02 April 2019, 11:44
„Ich habe von seiner Heiligkeit zu wenig Gebrauch gemacht“
 
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Zum Todestag des hl. Papstes Johannes Paul II. – Interview mit seinem nahen Mitarbeiter, dem Priester Paweł Ptasznik. Von Viktoria Samp

Vatikan-Warschau (kath.net/Blog „holyzont“) 14 Jahre ist der große Papst aus Polen nun schon tot. Im Interview berichtet sein naher Mitarbeiter, der polnische Priester Paweł Ptasznik, wie er Johannes Paul II. im Arbeitsalltag erlebte.

Viktoria Samp: Wie kam es dazu, dass Sie so nah am Papst arbeiten durften?

Priester Paweł Ptasznik:
Ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht so ganz, wie es passiert ist, dass ich diese großartige Gnade erhielt. Nachdem ich meine Doktorarbeit an der Universität Gregoriana Ende 1994 beendete, bin ich nach Polen zurückgekehrt und wurde als Seelsorger im Priesterseminar in Krakau betraut. Genau ein Jahr später, kurz vor Weihnachten, lud mich Kardinal Franciszek Macharski zu sich ein und sagte: „Du musst nach Rom fahren“. Ich dachte, dass ich für einige Tage dorthin fahren müsste, um ein paar Sachen zu erledigen und sagte: „Natürlich, wenn es nötig ist, bin ich bereit…“ Er bemerkte, dass ich es nicht verstanden habe und sagte: „Nein, nein… Du musst für länger fahren. Prälat Ryłko wechselt zum Päpstlichen Laienrat und er braucht Vertretung im Staatssekretariat“. Ich antwortete: „Selbstverständlich, wenn das der Wunsch des Kardinals ist, werde ich fahren, aber ich habe erst kürzlich angefangen, im Priesterseminar zu arbeiten, kenne die Seminaristen kaum… Der Rektor hat bestimmt auch eine Vision…“. Er unterbrach mich: „Wir können dem Heiligen Vater doch nicht sagen, dass es in der Diözese keinen gibt, der ihn vertreten könnte!“. „Sehr gerne!“, antwortete ich.

Und so fing alles an. Diese tollen Jahre an der Seite von Johannes Paul II. verdanke ich der Entscheidung des Kardinals. Wieso ich? Ich weiß es nicht. Ich habe den Heiligen Vater ein paar Mal getroffen, als ich in Rom studierte. Ich hatte damals selten, aber herzlichen Kontakt zu Prälat Dziwisz. 1991 habe ich bei der Bischofssynode zur Priesterformation geholfen. Ich wurde als Sekretär einer Gruppe von Theologen zugeordnet, die die Beratungen verfolgten und die Vorversion der Enddokumentation vorbereitete. Damals hatte ich häufigeren Kontakt und die Möglichkeit einer nahen Zusammenarbeit mit dem Heiligen Vater…

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Aber wie gesagt, ich weiß nicht, wer meine Kandidatur vorgeschlagen hat, als man einen Mitarbeiter für die polnische Sektion des Staatssekretariats gesucht hat. Wer auch immer das war, vergelt’s Gott!

Samp: Worin bestand Ihre Arbeit?

Ptasznik:
Zu meinen Aufgaben in der Sektion gehörte die Betreuung der Korrespondenz des Heiligen Vaters auf Polnisch mit den Menschen, die sich an ihn wandten. Natürlich geschah das immer in Absprache mit ihm selbst oder mit den unmittelbaren Vorstehern. Das waren offizielle Schreiben, an die Bischöfe, Staats- und regionale Vertreter, aber auch private Antworten an Briefe von Gläubigen, die sich in unterschiedlichen Angelegenheiten an den Heiligen Vater wandten.

Der wertvollste Teil meiner Arbeit waren jedoch die Aufzeichnung, Verarbeitung und Übersetzung dessen, was der Heilige Vater diktiert hat: Reden, Predigten, Dokumente. Dies gab mir die Möglichkeit zu fast täglichem, persönlichem Kontakt und zu Gesprächen mit dem Heiligen Vater, zu sprechen – in den ersten Tagen ließ er mich wissen, dass er keinen Schreiber brauchte, sondern einen Kollegen: Er fragte, was ich über ein Thema dachte und fragte nach Vorschlägen. Es war eine große Ehre für mich, aber auch eine große Herausforderung

Samp: In welchen Angelegenheiten haben sich die Menschen am häufigsten an den Papst gewendet? Was hat der Papst geantwortet?

Ptasznik:
Die Menschen haben dem Papst über alles geschrieben. Einige teilten ihre Erfahrungen und spirituellen Dilemmata. Andere sprachen über das Familienleben, über das Leben der Pfarrgemeinden, über religiöse und kulturelle Ereignisse, über soziale und politische Probleme. Andere schickten oder brachten ihre Bücher, ihre eigenen Kunstwerke und andere Geschenke. Es gab viele Bitten um Gebete in verschiedenen Anliegen. Diese waren für den Heiligen Vater besonders interessant – er wollte sie kennen und ich weiß, dass er sie sehr ernst nahm. Er betete für jeden, der danach fragte, für jeden Einzelnen.

Samp: Bitte beschreiben Sie Papst Johannes Paul II. in drei Worten.

Ptasznik:
Vater, Hirte, Heiliger.

Als Vater trat er jedem Menschen mit Aufmerksamkeit, Sensibilität, Verständniswille und Hilfsbereitschaft und mit einer zarten, aber fordernden Liebe entgegen.

Als Hirte kümmerte er sich um die Kirche, wollte die Freuden und Probleme von Gemeinschaften und Gläubigen in einzelnen lokalen Kirchen auf der ganzen Welt kennenlernen, sorgte für einen klaren und soliden Vortrag des Glaubens im Geist des Evangeliums und der Tradition, suchte Versöhnung mit anderen christlichen Konfessionen, betete für die Kirche und opferte sein Leid.

Als Heiliger lebte er das Evangelium in tiefer Verbundenheit mit Christus und seiner Mutter, in völliger Hingabe, eingetaucht in das Gebet und in die Liturgie.

Samp: Was haben Sie am Papst am meisten bewundert?

Ptasznik:
Zwei Dinge: Erstens, die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, mit der er sich an alle Menschen wandte. Sogar als er von der Menge umgeben war und mit einem Menschen sprach, konzentrierte er sich nur auf ihm und auf seine Angelegenheiten, er schaute in die Augen und, am wichtigsten, er erinnerte sich, was gesagt wurde. Dies ist natürlich seine persönliche Gabe, aber diese Erinnerung war phänomenal. Ein Treffen war genug, und nach Jahren konnte er zum Thema der Unterhaltung zurückkehren. Zweitens, die Fähigkeit, die Zeit so zu organisieren, dass er trotz der enormen Arbeit nie das Gebet und die Ruhe verpasst hat.

Samp: Welche Früchte haben Sie aus der Arbeit mit dem Papst davongetragen?

Ptasznik:
Manchmal werfe ich mir das vor – wenn ich aufmerksamer wäre – könnte ich mehr bekommen. Aber einfach mit ihm zusammen zu sein, zusammen zu arbeiten, war eine wunderbare Gelegenheit, seine Art zu lernen, das Evangelium zu lesen, ihn ihm nach Antworten zu suchen und Lösungen für Schwierigkeiten, Zeichen, in welche Richtung zu gehen ... Sein Gebet war eine Ermutigung, manchmal sprach es ins Gewissen. Dasselbe gilt für seine Einfachheit und Güte gegenüber Menschen

Samp: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie aus heutiger Perspektive wissen, dass Sie für einen Heiligen gearbeitet haben?

Ptasznik:
Genau: die Reue, dass ich es zu spät erkannt habe ... dass ich von seiner Heiligkeit nicht genug Gebrauch gemacht habe, und auf der anderen Seite ein Gefühl der Verantwortung, das, was ich von ihm bekommen habe, das Verlangen nach Heiligkeit, das er mit dem Zeugnis seines täglichen Lebens in uns gesetzt hat. Das ist auch eine Last, weil die Menschen mehr von jemandem erwarten, der dem Heiligen nahesteht ... aber eine mobilisierende Last, für die ich Gott danke

Samp: Wie sah das Gebetsleben von Johannes Paul II. aus?

Ptasznik:
Der Heilige Vater hat viel gebetet.

Er hatte seine festgesetzten Zeiten, aber er betete während des ganzen Tages.

Er ging nie an der Kapelle vorbei, ohne für einen Moment vor dem Allerheiligsten zu verweilen, und in den Augenblicken zwischen Unterricht und Versammlungen konnte man Momente der Gebetsfokussierung bemerken.

Er schätzte traditionelle Gebetsformen wie den Rosenkranz, die Litanei, die Passionsandacht, den Kreuzweg ... Und er war ihnen treu, auch in der Krankheit oder während der apostolischen Reisen – am Freitag musste immer eine Zeit für den Kreuzweg reserviert sein, für die Heilige Stunde am Donnerstag und für die Anbetung des Allerheiligsten jeden Tag.

Er betete auch mit Texten polnischer Lieder. Er pflegte zu sagen, dass sie die ganze Tradition des Glaubens unserer Vorfahren in sich tragen. Er erlebte die Liturgie sehr tief, besonders jede Heiligen Messe. Er ging regelmäßig zur Beichte.

Samp: An welche Situation mit dem Papst können Sie sich am besten erinnern?

Ptasznik:
Ich habe das schon bei einer anderen Gelegenheit erwähnt, aber dies ist wahrscheinlich der denkwürdigste Moment in meiner Erinnerung: Es geschah während einer Reise nach Rio de Janeiro im Zusammenhang mit dem Welttreffen der Familien 1997. Nach der Abschiedszeremonie im bischöflichen Hauptquartier in Sumaré, an der etwa fünfhundert Menschen teilnahmen, drängten sich alle an den Papst, um ihm die Hand zu schütteln und ein Foto zu machen.

Es gab auch eine Gruppe von Priestern aus Krakau. Sie baten Priester Dziwisz, dass auch sie ein Erinnerungsfoto machen durften. Sie stellen sich auf. Ich stand in der Gruppe des päpstlichen Gefolges in der Nähe. Der Heilige Vater trat an die Priester heran und Priester Dziwisz sagte: „Hier will eine Gruppe von Krakauern ein Bild mit dem Papst.“ Der Heilige Vater begrüßte uns, stellte sich in die Mitte, sah sich um und ich hörte ihn sagen: „Und wo ist Paweł?!“ Ich schloss mich ihnen schnell an. Es war eine großartige Erfahrung für mich: In all dem Durcheinander, unter Hunderten von Menschen und ihren Angelegenheiten erinnerte sich der Papst an mich.

Samp: Welches Verhältnis hatte der Papst zum Arbeiten?

Ptasznik:
Der Heilige Vater hat viel gearbeitet. Er hat seine Reden schon lange im Voraus vorbereitet, um die nötigen Übersetzungen vorbereiten zu können. Jeden Tag, außer sonntags und dienstags, diktierte er seine Texte vormittags und hatte dann eine Audienz für Politiker, Bischöfe und Nuntien. Am Nachmittag empfing er die Vorsteher der verschiedenen Kongregationen und Konzilien der Vatikanischen Kurie. Mahlzeiten hatten oft auch einen dienstlichen Charakter. Er hat viel gelesen.

Samp: Wie gelang es ihm, den jungen Menschen so nah zu sein und solche Menschenmassen um sich zu versammeln?

Ptasznik:
Im „Brief an die Jugend“ schrieb er ihnen, dass sie die Hoffnung der Kirche seien und genau so ging er auf sie zu. Er schätzte immer den Wert der Jugend, ihre Freude und ihren Enthusiasmus, ihre Neugier für die Welt, ihre Einstellung zur Zukunft, die Suche nach dem Lebensweg. Diese Erfahrung hatte er aus Krakau. Er kannte auch die Probleme und Bedrohungen junger Menschen. Er ignorierte sie nicht und er sprach klar darüber.

Er behandelte die Jugend ernst und unterschätze nicht die existenziellen Fragen, die sie sich stellten. Wie ein guter Vater, forderte er, aber er zeigte die Perspektive und gab Hoffnung. Er war authentisch in seinen Worten und Gesten, die innige Liebe ausdrückten, und die Jugend spürte es instinktiv. Und er war jung im Geiste. Und die Jugend, so scheint es, gab ihm diesen jugendlichen Impuls.

Samp: Welche Erinnerungen haben Sie an den 2. April?

Ptasznik:
Der 2. April brachte große Schmerzen, nachdem ich jemanden verloren hatte, der mir sehr nahestand und sehr wichtig in meinem Leben war. Mir wurde klar, dass von jetzt an nichts mehr gleich sein würde. Es ist eine gewisse Lebensphase für mich zu Ende gegangen. Ich verabschiedete mich an diesem Tag gegen Mittag vom Heiligen Vater. Als ich in sein Zimmer kam, war da Kardinal Ratzinger. Wir haben eine Weile im Stillen gebetet. Der Heilige Vater gab uns nur mit seinem Blick und einer Handbewegung ein Zeichen, dass er sich über unsere Anwesenheit freute. Dann bat ihn Erzbischof Dziwisz darum, uns zu segnen. Ich kniete mich neben das Bett, er legte eine Hand auf meinen Kopf und machte ein Kreuzzeichen auf meiner Stirn. Dieses Zeichen bleibt in meinem Herzen.

Es war schwierig, aber mich begleitete eine innere Ruhe. Viel emotionaler erlebte ich den Moment, in dem mir Erzbischof Dziwisz wenige Tage vor dem Tod des Heiligen Vaters eine Kopie des Testamentmanuskripts gab und mit Tränen in den Augen sagte: „Sie müssen anfangen zu übersetzen ...“ Das Bewusstsein darüber, dass dieser Moment unausweichlich auf uns zukommt, war schmerzhafter als sein Heimgang selbst. Ich erinnere mich noch an die Worte des Testaments, die mich in den Tagen des Ablebens und des Todes des Heiligen Vaters begleiteten: „Indem ich schon jetzt diesen Tod annehme, hoffe ich, dass Christus mir die Gnade jenes letzten Geleites, das heißt für [mein] Ostern, gewähren möge. Ich hoffe auch, dass Er sie für jenes wichtigste Anliegen fruchtbar machen wird, dem ich zu dienen trachte: für die Rettung der Menschen.“

Samp: Vielen Dank für das Interview!

Priester Paweł Ptasznik begann 1996 seine Arbeit in der Polnischen Sektion des Staatssekretariats und leitet diese Sektion seit 2001. Heute steht er der polnischen und slawischen Sektion vor. Er ist Rektor der Kirche St. Stanislaus Bischof und Märtyrer in Rom und Verantwortlicher für die Seelsorge der Polen in der Diözese Rom.

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