01 Juni 2018, 09:30
Selbstverwirklichung ohne Gnade?
 
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„Können wir denn nicht mit unserer praktischen Intelligenz, kombiniert mit Ehrgeiz, Talente und Motivation zu Höchstleitungen, ja sogar zur Selbstverwirklichung bringen?“ Gastkommentar der Religionspsychologin Martha von Jesensky

Zürich (kath.net) Der deutsche Mystiker Johannes von Kastl (15. Jhd.) nennt das natürliche Wissen „Unwissen und Dunkelheit“ und stellt es der Gnade gegenüber. Warum das? Können wir denn nicht mit unserer praktischen Intelligenz, kombiniert mit Ehrgeiz, Talente und Motivation zu Höchstleitungen, ja sogar zur Selbstverwirklichung bringen? Garantiert uns nicht ein solches Streben Anerkennung, materielle Sorglosigkeit und ein großes Netz an gesellschaftlichen Beziehungen? Um dieses Ziel zu erreichen versuchen viele Menschen große Opfer zu bringen, ähnlich wie diejenigen Christen, die sich ein Leben lang abmühen, um, wie Papst Benedikt VI. (2014) sagt, „gottfähig“ zu werden. In beiden Fällen fließt viel Energie, jedoch in entgegengesetzte Richtung – nur mit dem Unterschied, dass die erste Zielrichtung nicht zur „Gottfähigkeit“ hinführt.

Ein Beispiel
Der bekannte Fussballspieler Kevin-Prince Boateng (31) gibt in einem Interview Auskunft darüber, wie er mit seinem Talent, Ausdauer und „Straßenintelligenz“ zum Fußballstar wurde: „Ich war nie der beste in der Schule, aber ich habe Straßenintelligenz. Ich habe das umgewandelt in Intelligenz, um mein besseres Ich zu finden. Und deswegen bin stolz auf mich…Du musst mental bereit sein, deinen Weg allein zu gehen. Ich hab’s so extrem gemacht, dass ich mich sogar von meiner Familie abgeschottet habe…Ich musste diesen Weg gehen: nur ich. Ein Jahr nicht gefeiert, nur zum Training und wieder heim. Ein guter Freund hat gekocht, sechs Monate komplett abgeschottet, dann bist du clean.“ Und über seinen Trainer (Kovac) sagt er: „Er gibt alles als Trainer, er liebt seine Arbeit und überlegt sich 24 Stunden am Tag, welche Taktik er spielen soll, wer im nächsten Spiel auflaufen soll. Das ist so eine positive Verrücktheit. Diese Zielstrebigkeit finde ich einfach geil.“ (DER SPIEGEL Nr. 20 / 2018)

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Nun, was hat dieser Weg mit „Unwissen und Dunkelheit“ zu tun?

Obwohl der antike Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) Jesus noch nicht kannte, verglich er prophetisch solche Einstellungen mit dem Aufenthalt in einer dunklen Höhle, wo Menschen, ohne je das Tageslicht erblickt zu haben, leben und handeln. Sie nehmen nur Schatten von der Außenwelt wahr, die sie für die wahre Welt halten.

Im Politeia („Staat“, 7. Buch) vergleicht er das menschliche Dasein mit dem Leben in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle hinaus zum Sonnenlicht, so würden ihm zuerst die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt aber für unwirklich halten. Er muss sich Schritt für Schritt an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er aber zurück, um die anderen Menschen aus ihrer Haft zu befreien und sie von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie ihm nicht glauben, ihm sogar heftig zürnen oder sogar töten.

Johannes von Kastl sagt in diesem Zusammenhang: Wenn der Verstand, Seh- und andere Erkenntniskräfte sich irren, das heißt das Falsche für wahr halten, das weniger Gute dem Besserem vorziehen, „dann folgt auch der Wille; denn er ist ja angelegt, dorthin zu streben, wohin das Verstandeslicht fällt.“ Dann ist der Mensch wie ein Blinder ohne Führung und stößt überall an. Und wenn er fällt, ist er hilflos, kann sich fast nicht mehr aus eigener Kraft aufrichten - es sei, die Hand des Allmächtigen kommt ihm aus Mitleid zu Hilfe. („Vom ungeschaffenen Licht“, Josef Sudbrack, 1981, S.51-52)

Das aber ist die GNADE. Sie ist, wie Romano Guardini (1885-1968) sagt, etwas von außen Kommendes, eine Fügung. Sie sei „das einfachhin Nicht-Selbstverständliche und zugleich Letzt-Erfüllende.“ Dabei sei sie nicht bloß das „Hinzukommende“, vielmehr kann der Mensch nur aus ihr heraus DER werden, der nach dem Gottes Willen sein sollte.

Der Paderborner Theologieprofessor Klaus von Stosch (geb. 1971), ein profunder Kenner der Gnadentheologie Guardinis, schreibt: In einem seiner Beispiele ruft Guardini die Erfahrung auf, dass wir mitunter scheinbar zufällig Menschen begegnen, dass wir aber dabei das Gefühl haben, dass diese Begegnung einen tiefen Sinn hat. Es stellt sich das sonderbare Gefühl ein, „es hat nicht anders sein können.“ Und das macht nachdenklich.

Guardini: „Wenn ich diesem Ruf vertraue und ich den Begegnungen und Fügungen, die sich mir zuschicken, einen tieferen Sinn zubillige, und wenn diese tatsächlich zu heilsamen Wendungen meines Lebens führen, so werde ich zu meinem eigenen Wesen und dem Wesen der Wirklichkeit geführt… Etwas kommt zustande, das weder beansprucht, noch errechnet, noch erzwungen werden kann und dennoch eine unabweisbare Sinn-Evidenz enthält“. (Vgl. Klaus von Stosch: „Freiheit, Gnade, Schicksal“, S. 80-81)

Ähnliches ereignete sich auch beim heiligen Ignatius von Loyola, dem Begründer des Jesuitenordens. Auch er wurde nachdenklich – als er im Jahre 1521 als dreißigjähriger Offizier im Dienst des Königs von Spanien, schwer verletzt in einem Spital lag. In seiner autobiografischen Erzählung „Der Bericht des Pilgers“ schreibt er seine Erfahrungen vor- und nach seiner Bekehrung nieder, mit einem kurzem Hinweis auf die Anfänge seines Ordens (etwa 1538). Siehe hierzu einen Ausschnitt aus dieser Zeit: (Zwischenbemerkung: Ignatius schreibt jeweils in Drittperson)

…So rasche Fortschritte machte seine Genesung, dass man wenige Tage später der Ansicht war, er sei nun außer Todesgefahr…bloß konnte er sich nicht gut auf dem Bein aufrecht halten. So war er gezwungen, zu Bett zu bleiben. Da er auf die Lektüre von Büchern mit weltlichen und erfundenem Inhalt schon immer versessen war – man nennt sie gewöhnlich Ritterromane – und da er sich nun gesund fühlte, bat er um einige solcher Bücher, um sich damit die Zeit zu vertreiben. Jedoch fand sich in jenem Haus nichts von seiner üblichen Lektüre. Deshalb gab man ihm ein Buch über das Leben Christi und eine Sammlung von Heiligenleben in spanischer Sprache.

In diesen Büchern las er oftmals und war begeistert. Wenn er seine Lektüre unterbrach, richtete er seine Gedanken auf die Dinge, die er eben gelesen hatte, und dann wieder auf die Dinge der Welt an die er früher immer gedacht hatte…Bei der Lektüre des Lebens unseres Herrn und der Heiligen machte er sich nämlich Gedanken und überlegte bei sich: Wie wäre es, wenn ich all das täte, was der heilige Franziskus getan hat, oder das, was der heilige Dominikus tat? … Ihnen folgten, wenn irgendetwas anderes dazwischenkam, die weltlichen (eitlen) Gedanken, die sich ihm aufdrängten.

Indessen gab es dabei einen Unterschied: wenn er sich mit weltlichen Gedanken beschäftigte, hatte er zwar großes Gefallen daran, doch wenn er dann müde geworden ist und davon abließ, fand er sich wie ausgetrocknet und missgestimmt. Wenn er jedoch daran dachte, barfuß nach Jerusalem zu gehen und andere Kasteiungen auf sich zu nehmen…da erfüllte ihn nicht bloß Trost, solange er sich in solchen Gedanken erging, sondern blieb zufrieden und froh, auch nachdem er von ihnen abgelassen hatte…So fing er endlich an, diese Verschiedenheit als merkwürdig zu empfinden und darüber nachzugrübeln. Aus seiner Erfahrung ergab sich ihm, dass er nach den einen Gedanken trübsinnig und nach den anderen froh gestimmt blieb; und allmählich kam er dazu, darin die Verschiedenheit der Geister zu erkennen, die dabei tätig waren, nämlich einmal der Geist des Teufels und das andere Mal der Geist Gottes… Und als er später die Exerzitien verfasste, begann er von hier aus Klarheit über die Lehre von Verschiedenheit der Geister zu gewinnen. (Vgl. „Der Bericht des Pilgers“ mit einem Vorwort von Karl Rahner, 1977, S. 42-46)

Wie man merkt, es geht hier um wechselhafte innere Stimmungen und Selbstbeobachtung, die später den Ausgangspunkt für die ignatianischen „Regeln zur Unterscheidung der Geister“ bilden. Stimmungen der Seele, wie Freude, Zufriedenheit, Trost einerseits, und Trockenheit, Missmut, Trostlosigkeit anderseits, sowie deren Steigerung und Vergehen. Sie bekommen deshalb eine über das bloß Psychologische hinausgehende Bedeutung, weil sich aus ihnen der religiöse Zustand der Seele und ihr Verhältnis zu Gott erkennen lässt. Darum erklärt Ignatius: „Von Trost rede ich, wenn in der Seele eine innere Bewegung entsteht, in deren Gefolge die Seele sich in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn entflammt.“

So sieht nach meiner Auffassung eine Selbstverwirklichung mit Gnade aus. Und ohne?

Vielleicht so: In einem Interview sagt Tom Wolfe, der kürzlich verstorbene Autor des Bestsellers „Fegefeuer der Eitelkeiten“: „Die Selbstzweifel seien geblieben. Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr“. (Christina Horsten/DPA, 2018)

Hat nicht auch Ignatius von Loyola, bevor ihn die Gnade Gottes von seinen Eitelkeiten befreite ähnliches erlebt? In der Tat. Der heilige Augustinus hat Recht, wenn er sagt: „Nur das kann lieben, was man kennt“.

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG.

Foto (c) Martha von Jesensky

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