02 November 2018, 08:30
„Wenn Kirche in fürstlichsten, skandalösesten Klerikalismus verfällt“
 
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Papst Franziskus hatte den Jugendlichen zu Beginn der Synode mahnt: „Wenn du ein Christ bist, dann nimm die Seligpreisungen und setze sie in die Praxis um!“ - Ansprache vom 6.10. in voller Länge

Vatikan (kath.net) kath.net dokumentiert die Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung der Jugendlichen mit dem Papst und den Synodenvätern aus Anlass der 15. Generalversammlung der Bischofssynode (6. Oktober 2018) in voller Länge:

Hier sind die schriftlichen Fragen… Die Synodenväter werden darauf Antworten geben. Denn gäbe ich hier die Antworten, würde ich die Synode unnütz werden lassen! Die Antworten müssen von allen kommen, aus unserer gemeinsamen Reflexion, aus unserer Diskussion, und vor allem müssen es Antworten sein, die ohne Angst gegeben werden. Ich werde mich – im Hinblick auf all diese Fragen – darauf beschränken, lediglich etwas zu sagen, das nützlich sein kann, ein paar prinzipielle Gedanken.

Euch Jugendlichen, die ihr gesprochen habt, die ihr euer Zeugnis gegeben habt, die ihr einen Weg zurückgelegt habt, sage ich: Das ist die erste Antwort. Geht euren Weg! Seid Jugendliche, die unterwegs sind, die auf Horizonte schauen, nicht in den Spiegel. Immer nach vorne schauen, unterwegs, und nicht auf dem Sofa sitzen. Ich kann oft nicht umhin, zu sagen: ein junger Mann, ein Junge, ein Mädchen, die auf dem Sofa sitzen, enden damit, im Alter von 24 Jahren in Rente zu gehen: Das ist schlimm! Und dann: ihr habt es gut formuliert: Was mich dazu bringt, mich selbst zu finden, ist nicht der Spiegel, das Kontrollieren, wie ich bin. Mich selbst zu finden ergibt sich aus dem Tun, daraus, dass ich mich auf die Suche nach dem Guten, dem Wahren, dem Schönen mache. Dort werde ich mich finden.

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Sodann gibt es auf diesem Weg ein weiteres Wort, das mir aufgefallen ist, das letzte. Dieses letzte Wort war stark, aber es ist wahr … Wer hat es gesagt? … Du. Es war stark: Kohärenz. Die Kohärenz im Leben. Ich lege einen Weg zurück, aber mit Kohärenz im Leben. Und wenn ihr eine inkohärente Kirche seht, eine Kirche, die dir die Seligpreisungen verkündet und dann dem fürstlichsten und skandalösesten Klerikalismus verfällt, dann verstehe ich, verstehe ich… Wenn du ein Christ bist, dann nimm die Seligpreisungen und setze sie in die Praxis um! Und wenn du ein Mann oder eine Frau bist, die ihr Leben hingegeben haben, dann hast du es geweiht; wenn du ein Priester bist – selbst ein Priester, der tanzt [der Papst bezieht sich auf eines der Zeugnisse] – wenn du ein Priester bist und als Christ leben willst, dann folge dem Weg der Seligpreisungen. Nicht dem Weg der Weltlichkeit, dem Weg des Klerikalismus, der eine der hässlichsten Perversionen der Kirche ist. Kohärenz des Lebens. Aber auch ihr [der Papst wendet sich an die Jugendlichen] müsst auf eurem Weg konsequent sein und euch fragen: »Bin ich in meinem Leben kohärent?« Dies ist ein zweites Prinzip.

Dann gibt es das Problem der Ungleichheiten. Der wahre Sinn für die Macht geht verloren – das gilt für die Frage nach der Politik –, es geht das verloren, was Jesus uns sagte, dass Macht Dienst ist: die wahre Macht besteht im Dienen. Sonst ist sie Egoismus, sie führt dann dazu, den anderen herabzusetzen, ihn nicht wachsen zu lassen, sie wird ein Dominieren, sie bringt Sklaven hervor, keine reifen Menschen. Die Macht dient dazu, die Leute wachsen zu lassen, zu Dienern der Menschen zu werden. Das ist das Prinzip: sowohl im Hinblick auf die Politik als auch auf die Kohärenz eurer Fragen.

Dann weitere Fragen… Ich werde euch etwas sagen. Bitte, ihr jungen Leute, ihr Jungen und Mädchen, ihr habt keinen Preis! Ihr seid keine Ware, die zur Versteigerung da ist! Bitte lasst euch nicht kaufen, lasst euch nicht verführen, lasst euch nicht von den ideologischen Kolonisierungen versklaven, die uns Ideen in die Köpfe setzen, und am Ende werden wir zu Sklaven, abhängig, im Leben gescheitert. Ihr habt keinen Preis: ihr müsst euch das immer wiederholen: ich stehe nicht zum Verkauf, ich habe keinen Preis. Ich bin frei, ich bin frei! Verliebt euch in diese Freiheit, die jene ist, die Jesus anbietet.

Dann gibt es zwei Dinge – und damit möchte ich enden – unter den Ideen, die ihr vorgebracht habt und auf die die Synodenväter im Dialog mit euren Fragen antworten werden. Die erste betrifft die Nutzung des Internet. Es ist wahr: die gegenseitige Verbindung ist mit dem Digitalen unmittelbar, sie ist effektiv, sie ist schnell. Aber wenn du dich daran gewöhnst, wirst du – und was ich sage, ist real – wie eine Familie enden, wo am Tisch, beim Mittag- oder Abendessen alle am Handy hängen und mit anderen Leuten reden, oder untereinander mit dem Handy kommunizieren, ohne eine konkrete, reale Beziehung, ohne Konkretheit. Jeder Weg, den ihr gehen werdet, muss konkret sein, um zuverlässig zu sein, wie die Erfahrungen, viele Erfahrungen, die ihr hier vorgetragen habt. Keines der Zeugnisse, die ihr heute gegeben habt, war »flüssig«: sie waren alle konkret. Die Konkretheit. Die Konkretheit ist die Garantie dafür, voranzugehen. Wenn dich die Medien, wenn dich die Nutzung des Web von der Konkretheit wegführen, wenn dich das »flüssig« macht, dann mach Schluss damit. Mach Schluss damit! Denn wenn es keine Konkretheit gibt, wird es für euch keine Zukunft geben. Das ist sicher, es ist eine Regel der Straße und des Wegs.

Und dann diese Konkretheit auch bei der Aufnahme. Viele eurer Beispiele, die ihr heute gemacht haben, betrafen die Aufnahme. Michel stellte diese Frage: »Wie überwindet man die immer weiter verbreitete Mentalität, die im Fremden, im Anderen, im Migranten eine Gefahr, das Böse, den Feind sieht, den es zu verjagen gilt?« Das ist die Mentalität der Ausbeutung der Leute, die Schwächsten zu versklaven. Das heißt nicht nur, die Türen zu schließen, es heißt, deine Hände zu schließen. Und heute sind Populismen, die mit dem, was zum Volk gehört, nichts zu tun haben, etwas in Mode. Zum Volk gehört die Kultur der Menschen, die Kultur jedes eurer Völker, die in der Kunst zum Ausdruck kommt, die in der Kultur zum Ausdruck kommt, die in der Weisheit des Volkes zum Ausdruck kommt, die im Fest zum Ausdruck kommt! Jedes Volk feiert die Feste auf seine Art. Das ist es, was zum Volk gehört.

Doch der Populismus ist das Gegenteil: er ist die Verschlossenheit all dessen in einem Modell. Wir sind verschlossen, wir sind allein. Und wenn wir verschlossen sind, können wir nicht weitergehen. Seid vorsichtig. Es ist die Mentalität, von der Michel sprach: »Wie überwindet man die immer weiter verbreitete Mentalität, die im Fremden, im Anderen, im Migranten eine Gefahr, das Böse, den Feind sieht, den es zu verjagen gilt?« Man überwindet sie mit der Umarmung, mit der Aufnahme, mit dem Dialog, mit der Liebe, die das Wort ist, das alle Türen öffnet. Und schließlich – ich sprach von Konkretheit – möchte jeder von euch seinen Weg im Leben gehen, den konkreten Weg, einen Weg, der Früchte tragen soll. Danke dir [Giovanni Caccamo] für das Foto mit deinem Großvater: dieses Foto war vielleicht die schönste Botschaft dieses Abends. Sprecht mit den alten Menschen, sprecht mit den Großeltern: sie sind die Wurzeln, die Wurzeln eurer Konkretheit, die Wurzeln eures Wachstums, Gedeihens und Fruchtens. Denkt daran: Wenn der Baum alleine ist, wird er keine Früchte tragen. Alles, was der Baum an Blüten hat, kommt von dem, was unter der Erde ist. Dieser Ausdruck stammt von einem Dichter, er ist nicht von mir. Aber das ist die Wahrheit.

Hängt euch an die Wurzeln, bleibt aber nicht dort. Nehmt die Wurzeln und bringt sie voran, um Früchte zu tragen, und auch ihr werdet zu Wurzeln für die anderen. Vergesst nicht die Fotografie, die mit dem Großvater. Sprecht mit euren Großeltern, sprecht mit den alten Leuten, und das wird euch glücklich machen. Vielen Dank! Das sind Gedanken zur Orientierung. Die Antworten sind ihre Aufgabe! [Der Papst deutet auf die Synodenväter] Vielen Dank!

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