17 April 2019, 09:00
Semana Santa – Folklore, Tourismus oder was?
 
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Was zu Beginn der Karwoche in andalusischen Städten sichtbar wird, ist eine starke und meist echte Volksfrömmigkeit, um die wir diese Leute nur beneiden können. Hier geht es um Gott und um die Erlösung der Menschen. Gastbeitrag von Peter von Steinitz

Münster (kath.net) In diesen Tagen spielt sich in den andalusischen Hochburgen das große Prozessionsgeschehen ab, von dem man auf den ersten Blick gar zu leicht das Urteil fällt: religiöse Folklore und Förderung des spanischen Tourismus. Aber, wie so oft in religiösen Dingen: man muss genau hinsehen.

Die Städte, Sevilla, Cordoba, Malaga und viele andere, sind voller Menschen, die sich flanierend und schwätzend anscheinend einer ausgefallenen Unterhaltung hingeben.

Ab und zu zieht eine Gruppe von besonders gekleideten Menschen, musikalisch unterstützt durch verschiedene Musikkorps, vor einem kunstvoll gestalteten Wagen her, um sich danach einem zweiten Wagen zuzuwenden. Fast könnte man meinen, eine besondere Art von Karneval.

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Bei näherem Hinsehen sind das gar nicht Wagen, sondern jeweils von 30 bis 50 Trägern, den sog. Costaleros, auf den Schultern getragene Plattformen, Pasos genannt, auf denen zum einen eine Szene aus der Passion des Herrn, zum anderen eine Statue der Muttergottes getragen wird. Besonders beliebt die „Virgen de la Macarena“. Feierliche Stille, wenn der Paso vorüber getragen wird, bewegende Zurufe, wenn die schmerzhafte Mutter vorbeizieht. Ab und zu geht der Zug an einem Haus vorbei, aus dem von einem Balkon aus ein Sänger oder eine Sängerin ein oft ergreifendes Liebeslied auf den Herrn oder die Muttergottes singt, eine so genannte Saeta.

Was der Besucher aus fernen Ländern zunächst nicht erkennt, ist, dass das Ganze vor Jahrhunderten aus einem Geist der Buße und des Mitleidens mit Christus entstanden ist, und dass dieser Geist auch heute noch - und das ist das wirklich Aufregende - in der Bevölkerung lebendig ist. Deutlich, bei nahem Hinsehen, zu erkennen an zwei Dingen:

Erstens: schon am frühen Morgen sieht man viele Menschen auf der Straße, auffallend viele junge Leute, die fast alle gut gekleidet sind, die Männer, auch die jungen, mit Jackett und Krawatte.

Zweitens: die ‚Pasos‘ sind mit einer solchen Liebe zum Detail gestaltet und gepflegt, dass man dies nur aus einer tief religiösen Einstellung erklären kann. Nach dem Motto, für den lieben Gott ist das Beste gerade gut genug. Man beachte, wenn man Gelegenheit dazu hat, wie reich (ja, richtig teuer) das Gewand der Jungfrau Maria gestaltet ist, die silbernen Kandelaber, der Blumenschmuck, der üppige Baldachin.

Der Bußgeist selbst wird regelrecht versteckt, aber er ist wesentlich und echt. Die Costaleros, von denen jeder 30 bis 40 kg auf seinen Schultern trägt, sind unter dem Paso verborgen. Immer wenn die schwere Plattform nach einer kurzen Pause wieder aufgenommen wird, wird er nicht einfach nur in die Höhe gehoben, vielmehr machen die Costaleros einen regelrechten Sprung in die Luft, der vergessen macht, dass sie bis zur Erschöpfung arbeiten.

Und dann die Nazarenos. Manch ein unaufgeklärter Tourist fühlt sich an den unseligen Ku-Klux-Klan erinnert, mit dem das nun aber auch gar nichts zu tun hat. Männer und Frauen, die ganz verhüllt sind und eine seltsame Kapuze tragen, die nur die Augen frei lässt. Man sieht ihnen an der ganzen Haltung an, dass es hier nicht um einen Mummenschanz geht, sondern wirklich darum, zehn bis zwölf Stunden lang unter dieser unbequemen Verhüllung, unerkannt, den Kreuzweg des Herrn zu begleiten.

Träger der vielen Prozessionen und eines umfangreichen Brauchtums sind die Hermandades, die Bruderschaften, die von den jeweiligen Pfarreien unabhängig sind.

Was da zu Beginn der Karwoche, der Heiligen Woche, in andalusischen Städten sichtbar wird, ist eine starke und in den meisten Fällen echte Volksfrömmigkeit, um die wir diese Leute nur beneiden können.

Nein, den Vergleich mit dem Rosenmontagszug sollten wir gar nicht erst ansprechen. Er würde sehr zu unseren Ungunsten ausfallen. Im Karneval geht es, bei aller Liebe, nur um „Spaß an der Freud“, für den man oft außergewöhnlichen Aufwand treibt.

Hier gilt der außergewöhnliche Aufwand Gott und der Erlösung der Menschen.

Foto: Gnadenbild der Schmerzensmutter ("Macarena")/Sevilla (c) Peter von Steinitz

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