mordechai Aviam vom Institut für die Archäologie Galiläas des Kinnaret-Colleges und Prof. R. Steven Notley vom Nyack-College in New York.

Gleich zu Beginn der Arbeiten 2016 stieß das Team auf die Überreste eines römischen Badehauses. Damit stand fest, dass man es mit mehr als einem einfachen jüdischen Fischerdorf zu tun hatte, rückte die Stadterhebung des Jahres 30 wieder in den Fokus. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass et-Tell-Ausgräber Arav falsch lag in seiner Annahme, der See Genezareth habe zur Zeit Jesu eine Art Lagune gebildet und bis an den Siedlungshügel herangereicht. Nach wie vor möglich ist jedoch, dass beide Ausgrabungsgelände, et-Tell und el-Araj, einst eine Stadt gebildet haben und dass el-Araj der Hafen und die Fischervorstadt, et-Tell dagegen gewissermaßen die Akropolis bildeten.

Bis 2018 stand fest, dass el-Araj in römischer Zeit nicht nur aus ein paar Häusern bestand, sondern eine ausgedehnte, mehrere Hektar große städtische Siedlung war. Freskenfragmente deuteten auf luxuriöse öffentliche oder private Gebäude hin. Zahlreiche Gewichte für Wurfnetze zeigten die starke Präsenz von Fischern an. Herodianische Öllampen und jüdische Steingefäße, wie sie nur im 1. Jahrhundert benutzt wurden, datieren diese blühende Siedlung eindeutig in die Zeit Christi. Geologische Untersuchungen wiesen darauf hin, dass zahlreiche Häuser unter den Erosionen des Jordanflusses begraben seien.

Der sensationellste Fund aber deutete sich bereits im letzten Jahr an. „In byzantinischer Zeit wurde ein Gebäudekomplex errichtet, zu dem eine Kirche gehört haben könnte“, hieß es im offiziellen Grabungsbericht für 2018. Wie richtig man damit lag, zeigte sich erst in der vierten Grabungssaison im Sommer 2019. Die Gebäude erwiesen sich als Teil eines großen Klosterkomplexes, dessen Räumlichkeiten zum Teil mit schwarzweißem Mosaikböden versehen waren. Er grenzte an eine große Kirche aus byzantinischer Zeit, die mit goldfarbenen Wandmosaiken geschmückt war, wie vergoldeten Glasscherben belegen. Auch das marmorne Fragment einer Chorschranke wurde entdeckt. „Es muss eine große, prachtvolle Kirche gewesen sein“, erklärte Grabungsleiter Aviam der Presse. Ein Terrakottafragment zeigt ein frühbyzantinisches Kreuz, wie es im späten 4. Jahrhundert gezeichnet wurde – wahrscheinlich der Zeitpunkt, zu dem man das Gotteshaus errichtete. Zu den Funden gehört auch ein 300 Kilogramm schwerer Basaltblock mit drei eingearbeiteten Fächern, den Aviam für ein Reliquiar für die Apostel Petrus, Andreas und Philippus hält.

Mit Sicherheit ist also die „Kirche der Apostel“ aus dem Bericht des Willibald identifiziert. Jetzt bleibt abzuwarten, ob sie tatsächlich über einem Wohnhaus aus dem 1. Jahrhundert, möglicherweise dem Geburtshaus Petri, errichtet wurde; das wird die Fortsetzung der Ausgrabungen im Sommer 2020 zeigen. Das Betsaida des Neuen Testamentes scheint jedenfalls identifiziert – wenn auch an anderer Stelle, als man bislang dachte.

„Dann zogen sie weiter nach Betsaida, an den Geburtsort von Petrus und Andreas. Eine Kirche befindet sich jetzt an der Stelle, wo ihr Haus einmal stand. Sie verbrachten die Nacht dort und am nächsten Morgen zogen sie weiter nach Kursi, wo unser Herr den Besessenen heilte und die Dämonen in eine Schweineherde fahren ließ.“
Huneberc von Heidenheim: Der Reisebericht des hl. Willibald


kath.net-Buchtipp
Jesus von Nazareth
Archäologen auf den Spuren des Erlösers
Von Michael Hesemann
Hardcover, 304 Seiten
2013 Paulinus Verlag Gmbh
ISBN 978-3-7902-5767-0
Preis Österreich: 22.70 EUR

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Foto: Petrusstatue auf dem Petersplatz (c) kath.net

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