03 August 2019, 12:00
Sich Zeit nehmen, um mit Jesus zu sein
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Nicht geniale Einfälle und tolle Gefühle sind das Maß, ob Beten gelingt - Von Père Alain Bandelier / VISION 2000

Wien (kath.net/VISION2000)
Beten? Nur wenige werden es radikal ablehnen. Eigentlich würden die meisten wohl sagen, sie seien durchaus da­für. Und viele würden hinzufügen: „Ich tu es auch – ab und zu.“ Aber dann hört man auch: „Ja, ich denke an Gott, öfter am Tag. Aber mein Problem – Sie werden verstehen – ist der Mangel an Zeit!“

Wir sind nun einmal alle ausgebucht, nicht wahr? Wann immer wir bei der Planung in unserem fieberhaft konsultierten Kalender eine freie Stelle entdecken, meinen wir, in den Augen anderer und auch in unseren eigenen als etwas unseriös zu gelten. Selbst im Pensionsalter bemüht man sich, den Kalender mit Aktivitäten, Begegnungen, Reisen vollzustopfen aus Angst vor leeren Seiten und der freien Zeit. Ich muss zugeben, dass Priester keineswegs die Letzten sind, von diesem Übel unserer Zeit betroffen zu sein.
„Also gut, machen wir ein kleines Gebet.“ Wie oft habe ich diese rituellen Worte, insbesondere am Ende von pastoralen, liturgischen oder anderen Treffen gehört? Wahrscheinlich habe auch ich immer wieder so geredet. Die Absicht ist löblich. Aber die Formulierung schrecklich. Armer Gott, der sich mit den Bröseln unserer Terminplanung be­gnügen muss! Er rangiert hinter allem anderen.

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Den ganzen Tag haben wir mit unseren, auch den katholischen Angelegenheiten verbracht und dann, wenn wir nur mehr eines wollen, nämlich schlafen gehen, gestehen wir dem, den wir unseren „Herrn“ (Seine Herrschaft ist in unserem Leben ziemlich relativiert) nennen, einen letzten, mehr oder weniger verschlafenen Gedanken zu.
Meiner Meinung nach kann man nicht im Willen und in der Gnade Gottes leben, wenn man nicht mindestens eine Viertelstunde am Tag mit Ihm verbringt. Zu viel verlangt? Wenn ich richtig rechne, entspricht das einem Prozent meiner Zeit.

Lieben Sie ihre Kinder, Ihren Ehepartner, Ihren Freund im Spital, Ihre alten Eltern? Reicht es dann, „am Tag ab und zu an sie zu denken“? Sicher freuen sie sich alle darüber. Aber es ist kein Ersatz für die Momente, die Sie ihnen widmen – ohne etwas anderes zu tun. Man muss sie aufsuchen. Sonst sind die guten Gedanken nichts als ein schlechtes Alibi. Und wenn man einander sehen will, muss man sich dafür Zeit nehmen, ein Rendez-vous ausmachen. Es braucht Rituale, sagt der Fuchs zum kleinen Prinz.

Um der Spontaneität und der Offenherzigkeit willen haben wir darauf verzichtet, Regeln aufzustellen und Gewohnheiten zu erwerben. Im persönlichen, im familiären, sozialen und kirchlichen Leben entsteht dadurch ein Zustand fortgesetzter Improvisation und eine tief reichende Unzufriedenheit. Es triumphiert die Mittelmäßigkeit und, wie Benedikt XVI. es nennt, eine Diktatur des Relativismus.

Natürlich darf man nicht in gegenteiligen Irrtum verfallen und sich in Formalismus und Skrupelhaftigkeit verrennen. Wer aber ein Ziel verfolgt, bekennt sich zu den ihm entsprechenden Mitteln. Hast du also den Willen zu beten oder nur Anwandlungen dazu?
Als erstes gilt es, jeden Tag 20 Minuten freizuschaufeln: früher aufzustehen, später schlafen zu gehen, zu anderen Tageszeiten, weniger Wichtiges sein zu lassen. Aber Achtung! Wenn ich sage, später schlafen zu gehen, so heißt dies, das abzuschließen, was noch nicht beendet ist; außer für Abendmenschen rate ich davon ab, die Gebetszeit am Abend noch anzuhängen. Das soll uns nicht daran hindern, uns vor dem Einschlafen noch einmal an den Herrn zu wenden. Aber das ist etwas anderes.

Auch sollte man diese Gebetszeit nicht durch die Heilige Messe oder eine Gebetsrunde oder das Gebet mit den Kindern ersetzen; all das ist ausgezeichnet, ersetzt aber nicht die Weisung des Herrn: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der auch das Verborgene sieht…“ (Mt 6,6)
Aber was soll ich denn in dieser Zeit machen? Klammere dich an deinen Sessel (oder deine Gebetsbank) und bleib da. „Der Meister ist da und lässt dich rufen.“ (Joh 11,28)

Nun bist du also endlich bereit, wirklich zu beten. Suche Gott – und nicht Gefühlsaufwallungen. Wer hat uns diese merkwürdige Idee eingeredet, es müsste sich jedes Mal, wenn wir beten, etwas ereignen? Schon in der Kindheit wurden wir da auf eine falsche Spur gesetzt, wenn uns Erwachsene fragten, ob wir schon unser Gebet verrichtet hätten. Als wäre das Gebet etwas, was es zu erledigen gilt. Wenn es nicht um das Erledigen ging, dann vermittelten uns andere gewisse Vorstellungen oder Ideale vom Gebet: etwas zu fühlen, zu sagen, zu hören, zu verstehen… Tatsächlich geschieht all das in der Realität selten; im allgemeinen ist das Gebet nüchtern, jedenfalls hält es all diese Verheißungen nicht. Daher unsere Enttäuschung.

Dann liegt die Versuchung nahe, Gott zu beschuldigen. Würde Er uns nämlich lieben, müsste er unsere Erwartungen erfüllen. Oder wir klagen uns selber an: Würden wir nämlich Gott lieben, müssten wir imstande sein, Ihm zu begegnen.
Wenn aber die Kommunikation auf beiden Seiten solche Schwierigkeiten bereitet, wäre es da nicht besser, zu guter Letzt aufzuhören? Und so geschieht es oft, dass wir, nach einigen Versuchen, das Beten aufgeben.
Ich sage ihnen, welches das richtige Wort ist, wenn vom Gebet die Rede ist. Es ist das Zeitwort „sein“. Beten heißt zu sein. Mit jemandem zu sein. Darum geht es beim Gebet. Gut verstanden hatte das jener Mann, der dem Herrn die Frage gestellt hat: „Mein Gott, Du, der Du überall bist, wie ist es möglich, dass ich Dich nirgends finde?“

Papst Johannes Paul II. hat uns bei seiner ersten Reise nach Frankreich gesagt, das Problem sei nicht die Abwesenheit Christi oder Seine Abwendung von der Menschheitsgeschichte. „Es gibt da nur ein einziges Problem – immer und überall: das Problem unserer Anwesenheit bei Christus.“

Was nutzt es, die Realpräsenz Christi (in der Eucharistie, aber auch in den anderen Sakramenten, in Seiner Kirche, in der brüderlichen Liebe, im Dienst an den Armen) zu betonen, wenn wir selbst nicht anwesend sind? Mit einer wirklichen Anwesenheit? Als Jesus Seine Apostel ausgesandt hat, die Frohe Botschaft allen Nationen und allen Generationen zu verkünden, bekräftigt er: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Um aber bei jemandem zu sein, bedarf es mindestens zweier Personen.

Genau das ist das Fundament der Glaubenserfahrung, des lebendigen Glaubens, des gelebten Glaubens: Mit Ihm zu sein, der mit uns sein wollte.

Das bleibt nicht folgenlos. Es zwingt uns dazu, den Stellenwert und den Sinn des Gebets im Leben des Christen einzuordnen. Beten ist nicht ein Ziel an sich, sondern ein Mittel. Das Ziel ist, mit Christus zu leben: „Gib, dass ich mich niemals von Dir trenne.“ Und mit dem Apostel Paulus sagen können: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,21); „Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ (1Kor 10, 31)

Allerdings: Um immer mit dem Herrn zu sein, muss man von Zeit zu Zeit allein mit Ihm sein; alles andere für Ihn zurücklassen, damit Er das Zentrum von allem sei. Verstehst du?

Den Wert des Gebets misst man nicht mit der Zahl genialer Einfälle oder herrlicher Gefühle, die man dabei erlebt. Sondern durch den Umstand, dass an dem Ort in dieser Welt, an dem du bist, und in diesem Moment deines Lebens, den du gerade erlebst, du es wagst, dich der Begegnung mit Gott auszusetzen. Eine Begegnung auf du und Du. Die Bibel spricht von „Angesicht zu Angesicht“. Spirituelle Autoren sagen „von Herz zu Herz“. Und das Wichtigste? Dass Er dich antrifft, dich. Und dann hast du gute Chancen, Ihn auch zu finden, Ihn.

Aus Famille Chretienne

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