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Syrien: Stipendien als Lebensversicherung

13. Jänner 2019 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Studenten in Homs trotzen ihrer Heimat eine Zukunft ab. Von Josué Villalon und Tobias Lehner


München-Wien (kath.net/KIN) Riesige Löcher klaffen an den Stellen, wo einst die Augen Jesu, Marias und der Apostel waren. Die große Ikone, die die Rückwand im Seitenschiff der melkitisch-katholischen Kathedrale von Homs ziert, ist gezeichnet von den Gewaltexzessen des sogenannten „Islamischen Staates“. Homs war eine der letzten Hochburgen der Terrormiliz, entsprechend heftig waren die Kämpfe und die Opferzahlen hoch. Seit Anfang August 2017 schweigen die Waffen. Ein Großteil der Stadt ist zerstört.

Auch im Krieg ging das Studium weiter

„Wir können wieder einen einigermaßen normalen Alltag führen. Die Lage normalisiert sich.“ Was Khalil al-Tawil da sagt, klingt in europäischen Ohren unglaublich, ist aber das Lebensgefühl einer ganzen Generation: Dem zerstörten Land eine Zukunft abtrotzen; bleiben, wo andere längst gegangen sind. Die melkitisch-katholische Kathedrale, in der sich Khalil zusammen mit rund 300 weiteren Studentinnen und Studenten zum Gottesdienst eingefunden hat, setzt ein doppeltes Ausrufezeichen hinter diese Lebensmaxime: „Unserer Lieben Frau vom Frieden“ ist sie geweiht. Überall stehen Gerüste, Farbeimer und Werkzeuge im Kirchenraum. Die Aufbauarbeiten sind hier wie vielerorts in der Stadt in vollem Gange – auch wenn sie immer wieder stocken, weil das Geld fehlt.

So geht es auch im Bildungssektor. Die Universität der Stadt hatte zwar auch dem Krieg getrotzt, aber viele Studenten mussten abbrechen, weil sie Studiengebühren nicht bezahlen konnten. „Meine Familie hat im Krieg alles verloren. Was mir in den Jahren des Kriegs geholfen hat, war, dass ich durch ein kirchliches Stipendium mein Studium fortsetzen konnte“, erzählt die 24-jährige Anaghem Tannous, angehende Bauingenieurin.


Studium bewahrt vor Kriegseinsatz

Das Geld für das Stipendium stammt von „Kirche in Not“. In verschiedenen syrischen Städten fördert das päpstliche Hilfswerk derzeit die Ausbildung von über 10 000 christlichen Schülern und Studenten. Für die jungen Männer unter ihnen ist diese Hilfe eine Art „Lebensversicherung“. Denn alle über 18-jährigen Syrer sind ohne zeitliche Beschränkung zum Kriegsdienst verpflichtet. Es gibt zwei Ausnahmen: Wenn eine Familie nur einen Sohn hat – oder für Studenten an der Universität. Die fehlenden Mittel dafür waren einer der Gründe, warum viele junge Männer Syrien verlassen haben, den Tod im Militäreinsatz vor Augen.

„Das Studium hat mich vor dem Kriegseinsatz bewahrt“, erzählt der 21-jährige Informatik-Student Wissam Saloum. „Ich mache nächstes Jahr voraussichtlich meinen Abschluss und hoffe, dass ich mich dann weiterqualifizieren kann, so dass ich nicht zum Militär muss. Ich möchte aber auf jeden Fall in Syrien bleiben.“ Trotz aller Entbehrungen durch den Krieg: An der Unterstützung für das Studium habe es nie gefehlt. Es habe ihm die Sprache verschlagen, als man ihm erzählte, dass die Mittel für das Stipendium von Wohltätern aus dem Ausland stammen. „Es ist unglaublich, dass sich fremde Menschen für unsere Zukunft einsetzen.“ Auch für Wissam gilt es, diese Zukunft allen Widrigkeiten abzutrotzen. „Einer der schwierigsten Momente war für mich, als die Universität wegen der schweren Kämpfe für mehrere Monate schließen musste. Ich dachte, ich könnte meinen Traum nicht mehr erfüllen, um eines Tages ein besseres Leben zu führen“.

Muslimische Mitstudenten schätzen die Christen

Die heilige Messe in der Kathedrale ist zu Ende. Der Blick aufs Smartphone gehört auch hier zum ersten, was die jungen Gottesdienstbesucher tun. In den Gemeinderäumen schließt sich ein Mittagessen an, anders wäre es im Nahen Osten undenkbar. Das Gelände der Kathedrale samt kleinem Basketballplatz ist ein beliebter Treffpunkt der jungen Menschen. Es herrscht ein vertrautes Miteinander: Die christlichen Studenten sind eine kleine Minderheit. Wissam begrüßt einen Kommilitonen. „An der Uni sind die meisten Studenten natürlich Muslime“, erklärt er. „Im Vorlesungssaal trifft man selten einen anderen Christen. Das hat unsere Freundschaft bestärkt.“ Auch IS und Krieg haben dem meist friedlichen Miteinander der Studenten verschiedener Religionen keinen Abbruch getan, so Wissam weiter: „Die muslimischen Mitstudenten schätzen die friedliche Haltung der Christen. Sie betrachten uns angesichts so vieler Schwierigkeiten mit großer Hoffnung.“

Busse fahren vor dem Gemeindezentrum vor. Sie bringen diejenigen nach Hause, die außerhalb der Stadt wohnen. „Mit diesen Bussen fahren wir auch zur Universität“, erzählt Sandra Satmeh. „Die Kirche trägt auch dafür die Kosten, das ist eine enorme Entlastung für unsere Familien. Denn das Geld reicht kaum für Lebensmittel und Miete.“ Sandra drückt ihre Freundin Pascal Napki. Die möchte sich bei den ausländischen Gästen an diesem Sonntag bedanken: „Wir wissen, dass wir nicht alleine sind. Die Hilfe ermutigt uns, unser Studium zu Ende zu führen, aber auch anderen Bedürftigen zu helfen.“ Darauf richtet sich das Augenmerk der Studenten von Homs. Und kein IS-Kämpfer konnte sie zerstören.

Um weiterhin Stipendien für christliche Schüler und Studenten in Syrien finanzieren zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Weitere Informationen zur aktuellen Hilfe von „Kirche in Not“ in Syrien finden Sie unter: https://syria.acninternational.org/de.

Foto: Syrische Studenten © KIRCHE IN NOT


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