23 Januar 2018, 10:00
Politische Mündigkeit statt Bevormundung
 
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"Wenn sich Kirche durch Laien politisch einbringt, wird nicht religiöse Autorität der Hierarchie missbraucht, um politische Fragen zu klären, das wäre Klerikalismus." Gastkommentar von Generalvikar Martin Grichting/Schweiz am Sonntag

Chur (kath.net/Schweiz am Sonntag)
Religionen vertreten Wahrheiten, die aus ihrer Sicht absolut gelten. In einer pluralistischen Demokratie, welche das Grundrecht der Religionsfreiheit anerkennt, darf aber jeder nach seiner Façon selig werden. Schon Friedrich II. von Preussen stellte dies im 18. Jahrhundert fest. Der Staat auferlegt also keine «wahre» Religion, denn das würde zu Diskriminierung und zu Konflikten führen. Die Geschichte hat es zur Genüge gelehrt. Deshalb stellt sich die Frage: Wie passen wahre Religion und pluralistische Gesellschaft zusammen? Müssen Katholiken, Juden, Hindus und Muslime in einer Demokratie auf den Wahrheitsanspruch ihrer Religion verzichten, indem sie sagen: Alle Religionen sind gleich gültig – und damit letztlich gleichgültig? Oder sollen sie ihre Religion nur zu Hause im stillen Kämmerlein leben, ohne Bezug zur Gesellschaft und ohne Einfluss auf den Staat und seine Gesetze?

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Was wie ein Dilemma aussieht, ist keines, jedenfalls nicht für die katholische Kirche. Nachdem sie im Mittelalter selbst zur Idee des «christlichen Staates» tendierte – mit allen damit verbundenen negativen Folgen – schlägt sie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ein anderes Modell vor. Wesentlich ist dabei die Unterscheidung in die Leitung der Kirche – bei den Katholiken «Hierarchie» (Bischöfe, Priester) genannt – und in die Gläubigen – in der katholischen Kirche als «Laien» bezeichnet. Aufgabe der Hierarchie ist es, für die unverrückbaren Glaubenswahrheiten sowie die sittlichen Gebote einzutreten und diese mit religiöser Autorität zu verkünden. Diese Grundsätze werden aber in einer pluralistischen Demokratie nicht zum Gesetz, was einen Gottesstaat zur Folge hätte. Sondern es ist die Aufgabe der Laien, mit den in der Demokratie zulässigen Mitteln zu versuchen, dem, was ihrem Glauben entspricht, Gehör zu verschaffen. «Laie» ist dabei für die katholische Kirche kein abwertender Begriff. Er kommt aus dem Griechischen und bedeutet einfach: Mitglied des Volkes. Als solche sollen die Laien, auf der Basis ihres christlich geprägten Gewissens, selbstverantwortlich und im eigenen Namen in der Zivilgesellschaft handeln, nicht als verlängerter Arm der Hierarchie. Sie sollen nicht von kirchlichen Organisationen her und unter dem Etikett «katholisch», sondern in eigener Verantwortung als Bürger und Christen politisch wirken. Darin besteht ihre Mündigkeit und ihr unersetzbarer Dienst. Denn wenn sich die Kirche auf diese Weise nicht durch ihre Amtsträger, sondern durch die Laien politisch einbringt, wird nicht die religiöse Autorität der Hierarchie missbraucht, um (tages-)politische Fragen zu klären. Das wäre nämlich Klerikalismus, und der wird in einer pluralistischen Demokratie zurecht abgelehnt. Stichworte dafür wären amtskirchliche Stellungnahmen mit «Jesus-Stempel» zur Angemessenheit der Nutzung der Atomkraft oder zu Verkaufszeiten von Tiefkühlpizzas.

Dieses von der katholischen Kirche vertretene Rezept einer Arbeitsteilung zwischen «religiöser» Hierarchie und «politischen» Laien ist pluralismus- und demokratieverträglich. Es zwingt die Religionsgemeinschaften nicht, als Eintrittsbillett in die pluralistische Gesellschaft auf den Wahrheitsanspruch ihrer Lehren zu verzichten. Es verlangt lediglich Loyalität zum Rechtsstaat, zu seinen Gesetzen und zu den Gesetzmässigkeiten der Entscheidungsfindung in einer pluralistischen Gesellschaft. Dieses Modell dürfte auch auf andere Religionsgemeinschaften anwendbar sein. Entscheidend ist dabei, dass die mit religiöser Autorität ausgestattete Leitung einer Religionsgemeinschaft sich nicht selbst ins (tages-)politische Getümmel stürzt und dadurch die Gläubigen politisch bevormundet. Denn es ist Aufgabe der «weltlichen» Angehörigen der Religionsgemeinschaft, sich als Bürger politisch zu engagieren. Sie sollen gemäss ihrer Glaubensüberzeugung und in Übereinstimmung mit den staatlichen Gesetzen auf dem Feld der Demokratie für ihre Überzeugungen werben und wirken. So passen Religionen mit Wahrheitsanspruch und die pluralistische Gesellschaft zusammen. So können sie in Frieden mit einander leben und für das säkulare Prinzip einstehen, für die Verschiedenheit von politischer und religiöser Sphäre. Mit einem Wort: Gefragt sind in der pluralistischen Demokratie nicht politisierende Religionsführer, sondern Angehörige von Religionsgemeinschaften, die sich als mündige Gläubige und Bürger einbringen.

Martin Grichting ist Generalvikar des Bistums Chur.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der "Schweiz am Sonntag" erschienen.


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Eine katholische Antwort auf den Pluralismus
Von Martin Grichting
Taschenbuch, 64 Seiten
2018 Fontis - Brunnen Basel
ISBN 978-3-03848-143-0
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