30 Juni 2019, 09:30
Ein ausgezeichnetes Lebensbild von Papst Leo XIII.
 
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„Schließlich kam es in diesem Pontifikat nicht nur zu einer Beendigung des Kulturkampfes, sondern auch mehrfach zu einem Besuch des deutschen Kaisers im Vatikan.“ Rezension zu„Papst und Staatsmann“ von Martin Bürger

Augsburg-Freiburg (kath.net) Der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti hat zu Beginn des Jahres bei Herder eine umfangreiche und überaus lesenswerte Biografie von Papst Leo XIII. veröffentlicht, die sich durch eine faire und zurückhaltende Darstellung dieses Papstes an der Schwelle zur Moderne auszeichnet. Wenn man in unserer Zeit an diesen Papst, der von 1879 bis 1903 regierte, zurückdenkt, so erinnert man sich zumeist höchstens an die Enzyklika „Rerum novarum“, die bis heute die Weichen für die katholische Soziallehre der Moderne gestellt hat.

Der Leser ist zunächst eingeladen, ganz konventionell einen Blick auf die Jugend und den kirchlichen Werdegang von Gioacchino Pecci zu werfen. Ernesti zeigt, dass es durchaus eine ambitionierte und konsequent verfolgte Karriereplanung auf Seiten von Pecci gab. So investierte seine Familie einmal die stolze Summe von 700 Scudi in einen Empfang, der sich an eine Disputation vor dem Papst und wichtigen Kurienmitarbeitern anschließen sollte. Für Pecci „stand fest, ‚dass dieser erste Schritt mir eine glänzende Laufbahn eröffnet.‘ Es müsse daher mit Bedacht und Klugheit vorgegangen werden.“ Gleichzeitig war seine Liebe zu Gott und Kirche nicht geheuchelt: „Seine Äußerungen lassen darauf schließen, dass seine Berufung echt war und er sich nicht allein aus Karrieregründen hatte weihen lassen: ‚Ich bin auf dem Gipfel des Glückes, und mein Geist preist Gott, der mich mit einer so erhabenen Würde bekleidet hat und nun mir jenen inneren Frieden verleiht, der alle sinnlichen Eindrücke übersteigt.‘“

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Die Zeit als Papst wird von Ernesti nicht einfach chronologisch dargestellt. Stattdessen beleuchtet der auch in Brixen lehrende Kirchengeschichtler verschiedene Aspekte, die das Pontifikat von Leo XIII. prägten, darunter natürlich auch die schon angesprochene soziale Frage. An dieser Stelle kann naturgemäß nur auf einige wenige Punkte eingegangen werden. Im Untertitel des vorliegenden Buches wird Leo XIII. als „Papst und Staatsmann“ charakterisiert. Tatsächlich zeichnete sich der Heilige Vater durch sein politisches Engagement, das nach dem Untergang des Kirchenstaates wenige Jahre zuvor alles andere als selbstverständlich war, aus. Obwohl in Deutschland der Kulturkampf tobte, wandte sich Leo XIII. in einem klugen diplomatischen Schachzug sofort nach seiner Wahl an den deutschen Kaiser.

„Die deutsche Seite nahm den Ball bereitwillig auf. Bismarck traf schon Ende Juli 1878 mit dem bayerischen Nuntius Aloisi Masella in Kissingen zusammen und sprach mit ihm über eine mögliche Beendigung des Kulturkampfes. Der Papst seinerseits sekundierte, indem er in einem an den Kölner Erzbischof Paulus Melchers (1813–1895) gerichteten Schreiben vom 24. Dezember 1878 zwar die Beschneidung der Kirchenfreiheit durch den Staat, die Behinderung der Orden sowie die Inhaftierung und Flucht von Bischöfen ins Exil beklagte, zugleich aber auch seine Bereitschaft zum Frieden bekundete.“ Schließlich kam es nicht nur zu einer Beendigung des Kulturkampfes, sondern auch mehrfach zu einem Besuch des deutschen Kaisers im Vatikan.

Zuletzt sei noch der Fokus auf die innerkirchliche Reform erwähnt, denn das Pontifikat des Pecci-Papstes war „so bildungsfreundlich“ wie kaum ein anderes der Neuzeit. Als Papst „ließ Gioacchino Pecci nicht von der Überzeugung ab, dass die katholische Philosophie und Theologie im Geist des Thomas von Aquin zu erneuern seien.“ Eine solche Bezugnahme auf Thomas von Aquin sei, so urteilt Ernesti, „keineswegs rückwärtsgewandt, restaurativ, sondern durchaus als modernes Projekt gemeint. Leo XIII. schlägt den Zeitgenossen den Thomismus als gemeinsame Gesprächsbasis vor. Dabei ist er durchaus optimistisch, dass der Riss zwischen moderner Gesellschaft und Kirche geheilt werden kann, zum Wohl der Zivilisation als solcher.“

Neben den angesprochenen Aspekten geht es in der fast 500 Seiten umfassenden Biografie um Themen wie die jungen Kirchen auf den Kontinenten von Afrika, Amerika und Asien, die getrennten Christen (hier ist besonders die schon damals vollzogene Annäherung gegenüber den orthodoxen Kirchen von Interesse) sowie die Haltung des Papstes zu Wissenschaft und Technik. Nach Papstbiografien von Paul VI., Benedikt XV. und nun Leo XIII. bleibt zu hoffen, dass Ernesti diesem Genre weiterhin die Treue hält. In seiner Einführung bestätigt er: „Man sucht vergeblich nach deutschsprachigen, wissenschaftlich fundierten und zugleich ausgewogenen Biographien der drei Pius-Päpste und Johannes’ XXIII.“ Der Leser würde von derartigen Projekten aus der Feder von Jörg Ernesti nur profitieren.

kath.net-Buchtipp
Leo XIII.
Papst und Staatsmann
Von Jörg Ernesti
Hardcover, 480 Seiten; 90 Abb.
2019 Herder, Freiburg
ISBN 978-3-451-38460-8
Preis Österreich: 39.10 EUR

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