19 November 2018, 09:00
"Kirche muss sich sagen lassen, dass sie eine Täterorganisation ist"
 
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Limburger Bischof Bätzing unter Verweis auf DBK-Missbrauchsstudie: Die Kirche "muss sich sagen lassen, dass Täter geschützt und dass falsch gehandelt wurde. Sie muss sich sagen lassen, die Opfer nicht beachtet zu haben."

Limburg (kath.net/pbl) Bischof Dr. Georg Bätzing will den Weg der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Limburg konsequent, transparent, offen und mit externer Begleitung weitergehen. Zudem soll vor allem ein nötiger Perspektivwechsel auf die Opfer hin stattfinden. Dies hat er bei einem Treffen mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern aus dem gesamten Bistum am Freitag, 16. November, deutlich gemacht. Mehr als 150 Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Diakone und Priester waren der Einladung des Bischofs zum Austausch über die Ergebnisse und Konsequenzen der MHG-Studie gefolgt. Es kam zu einem offenen, dichten und emotionalen Austausch, der deutlich machte, dass Missbrauch in der Kirche keine Marginalie ist. Nach einem dreistündigen Austausch sei das Thema nicht durch und es wäre schlimm, wenn sich dann bereits eine Zufriedenheit einstelle, sagte der Bischof. Es gehe um die Zukunft, die Entwicklung oder Nichtentwicklung von Kirche.

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Die Kirche ist eine Täterorganisation

„Das was die MHG-Studie an den Tag gebracht hat, macht traurig und zornig. Die Kirche muss sich sagen lassen, dass sie eine Täterorganisation ist. Sie muss sich sagen lassen, dass Täter geschützt und dass falsch gehandelt wurde. Sie muss sich sagen lassen, die Opfer nicht beachtet zu haben. Und sie muss sich sagen lassen, systemische Faktoren, die sexuellen Missbrauch befördern, nicht im Blick gehabt zu haben“, sagte Bischof Bätzing. In den 350 Seiten der Studie stecke viel drin und an vielen Stellen handle es sich um „schwere Kost“. Deshalb brauche es eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Inhalten der Studie auf allen Ebenen des Bistums. „Ein ,Weiter so’ darf und wird es im Bistum Limburg nicht geben. Kirchenentwicklung, der Basisprozess in unserem Bistum, wird sich daran messen lassen müssen, wie es uns gelingt, die Empfehlungen aus der Studie zu diskutieren und umzusetzen“, so der Bischof. Es brauche Austausch und es müsse an einem gemeinsamen Verständnis, was unter Themen wie Klerikalismus, Machtmissbrauch und die Diskussion um den Zölibat alles zu verstehen sei.

Der Bischof kündigte an, dass es einen Prozess im Bistum Limburg geben wird, der sich mit der Bearbeitung des Themas, mit Perspektiven und den Empfehlungen der Studie befasse. Ein Projektfahrplan sei bereits in Arbeit und werde noch in diesem Jahr synodal- und kurial erarbeitet. „Worte sind genug gemacht. Wir müssen ins Handeln kommen“, so Bätzing. Zum Handeln gehöre das Sprechen über Missbrauch in der Kirche. Dazu gehöre, dass es neben einem Beauftragten als Kontaktperson für Opfer auch eine Beauftragte gebe. Auch Veränderungen im kirchlichen Prozessrecht sowie der ergebnisoffene Austausch über die kirchliche Sexualmoral, über Klerikalismus, über die Rolle der Frau in der Kirche, über Macht, über die Ausbildung von Priestern und über die Führung von Personalakten.

Die Kirche muss sich sagen lassen, dass sie eine Täterorganisation ist. Sie muss sich sagen lassen, dass Täter geschützt und dass falsch gehandelt wurde. Sie muss sich sagen lassen, die Opfer nicht beachtet zu haben. Und sie muss sich sagen lassen, systemische Faktoren, die sexuellen Missbrauch befördern, nicht im Blick gehabt zu haben
Bischof Dr. Georg Bätzing

Systemische Faktoren müssen bearbeitet werden

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger im Bistum Limburg machten in ihren Fragen und Ausführungen deutlich, dass sie den Bischof in der Verantwortung sehen, diese systemischen Faktoren wirklich beraten zu lassen und verändern zu wollen. Es brauche den Diskurs. Es brauche eine externe Begleitung, denn die Kirchenleitung sei an vielen Punkten zu lange blind gewesen und habe geschwiegen. Es müsse unbedingt um die Opfer gehen und um deren Wünsche und Perspektiven. Und es müsse immer wieder transparent darüber berichtet werden, wo der Prozess stehe, welche Schwierigkeiten es gebe und welche Veränderungen schon initiiert seien.

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger stellten klar, dass es in der Kirche einen Kulturwechsel und eine neue Sprache brauche, die deutlich mache, worum es bei Missbrauch und bei der Bearbeitung des Themas gehe. Auch, wenn in den vergangenen acht Jahren viel geschehen sei, habe sich am System Kirche nicht viel geändert. Das System sei alt und schwer zu knacken. Krisen böten dazu aber Gelegenheit. Der Erwartungsdruck an die Kirche sei groß.
Das Bistum Limburg und die MHG-Studie

Bei dem Treffen ging es auch darum, was das Bistum Limburg zur MHG-Studie beigetragen hat: Mehr als 600 Personalakten von Klerikern, die zwischen 2000 und 2015 in der Diözese tätig waren, sind von drei externen Fachleuten untersucht und ausgewertet worden. Das Bistum hat ihnen volle Akteneinsicht gewährt. Auch die Akten aus dem sogenannten „Geheimarchiv“ waren in diese externe Auswertung eingebunden.

Das Treffen mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern war Teil des Informations- und Austauschprozesses zur MHG-Studie im Bistum Limburg. Alle synodalen- und kurialen Gremien der Diözese haben sich ein erstes Mal damit befasst und eine Weiterarbeit am Thema beschlossen. Nach der Veröffentlichung der Studie Ende September hatten sich eine Gruppe von Frauen, die in der Seelsorge im Bistum Limburg arbeiten, sowie weitere Berufsgruppen mit dem dringenden Wunsch nach einem Gespräch an den Bischof und die Bistumsleitung gewandt. Diesen Wunsch hat der Bischof aufgegriffen.

Pressefoto Bischof Bätzing




Foto (c) Bistum Limburg

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