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Mater Dolorosa

27. Februar 2019 in Jugend, 4 Lesermeinungen
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Die Jugendkolumne von kath.net - Diese Woche ein Beitrag von Dubravka Križić


Linz (kath.net)
Die Fastenzeit steht vor der Tür. Eine Zeit der Besinnung, des Leidens. Es ist die Zeit, mit Maria unterm Kreuz zu stehen, mit ihr zu weinen. Anfang Februar habe ich mir mit meiner Mutter das Stabat Mater von Antonín Dvořák (*1841-†1904) in der Philharmonie in Berlin angehört. Dieses mittelalterliche Gedicht beschreibt den Schmerz von Maria, wie sie den Tod ihres Sohnes hilflos mitansehen musste. Dvořák wusste sehr genau wie schmerzhaft dieses Leiden ist, denn er selbst wurde vom ihm nicht bewahrt. Erst starb seine Tochter zwei Tage nach der Geburt. Zwei Jahre später seine elf Monate alte Tochter an einer Vergiftung, und kurz darauf sein dreijähriger Sohn an Pocken. Aus diesem tiefen Schmerz heraus entstand das Stabat Mater, uraufgeführt am 23. Dezember 1880 in Prag. Es gibt nur wenige Worte, die beschreiben können wie tief und erstaunlich schön es ist das Leid Mariä in Musik verwandelt zu sehen. Musik bewegt etwas in uns, dass wir selbst nicht ganz in Worte fassen können.

Es betont die Wahrheiten, die ohne Worte verstanden werde. Der Schmerz bekommt eine Gestalt, eine Fassbarkeit, die hilft ihn zu verstehen und zu überwinden. Sicherlich war es für Dvořák ein Heilungsweg sich neben Maria zu stellen, ihren Schmerz zu sehen, seinen eigenen darin zu erkennen und diesem mit Musik Ausdruck zu verleihen. Ihren Schmerz zu sehen und unseren darin zu erkennen, ist wohl einer dieser schweren Stolpersteine der Fastenzeit.


Die dritte Strophe beginnt mit einem Solo, und sagt:

“Quis est homo, qui non fleret, Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum Filio?”

Übersetzt von Heinrich Bone 1847:

„Ist ein Mensch auf aller Erden,
der nicht muss erweichet werden,
wenn er Christi Mutter denkt,
wie sie, ganz von Weh zerschlagen,
bleich da steht, ohn alles Klagen,
nur ins Leid des Sohns versenkt?“

Wem können ihre Tränen gleichgültig sein? Wer kann nicht bewegt sein von ihrem Schmerz? Jeder von uns versteht innerlich, was das Leid mit uns Menschen machen kann. Es kann uns ganz und gar aus dem Leben reißen. Es zerbricht etwas in uns. Keine Musik und keine Dichtung sind vollkommen genug, um diese Gebrochenheit zu heilen.

Es gibt solche Zeiten, in denen man versucht mit letzten Kräften an all dem Guten in dieser Welt festzuhalten – versucht, die letzten hoffnungsvollen Tropfen nicht im unfruchtbaren Boden einsickern zu lassen. Das irdische Leben ist voll von diesen Momenten und in all den Tränen vergisst man, dass der momentane Schmerz, so schmerzhaft er auch sein mag, ein anderes Bild zeichnet am Ende unserer Zeit – ein schönes, ein sinnbringendes Bild. Es ist schwer zu erklären oder überhaupt zu begreifen, wie Schmerz sinnbringend sein kann. Unendlich sind die Ursachen und Irrwege gebrochener Seelen.

Als die Mutter dort stand, im Herzen zerrissen, und zusah wie ihr Sohn hingerichtet wurde, worin sah sie den Sinn? Sie war wahrhaftig zerrissen, aber doch nicht ohne Einsicht. Sie wusste was Ihm zuteile wurde, sie wusste warum Sein Kreuz notwendig war: unseres Heiles wegen. Wenn schon keine Kunst dieser Welt unsere Gebrochenheit heilen kann, so kann es einzig und allein Sein Kreuz.
Es gibt in der japanischen Kunst eine Methode, Kintsugi genannt, zerbrochene Keramik zu reparieren. Es fügt die zerbrochenen Scheiben mit Gold zusammen. So entstehen wunderschöne Gefäße mit goldenen Bruchlinien durchzogen. Christus sieht deine Gebrochenheit, Er sammelt jedes einzelne Teil auf und fügt dich wieder zusammen. Er zieht dich aus der Dunkelheit dieser Welt heraus und macht aus dir, aus deiner Gebrochenheit und aus deinen Wunden, ein Kunstwerk, schöner und herrlicher als es jemals war zuvor. Und das Bewundernswerteste an dieser Schönheit ist, dass deine Narben gesehen werden, und sie werden das Schönste sein an dir. Am Kreuz zeigt Er uns Seine Wunden und sie sind wie Gold für uns, denn durch sie werden wir geheilt.

Welchen Sinn das Leid also in sich trägt hat uns Christus am Kreuz gezeigt – und Seine Mutter mit ihren Tränen.

So sagt die siebte Strophe:

“Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Iuxta crucem tecum stare
Ac me tibi sociare
In planctu desidero.”

„Lass mich wahrhaft mit dir weinen,
mich mit Christi Leid vereinen,
so lang mir das Leben währt!
An dem Kreuz mit dir zu stehen,
unverwandt hinaufzusehen,
ist’s, wonach mein Herz begehrt.“

Wenn man erst einmal den Sinn erfasst, wer möchte da nicht vereint sein mit Seinem Leid? Wer möchte da nicht mit Maria unterm Kreuz stehen und Sein heiliges Blut empfangen, es nicht im unfruchtbaren, sündhaften Boden versickern lassen? Die Frage nach dem Sinn des Leidens ist unmittelbar verwurzelt mit der Frage, wer wir eigentlich sind. Das Blut Christi ist Antwort auf beide. Er nimmt dein Leid auf sich, trägt es für dich, fügt dich wieder zusammen, heilt deine Wunden und vergoldet deine Narben, und zeigt dir somit, wer Er ist und wie Er dich gewoben hat. Es mag wohl sein, dass die sündhaften Mächte dieser Welt vermögen dich zu kreuzigen. Doch Christus krönt dich. Was auch immer dich zerbrechen vermag, wisse, Gott verwandele es zu Gold.


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