03 März 2018, 08:00
Syrien-Krieg: Bischof fordert ausgewogene Berichterstattung
 
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Armenischer Bischof von Damaskus, Nalbandian, bei "Pro Oriente"-Tagung in Wien: Großes Bedauern über Leiden der Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta, aber auch ständiger Granatenbeschuss der Islamisten auf christliche Stadtviertel

Wien-Damaskus (kath.net/KAP) Eine objektivere Berichterstattung in westlichen Medien über den Konflikt in Syrien hat der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, eingemahnt. "Wir bedauern die leidende Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta zutiefst, aber wir vermissen in der internationalen Berichterstattung Bilder von den Schäden, die der permanente Granatenbeschuss durch die islamistischen Milizen in der Altstadt von Damaskus anrichtet, wo die christlichen Kathedralen stehen", so der Bischof wörtlich im Interview mit dem "Pro Oriente-Informationsdienst" (Donnerstag). Nalbandian nimmt derzeit in Wien an einer Tagung der "Pro Oriente"-Kommission für den Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen teil.

Im armenischen Viertel in Damaskus seien seit zwei Wochen die Schulen geschlossen, nur mehr zehn Prozent der Geschäfte seien offen, viele Menschen trauten sich nicht mehr zum Gottesdienst zu gehen, so der Bischof.

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Zur düsteren Gesamtlage trage auch der türkische Vormarsch auf das nordsyrische Afrin bei und die Tatsache, dass de facto auch russische und US-amerikanische Einheiten einander gegenüberstehen. Er sei nicht grundsätzlich pessimistisch, aber "Mut machende Entwicklungen" und "Ereignisse, die den Mut wieder zerstören" wechselten einander ständig ab, so der Bischof: "An einem Tag hören wir von Waffenstillstand und am nächsten Tag schlagen wieder die Granaten ein".

Kirchliche Nachrichtendienste wie das Internetportal "abouna.org" (mit Sitz in Amman/Jordanien) berichteten bereits seit Anfang Jänner von einem ständigen Beschuss Damaskus' von Ost-Ghouta aus. Das christliche Viertel Bab Touma, das besonders beschossen wird, liegt zwischen Ghouta und dem Zentrum von Damaskus. Zahlreiche Zivilisten, darunter auch Kinder und Jugendliche, seien ums Leben gekommen. Am 8. Jänner habe laut "abouna.org" etwa auch der maronitische Erzbischof Samir Nassar nur knapp überlebt, als eine Rakete in seiner Residenz einschlug, sowie auch die Ordensfrau Anni Demerijan, die zuvor im Juni 2017 in Österreich - u.a. in der "Langen Nacht der Kirchen" in Wien - über ihre Arbeit in Syrien berichtet hatte.

"Sotschi war Erfolg"

Bischof Nalbandian machte gegenüber "Pro Oriente" für die jüngsten Kämpfe vor allem auch die Syrien-Konferenz im russischen Sotschi am 30. Jänner verantwortlich. Allerdings insofern, als die Konferenz seiner Meinung nach erfolgreich verlaufen sei und einen Fortschritt im Friedensprozess mit sich gebracht habe. Das hätten die militanten Islamisten als "Desaster" empfunden. Daher sei schon am Abend des 30. Jänner von den in Ost-Ghouta verschanzten Islamisten begonnen worden, Damaskus verstärkt zu beschießen.

Das Besondere an der von russischer Seite initiierten Konferenz in Sotschi sei die Tatsache gewesen, dass Syrer unterschiedlicher Überzeugung "zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder miteinander gesprochen haben", so Nalbandian, der selbst auch dabei gewesen war. Nach anfänglichen Turbulenzen hätten die Verhandlungen deutlich Besserungen gezeigt, so der Bischof über den Verlauf. Unter den rund 1.500 Teilnehmenden seien Anhänger der Regierung ebenso gewesen wie "Menschen, die dem Regime kritisch gegenüberstehen, aber nichts mit den terroristischen Kriminellen zu tun haben wollen" und Oppositionelle, die zum Teil schon seit Jahrzehnten außer Landes waren. Zum Unterschied von den bisherigen Syrien-Gesprächen - Genf I, Genf II, Astana - sei in Sotschi ein Dialog zustande gekommen.

Bischof Nalbandian nannte zwei Aspekte, die Sotschi seiner Meinung nach zu einem Erfolg gemacht hätten: Man einigte sich auf eine Erklärung, in der Terrorismus, "Islamischer Staat" etc. klar abgelehnt werden und zugleich Waffenruhe und Frieden gefordert wird. Und man beschloss, eine 150-köpfige Kommission einzurichten, die sich mit der syrischen Verfassung auseinandersetzen soll. Nalbandian: "Alle Teilnehmenden stimmten der Analyse zu, dass die politische Unruhe in Syrien damit zu tun hat, dass die Verfassung keinen sicheren Boden für gesunde Opposition bietet. Also muss man überlegen, ob einzelne Paragraphen zu ändern oder abzuschaffen sind oder ob man überhaupt eine neue Verfassung erarbeiten soll".

Aufgabe für Europa

Für Österreich und die ganze Europäische Union sah der armenische Bischof gegenüber "Pro Oriente" eine dringende Aufgabe: "Zum Unterschied von anderen Weltteilen hat Europa eine Kultur des politischen Dialogs entwickelt. Daher könnte die Europäische Union einen Raum schaffen, damit die Menschen aus Syrien zusammenkommen und an politischen Lösungen arbeiten können". Die Syrer insgesamt - nicht nur die Christen - fühlten sich im Stich gelassen. Die Sanktionen gegen Syrien, die politische Blockade durch den Abzug der europäischen Botschaften aus Damaskus hätten nur negative Auswirkungen: "Wir haben viele kritische Intellektuelle, die eine gesunde Opposition bilden könnten, aber wer steht diesen Menschen bei?"

Mehr Unterstützung wünschte sich Bischof Nalbandian auch für die humanitären Hilfsaktionen der christlichen Kirchen Syriens. Diese Hilfsaktionen kämen allen Not leidenden Menschen zugute, während die offiziellen westlichen Hilfen nicht überallhin gelangten. Bei der Unterstützung der Arbeit der christlichen Kirchen Syriens gehe es auch darum, Möglichkeiten für junge Menschen zu schaffen, damit sie in Europa studieren können. Nalbandian: "Wenn der Konflikt einmal enden wird, wir hoffen bald, werden wir gut ausgebildete Experten benötigen, um den materiellen und geistigen Wiederaufbau in Gang zu setzen".

Unterstützung für die Kirchen zahle sich auch noch in anderer Hinsicht aus: "Wenn die Kirchen stark sind, können sie den Menschen helfen, damit sie sich nicht zur Auswanderung gedrängt sehen". Die Christen im Nahen Osten hätten eine essenzielle Brückenrolle, unterstrich der Bischof, "weil sie den Islam besser verstehen als die Europäer". In der großen Perspektive müssten sich die Europäer die Gewissensfrage stellen, welchen Nahen Osten sie wollen, ob sie den Islam einfach seiner Identitätskrise in der Auseinandersetzung mit der Moderne überlassen möchten. Nalbandian: "Es muss das allgemeine Interesse sein, eine Frontstellung zwischen einem 'christlichen' Westen und einem 'islamistischen' Osten zu vermeiden."

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