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„Authentische Christen sind die schärfste Waffe“

31. Jänner 2018 in Weltkirche, 3 Lesermeinungen
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Veranstaltung von „Kirche in Not“ über Christen in Syrien und Nigeria und die Rolle des Christentums in Deutschland - Birgit Kelle: „Entchristlichung fängt damit an, dass wir nicht mehr über den Glauben sprechen.“


Köln (kath.net/KIN) „Je stärker die Christen verfolgt werden, desto stärker werden sie im Glauben.“ Diesen persönlichen Eindruck aus seiner nigerianischen Heimat betonte Erzbischof Matthew Man-Oso Ndagoso aus Kaduna bei einer Veranstaltung von „Kirche in Not“ am Samstag in Köln. Das weltweite katholische Hilfswerk erinnerte dabei an den 15. Todestag seines Gründers Pater Werenfried van Straaten.

Nicht nur die Zahl der Studenten in den Priesterseminaren in Nigeria sei gewachsen, sondern auch die der Christen insgesamt. „In den vergangenen vier Jahren habe ich jährlich mindestens drei neue Pfarreien eröffnet“, berichtete Erzbischof Ndagoso. Dabei ist das Umfeld in seiner Diözese im Norden Nigerias für Christen alles andere als einfach: Sie sind eine Minderheit innerhalb einer muslimischen Mehrheit; es gilt die islamische Gesetzgebung der Scharia; wiederholt kam es zu Anschlägen auf Kirchen, Genehmigungen für den Bau von neuen Kirchen gibt es nicht. Das Haus des Erzbischofs in Kaduna wurde von Boko Haram zerstört. Die Terrorgruppe entstand in einer Moschee in der Nachbarschaft des Bischofshauses.

Für die Christen seiner Diözese seien die Aktivitäten von Boko Haram wie „ein Weckruf“ gewesen, so Ndagoso. Ein Beispiel sei eine Kirche in Nord-Kaduna, auf die 2012 ein Anschlag mit mehreren Toten und über hundert Verletzten verübt worden sei. Vor dem Anschlag habe es dort drei Gottesdienste in der Woche gegeben, jetzt gebe es fast täglich eine heilige Messe. Seit dem Anschlag habe sich die Zahl der Gläubigen verdreifacht. Dank der Hilfe von „Kirche in Not“ konnte das Gotteshaus wiederaufgebaut werden, ebenso das zerstörte Pastoralzentrum daneben. „Ich wusste, dass ich Brüder und Schwestern habe, die mich unterstützen“, sagte der Erzbischof dankend zu den rund 400 Wohltätern des Hilfswerks im Maternushaus in Köln.

Auch in Syrien haben die Menschen trotz des Krieges und der Bedrohung durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ am Glauben festgehalten. Der maronitische Erzbischof Joseph Tobji berichtete von Menschen, denen von Terroristen ein Messer an den Hals gehalten wurde, um sie zur Konversion zum Islam zu zwingen. Viele seien selbst in dieser Lage dem christlichen Glauben treu geblieben. Aber es habe auch viele gegeben, die ihren Glauben verloren und sich die Frage stellten, wo Gott angesichts des Kriegs und des Leids sei. Die Christen jedoch, die ihren Glauben als Kreuzesnachfolge verstanden hätten, seien ihrem Bekenntnis treu geblieben. Der 47-Jährige, der erst 2015 zum Erzbischof geweiht wurde, ist auch vorher als Priester bei den Gläubigen in der umkämpften Stadt Aleppo geblieben. „Es ist mein Auftrag, der Wille Gottes, meinem Volk zu dienen. Hätte ich Gott nicht gehorcht, hätte ich die Herde alleingelassen und hätte große Schuld auf mich geladen“, gestand er.


Auch wenn in Aleppo wieder langsam das Alltagsleben zurückkehre, sei der Krieg noch nicht vorbei. Die aktuelle Militäroffensive der Türkei gegen die Stadt Afrin im Norden Syriens sei „eine weitere Episode des Kriegsschauplatzes“. Der Erzbischof verglich sein Heimatland mit einer Torte, die mit leckeren Reichtümern bestückt sei. Jeder wolle etwas oder auch alles davon habe. Einer dieser „Reichtümer“ sei eine Gasleitung von den arabischen Staaten nach Russland und Europa. „Die Religion wurde instrumentalisiert“, sagte er. „Vor dem Krieg ging es uns in Syrien gut, zumindest besser als jetzt. Doch unser Glück kann nur entstehen, wenn wir gemeinsam die Nächstenliebe praktizieren.“

Einen Eindruck von der aktuellen Situation in Aleppo konnten die Gäste im Maternushaus durch eine Live-Schaltung zu Riyadh Jerjo, dem Koordinator für die Hilfe von „Kirche in Not“ in der Stadt, erfahren. Da zum Zeitpunkt der Übertragung kein Strom in Aleppo verfügbar war, konnte der kleine Raum, in dem der Koordinator und einige Schüler saßen, nur mit Kerzen beleuchtet werden. Da auch die Heizung nicht betrieben werden konnte, trugen alle dicke Jacken. Sie dankten den Wohltätern für die großzügige Unterstützung der Schulen, die mit der Hilfe von „Kirche in Not“ wiederaufgebaut werden konnten.

Ein zweites Podiumsgespräch bei der Veranstaltung in Köln befasste sich mit der Frage der Rolle der Christen in der deutschen Gesellschaft. Die Publizistin Birgit Kelle bedauerte, dass das Christentum im öffentlichen Raum auf dem Rückzug sei und sehr viel über Islamisierung, aber weniger über Entchristlichung gesprochen werde. „Entchristlichung fängt damit an, dass wir nicht mehr über den Glauben sprechen. Wir müssen im Alltag wieder das Christsein nach vorne schieben und nicht verdecken“, rief sie die Gäste im Saal auf. „Authentische Christen sind die schärfste Waffe.“

Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Werner Münch, vermisst in den politischen Diskussionen vor allem moralische und ethische Aspekte. Sie seien keine politische Größe mehr. Auch in den aktuellen Verhandlungen zur Großen Koalition spielten vor allem ökonomische Gründe eine Rolle. „Parteipolitisch fühle ich mich heimatlos“, gestand er. „Die Frage ist, ob überall katholisch drin ist, wo auch katholisch draufsteht.“

Der frühere Bundestagsabgeordnete Norbert Geis rief dazu auf, dass das Christentum hierzulande nicht versickern solle, da es unsere Kultur präge. „Was Europa ausmacht, sind die christlichen Werte. Es hat keinen Sinn, wenn sie nicht gelebt werden.“ Die Podiumsteilnehmer vermissten bei den politischen Entscheidungen, vor allem zur sogenannten „Ehe für alle“, eine öffentliche Diskussion und betonten den besonderen Schutz von Ehe und Familie in Artikel 6 des Grundgesetzes.

Der Begegnungstag für Freunde und Wohltäter von „Kirche in Not“ begann mit einem Gottesdienst im Kölner Dom, dem Bischofsvikar Monsignore Dr. Markus Hofmann vorstand. In seiner Predigt ging er auf den Gründer des Hilfswerks, Pater Werenfried van Straaten, und den 2017 verstorbenen ehemaligen Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ein. Sie waren nicht nur gut befreundet, sondern waren auch beide große Marienverehrer. „Maria, die Hilfe der Christen, sieht die Not der Kirche und sie weiß am besten, wie Hilfe zu bekommen ist. Pater Werenfried van Straaten und Joachim Kardinal Meisner haben diese Erfahrung in ihrem Leben ebenfalls und immer wieder gemacht.“ Für beide sei das Rosenkranzgebet wichtig gewesen, aber sie hätten auch gewusst, dass die Not der Kirche geistig, geistlich und leiblich ist. „Der Mensch ist eine Einheit aus Leib und Seele. Darum hilft Kirche in Not von Anfang an leiblich und geistlich: Wasser, Nahrung, Wohnung – Hilfe auf allen Ebenen.“

KIRCHE-IN-NOT-Geschäftsführerin Karin Maria Fenbert (rechts) im Gespräch mit Erzbischof Matthew Man-Oso Ndagoso und Erzbischof Joseph Tobji


Prof. Dr. Werner Münch, Birgit Kelle, und Norbert Geis beim Podiumsgespräch mit Tobias Lehner, Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT (von links)


Bischofsvikar Monsignore Dr. Markus Hofmann bei Predigt im Kölner Dom


Foto (c) Kirche in Not


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