21 Februar 2019, 10:00
Sünde – Der wichtigste Baustein für den Turm zu Babylon
 
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„Die Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Burke haben ihre Mitbrüder und uns alle an die ‚Abkehr von der Wahrheit des Evangeliums‘ erinnert.“ Gastbeitrag von Thorsten Paprotny

Vatikan (kath.net) Die Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Burke haben ihre Mitbrüder und uns alle an die „Abkehr von der Wahrheit des Evangeliums“ erinnert. Der klassische Begriff für diese Abwendung lautet: Sünde. Doch was ist eigentlich Sünde? Im Buch Genesis 11,1–9 vermittelt die Geschichte vom Turmbau zu Babylon eine Anschauung davon. Wer auf sich selbst vertraut, sieht zunächst säkulare Erfolge, so scheint es. Das Leben wird leichter, fröhlicher, entspannter. Wenn ein Mensch auf seine eigene Kraft vertraut, wenn ein Mensch sich – mit Gleichgesinnten – zusammenschließt und sich selbst verwirklicht, dann baut er an einem ganz großen Turm mit, dessen Spitze bis in den Himmel reicht. Er wird zum Mitarbeiter an einer neuen Welt – einer Welt ohne Gott. Ein solcher Mensch möchte alles haben. Er möchte auch vieles vergessen. Wer vergessen hat, was Sünde ist, kann im Katechismus nachsehen oder sich auch eine gute Predigt dazu anhören.

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Das Fundament für den babylonischen Turm ist leicht errichtet. Zuhause in der Kirche des Herrn sein? Nein, wir bauen jetzt unser eigenes Haus, mit neuen Steinen, ganz selbstbewusst und tatkräftig. Aufstiegschancen? Jederzeit, denn wer will, der kann. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“, so hat Eugen Kogon einmal den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber zitiert. Ein empfindlich störender Satz für die moderne Kirche, oder nicht? Leichtigkeit schenkt eine Lebensweisheit von Algernon Sidney. Den kennen Sie nicht? Doch, den kennen Sie – Benjamin Franklin hat den Satz 1736 aufgenommen und bestätigt, wahrhaft babylonisch gedacht: „God helps those who help themselves.“ – also: „Gott hilft denen, die sich selbst helfen.“ Mein Englischlehrer, natürlich ein Katholik, hatte – ich erinnere mich gut –, eine Art Lückentest vorbereitet in einer Klassenarbeit. Darin stand der Satz: „I always say, God helps those who help …“ Die Schüler müssen den fehlenden Begriff ergänzen. Es ging doch nur um die korrekte Grammatik. Oder nicht? Der unbarmherzige Samariter hätte vielleicht den Spruch geäußert und wäre also fröhlich pfeifend weiter marschiert. Nächstenliebe heute heißt dann: den Nächsten lieber am Rand liegenlassen. Ob Grammatik oder nicht, ich dachte mir: Trägst du jetzt „themselves“ ein? Nein – ich nicht. Die Antwort wusste ich, aber ich weiß genau – ein Schlüsselerlebnis in der Zwangsanstalt Schule –, dass ich statt „themselves“ notierte: „oneself“. Ich meinte: Gott hilft denen, Gott ist mit denen, die „jemand anderem helfen“ – dem Nächsten, dem Mitmenschen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott? Das widerstrebte mir. Ich wusste: Meine Rebellion galt nicht der Grammatik, aber mir war gewiss: die Grammatiken dieser Welt vergehen. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Der Satz ermutigt zur Sünde und zum Turmbau von Babylon. Als Banalisierungsverstärker taugen auch noch Wirtshaussprüche, launig, wonnetrunken und jovial dargeboten: „Wir sind doch alle nur arme Sünderlein.“ Oder: „Ich habe heute aber gesündigt“, bekennt ein Diabetiker, wenn er im Café auf die Torte nicht verzichtet hat. Ja, man lächelt so dahin, und die Welt lächelt gefällig mit.

Wir erinnern uns, ein Jahr ist vergangen, als über eucharistische Gastfreundschaft diskutiert wurde. Der bekannte Slogan „Abendmahl für alle!“ kursierte. Mal davon abgesehen: Katholiken feiern Eucharistie, Protestanten Abendmahl. Doch unabhängig von meiner Neigung zum Sprachpurismus: Warum möchten viele Christenmenschen den Leib des Herrn empfangen? Aber nicht das Sakrament der Versöhnung, auch Beichte oder Buße genannt? Die eucharistische Gemeinschaft mit der katholischen Kirche – leicht gemacht? Kommuniongemeinschaft ohne Konversion und ohne Bußsakrament? Im Sinne von: Seid nett zueinander – und der Zukunft zugewandt? Lernt von der Welt? Kann denn Liebe Sünde sein? Sünde – wer spricht noch davon? Tut der Begriff am Ende mehr weh als die Sünde selbst, in Babylon und anderswo? Nicht: „Erhebet die Herzen!“ und „Wir haben sie beim Herrn.“ Sondern: „Ihr könnt Aufbruch! Habt Mut, baut den Turm aus eigener Kraft, und ihr werdet den Himmel erreichen!“

An die Klarstellungen des heiligen Papstes Johannes Pauls II. in „Reconcilitatio et paenitentia“ vom 2. Dezember 1984 sei darum erinnert: „Aus der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel ergibt sich ein erstes Element, das uns hilft, die Sünde zu verstehen: Die Menschen haben danach verlangt, eine Stadt zu erbauen, sich in einer Gesellschaft zusammenzuschließen, stark und mächtig zu sein ohne Gott, wenn nicht sogar gegen Gott. … In der Geschichte von Babel erscheint der Ausschluss Gottes nicht so sehr als bewusster Gegensatz zu ihm, sondern als Vergessenheit und Gleichgültigkeit ihm gegenüber, als ob man sich bei dem geplanten gemeinschaftlichen Handeln des Menschen um Gott nicht zu kümmern brauche.“ Was ist Sünde? Erstens: „Ausschluss Gottes, Bruch mit Gott, Ungehorsam gegen Gott: das war und ist die Sünde in der ganzen Menschheitsgeschichte, in ihren verschiedenen Formen bis hin zur Verneinung Gottes und seiner Existenz. Das ist die Wirklichkeit, die Atheismus genannt wird.“ Zweitens: „Ungehorsam des Menschen, der mit einem freien Willensakt die Herrschaft Gottes über sein Leben nicht anerkennt, zumindest in jenem Augenblick, wo er das Gesetz Gottes verletzt.“

In den 2014 publizierten persönlichen Notizen „Ich bin ganz in Gottes Hand“ erwähnt der heilige Johannes Paul II. 1990 die „große Un-Sensibilität für die Sünde“ und stellt fest: „Die Philosophen und auch die »Theologen« verwandeln sich oft in die Freunde Ijobs, die den Weg zur Gotteslästerung ebnen.“ Der Papst hoffte auf „eine Theologie, die aus dem Gebet entsteht“. Nach welchem Vorbild könnte diese wahrhaft sensible Theologie gestaltet sein? Ich möchte mit dem emeritierten Benedikt XVI. einen Weg hierzu behutsam andeuten. Eine Heilige wird aufgrund ihres Bekenntnisses zur Wahrheit des Evangeliums durch das Zeugnis ihres Lebens und aufgrund ihrer Hingabe an Christus und Seine Kirche für uns alle, besonders aber als „Führerin für die Theologen“ empfohlen: „Liebe Freunde, gemeinsam mit der hl. Theresia vom Kinde Jesus sollten auch wir dem Herrn jeden Tag immer wieder sagen können, dass wir aus der Liebe zu ihm und zu den anderen leben und in der Schule der Heiligen lernen wollen, wahrhaft und vollkommen zu lieben. Theresia ist eine der »Kleinen« des Evangeliums, die sich von Gott in die Tiefen seines Geheimnisses führen lassen. Sie ist eine Führerin für alle, besonders für jene, die im Gottesvolk den Dienst der Theologen ausüben. Mit Demut und Liebe, Glauben und Hoffnung dringt Theresia unablässig in das Herz der Heiligen Schrift vor, die das Geheimnis Christi enthält …“

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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Bild: Turmbau von Babel (c) FreeBibelImages/CreativeCommonsAttributioins Share-alike 3.0 unported licence

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