17 Januar 2018, 14:57
Herr, mache uns zu Gestaltern der Einheit
 
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Franziskus reiste am Mittwoch in die Region Araukanien. Großes Sicherheitsaufgebot für Papstmesse in Mapuche-Hochburg. Aufruf zur Einheit. Die Predigt im Wortlaut

Santiago (kath.net/KAP/red) An seinem zweiten Besuchstag in Chile wurde Papst Franziskus heute mit einem großen Sicherheitsaufgebot in Temuco erwartet. Laut Medienberichten waren mehr als 4.000 Polizisten sowie mehrere tausend zivile Ordnungskräfte für den Besuch von Franziskus abgestellt.

Temuco ist die Hauptstadt der Region Araukanien, in der seit langem ein Konflikt um die Landrechte der eingeborenen Mapuche herrscht. Franziskus feierte die heilige Messe auf dem Militärflughafen Maquehue, der ebenfalls von Angehörigen des indigenen Volks beansprucht wird. Zuletzt gab es in Chile immer wieder Brandanschläge auf kirchliche Einrichtungen, zu der sich radikale Mapuche bekannten.

Den Berichten zufolge werden die Transfers des Papstes während seines knapp sechsstündigen Aufenthalts auch durch Helikopter und Drohnen sowie durch einen umfangreichen Geleitschutz am Boden abgesichert. Das Gottesdienstgelände kann nach Angaben der Organisatoren bis zu 380.000 Besucher aufnehmen. Viele Pilger wurden aus dem benachbarten Argentinien erwartet, dem Heimatland des Papstes. Die chilenischen Behörden und die Kirche in Temuco hatten rund 15.000 Eintrittskarten für die Papstmesse direkt an die Grenzübergänge geschickt. Insgesamt erwarten die chilenischen Behörden während des noch bis Donnerstag andauernden Papstbesuches in Chile rund 800.000 Argentinier, die ihren Landsmann live sehen wollen.

Franziskus flog Mittwochfrüh von der Hauptstadt Santiago nach Temuco. Der Gottesdienst beginnt um 10.30 Uhr Ortszeit (14.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit). Im Anschluss will der Papst während eines Mittagessens mit Angehörigen der Mapuche sprechen. Nach dem Rückflug setzt Franziskus sein Besuchsprogramm in Santiago fort. Dort ist ein Treffen mit Jugendlichen im Nationalheiligtum Maipu geplant. Dabei will sich der Papst mit einer Rede an die junge Generation wenden. Danach ist eine weitere Rede an der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile vorgesehen.

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Am Dienstag forderte Franziskus zum Auftakt seines Chile-Besuchs die scheidende und die künftige Regierung zum Einsatz für die Jugend und die indigenen Völker des Landes auf. Demokratie dürfe keine Formalie bleiben, sagte er in Santiago vor Regierungsvertretern und Diplomaten. Zudem bat er die Opfer von Missbrauch durch Geistliche um Verzeihung. "Ich kann nicht umhin, den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich im Angesicht jenes nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern durch Geistliche zugefügt worden ist", sagte er und erhielt dafür spontan langen Beifall. Später traf der Papst in "strikt privater Form" in der Nuntiatur mit Missbrauchsopfern zusammen, um sich deren Leidensgeschichten anzuhören.

Ein Höhepunkt des ersten Besuchstags war ein Gottesdienst mit knapp einer halben Million Menschen in einem Park der Hauptstadt. Dabei rief Franziskus die Bevölkerung zum friedlichen Aufbau eines "neuen Chile" auf. Es gelte, sich "die Hände schmutzig zu machen und dafür zu arbeiten, dass andere in Frieden leben können".

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„Ich feiere diese heilige Messe für alle, die gelitten haben und gestorben sind, und für alle, die täglich auf ihren Schultern die Last so vieler Ungerechtigkeiten tragen müssen. Die Hingabe Jesu am Kreuz nimmt alle Sünden und den Schmerz unserer Völker auf sich, einen Schmerz, um erlöst zu werden.“

Die Einheit:
1. Die falschen Synonyme.
2. Die Waffen der Einheit.

„Es ist unverzichtbar dafür einzutreten, dass eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung nicht auf der Grundlage von Gewalt und Zerstörung aufgebaut werden kann, die am Ende Menschenleben einfordert. Man kann nicht Anerkennung verlangen, indem man den anderen vernichtet, weil dies nur zu größerer Gewalt und Spaltung führt. Die Gewalt ruft nach Gewalt, die Zerstörung erhöht vermehrt die Brüche und die Trennungen. Die Gewalt verwandelt die gerechteste Sache zur Lüge. Deshalb sagen wir »nein zur zerstörerischen Gewalt«, in keiner ihrer Formen.“


kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der heiligen Messe auf dem Flughafen Maquehue in Temuco:

»Mari, Mari.« (Guten Tag.)

»Küme tünngün ta niemün!« »Friede sei mit euch!« (Lk 24,36).

Ich danke Gott, dass er mir erlaubt, diesen schönen Teil unseres Kontinents zu besuchen, die Araucanía: ein vom Schöpfer gesegnetes Land: durch Fruchtbarkeit der riesigen grünen Felder, durch aus beeindruckenden Araukarien bestehende Wälder – das fünfte Lob von Gabriela Mistral an diesen chilenischen Boden[1] –, seine majestätischen schneebedeckten Vulkane, seine von Leben erfüllten Seen und Flüsse. Diese Landschaft erhebt uns zu Gott und es ist einfach, seine Hand in jeder Kreatur zu erkennen. Eine Vielzahl von Generationen von Menschen hat diesen Boden geliebt und liebt ihn in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Und ich möchte innehalten und auf besondere Weise die Angehörigen des Volkes der Mapuche begrüßen wie auch die anderen autochthonen Völker, die in diesen südlichen Gebieten leben: die Rapanui (Osterinsel), die Aymara, die Quechua und die Atacameños und viele andere.

Mit den Augen von Touristen betrachtet, wird uns dieses Land begeistern, wenn wir es durchstreifen; wenn wir uns aber seinem Boden nähern, werden wir ihn singen hören: »Arauco hat einen Kummer, den es nicht verschweigen kann, es sind die Ungerechtigkeiten der Jahrhunderte, die alle geschehen sehen«.[2]

Im Zusammenhang der Danksagung für dieses Land und sein Volk, aber auch des Leidens und des Schmerzes feiern wir die Eucharistie. Und wir tun es auf diesem Flugplatz von Maquehue, auf dem schwere Verletzungen der Menschenrechte stattgefunden haben.

Ich feiere diese heilige Messe für alle, die gelitten haben und gestorben sind, und für alle, die täglich auf ihren Schultern die Last so vieler Ungerechtigkeiten tragen müssen. Die Hingabe Jesu am Kreuz nimmt alle Sünden und den Schmerz unserer Völker auf sich, einen Schmerz, um erlöst zu werden.

Im Evangelium, das wir gehört haben, bittet Jesus den Vater: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21). In einer entscheidenden Stunde seines Lebens erbittet er Einheit. Sein Herz weiß, dass eine der schlimmsten Bedrohungen, die die Seinen und die ganze Menschheit heimsucht und heimsuchen wird, die Spaltung und die Konfrontation sein werden, die gegenseitige Unterdrückung. Wie viele vergossene Tränen! Heute wollen wir uns an dieses Gebet Jesu klammern, wir wollen mit ihm in diesen Garten der Schmerzen eintreten, mit unseren Leiden, um den Vater mit Jesus zu bitten, dass auch wir eins seien. Lass nicht zu, dass Konfrontation und Spaltung unter uns überhandnehmen.

Diese von Jesus erflehte Einheit ist eine Gabe, die beharrlich für das Wohl unseres Landes und seiner Kinder erbeten werden muss. Und es ist notwendig, auf mögliche Versuchungen aufzupassen, die aufkommen können und diese Gabe, die Gott uns schenken möchte und mit der er uns einlädt, authentische Akteure der Geschichte zu sein, »in der Wurzel verderben können«.

1. Die falschen Synonyme.

Eine der zu bekämpfenden Hauptversuchungen ist es, die Einheit mit der Einförmigkeit zu verwechseln. Jesus bittet seinen Vater nicht darum, dass alle gleich, identisch seien; denn die Einheit entsteht nicht und wird nicht daraus entstehen, die Unterschiede zu neutralisieren oder verstummen zu lassen. Die Einheit ist nicht ein Trugbild erzwungener Integration oder angleichender Ausgrenzung.

Der Reichtum eines Landes entsteht gerade daraus, dass jeder Teil sich entschließt, sein Wissen mit den anderen zu teilen. Einheit ist und wird nicht eine erstickende Einförmigkeit sein, die für gewöhnlich aus der Vorherrschaft und der Macht des Stärkeren hervorgeht, und auch nicht eine Trennung, die die anderen als gut anerkennt. Die von Jesus erbetene und angebotene Einheit erkennt all das an, was jedes Volk, jede Kultur in dieses gesegnete Land einbringen kann.

Die Einheit ist eine versöhnte Verschiedenheit, weil sie es nicht duldet, dass die persönlichen oder gemeinschaftlichen Ungerechtigkeiten in ihrem Namen gerechtfertigt werden. Wir bedürfen des Reichtums, den jedes Volk einbringen kann und wir müssen die Denkweise ablegen, dass es höhere und niedere Kulturen gibt.

Für einen schönen „Chamal“ sind Weber nötig, die die Kunst verstehen, die verschiedenen Materialien und Farben passend zusammenzufügen; die es verstehen, jeder Sache und jeder Etappe Zeit zu geben. Diesen Prozess kann man auf industriellem Weg nachahmen, aber wir alle erkennen ein maschinell hergestelltes Kleidungsstück.

Die Kunst der Einheit benötigt und fordert echte Meister, die es beherrschen, die unterschiedlichen Stile der Ortschaften, der Straßen, der Plätze und Landschaften aufeinander abzustimmen. Dies ist nicht eine Kunst, die bloß am Schreibtisch oder nur mit Schriftstücken ausgeübt wird, es ist eine Kunst des Zuhörens und des Anerkennens. Hierin wurzelt ihre Schönheit und auch ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Fortschritt der Zeit und den Widrigkeiten, denen sie sich wird stellen müssen.

Die Einheit, der unsere Völker bedürfen, erfordert, dass wir zuhören, aber hauptsächlich, dass wir uns anerkennen, was nicht nur bedeutet, «Informationen über die anderen zu erhalten, […] sondern […], das, was der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist«.[3]

Dies führt uns zum Weg der Solidarität als Mittel, die Einheit zu erreichen, Geschichte zu machen; diese Solidarität, die uns dazu führt zu sagen: Wir brauchen einander mit unseren Verschiedenheiten, damit dieses Land weiterhin seine Schönheit behält. Es ist die einzige Waffe, die wir gegen die »Rodung« unserer Hoffnung haben. Daher bitten wir: Herr, mache uns zu Gestaltern der Einheit.

2. Die Waffen der Einheit.

Wenn man die Einheit auf Anerkennung und Solidarität aufbauen will, so kann nicht jedwedes Mittel zu diesem Zweck eingesetzt werden. Es gibt zwei Arten der Gewalt, die die Einheits- und Versöhnungsprozesse letztlich mehr gefährden als sie voranzutreiben. An erster Stelle müssen wir auf die Ausarbeitung von »schönen« Vereinbarungen achtgeben, die sich niemals konkretisieren. Nette Worte, detaillierte Pläne – so notwendig sie sind – können, wenn sie nicht konkret werden, darin enden «mit dem Ellbogen das auszuradieren, was mit der Hand geschrieben wurde«. Auch dies ist Gewalt, weil es die Hoffnung zunichtemacht.

An zweiter Stelle ist es unverzichtbar dafür einzutreten, dass eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung nicht auf der Grundlage von Gewalt und Zerstörung aufgebaut werden kann, die am Ende Menschenleben einfordert.

Man kann nicht Anerkennung verlangen, indem man den anderen vernichtet, weil dies nur zu größerer Gewalt und Spaltung führt. Die Gewalt ruft nach Gewalt, die Zerstörung erhöht vermehrt die Brüche und die Trennungen. Die Gewalt verwandelt die gerechteste Sache zur Lüge. Deshalb sagen wir »nein zur zerstörerischen Gewalt«, in keiner ihrer Formen.

Diese Haltungen sind wie Lava aus einem Vulkan, die alles vernichtet, alles niederbrennt und nur Kargheit und Verwüstung hinter sich lässt. Suchen wir dagegen den Weg der aktiven Gewaltfreiheit als »Stil einer Politik für den Frieden«.[4] Suchen wir den Dialog um die Einheit und werden wir nicht müde ihn zu suchen. Deswegen sagen wir kraftvoll: Herr, mache uns zu Gestaltern der Einheit.

Wir alle, die wir auf gewisse Weise Volk dieser Erde sind (Gen 2,7), sind zum „guten Leben“ (Küme Mongen) gerufen, wie uns die Ahnenweisheit des Volkes der Mapuche lehrt. Wie viel Wegstrecke ist noch zu gehen, wie viel haben wir noch zu lernen! Küme Mongen, eine tiefe Sehnsucht, die sich nicht nur aus unseren Herzen erhebt, sondern die wie ein Ruf, wie ein Gesang in der ganzen Schöpfung erschallt. Deshalb, Brüder, sagen wir für die Kinder dieser Erde, für die Kinder ihrer Kinder mit Jesus zum Vater: Auf dass auch wir eins seien; mache uns zu Gestaltern der Einheit.

_________________________

[1] Gabriela Mistral, Elogios de la tierra de Chile.

[2] Violeta Parra, Arauco tiene una pena.

[3] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 246.

[4] Botschaft zum Weltfriedenstag 2017.

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Papst Franziskus Apostolische Reise nach Chile - Heilige Messe 17.1.2018







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