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Die Ukraine bleibt auf dem Weg nach Europa
 
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Filaret Denisenko, Patriarch der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, zur bevorstehenden Reise des Papstes in die Ukraine, zur Moskauer Kampagne gegen den Papstbesuch und zum Verhältnis von Kirche und Politik in der Ukraine. Das Gespräc

Filaret Denisenko leitete von 1968-1992 die Russisch-Orthodoxe Kirche/Moskauer Patriarchat in der Ukraine. Als russisch-orthodoxer Metropolit von Kiew hatte er bis zur Wende gegen Bestrebungen nach einer unabhängigen Ukraine gekämpft. Auch hat er in dieser Zeit die Fortexistenz der 1946 mit der Russisch-Orthodoxen Kirche zwangsvereinigten und blutig verfolgten Griechisch-Katholischen Kirche stets bestritten, was er nun als einen seiner schwersten Fehler bezeichnet. Nachdem 1990 ein Versuch Filarets, Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche zu werden, gescheitert war, gelang es ihm, in der Ukraine eine moskaufeindliche Kirchenorganisation aufzubauen, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, die aber von der Weltorthodoxie bisher nicht anerkannt ist. Ukrainische Politiker wie der frühere Präsident Krawtschuk unterstützten ihn dabei. 1997 wurde Filaret von der Bischofssynode der Russisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert. Im Gegensatz zum Moskauer Patriarchat begrüßt Filaret den für 23.-27. Juni geplanten Besuch des Papstes in der Ukraine.

Die Ukraine zählt etwa sechs Millionen Katholiken, das sind mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. In der Westukraine, zu der vor allem das bis 1918 österreichische Galizien gehört, stellen Katholiken die Bevölkerungsmehrheit. Etwa fünf Millionen Ukrainer bekennen sich zur Griechisch-Katholischen Kirche. Eine Million Menschen, meist polnischer Abstammung, sind Katholiken des römischen Ritus. Beim letzten Konsistorium im Februar wurden die Oberhäupter beider Kirchen, Großerzbischof Lubomyr Husar und Erzbischof Marian Jaworski, gleichzeitig zu Kardinälen ernannt. Die ukrainische Katholiken wurden während der Verfolgungszeit besonders vom internationalen Hilfswerk "Kirche in Not/Ostpriesterhilfe" unterstützt. Heute helfen neben "Kirche in Not" vor allem Caritas-Organisationen, Renovabis sowie die Amerikanische Bischofskonferenz.

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MICHAEL RAGG: Eure Heiligkeit, wie stehen Sie zum geplanten Besuch des Papstes in der Ukraine?

PATRIARCH FILARET: Der Besuch des Papstes ist zum einen ein Staatsbesuch auf Einladung des Präsidenten Leonid Kutschma. Zum anderen ist es ein Pastoralbesuch der ukrainischen katholischen Kirchen. Der Papst hat jedes Recht, in die Ukraine zu kommen. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats begrüßt den Besuch und hofft, dass er die Beziehungen zwischen den Kirchen vertiefen wird. Erstmals seit tausend Jahren reist ein Bischof von Rom in die Ukraine. Darum ist auch die Aufmerksamkeit in der Welt so groß.

Warum läuft das Moskauer Patriarchat läuft Sturm gegen den Papstbesuch?

Es fürchtet den katholischen "Proselytismus", also die Abwerbung von Gläubigen. Es fürchtet, dass ein Teil der orthodoxen Gläubigen der Ukraine unter dem Einfluss des Papstbesuches ihren orthodoxen Glauben verlassen und katholisch werden könnte. Im Prinzip sind auch wir gegen Proselytismus, egal, ob von katholischer, orthodoxer oder protestantischer Seite. Aber wir glauben nicht, dass der Besuch des Papstes auf eine Aktivierung des Proselytismus in der Ukraine ausgerichtet sein wird. Die Ukraine hat keine Angst vor Proselytismus. In der Ukraine konnte jetzt schon jeder, der wollte, katholisch werden. Deswegen glauben wir, dass es keine weiteren Übertritte geben wird.

Patriarch Alexij vom Moskauer Patriarchat wirft der griechisch-katholischen Kirche in der West-Ukraine, in Galizien, die gewaltsame Vertreibung der Orthodoxen vor. Zurecht?

Was Patriarch Alexij gesagt hat entspricht nicht den Tatsachen - weil in der West-Ukraine die orthodoxe Kirche stark ist. Dort gibt es das Kiewer Patriarchat mit sechs Eparchien (Diözesen) und die Autokephale Orthodoxe Kirche mit drei Eparchien. Insgesamt hat die orthodoxe Kirche in den drei westukrainischen Provinzen etwa 1.300 Gemeinden. Das Moskauer Patriarchat hat in diesem Gebiet etwa 150 Gemeinden. Das zeigt, dass das Moskauer Patriarchat in dieser Region eine Niederlage erlitten hat, aber nicht durch die griechisch-katholischen Gläubigen, sondern durch jene orthodoxen, die nicht zum Moskauer Patriarchat gehören wollen. Wenn wir von Problemen in der West-Ukraine sprechen könnten, dann wären das höchstens Probleme zwischen der griechisch-katholischen Kirche und dem Kiewer Patriarchat.

Gab es hier Probleme?

Es ist bekannt, dass Galizien früher beinahe ganz griechisch-katholisch war. Aber in den sowjetischen Zeiten wurde dort die orthodoxe Kirche gegründet. Die griechisch-katholische Kirche war verboten. Nach der Unabhängigkeit ist sie wieder erstanden und konnte sich weiter entwickeln. Anfang der neunziger Jahre gab es einen heftigen Kirchenkampf, vor allem um das Eigentum an den Kirchengebäuden. In den letzten Jahren ist ein Streit beinahe nicht mehr erkennbar. Viele Kirchen wurden seither neu gebaut, sowohl griechisch-katholische als auch orthodoxe, und es gibt einfach keinen Grund, gegeneinander zu kämpfen.

Das Moskauer Patriarchat befürchtet durch den Papstbesuch auch eine Aufwertung der beiden anderen orthodoxen Kirchen, Ihrer Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und der Autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine.

Das Moskauer Patriarchat möchte, dass die ukrainischen orthodoxen Kirchen unter den Kirchen der Welt isoliert bleiben. Eine Begegnung des Papstes mit diesen Kirchen führt sie natürlich aus dieser Isolation heraus. Und damit werden diese Kirchen in einem gewissen Sinn gestärkt. Das ist eine sehr wesentliche Frage für uns.

Auch die Politik interessiert sich sehr für diese Fragen...

In der Tat hat die kirchliche Situation auch politische Bedeutung. Deswegen hat auch der russische Premierminister den Papst gedrängt, sich nicht mit den "Abtrünnigen" zu treffen. Allein diese Tatsache deutet darauf hin, wie sehr Moskau eine Begegnung des Kiewer Patriarchen mit dem Papst fürchtet. Deshalb führt das Moskauer Patriarchat einen so aggressiven Kampf gegen den Besuch des Papstes. Deshalb gibt es auch die Versuche aus Moskau, den Besuch des Papstes zu beeinflussen, dass er nicht Kiew besucht, sondern nur Lemberg. Wir finden, dass das nicht gerechtfertigt ist, zumal der Papst auch auf Einladung des ukrainischen Präsidenten in die Ukraine kommt. Und der Präsident der Ukraine hat seine Residenz nicht in Lemberg, sondern in Kiew.

Was stört die politische Führung Russlands am Papstbesuch?

Der Besuch eröffnet der Ukraine noch stärker die Möglichkeit, in die Europäische Gemeinschaft einzutreten. Russland fürchtet sehr, dass die Ukraine ihre Politik nach Europa ausrichtet und möglicherweise sogar der NATO beitritt. Deshalb sucht Moskau, alles zu erschweren, was die Ukraine Europa näher bringt..

Werden Sie den Papst treffen?

Soweit ich informiert bin, ist eine Begegnung des Papstes mit den Mitgliedern des Ukrainischen Kirchenrates geplant. Da unsere Kirche diesem Rat angehört, sind wir dabei. Ansonsten hängt es vom Papst ab, ob er uns treffen will. Ich glaube, dass der Papst an einer Begegnung interessiert sein wird. Wenn er sich nicht mit Vertretern der Orthodoxie treffen würde, würde er signalisieren, an einer Begegnung zwischen Katholiken und Orthodoxen nicht interessiert zu sein. Das hieße, dass auch die anderen Katholiken sich nicht mit Orthodoxen treffen sollten. Der Papst wird die Ukraine verlassen, aber die Katholiken werden bleiben. Und in der Ukraine gibt es natürlich mehr Orthodoxe als Katholiken. Wenn sich nach der Abreise des Papstes die Beziehungen zwischen den Konfessionen verschlechtern sollten, wäre das für die Katholiken schlechter als für die Orthodoxen. Ich glaube, dass der Papst an einer Entwicklung der ökumenischen Beziehungen interessiert ist.

Sie haben gute Beziehungen zur griechisch-katholischen Kirche und mit ihr auch schon einen gemeinsamen Hirtenbrief herausgegeben. Wie weit kann die Zusammenarbeit gehen? Bis hin zu einer vollen Vereinigung, die auch mit Rom in Gemeinschaft steht?

Sie haben richtig gesagt, dass wir gute Beziehungen zu den Vertretern der griechisch-katholischen Kirche, aber auch zu den Vertretern der römisch-katholischen Kirche haben. Das gab uns die Möglichkeit, einen gemeinsamen Hirtenbrief im Zusammenhang mit der politischen Situation an die Ukrainer zu richten. Die Frage einer Vereinigung zwischen der griechisch-katholischen und der orthodoxen Kirche in der Ukraine kann nicht auf nationaler Ebene entschieden werden. Alle orthodoxen und katholischen Kirchen müssen dieses Problem lösen. Eine Vereinigung in eine gemeinsame Kirche der Orthodoxen und der Griechisch-katholischen in der Ukraine scheint mir unmöglich. Aber diese Frage sucht bereits seit mehr als vierhundert Jahren eine Lösung.

Wie beurteilen Sie die politische Situation nach dem Sturz des Ministerpräsidenten Juschtschenko?

Das Kiewer Patriarchat, die Autokephale Kirche und die Griechisch-katholische Kirche sind mit dem Sturz von Ministerpräsident Viktor Juschtschenko nicht einverstanden. Wir machen daraus keine Tragödie, denn wir halten es nicht für möglich, dass die Kommunisten und die Oligarchen die Demokraten in der Ukraine besiegen könnten. Juschtschenko war sowohl gegen die einen als auch gegen die anderen. Deswegen haben sie sich zusammengetan und Juschtschenko abgesetzt. Aber wir wissen, dass die Ukrainer ein vernünftiges Volk sind und die richtigen Konsequenzen aus den Ereignissen ziehen werden. Wir sind überzeugt, dass die Ukraine weiterhin einen demokratischen Weg einschlagen und bestrebt sein wird, in die Europäische Gemeinschaft einzutreten.

Wie hat sich das religiöse Leben in der Ukraine nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt?

Das religiöse Leben in der Ukraine war auch in der Sowjetzeit auf ziemlich hohem Niveau. Damals standen sechzig Prozent aller Gotteshäuser der gesamten Sowjetunion in der Ukraine. Die religiöse Aktivität in der Ukraine war sehr hoch und ist seit der Unabhängigkeit noch gewachsen. Seit der Unabhängigkeit sind allein zweitausend orthodoxe Kirchen gebaut worden und das unter den Bedingungen einer schweren Wirtschaftskrise. Während in kommunistischer Zeit eher ältere Leuten zur Kirche gegangen sind, kommen heute ganze Familien, junge Leute und Kinder. Aber natürlich gibt es auch neue Probleme im Leben der Kirche. Die Aufspaltung der ukrainischen Orthodoxie in drei Teile, die großen Schaden für die Re-Spiritualisierung der Ukraine anrichtet. Das Vorhandensein totalitärer Sekten aus Ost und West, die es früher in der Ukraine nicht gab.

Sie legen großen Wert auf Schulunterricht in christlicher Ethik. Warum?

In der West-Ukraine wird in den Schulen bereits christliche Ethik gelehrt. Natürlich gibt es starken Widerstand seitens der Kräfte, die es nicht gern sehen, dass die Religion Einfluss auf Kinder hat. Heute entsteht ein starker Druck durch Kräfte der Unmoral, die die Moral unterminieren, Kräfte, die man heute auch im westlichen Europa sieht. Wenn wir denn moralischen Stand der Gesellschaft in Europa und Amerika betrachten, dann sehen wir eine Tendenz nach unten, die sich jährlich verstärkt. Drogensucht, Alkoholismus, Prostitution, Homosexualität und andere sind Massenphänomene. Die christliche Familie, die in der europäischen Tradition immer die Basis der Gesellschaft war, verliert an Kraft. Wir beobachten einen Bevölkerungsrückgang in den europäischen Ländern und in Amerika. Nach unserer Ansicht gibt es ohne schulischen Religionsunterricht keine spirituelle Wiedergeburt.(M3)

Weitere Informationen zum Papstbesuch unter www.papalvisit.org.ua (Seite der Griechisch-Katholischen Kirche, englisch, in Kürze auch in deutscher Sprache). Weitere Informationen zum Papstbesuch unter www.papalvisit.org.ua (Seite der Griechisch-Katholischen Kirche, englisch, in Kürze auch in deutscher Sprache).

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