09 Dezember 2017, 11:00
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Sierra Leone: Denn als der Krieg vorbei war, folgte der Zusammenbruch der Gesellschaft - Von Mónica Zorita und Tobias Lehner.

München (kath.net/ Kirche in Not)
Es ist schwer, die blutige Geschichte eines Landes zu vergessen, wenn das Straßenbild nach wie vor von den Opfern geprägt ist. Menschen mit verstümmelten Gliedmaßen sind Alltag in Sierra Leone. „Kurze oder lange Arme?“, fragten die Rebellen der Revolutionary United Front, ehe sie zur Machete griffen. Das Abtrennen der Hände oder gleich des ganzen Arms wurde zum grausamen „Markenzeichen“ im Bürgerkrieg, der von 1991 bis 2002 in dem westafrikanischen Land tobte. Filme wie der Hollywoodstreifen „Blood Diamond“ mit Leonardo DiCaprio haben die explosive Situation um illegalen Diamanten- und Waffenhandel, Korruption, Kindersoldaten und Söldnertrupps weltweit in die Wohnzimmer getragen. Das kollektive Trauma, das auch 15 Jahre nach Kriegsende über dem Land liegt, lassen sie außen vor.

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Auf den Straßen Sierra Leones wird sogar das Trauma sichtbar: Kinder ziehen ziellos umher, verstoßen und geächtet. Sie stammen aus Vergewaltigungen. Die Kriegstruppen setzten junge Mädchen unter Drogen. Sie waren leichte Beute. Solche Gewalttaten sind jüngste Gegenwart in Sierra Leone. Denn als der Krieg vorbei war, folgte der Zusammenbruch der Gesellschaft, ein Strudel aus Vertreibungen, Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption, aber auch Naturkatastrophen wie immer wiederkehrende Regenfälle und zuletzt – Ebola.

Der Epidemie in Sierra Leone und den Nachbarländern Liberia und Guinea kostete nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation über 11 000 Menschen das Leben, über 28 000 Krankheitsfälle wurden gezählt. Es war die schlimmste Ebola-Epidemie seit Entdeckung der Krankheit. Seit vergangenem Jahr scheint sie weitgehend eingedämmt – dank rigider Quarantäne, Desinfektionsmaßnahmen und sogar Hausdurchsuchungen nach Erkrankten.

Doch die Angst ist allgegenwärtig, auch vor einer anderen Art „gesellschaftlicher Krankheit“, der Habgier. Denn neben Diamanten liegen noch weitere Rohstoffe wie Platin, Rhodium und Eisenerz im Boden. Doch die Bevölkerung Sierra Leones profitiert nicht von diesem Reichtum – ganz im Gegenteil. Ein aktuelles Beispiel erlebte Kinga von Poschinger, Projektreferentin der weltweiten Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, als sie das Land vor wenigen Wochen besuchte. „Ein Bürgermeister hatte 300 Bewohner eines Dorfes aufgefordert, innerhalb weniger Tage ihrer Heimat zu verlassen. Die Häuser sollen abgerissen werden, um eine weitere Diamantmine zu errichten. Das Land ist schon jetzt eine graue Mondlandschaft, zerwühlt und ohne Leben“, erzählt von Poschinger.

Aber es gibt auch die sehr lebendige Seite Sierra Leones: eine Gesellschaft, die ihren Weg in die Zukunft sucht. Der Zusammenhalt ist hoch, das politische System stabil, es gibt erste Erfolge im Kampf gegen die Korruption. Auch die Menschenrechtslage hat sich trotz Rückschlägen gebessert, haben internationale Organisationen festgestellt.

„Für afrikanische Verhältnisse eher ungewöhnlich ist das gute Miteinander der Religionen“, erklärt von Poschinger. 70 Prozent der Einwohner Sierra Leones sind Muslime, 25 Prozent Christen – davon etwa jeder Zehnte katholischer Konfession. Religiöse Gewalt kommt selten vor. „Die gegenseitige Achtung geht soweit, dass Eltern und Kinder ein und derselben Familie unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören können.“ Groß ist die Bedeutung der katholischen Kirche für das Schulwesen, wie auch in anderen afrikanischen Ländern. Die katholischen Schulen sind für Christen und Muslime gleichermaßen offen.

Nach dem Kampf ums Überleben in den Kriegs- und Krisenjahren liegt der Fokus der Kirche in Sierra Leone jetzt darauf, die pastorale Arbeit zu verbessern. Denn: „Viele Verantwortlichen berichteten uns, dass dem Glauben Tiefe und Spiritualität fehlen“, erklärt von Poschinger. „Viele Menschen wählen ihre Religion nach rein pragmatischen Gesichtspunkten. Ein Priester aus der Hauptstadt Freetown sagte mir: ,Sie sind wie Schafe ohne Hirten‛, ihnen fehlt die geistliche Leitung.“

Deshalb wurde „Kirche in Not“ um Hilfe gebeten. Das Hilfswerk unterstützt unter anderem den Aufbau und die Renovierung von sogenannten Seelsorgezentren. Das sind Einrichtungen, in denen Beratungs-, kirchliche Ausbildungs- und Evangelisierungsangebote unter einem Dach vereint sind. Auch die Weiterbildung der Priester mit mehr als zehn Dienstjahren ist Teil der Förderung. „Wir wollen auch ein Treffen ins Leben rufen, damit sich alle Diözesen des Landes über aktuelle Themen austauschen können“, erzählt von Poschinger. „Sierra Leone braucht jede Stärkung im Kampf um eine gute Zukunft, die es kriegen kann. Glaube und Kirche können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.“


Um die Arbeit der Kirche in Sierra Leone weiterhin unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – entweder online unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Sierra Leone


Foto: Kirche in der Region Kenema. Sie soll für eine neue Diamantenmine weichen. © Kirche in Not

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