16 März 2019, 11:00
Fahrzeuge für Gott
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‘Kirche in Not’ macht seit 70 Jahren mobil - von Volker Niggewöhner.

München (kath.net/ KiN)
Vor 70 Jahren startete die vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten (1913-2003) gegründete Ostpriesterhilfe (heute „Kirche in Not“) ihre Aktion „Ein Fahrzeug für Gott“. Sogenannte „Rucksackpriester” wurden motorisiert, um unter den Vertriebenen in protestantischen Gebieten der norddeutschen Diaspora Seelsorge zu leisten. Eine Pioniertat des deutschen Katholizismus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Heute ist man sich in Deutschland kaum noch bewusst, dass die Gräuel des Zweiten Weltkrieges und die auf der Konferenz von Potsdam beschlossene Abtrennung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße die größte Vertreibung der europäischen Geschichte auslösten. Von den 15 Millionen deutschen Vertriebenen aus den Ostgebieten waren acht Millionen katholisch. Viele dieser ostdeutschen Katholiken wurden in nahezu rein evangelischen Regionen angesiedelt, während ostdeutsche Protestanten in katholisch geprägten Gebieten eine neue Heimat fanden. Es war die größte Umwandlung der konfessionellen Struktur in Mitteleuropa seit der Reformation.

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Insgesamt lebte fast drei Viertel der katholischen Heimatvertriebenen in der Diaspora. Es gab in Deutschland 2500 Orte, wo zwar Katholiken lebten, es aber weder katholische Seelsorge noch eine katholische Kirche gab. Für den geistlichen Trost und die Spendung der Sakramente in diesen Gebieten waren die rund 3000 „Rucksackpriester“ zuständig. Selbst aus ihrer alten Heimat vertrieben, zogen sie unermüdlich bis zur Erschöpfung, zu Fuß von einem Ort zum nächsten, im Rucksack liturgische Geräte für die heiligen Messen mit sich führend.

Seelsorge bis zur Erschöpfung

Mit ihren abgewetzten Militäruniformen und geflickten Rucksäcken sahen sie aus wie Landstreicher. Tagtäglich waren sie unterwegs, stundenlang, hunderte Kilometer. Sie trotzten Wind und Wetter, meist zu Fuß oder – wer Glück hatte – mit einem Fahrrad. Viele Priester ruinierten dabei ihre Gesundheit, für etliche endete dieses „pastorale Nomadentum“ tödlich: Unfälle und Krankheiten zollten ihren Tribut. Viele dieser heimatvertriebenen Priester, die von der Flucht schon körperlich ausgezehrt waren, starben. Einige schrieben Briefe an Pater Werenfried van Straaten, wie den folgenden: „Herr Pater, wissen Sie, was das schlimmste ist? Wenn ich die Bilanz dieser drei Jahre ziehe, in denen ich mein junges Leben geopfert habe, dann sehe ich, dass während dieser drei Jahre 80 % meiner Katholiken ohne Sakramente gestorben sind. Nicht, weil sie nicht wollten. Sie sehnten sich danach. Aber weil ich nur einen Leib und ein Fahrrad hatte.“

Ein anderer klagte: „Die Seelsorge ist hart, oft voll bitterer Enttäuschungen, aber auch voll ergreifender Priesterfreude. In sieben Schulen gebe ich Religionsunterricht und an drei zentral gelegenen Ortschaften zelebriere ich regelmäßig die heilige Messe. Jede Woche lege ich 215 Kilometer per Fahrrad zurück, oft in Regen und Schneeböen, auf Straßen und Pfaden, die im Winter mit Eis oder Schneematsch, im Frühjahr mit Schlamm, im Sommer mit lockerem Sand bedeckt sind. Seit Weihnachten habe ich 32 Pfund abgenommen.“

Betteln für die Feinde von einst

Es waren Briefe wie diese, die Pater Werenfried van Straaten auf die zündende Idee brachten, diesen Helden der Seelsorge mit einem fahrbaren Untersatz auszustatten. Bereits kurz nach Kriegsende, 1947, hatte Pater Werenfried die materielle wie seelische Not der Heimatvertriebenen erkannt. Der gebürtige Niederländer und Prämonstratenser der Abtei Tongerlo in Belgien war ein Visionär der Nächstenliebe. Er vertraute auf Gott, auf das Gute im Menschen und auf die Kraft der Verzeihung selbst zwischen einst erbitterten Kriegsgegnern. Unermüdlich sammelte er deshalb in Belgien und den Niederlanden zunächst Kleidung und Lebensmittel für die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten.

Und so gaben Frauen den letzten Anzug ihres von deutschen Soldaten erschossenen Mannes her, um den Vertriebenen zu helfen. „Wogen der Barmherzigkeit und Liebe gingen durch das flämische Land und überspülten alsbald auch die Niederlande“, blickt Pater Werenfried in seiner Autobiografie „Sie nennen mich Speckpater“ dankbar auf diese Jahre zurück.

So kam es, dass Pater Werenfried ab 1949 auch um „Fahrzeuge für Gott“ bettelte. Und er hatte Erfolg. Innerhalb von nur zwei Monaten kam das Geld für 120 Volkswagen zusammen! Die Zeichen der Zeit erkennend und mit kühnem Unternehmungsgeist plante er die nächsten Aktionen: „Mit Kolonnen der Hilfe müssen wir ostwärts gehen. Lastwagen müssen wir mit Priestern bemannen und zum Brechen voll mit Liebesgaben beladen.“

So wuchs die Aktion „Ein Fahrzeug für Gott“ weiter. Und wie immer bei seinen Aktionen löste der „Speckpater“ damit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Die Kapellenwagenmission seiner „Ostpriesterhilfe“ begann 1950 testweise mit zwei umgebauten Bussen. Sie verlief sehr erfolgreich. Hunderte Priester machten sich in den folgenden Jahren zu Missionsreisen in die versprengten Diasporagemeinden der deutschen Heimatvertriebenen auf. Die Kirche kam buchstäblich ins Dorf und gab den Vertriebenen Lebensmut zurück.

Papst Pius XII. lobte die Kapellenwagenmission

Wenn Pater Werenfried von „Kolonnen der Hilfe“ predigte, dann war das durchaus wörtlich zu verstehen: Am 22. April 1952 wurden in Königstein im Taunus, dem wichtigsten religiösen Zentrum der heimatvertriebenen Katholiken, von Josef Kardinal Frings 14 Sattelschlepper – die „Kapellenwagen“ – und 70 Volkswagen gesegnet.

„Heute kommt die Weltkirche zu euch heimatvertriebenen Priestern und in euch zu allen Katholiken, die der Herrgott euch anvertraut hat“, richtete sich Pater Werenfried in Königstein an die Gäste der Segnungsfeier. Kardinal Frings sprach damals von einem „Schauspiel christlicher Nächstenliebe. Länder und Völker, die das deutsche Volk noch vor einigen Jahren mit Krieg überzogen, gedrückt und geknechtet hat, haben sich vereint, um uns zu helfen, in unseren.“ In einem Brief vom 1. Oktober 1954 an die deutschen Bischöfe über die Vertriebenen-Seelsorge lobte Papst Pius XII. ausdrücklich diese Aktion, als er schrieb: „Besonders rühmlich zu erwähnen [ist] die Kapellenwagen-Mission.“

Zwei Jahrzehnte lang waren fortan je ein deutscher und ein ausländischer Missionar zusammen mit einem Fahrer mit den Kapellenwagen der Ostpriesterhilfe unterwegs. Man fuhr mit einem „Koloss von Autowagen“, erinnert sich ein Fahrer. Wie ein „Raubtierdompteur“ habe er sich beim Lenken gefühlt: Schließlich war jeder Kappellenwagen 14 Meter lang, zwei Meter breit, drei Meter hoch und fünf Tonnen schwer. Eine Seitenwand konnte herausgeklappt werden und machte den Blick auf den Altar frei. Auf der anderen Seite befand sich der Eingang zum Beichtstuhl. Im Heck waren die beiden Priester untergebracht und vorne, im Führerhaus, übernachtete der Fahrer.

Fahrzeughilfe ist bis heute Herzensanliegen von „Kirche in Not“

1970 waren die großen Kapellenwagen zum letzten Mal unterwegs. In hunderten Orten Westdeutschlands und manchmal auch im Ausland waren sie zu Gast. Sie haben den Menschen die Kirche wieder in ihre Städte und Dörfer gebracht.

So wurde die Motorisierung der Seelsorge im Werk Pater Werenfrieds, das heute „Kirche in Not“ heißt und seit 2011 eine Päpstliche Stiftung ist, eine der wichtigsten Zielsetzungen. Sie ist es geblieben. In vielen Ländern der Welt sind die Entfernungen zwischen den Dörfern und Städten wesentlich größer als in Deutschland. Eine Pfarrei kann dort größer sein als hier eine ganze Diözese. Damit Gottes Mitarbeiter auf dem Weg zu einer heiligen Messe, zu einem Kranken oder Sterbenden nicht „auf der Strecke bleiben”, finanziert „Kirche in Not“ die unter den örtlichen Bedingungen zweckmäßigen Fahrzeuge – Geländewagen, Motor- und Fahrräder und manchmal auch Boote.

Die Fahrzeughilfe von „Kirche in Not“ geht weiter. Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende – entweder online unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Fahrzeughilfe

Foto: Heilige Messe an einem Kapellenwagen in den 1950er Jahren. Die „fahrenden Kirchen“ konnten über fünf Tonnen Lebensmittel, Kleidung und Medizin transportieren. © Kirche in Not

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