15 März 2019, 10:00
„Wie geht Christsein heute?“
 
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„Ich bin froh über jeden Hirten, der uns Orientierung schenkt, indem er auf Christus hinweist, die Mitte unseres Glaubens und – wenn man diesen problematischen Begriff positiv verwenden möchte – die DNA der Kirche.“ Gastbeitrag von Thorsten Paprotny

Hildesheim (kath.net) In allen Gottesdiensten der Diözese Hildesheim wird am Fastensonntag „Reminiscere“ das Hirtenwort von Bischof Dr. Heiner Wilmer verlesen werden. Gläubige können sich auch online bereits mit seinen Gedanken zur Österlichen Bußzeit vertraut machen (Fastenhirtenwort 2019). Ein großer Vorzug des Hirtenwortes liegt in der sympathischen Kürze des Textes. Nun böten zwar die Eingangspassagen eine Gelegenheit, den Nutzen und Nachteil einer konstruktivistischen Exegese zu erörtern. Aber die einfach gläubigen Christen in den Kirchenbänken werden besonders, scheint mir, den freundlichen Dank für die Zuschriften vernehmen, die der Bischof auf sein erstes Hirtenwort hin erhalten hat. Von Positivem zu hören, das macht Freude. Wenig später folgt die Frage, die er sich und den Gläubigen seiner Diözese stellt. Was heißt, was bedeutet es, ein Christ in der Welt von heute zu sein? Modern formuliert fragt der Bischof nachdenklich: „Wie geht Christsein heute?“

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In rhetorischer Absicht ist die sprachlich holprig anmutende Frage anscheinend nicht gestellt. Manche von uns werden Antworten oder zumindest Antwortversuche darauf kennen. Das gilt, scheint mir, für Menschen allen Alters, die sich nicht nur dem christlichen Glauben, sondern auch der römisch-katholischen Kirche von innen her verbunden fühlen. Einige Hinweise darauf gibt der noch immer lesenswerte Katechismus, ein dickes, kluges und wichtiges Buch. Natürlich genügt auch zunächst das knapp formulierte „Kompendium“. Im Pontifikat Benedikts XVI. erschien zudem der „Youcat“ – ein Katechismus, der besonders an junge Christen und Suchende adressiert ist. Manche werden noch den „grünen Katechismus“ im Regal stehen haben. Auch darin darf man übrigens immer noch lesen – einige tun das mit geistlichem Gewinn. Das vor wenigen Wochen publizierte Glaubensmanifest von Kardinal Gerhard Müller ist auch hilfreich und aussagekräftig. Ich empfehle noch immer die „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger. Wer nicht ganz genau weiß, was im Credo steht: Man kann das jederzeit nachlesen, einfach und unkompliziert. Wenn ich gefragt würde: „Wie geht Christsein heute?“, so lautete meine Antwort: „Versuch’s mal mit dem Credo.“

Wir alle sehen, anders als die Jünger auf dem Berg, wahrscheinlich nicht Erscheinungen von Moses und Elija. Aber gläubige Menschen sehen wir schon regelmäßig. Jeder von uns kennt vielleicht auch einige fromme Konvertiten, deren Glaubenszeugnisse beherzt und kraftvoll sind. Wir sind auch vertraut mit Formen der Unsicherheit und Hilflosigkeit: Wenn mir die Kraft fehlt, den Rosenkranz zu beten, kann ich mich immer noch daran festhalten. Ich sehe den heiligen Papst Johannes Paul II. vor mir, als er am letzten Karfreitag seines Lebens in seiner Kapelle im Apostolischen Palast das Kreuz fest umklammerte und im Fernsehen den Kreuzweg am Kolosseum verfolgte – dem Herrn immer ähnlicher werdend in seinem Leiden.

Natürlich sehen wir auch verstörende Zeugnisse des Glaubensabfalls. Wir machen die Erfahrung, dass der christliche Glaube förmlich zu verdunsten scheint. Der Abriss von Kirchen erfolgt seit vielen Jahren, nicht nur in der Diaspora. Das macht viele Menschen traurig, auch solche, die nicht glauben, aber vielleicht glauben möchten.

Die Frage von Bischof Wilmer ergeht an alle: „Wie geht Christsein heute?“ Ich bin, so darf ich sagen, froh über jeden Hirten, der uns Orientierung schenkt – in Geschichte und Gegenwart –, nicht weil er seine eigenen Ideen verkündet, sondern auf Christus hinweist, die Mitte unseres Glaubens und – wenn man diesen problematischen Begriff positiv verwenden möchte – die DNA der Kirche.

Christ sein heute – wie geht das? Wenn wir auf die Fürsprache der Heiligen vertrauen und uns ihnen zuwenden. Wenn wir sonntags die heilige Messe mitfeiern, auch dann, wenn uns der Weg zum Gottesdienst vielleicht persönlich manchmal schwerfallen mag. Wenn wir uns von den Sakramenten stärken und erneuern lassen, wenn wir beichten und die heilige Kommunion empfangen. Wenn wir uns daran erinnern, dass der Entlassungsruf am Ende der Messe ein Auftrag ist, Christus in der Welt von heute zu bezeugen. Was mir – Sonntag für Sonntag – Trost, Hoffnung und Zuversicht schenkt: Ich sehe vor, im und nach dem Gottesdienst betende Menschen. So entsteht und wächst auch geistliche Verbundenheit und Nähe mit Christus und untereinander. Wir gehören zur Familie Gottes, als Schwestern und Brüder im Glauben – und wir können das spüren und erfahren. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Das ist ein schönes, stilles Zeugnis des Glaubens. Und dann weiß ich sicher und voller Dankbarkeit, wie Benedikt XVI. am 12. September 2006 bei der heiligen Messe auf dem Islinger Feld bei Regensburg sagte: „Wer glaubt, ist nie allein.“

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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Symbolbild: Bibel, Computer, Fastenzeit (c) kath.net/Petra Lorleberg

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