30 August 2018, 11:30
Das Nuntius-Viganò-Statement – eine erste Einordnung
 
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Ein Versuch, eine erste Ordnung in die verwirrende Fülle der Reaktionen auf das kirchenerschütternde Statement des Ex-Nuntius zu bringen. kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg

Vatikan-Stuttgart (kath.net/pl) Die innerkirchlichen Nachrichten überschlagen sich, völlige Verwirrung hat sich in unserer Kirche breit gemacht, manche praktizierende Katholiken zweifeln sogar an ihrem Glauben: Der emeritierte Nuntius von Washington D.C., Carlo Viganò, hat schwerste Anschuldigungen über Missbrauchstaten sowie Missbrauchsvertuschung in kriminellem Ausmaß gegen ranghohe Kirchenvertreter einschließlich Papst Franziskus erhoben mit dem Zusatz, er sei bereit, alles eidlich zu bestätigen. Sein Statement einschließlich der Rücktrittaufforderung an Papst Franziskus erhält kirchenintern und -extern sowohl starke Zustimmung wie auch starke Kritik. Was ist von den Reaktionen zu halten?

Viganòs Statement war unangenehm punktgenau auf den Beginn des Papstbesuchs zum Weltfamilientags in Irland veröffentlicht worden. Das hat Fragen aufgeworfen. Ist Viganò einfach nur theologisch und/oder kirchenpolitisch ein Gegner von Papst Franziskus, sollte man seinem Statement daher keine übertriebene Beachtung schenken? Außerdem wurde kritisiert, dass Viganò genau die Strukturen gekannt und offenbar mitgetragen hat, die er nun anprangert – wie sehr spricht dies gegen seine persönliche Glaubwürdigkeit? Der geneigte Leser sei gewarnt, diese Vorwürfe auf die allzu leichte Schulter zu nehmen.

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Rein sachlich lässt sich vom Schreibtisch einer im deutschen Sprachraum arbeitenden kirchlichen Journalistin aus allerdings keineswegs alles recherchieren. Wir sind auf die detailgenaue, ungeschonte Recherche unserer kirchlichen und weltlichen Journalistenkollegen vor Ort in den USA sowie ganz besonders auf die dortige Justiz angewiesen. Aber wir können beispielsweise Rückschlüsse ziehen aus der Art, wie die Bischöfe und Kardinäle, die Priester und Diakone, die praktizierenden Laienkatholiken vor Ort reagieren.

Und da fällt auf: Der Sachwiderspruch gegen Viganòs donnernde Vorwürfe fällt unerwartet leise aus. Die Insider der US-amerikanischen Bischofskonferenz hüteten sich beispielsweise, Viganòs Vorwürfe ins Reich der Utopie zu verweisen, vgl. das Statement des Präsidenten der US-Bischofskonferenz, Daniel Kardinal DiNardo. Sie möchten aber – übrigens mit allem Recht! – weitere Aufklärung sowie gegebenenfalls die Reinwaschung von Namen, die eventuell fälschlich in Schuldzusammenhängen genannt wurden.

Auch Papst Franziskus hat sich gehütet, Viganòs Statement zu widersprechen, ebensowenig hat er aber Inhalte bestätigt, kath.net hat berichtet. Um genau zu sein: Vom Papst liegt bisher nur eine einzige direkte Reaktion vor, in der er sich leider in der Kunst übt, das Thema wortreich aber inhaltsleer zu umkreisen.

Inzwischen kommen Reaktionen aus verschiedenen kirchlichen Lagern.

Wenig ernst zu nehmen sind verallgemeinernde Rundumschläge, so wird beispielsweise versucht, die Glaubwürdigkeit von Viganòs Statement durch moralische Argumentation zu untergraben. Viganò räche sich ja nur an Franziskus, weil ihn dieser nicht zum Kardinal erhoben habe, kann man beispielsweise lesen.

Doch selbst wenn Viganòs Glaubwürdigkeit durch moralische Mängel und Eigeninteressen beeinträchtigt wäre, erwiese sich dies angesichts der möglicherweise regelrecht mafiösen Verbrechensstrukturen als ein nicht ausreichendes Argument. Denn natürlich verfolgt jeder, der „redet“, auch irgendwelche persönlichen Motive. Jeder, der schweigt, übrigens ebenfalls…

Schwer wiegt der Vorwurf: Viganò habe sich beispielsweise mit McCarrick ungeniert fotografieren lassen und habe sich auch in der Regierungszeit von Benedikt XVI. (also während McCarrick offenbar nichtöffentlich reglementiert war) bei offiziellen Terminen nicht von ihm zurückgezogen – er habe deshalb kein Recht zu seiner öffentlichen Kritik. Hier wird nachzuprüfen sein, ob McCarrick – durch Papst Franziskus offenbar erst rehabilitiert, inzwischen de facto amtsenthoben – tatsächlich durch Benedikt XVI. reglementiert worden war und warum diese Maßnahme möglicherweise nicht gegriffen hat; außerdem, wie faktenbasiert der Verdacht ist, dass Franziskus um die Reglementierung und ihre Gründe wusste, aber darüber hinwegging. Klärende Aussagen des Vatikans wären hierzu durchaus hilfreich, doch werden wir sie möglicherweise nicht erhalten.

In diesem Vorwurf steckt aber noch ein anderes Detail: War Viganò tatsächlich Teil des Systems, das er jetzt kritisiert? Diese Frage wird in den medialen Diskussionen derzeit allzu leicht in eine unlautere Alternative geführt: 1.) Entweder kritisiert Vitanò das System kenntnisreich von außen, dann ist er glaubwürdig oder alternativ 2.) er kritisiert „von innen“, dann ist er unglaubwürdig, weil selbst mitverstrickt. Nun, hier gilt zu beachten: In der Regel verfügt nur ein Insider über Insiderwissen. Deshalb muss auch die dritte – bisher ungenannte – Möglichkeit aufgezeigt werden: Viganò könnte sich auch als „Kronzeuge“ entpuppen, d.h. er steckte tatsächlich mit drin, wusste um ungute Vorgänge, wollte oder konnte seinerzeit aber nicht öffentlich reagieren (z.B. wegen seinen beruflichen Schweigepflichten als Diplomat) und kann nun an die Öffentlichkeit bringen, was ihm aufgefallen war – etwa mit dem Wunsch der eigenen Reinwaschung vor weltlichem und nicht zuletzt vor göttlichem Gericht.

Dass Viganò ein Kritiker von Papst Franziskus sein könnte, legt sich anhand des kunstvoll orchestrierten Veröffentlichungsdatums tatsächlich nahe. Aber setzt dies auch seine Glaubwürdigkeit herab? Nein, zumindest nicht vollständig. Die Glaubwürdigkeit der Viganò-Vorwürfe entscheidet sich einzig anhand der Faktenlage, deren kompetente Nachprüfung aber noch aussteht.

Gleichzeitig sei aber auch darauf hingewiesen, dass dieser kirchliche Grundsatzskandal auch unseren schmerzhaften binnenkatholischen Graben verändert bzw. verändern sollte. Diese bisher allzu bequeme Einteilung in theologisch liberal oder konservativ (oder wie immer man die Labels benannte und verteilte) hilft hier nämlich nicht mehr weiter. Wenn es um die Aufklärung von innerkirchlichen Missbrauchstaten und Missbrauchsvertuschungen in solch verbrecherischem und justiziablen Ausmaß geht, müssen wir innerkirchlich alle zusammenhalten. Hier muss jede Frage gestellt werden, die nötig ist – einen (auch hohen oder sehr hohen) Amtsträger zu schonen, nur weil man mit ihm bisher zurechtkam, ist leider nicht mehr möglich. Notabene: Immer im Wissen darum, dass diese Verbrechen vermutlich auch im je eigenen Lager vorgekommen sind… und dass die Verbrecher wohl nur nach je privatem Geschmack sich eher ein modernes Messgewand und „modernere“ Theologie zugelegt haben oder lieber mit Brüsseler Spitzen an ihrer Tradi-Albe kokettieren oder sich mittig-gemäßigt präsentieren, so oder so aber Wölfe im Schafspelz sind.

Hier müssen sich auch die säkularen Medien anfragen lassen. Wir haben einen Vertuschungsskandal, der den amtierenden Papst in die Abdankung und/oder die katholische Kirche zu einer massiven Spaltung führen könnte. Die katholische Kirche befindet sich in einer Grundsatzkrise kirchengeschichtlichen Ausmaßes – und die Medien berichten darüber merklich verhalten.

Liebe Kollegen und Kolleginnen der säkularen Medien: Es geht nicht, bei Verdacht auf Verbrechensabwiegelung diesen Papst zu schonen, nur weil einem seine Linie sonst gut gefallen hat! Wäre dieser Skandal während der Regierungszeit von Benedikt XVI. derart hochgekocht, wären wir als katholische Kirche über Wochen hinaus nicht mehr aus den Schlagzeilen herausgekommen. Es fällt ungut auf, dass es dieses Mal keineswegs so ist. Wer hätte vorhergesagt, dass sich Katholiken hierzulande eines Tages über die Schwäche säkularer Medienkritik wundern würden…?

Verbrechen, liebe Mitkatholiken, liebe kirchliche und weltliche Journalisten, werden nicht von der Beobachtung größer oder kleiner, inwieweit sie das „gegnerische“ oder das eigene Lager betreffen. Wer hier auf einem seiner beiden Augen blind ist, sollte sich ernsthaft hinterfragen, wieweit er Verbrechensstrukturen selbst mitstützt. Denn wir sind es den Opfern schuldig, für vollständige Aufklärung dieser Skandale zu sorgen. Für Verbrechen haben wir in der Kirche „zero tolerance“: Null Toleranz.

Für die katholische Kirche aber gilt: Wir werden nach diesem Skandal von „vorher“ und „nachher“ sprechen – vorausgesetzt, die Aufarbeitung wird jetzt energischst und effektiv angegangen und schuldig gewordene Amtsträger (egal auf welcher Höhe der Kirchenhierarchieleiter sie stehen) werden bleibend schachmatt gesetzt. Falls auch dieser Skandal innerkirchlich wieder ohne Grundsatzänderungen und ohne tiefgreifende personelle Konsequenzen versickern sollte, wäre erst DAS für unsere Kirche der Supergau mit der Kraft, die weltälteste und weltgrößte Institution aus der Weltgeschichte erfolgreich hinauskatapultieren zu können.

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Siehe auch den kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg: Warum reagieren katholische Laien auf DIESEN Skandal so verbittert?

Symbolbild: Der Vatikan im Focus


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