23 Juli 2019, 10:50
Häresie – jetzt oder nie?
 
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„Was mich angeht: Vernunft und Glaube gehören zueinander. Ich weiß, was ich tue, wenn ich das Credo spreche, und Ihnen ergeht es wahrscheinlich auch so.“ Gastkommentar von Thorsten Paprotny

Hannover (kath.net) In meinem ersten Semester vernahm ich zu Beginn der „Einführung in die systematische Theologie“ die Aussage: „Religion ist doch mehr so etwas wie ein Gefühl.“ Hätte der Professor dem Studenten nicht dezent, aber klar widersprochen, so hätte mein spontaner Gedanke zu dieser Äußerung: „Wenn das so ist, dann bin ich hier falsch.“ – zu einer Konsequenz geführt. Als ich diese Meinung hörte, fühlte ich mich gar nicht gut. Wenn wir etwa vom „Fühlen mit der Kirche“ sprechen, so denken wir nicht an laue Behaglichkeit, hüpfende Ekstase, frömmelndes Ergriffensein oder effektvolle Momente in einem liturgischen Tanztheater, sondern an die tiefe, auch vernünftige Verbundenheit mit der Kirche aller Zeiten und Orte, die auch nicht von der diskussionssüchtigen Nervosität dieser Zeit erschüttert werden kann.

Irrwege und Abwege hat es zu allen Zeiten gegeben. Irritationen verunsichern auch heute trotzdem viele ganz normale Katholiken. Inmitten der Kirche, in der öffentlichen Debatte, an Universitäten, in kirchlichen Bildungsstätten und in manchen Gemeinden vor Ort in Deutschland und Österreich geht es mitunter so zu, als ob viele sich von der verbindlich gültigen Lehre befreien, also emanzipieren und damit entfremden möchten. Freiheit wird synonym mit Unverbindlichkeit. Aber nur wer sich an Gott und Seine Kirche bindet, ist wirklich frei. Oder gilt heute, überspitzt formuliert: „Häresie – jetzt oder nie!“? Wer von Erneuerung spricht und faktisch Spaltungen befördert, hegt oft die besten säkularen Absichten. Aber nur Einer durfte und konnte von sich begründet sagen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wer sich aus den Worten Jesu eine postmoderne Lebensphilosophie bastelt und dieser einen objektiven Geltungsanspruch zuschreibt, dem hätte der kluge protestantische Theologe Martin Hengel gesagt, dass die Bibel nicht als Steinbruch für Ideologien tauge.

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Sonst könnten wir uns launig und fröhlich, synodal und kollektiv auf Pippi Langstrumpf verständigen: „Zwei mal drei macht vier!“ Das wäre zwar objektiv unwahr, aber vielleicht richtig spaßig. Wir machen uns dann die Welt so, wie sie uns gefällt. Weil die Welt aber viel zu groß und kompliziert ist, fangen wir mit der Kirche vor Ort an, die einen im Amazonasgebiet, die anderen in Deutschland. Vielleicht wären die Freunde einer „Ökumene des Unglaubens“, wiePater Engelbert Recktenwald neulich in einer sehr hörenswerten Predigt darlegte, sofort mit Begeisterung dabei.

Ja, es hat immer solche Zeiten der Konfusion in der Kirchengeschichte gegeben. Der heilige Augustinus könnte uns viel von Donatisten, Manichäern und Gnostikern berichten. Manches, was auf den ersten Blick fantastisch anmutet, entstammt eben nur der Fantasie von fantasievollen Menschen. Wer heute also die Kirche neu erfinden und auf Wolken gründen möchte, wird eines Tages aus allen Wolken fallen. Oder sagen wir, inspiriert Pippi Langstrumpf: Was ist schon Wahrheit? Wir machen uns alles einfach so, wie es uns gefällt. Müssen wir heute nicht an allem zweifeln und verzweifeln? Dann bauen wir uns doch eine nette Kirche des konsequent praktizierten Egal! Häresie – jetzt oder nie! Alles ist möglich: Kirche kunterbunt, wir kommen, wir machen alles neu und anders! Oder – lieber doch nicht? Dafür gibt es viele Gründe, auch diesen: Zwei mal drei macht nämlich auch immer noch nicht vier.

Was mich angeht: Vernunft und Glaube gehören zueinander. Ich weiß, was ich tue, wenn ich das Credo spreche, und Ihnen ergeht es wahrscheinlich auch so. Mir fehlt die Begabung, an Gott und Seiner Kirche zu zweifeln und zu verzweifeln. Natürlich leide auch ich an vielem, was in der Kirche, in der Institution vor sich gegangen ist und noch immer vor sich geht – welcher vernünftige, gläubige Mensch täte das nicht? Aber ich frage mich nicht jeden Tag, woran ich heute noch glauben kann und woran nicht mehr. Und am nächsten Tag beginnt das absurde Spiel aufs Neue. Ich bin und bleibe dankbar dafür, römisch-katholisch zu sein. Ich möchte, dass Seine Kirche mich formt und korrigiert – und nicht umgekehrt. Mir genügt auch, dass ich der Familie Gottes angehören und in der Kirche des Herrn zu Hause sein darf.

Der selige John Henry Newman, der am 13. Oktober heiliggesprochen wird, sagte: „Viele Menschen leiden an den Schwierigkeiten der Religion; ich bin so leidensfähig wie jeder andere. Aber ich war niemals fähig, eine Verbindung zu sehen zwischen dem noch so intensiven Wahrnehmen solcher Schwierigkeiten, mag man sie auch noch beliebig vervielfältigen, und Zweifeln an den mit ihnen verknüpften Lehren. Zehntausend Schwierigkeiten machen noch nicht einen Zweifel, wie ich die Sache ansehe; Schwierigkeit und Zweifel sind nicht auf einen Nenner zu bringen.“ Ein kleiner Vorschlag: Lassen Sie uns doch einfach römisch-katholisch bleiben! So können wir alle, als Bettler vor Gott, mit Newman beten: „Herr, erneuere deine Kirche – und fange bei mir an.“

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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