20 Februar 2018, 13:00
Das Ärgernis der Vergeschichtlichung der Wahrheit
 
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Warum der Theologe Joseph Ratzinger den Traditionalisten ein Dorn im Auge ist (und was waschechte Traditionalisten überhaupt sind) – Ein Gespräch mit dem Bonner Dogmatiker und Ratzinger-Preisträger Karl-Heinz Menke. Von Guido Horst

Rom (kath.net/as/gh/VATICAN magazin)
Zum fünfzigsten Jahrestags des Erscheinens der „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger ist in Italien ein Buch erschienen, das dem Theologen, Kardinal und späteren Papst Benedikt XVI. ein modernistisches Denken mit häretischen Abweichungen vorwirft. Der Autor Enrico Maria Radaelli ist ein Schüler des traditionalistischen Konzilskritikers Romano Amerio, der wiederum mit seinem Buch „Iota unum“ aus dem Jahr 1985 ein Standardwerk der traditionalistischen Bewegung geschrieben hat. Der bekannte Philosoph Antonio Livi, vor wenigen Jahren Dekan der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Lateran-Universität, hat die Schrift Radaellis erstaunlich positiv besprochen, was dann doch aufhorchen ließ. Zunächst einmal zur Begriffsklärung: Was ist in diesem Zusammenhang modern, was ist modernistisch, und was ist „der Tradition verpflichtet“, was ist traditionalistisch?

Menke: Enrico Maria Radaelli hat die Erinnerung an das Erscheinen von Ratzingers „Einführung in das Christentum“ vor fünfzig Jahren zum Anlass genommen, um zwei Thesen miteinander zu verbinden. Mit der ersten These unterstreicht er die Übereinstimmung (Kontinuität) aller nachkonziliaren Päpste mit den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und zugleich bekräftigt er die These, schon das maßgeblich „von deutschen Modernisten“ wie Rahner und Ratzinger bestimmte Konzil stehe in Diskontinuität zur Tradition der Kirche. In seinem 2017 erschienenen Werk „Al cuore di Ratzinger. Al cuore del mondo“ versucht Radaelli in achtzig Schritten zu erweisen, dass Ratzingers „Einführung“ so etwas wie die Summe aller Irrtümer der letzten fünfzig Jahre sei. Unter dieser Voraussetzung bezeichnet er Papst Franziskus als getreuen Vollstrecker der Häresien seines Vorgängers.
Dass der Lateran-Philosoph Antonio Livi die Thesen Radaellis relativ freundlich kommentiert, erklärt sich aus seiner Sprachphilosophie, die ähnlich anticartesianisch und fideistisch ist wie die der französischen Traditionalisten Lamennais und de Bonald.

Neu an Radaellis Traditionalismus ist nur seine Fokussierung auf Ratzingers Bestseller. Alles andere kann man so oder ähnlich auch in den Schriften des Schismatikers Marcel Lefebvre und in den Werken des Traditionalisten Romano Amerio finden. Letzterer gilt mit seinem weit verbreiteten Werk „Iota unum“ (1985) bis heute als Systematiker des Traditionalismus. Der Buchtitel erinnert an Mt 5,18: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota oder Häkchen vom Gesetze vergehen, bis alles geschehen ist.“ Aus diesem Bibelzitat folgert Amerio: Kein Jota des Dogmas darf verändert werden. Es gibt kein Fortschreiten im Verstehen dessen, was einmal definiert wurde. Ein weiteres Dokument seines Traditionalismus trägt den bezeichnenden Titel „Stat Veritas“ (2009). Offenbarung, so erklärt er, ist kein Geschehen zwischen dem Offenbarer und seinen Adressaten, sondern eine Summe von Sätzen beziehungsweise Instruktionen (ein „depositum fidei“), die unabhängig davon wahr sind, ob sie jemand versteht oder nicht. Wer von einem fortschreitenden Verstehen des Dogmas spricht, macht – so meinen Amerio und Radaelli – die Wahrheit abhängig vom geschichtlich bedingten Verstehen sündiger Menschen.

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Ganz anders das Konzil in seiner Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“: Eine Wahrheit, die Person ist, wird von Schrift und Dogma nur symbolisch bezeichnet, nicht aber erschöpfend ausgedrückt oder verstanden. Die Tradition der Kirche ist deshalb nicht das Konservieren bestimmter Sätze, sondern ein vom Heiligen Geist geleitetes Verstehen der von Schrift und Dogma bezeugten Selbstoffenbarung Gottes.
Amerio und Radaelli werfen dem Konzil und Ratzinger eine Umkehrung des biblisch bezeugten Verhältnisses von Logos und Pneuma, von Inkarnation und Inspiration vor. Der Heilige Geist dient, so meinen sie, in Ratzingers „Einführung“ nicht der Inkarnation des göttlichen Logos (der Wahrheit), sondern umgekehrt: Die angebliche Inspiration des je Einzelnen wird mit der Wahrheit des göttlichen Logos identifiziert. Konsequenzen seien die drei Früchte des Modernismus: Subjektivismus, Historizismus und Relativismus.

Entweder, so betonen die Traditionalisten, ist die Wahrheit eine inkarnierte und deshalb objektive, endgültig definierbare und zeitlos gültige Größe, oder sie ist eine menschliche Konstruktion. Lefebvre, Amerio und Radaelli können und wollen nicht akzeptieren, dass nur die mit dem lebendigen Christus kommunizierende Kirche in der Wahrheit ist; dass die Wahrheit, weil in Jesus Christus eine Person, nicht identisch ist mit der Heiligen Schrift und den Dogmen; dass die Erschließung der Wahrheit in der Sprache der Gläubigen (Tradition) ein nie abgeschlossener Prozess ist. Sie sehen in der Vergeschichtlichung der Wahrheit beziehungsweise im Historizismus das Grundübel des von Papst Pius X., dem Namensgeber der „Pius-Brüder“, verurteilten Modernismus.

Wie wenig das von Radaelli vertretene Traditionsverständnis biblisch und patristisch fundiert ist, erweisen Ratzingers Ausführungen zum Traditionsverständnis der frühen Kirchenväter Irenaeus und Tertullian. Bei beiden, so bemerkt Ratzinger, erscheint Tradition „nicht so sehr als ein materiales denn als ein formales Prinzip; sie bedeutet im letzten eine hermeneutische Grundentscheidung, derart, dass der Glaube nicht anders als in der geschichtlichen Kontinuität der Glaubenden anwesend ist“ (LThK Ergbd. II, 517).

Nun gehörte der junge Konzils-Peritus Joseph Ratzinger zu der Gruppe moderner Theologen, die auf dem Zweiten Vatikanum mit dazu beigetragen haben, dass die bereits vorbereiteten Schemata durch ganz neue Konzilstexte ersetzt wurden. Was trieb diese Theologen um?

Menke: Die Ablehnung der zu Beginn des Konzils vorgelegten Schemata – einzige Ausnahme: das Schema zur Liturgie – erfolgte keineswegs unter der Federführung deutscher Theologen, sondern als Reaktion der Konzilsväter selbst. Die Bischöfe wollten nicht feierlich abnicken, was die Kurie unter der Ägide der konservativen Hardliner Alfredo Ottaviani (Leiter des Sanctum Officium), Giuseppe Siri (Genua) und Ernesto Ruffini (Palermo) vorbereitet hatte.

Nach der Veröffentlichung der beiden Bände von Ratzingers „Gesammelten Werken“, die seinen Beiträgen zum Zweiten Vatikanischen Konzil gewidmet sind, lässt sich detailliert nachweisen, welchen Einfluss er auf die Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ und auf die Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ genommen hat.

Hier muss ein Beispiel genügen: Ratzinger lehnte den von Kardinal Ruffini erarbeiteten Vorschlag ab, man solle die von Pius X. ausgesprochene Verurteilung des theologischen Evolutionismus durch einen Passus bekräftigen, der vom Abschluss der Offenbarung mit dem Tode des letzten Apostels spricht. Ratzinger warf Ruffini eine mangelnde Unterscheidung zwischen dem „Abschluss der Offenbarung“ und dem „Ende des Verstehens der Offenbarung“ vor. Besonders aufschlussreich ist sein Votum gegen die von früheren Konzilien sanktionierte Formel des Vinzenz von Lérins: „Wahr ist, was überall, immer und von allen geglaubt worden ist“. Er hält diese Formel schon in ihrem Ursprung für fragwürdig, weil sie mit der Absicht kreiert wurde, eine bestimmte Gnadenlehre (die des Semipelagianismus) mit dem rein formalen Argument zu widerlegen, sie sei nicht überall immer von allen so gelehrt worden. Die Formel des Vinzenz von Lérins erscheint ihm ungeeignet, „das Verhältnis von Beständigkeit und Wachstum in der Bezeugung des Glaubens zur Aussage zu bringen“ (LThK Ergbd. II, 521).

Wenn die Traditionalisten Jesus Christus mit dessen apostolischer Bezeugung identifizieren, vertreten sie aus Ratzingers Sicht eine ähnliche Position wie Protestanten, wenn sie die Wahrheit des Christusereignisses mit den neutestamentlichen Schriften identifizieren. Ratzinger bestreitet mit keiner Zeile, dass die ganze Wahrheit schon in der Heiligen Schrift enthalten ist, er unterstreicht aber ebenso, dass die Tradition keine bloße Konservierung oder Erklärung des schon Vorhandenen, sondern „ein Wachstum im Verstehen der ursprunggebenden Wirklichkeit“ (LThK Ergbd. II, 523) ist.
In der Rückschau (Aus meinem Leben, 129f) erklärt er seine Position jenseits von Modernismus (Subjektivismus) und Traditionalismus wie folgt: „Die Schrift ist das wesentliche Zeugnis von der Offenbarung, aber Offenbarung ist etwas Lebendiges, größer und mehr – zu ihr gehört auch das Ankommen und das Vernommenwerden, sonst ist sie eben nicht Offenbarung geworden. Die Offenbarung ist nicht ein auf die Erde geworfener Meteor, der nun als eine Gesteinsmasse irgendwo herumliegt, wovon man Gesteinsproben nehmen kann, ins Labor tragen und dort analysieren kann. Die Offenbarung hat Werkzeuge, aber sie ist nicht vom lebendigen Gott ablösbar, und sie verlangt immer nach dem lebendigen Menschen, bei dem sie ankommt.

Ihr Ziel ist es immer, die Menschen zu versammeln, zu vereinigen – darum gehört Kirche zu ihr. Wenn es aber diesen Überhang von Offenbarung über Schrift hinaus gibt, dann kann nicht Gesteinsanalyse – historisch-kritische Methode – das letzte Wort über sie sein, sondern dann gehört der lebendige Organismus des Glaubens aller Jahrhunderte zu ihr. Genau diesen Überhang von Offenbarung über Schrift, den man nicht noch einmal in einen Kodex von Formeln fassen kann, nennen wie ‚Überlieferung‘.“

Zu derselben Gruppe der „Neuerer“ wie Joseph Ratzinger gehörte auch Karl Rahner. Nun hat Ratzinger selber Jahre später formuliert, dass er damals mit der Zeit festgestellt hat, dass er und Rahner „auf unterschiedlichen Planeten“ saßen. Hat sich die Gruppe der modernen Theologen nochmals gespalten?

Menke: Ratzinger bemerkt in seinen Erinnerungen: „Rahners Theologie war – trotz der Väterlektüre seiner frühen Jahre – ganz von der Tradition der suarezianischen Scholastik und ihrer neuen Rezeption im Licht des deutschen Idealismus und Heideggers geprägt. Es war eine spekulative und philosophische Theologie, in der Schrift und Väter letztlich keine Rolle spielten, in der überhaupt die geschichtliche Dimension von geringer Bedeutung war.“ (Aus meinem Leben, 131) Wie zutreffend diese Beobachtung ist, erschließt sich jedem, der Rahners 1968 entstandenen „Grundkurs des Glaubens“ mit Ratzingers zeitgleich publizierter „Einführung in das Christentum“ vergleicht. Während Rahner ohne Rekurs auf Zeugnisse der Schrift oder Tradition nur mit Argumenten der philosophischen Vernunft arbeitet, versteht Ratzinger seine Begründung des Christentums als Eruierung der in Schrift und Tradition enthaltenen Vernunft. Er sieht den Logos alles Wirklichen gebunden an die biblisch bezeugte Geschichte und an die Gemeinschaft, die mit dem zum Vater erhöhten Erlöser kommuniziert.

Die Traditions- und Kommunikationsgemeinschaft „Kirche“ darf zwar nichts glauben und verkünden, was der philosophischen Vernunft widerspricht. Aber deshalb ist die philosophische Vernunft nicht die Quelle der Wahrheit. Radaelli wirft ausgerechnet Ratzinger vor, den Glauben der Kirche dem cartesianischen Zweifel und dem Autonomie-Denken Kants zu unterwerfen. Das ist abwegig, weil Ratzinger jede anthropozentrische Reduktion des göttlichen Logos auf das Gefühl (Schleiermacher), auf die historische Vernunft (Liberale Theologie), auf die Existenz (Bultmann), auf ein ungeschichtliches Apriori (Rahner), auf die Praxis (Politische Theologie) oder auf die kommunizierende Sprache (Habermas) ablehnt.

Man kann der Meinung sein, Ratzinger habe nicht hinreichend geklärt, wie direkte Proportionalität von Glaube und Vernunft, von Gnade und Freiheit, von Auf-Gott-Bezogensein und Selbstsein logisch möglich ist. Aber dass er beide Pole nicht getrennt sehen will, ist offensichtlich. Wie Jesus in demselben Maße, in dem er dem Vater gehorsam (personal identisch mit dem innertrinitarischen Sohn) ist, ein wahrer Mensch mit einem unverkürzten menschlichen Willen, einer unverkürzten menschlichen Freiheit und einer unverkürzten menschlichen Vernunft bleibt, so ist jeder Mensch in eben demselben Maße er selbst (vernünftig und frei), als er auf den Logos des Schöpfers bezogen ist. Ratzinger wörtlich: „Der Gläubige ist überzeugt, das es zwischen rechter Vernunft und rechtem Glauben keinen Widerspruch geben kann. Glaube ohne Vernunft wäre nicht wirklich menschlich; Vernunft ohne Glaube bleibt weglos und lichtlos.“ (Schauen auf den Durchbohrten, 37)

Was war das Neue an der „Einführung in das Christentum“ Ratzingers im Vergleich zu einem traditionellen neoscholastischen Handbuch der Fundamentaltheologie?

Menke: Es gibt neoscholastische Handbücher der Dogmatik, nicht aber der Fundamentaltheologie. Die Neuthomisten haben zwar Apologetik, nicht aber Fundamentaltheologie betrieben. Letzere will den christlichen Glauben nicht nur gegen Kritik verteidigen (Apologetik), sondern positiv so begründen, dass er auf Grund seiner logischen Kohärenz auch Zweifler zu überzeugen vermag. Letzteres ist Ratzinger auf eine Weise gelungen, die ihresgleichen sucht. Keine der „Einführungen“, die nach 1968 verfasst wurden, hat auch nur annähernd dieselbe Wirkung wie sein Bestseller erzielt. Der Grund ist nicht nur in seiner klaren und schönen Sprache zu suchen. Ratzinger gelingt eine exakte Beschreibung der geistesgeschichtlichen Entwicklung, die zu einer immer radikaleren Infragestellung des christlichen Wahrheitsanspruchs geführt hat. Er nennt zwei Gründe für den bis heute rasant fortschreitenden Glaubensschwund. Der erste liegt in der Abtrennung dessen, was man gemeinhin „Religion“ nennt, von der Wahrheit.

Wo Christen nur noch bestimmte Feste feiern und bestimmte Traditionen pflegen, aber deren Inhalt nicht als wahr glauben, wird das Christentum so sicher sterben wie die antike Religion. Ratzinger bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Wort von Tertullian – „Christus hat sich die Wahrheit genannt, nicht die Gewohnheit.“ – als Kampfansage der frühen Kirche: „Der Vergötzung der consuetudo Romana, des ‚Herkommens‘ der Stadt Rom, die ihre Gewohnheiten zum selbstgenügsamen Maßstab des Verhaltens machte, tritt der Alleinanspruch der Wahrheit entgegen. Das Christentum hat sich damit entschlossen auf die Seite der Wahrheit gestellt und sich so von einer Vorstellung von Religion abgewandt, die sich damit begnügt, zeremonielle Gestalt zu sein.“ (Einführung, 106)

Und noch ein Vorgang hat aus Ratzingers Sicht bis heute bedrängend Gegenwärtiges an sich. Gemeint ist die Ablösung der Wahrheit vom historischen Jesus. Wenn Jesu Leben, Tod und Auferstehung nicht die Wahrheit des Logos sind, dann war er nur einer unter anderen Weisheitslehrern oder Religionsgründern; dann kann man seine Lehre von ihm selbst trennen und solange interpretieren, bis sie die eigenen Plausibilitäten nicht mehr stört. Ratzinger spricht vom „Interpretationschristentum“ derer, die sich den Logos Gottes nicht von der biblisch bezeugten Geschichte vorgeben lassen, sondern diese Geschichte lediglich als Katalysator ihrer eigenen Interpretionen betrachten. „Hier“, so kommentiert er, „wird mit der Methode der Interpretation der Skandal des Christlichen aufgelöst und, indem es solchermaßen unanstößig gemacht wird, zugleich auch seine Sache selbst zur verzichtbaren Phrase gemacht, zu einem Umweg, der nicht nötig ist“ (Einführung, 107), um das zu sagen, was die autonome Vernunft immer schon weiß.

Ratzinger versucht in seiner „Einführung“ zu zeigen, dass geschichtliches Denken sehr wohl vereinbar ist mit dem Glauben an die Einzigkeit der Wahrheit und an die Identität dieser Wahrheit mit Jesus Christus. Wenn er im Rückgriff auf die historisch-kritische Exegese und auf die Forschungen der Dogmengeschichte die Genese der christologischen Kategorien und Interpretamente des Neuen Testamentes erklärt, dann nicht – wie Radaelli unterstellt –, um Jesus Christus historizistisch zu relativieren. Im Gegenteil: Er will die biblisch bezeugte Heilsgeschichte als Geschichte Gottes mit seinem Volk erklären und betont deshalb: Es war kein Zufall, dass die hebräische Bibel die Begriffe und Interpretamente entfaltet, die geeignet sind, die Einzigkeit Jesu Christi zu erklären. Und es war auch kein Zufall, dass das Neue Testament in der Sprache der griechischen Philosophie verfasst wurde.

Kurzum: Die enorme Wirkungsgeschichte von Ratzingers „Einführung“ ist nur dadurch erklärbar, dass er die Fragen seiner vom Zeitgeist angefressenen Adressaten exakt formuliert und auch für Zweifler und fragende Sucher überzeugend beantwortet hat.

Man bringt traditionalistische Strömungen in der Kirche oft in Verbindung mit der Piusbruderschaft und der alten Liturgie. Doch was ist für Leute wie Amerio, Radaelli und vielleicht auch Livi das eigentliche Problem der theologischen Entwicklung im zwanzigsten Jahrhundert?

Menke: Radaelli hat überhaupt nicht verstanden, warum Ratzinger das geschichtliche Denken und speziell die historisch-kritische Exegese positiv rezipiert. Für ihn sind Metaphysik und historisches Denken zwei miteinander unvereinbare Alternativen. Und die Metaphysik, die er für die einzig wahre hält, beruht auf der Prämisse, dass unsere Allgemeinbegriffe der Wirklichkeit immer schon entsprechen. Deshalb, so betont er mit seinen Gewährsmännern Lefebvre und Amerio, bedürfen die Begriffe, in die ein Dogma gefasst wird, keiner Veränderung. Es kommt nicht auf das Verstehen des Dogmas an, sondern auf seine Bewahrung. Wenn Ratzinger sich von der „Substanzontologie“ des Neothomismus abwendet und seine Trinitätslehre und Christologie mit einer „relationalen Ontologie“ verbindet, erklärt er die objektive Wahrheit als Inhalt einer Beziehung zwischen dem Offenbarer und seinen Adressaten. Denn eine Wahrheit, die – trinitätstheologisch betrachtet – Relation des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater ist, und die christologisch betrachtet eine Person ist, kann man nicht wie eine „Substanz“, nicht wie wie ein „Objekt“ behandeln, das sich in unveränderliche Definitionen fassen lässt. Mit einer Wahrheit, die Person ist, wird kein Verstehen je fertig. Würde ein Mann zu seiner Frau oder eine Frau zu ihrem Mann sagen „Ich bin mit Dir fertig“, hätte er beziehungsweise sie aufgehört, zu verstehen.

Radaelli unterscheidet nicht zwischen der Aussageintention eines Dogmas und dem zeitbedingten Interpretament, in das es gekleidet wurde. Er wirft Ratzinger Häresie vor, weil er das Dogma von der Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen nicht notwendig mit der Satisfaktionstheorie verbunden sieht, mit deren Hilfe es vom Trienter Konzil begründet wird. Er kann noch weniger verstehen, dass „der Tübinger Theologe“ das Dogma von der Möglichkeit der Hölle mit der Hoffnung auf die Rettung aller Sünder vereinbart. Jedwede Dogmenhermeneutik ist für Radaelli Verrat an der ein für alle Mal in ein bestimmtes Interpretament gekleideten Wahrheit.

Antonio Livi vermeidet Radaellis Radikalismus. Aber seine Ablehnung der von Descartes und Kant ausgehenden Transzendentalphilosophie ist ebenso einseitig. Livis Veröffentlichungen sind ein einziges Plädoyer für den Primat der Sprache vor dem Denken. Was der Philosoph Wahrheit nennt, ist dem Menschen nicht apriori zugänglich, sondern vermittelt durch die Sprache oder den „common sense“. Livi setzt voraus, dass es keine Idee ohne Sprache gibt. Der Mensch – so erklärt er – hat die Sprache nicht erfunden wie ein Zeichensystem, durch das er nachträglich seine Gedanken mitteilt; vielmehr konstituiert die Sprache das Denken. Die theologischen Konsequenzen dieser Verhältnisbestimmung liegen auf der Hand: Wenn das unfehlbare Lehramt der Kirche ein Dogma formuliert, dann hat nicht unser Denken darüber zu befinden, ob das Dogma wahr ist, sondern die Sprache des Dogmas konstituiert unser Verstehen.

Der französische Traditionalist de Bonald hat den Verstand des Menschen mit einem Papier verglichen, das mit einer farblosen Flüssigkeit beschrieben wurde; und die Sprache mit dem chemischen Mittel, das diese unsichtbare Schrift sichtbar macht. Die Dogmen des unter bestimmten Bedingungen unfehlbaren Lehramtes der katholischen Kirche sind so gesehen die chemischen Mittel, die in jedem Gläubigen das wahre Verstehen bewirken.


Wie konnte es passieren, dass Kardinal Ratzinger für viele den Ruf des Konservativen hatte, als er zum Papst gewählt wurde?

Menke: Es gibt kaum einen Theologen, dessen Denken über Jahrzehnte so konstant geblieben ist wie das des emeritierten Papstes. Was er vor dem Konzil und auf dem Konzil gefordert hat, fordert er auch heute noch. Was er über Dogmenentwicklung und Dogmenhermeneutik, über Wahrheit und Geschichte, Vernunft und Glaube, Freiheit und Gehorsam geschrieben hat, würde er möglicherweise präzisieren, aber nicht revidieren. Er ist sich treu geblieben.

Nicht selten ist behauptet worden, die Achtundsechziger-Revolte habe sein Denken verändert. Wahr ist: 1968 hat er Tübingen den Rücken gekehrt und ist in das ruhigere Regensburg gezogen. Aber sein Denken hat sich deshalb nicht geändert. Er hat seine von Radaelli als modernistisch bezeichnete „Einführung“ in demselben Jahr veröffentlicht, das – so sein Tübinger Kollege Hans Küng – aus dem Avantgardisten einen konservativen Bremser bemacht hat.

Joseph Ratzinger hat sich die selbstkritische Frage gestellt, ob er durch seine Theologie mitgewirkt habe an dem nachkonziliaren Traditionsbruch. Aber mir ist nicht bekannt, dass er irgendeine Position seiner Theologie revidiert hat. Die Meinung, dass die neue Liturgie besser nicht mit der Abschaffung der tridentinischen eingeführt worden wäre, hat er immer schon vertreten. Und wer seine Kontroversen mit Walter Kasper zur theologischen Erkenntnislehre (Verhältnisbestimmung von Schrift, Tradition und Kirche, von Exegese und Dogmatik) und zur Verhältnisbestimmung von Universalkirche und Ortskirchen analysiert, wird rasch erkennen, dass er im Unterschied zu seinem Kontrahenten schon sehr früh als konservativ kritisiert wurde. Nicht er, sondern Rahner wurde von seinem Heimatbischof Julius Kardinal Döpfner zum geistigen Lenker der Würzburge Synode erkoren – ganz offensichtlich, weil Ratzinger schon damals auch im deutschen Episkopat als relativ konservativ galt. Tatsache ist: Ratzingers durchgängige Kritik an der Philosophie der Aufklärung und des deutschen Idealismus, besonders seine ständig wiederkehrenden Invektiven gegen das so genannte Autonomie-Denken, stehen in einem krassen Widerspruch zu Radaellis Ableitung des „Ratzingerschen Modernismus“ aus einer angeblichen Affinität zu Kant, Spinoza, Hegel und Kierkegaard.


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