26 November 2017, 10:00
Libanon: ‘Christen müssen im Nahen Osten bleiben’
 
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Maronitischer Bischof über wachsende Spannungen und Beitrag der Christen zur Friedenssicherung.

München (kath.net/ KiN)
Jeder dritte Einwohner ein Flüchtling: 1,5 Millionen Menschen haben im Libanon Zuflucht gefunden; die meisten kommen aus Syrien. Keine Nation hat mehr Geflüchtete aufgenommen. Die Flüchtlingshilfe liegt nahezu vollständig in den Händen ausländischer Hilfsorganisationen und der lokalen Kirchen. Deren Engagement stößt bei den einheimischen Gläubigen nicht nur auf Zustimmung, berichtet der maronitisch-katholische Bischof Michel Aoun, ein Namensvetter des libanesischen Präsidenten. Aoun leitet das Bistum Jbeil/Byblos, das eine Autostunde nördlich der Hauptstadt Beirut an der Mittelmeerküste liegt.

Verstärkt durch die aktuellen Turbulenzen um Ministerpräsident Hariri sehen Beobachter den Libanon am Rande eines Bürgerkriegs. Denn durch die starke Zuwanderung sunnitischer Muslime ist das mühsam gewahrte soziale Gleichgewicht des Landes gestört. Darüber und warum der Libanon ein Vorbild für den Nahen Osten sein kann, hat Joop Kopmann von „Kirche in Not“ USA mit Bischof Aoun gesprochen.

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Joop Koopman: Herr Bischof, wie ist die aktuelle Lage der Flüchtlinge?

Bischof Michel Aoun: In jeder Stadt und jedem Dorf im Libanon leben Flüchtlinge. Viele sind in Privatunterkünften untergekommen und konnten die Lager verlassen. Flüchtlinge erhalten Unterstützung von internationalen Organisationen wie „Kirche in Not“. Aber sie suchen dringend Arbeit. Das ist offiziell nicht erlaubt. So blüht die Schwarzarbeit mit sehr niedrigen Löhnen. Die Folgen spüren alle: Die libanesische Bevölkerung wird ärmer. Als Kirche stehen wir vor einer besonderen Herausforderung. Es ist unsere Aufgabe, den syrischen Flüchtlingen zu helfen. Das verärgert aber viele Libanesen, die sich selbst mehr und mehr als hilfsbedürftig ansehen. Die Lage wird schwieriger.

Nun haben in Syrien die Auseinandersetzungen etwas nachgelassen. Kehren dadurch wieder mehr Flüchtlinge in ihre Heimat zurück?

Die Rückkehr hat noch nicht so eingesetzt, wie wir uns das wünschen. Unter den muslimischen Flüchtlingen sind viele Gegner von Präsident Assad. Sie hoffen, dass die internationale Gemeinschaft eingreift, um sie vor Verfolgung durch das syrische Regime zu schützen. Es gibt noch ein weiteres Problem: Die Flüchtlinge leben jetzt seit mehreren Jahren im Libanon. Manche möchten nicht zurück, weil ihnen der Libanon gewisse Freiheiten bietet, die in einem totalitären System wie Syrien nicht erlaubt sind.

Ist die hohe Zahl sunnitischer Flüchtlinge im Libanon eine Gefahr für die Stabilität des Landes?

Die Aufnahme einer großen Zahl von Sunniten kann das soziale und politische Gefüge in Gefahr bringen. Der Libanon muss das Gleichgewicht wahren. Wir brauchen hier eine Lösung. Sonst sehe ich die Gefahr, dass viele Christen den Libanon verlassen könnten. Zurzeit sind wir etwa 38 Prozent Christen, 62 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, davon jeweils zur Hälfte Sunniten und Schiiten, die Flüchtlinge nicht eingerechnet. Die Christen dürfen nicht zu einer kleinen Minderheit werden.

Unabhängig von der Flüchtlingskrise: Bestehen im Libanon Spannungen zwischen Christen und Muslimen?

Nein, zwischen beiden Religionsgemeinschaften herrscht seit Jahrzehnten Harmonie. Diese Kultur der Toleranz ist in den Herzen der Libanesen tief verankert. Häufig sind an den katholischen Schulen 15, 20 oder noch mehr Prozent der Schüler Muslime. Ihre Eltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder an unseren Schulen grundlegende Werte lernen.

Könnte der Libanon in dieser Hinsicht ein Vorbild für den Nahen Osten sein?

Auf jeden Fall! Der heilige Johannes Paul II. hat einmal gesagt, der Libanon habe durch das Miteinander von Christen und Muslimen eine Botschaft für die ganze Region. Die Weltgemeinschaft muss uns helfen, diese einzigartige Situation zu bewahren. Der Libanon zeigt dem Nahen Osten und der Welt, dass Christen und Muslime in Frieden leben können.

Worin besteht aus Ihrer Sicht der entscheidende Unterschied, warum es im Libanon weitgehend klappt und woanders nicht?

Die Muslime im Libanon sind sehr stark von Christen geprägt – anders als die Muslime in Syrien oder im Irak. Im Libanon leben wir ganz selbstverständlich miteinander. Die Muslime lernen so viele christliche Werte kennen, dazu gehört auch der Einsatz für Toleranz und Demokratie. Das ist ein lebenswichtiges, unersetzliches Geschenk der Christen an die Region!

Was wünschen sich die Christen im Libanon von den Christen im Westen?

Es wäre sehr gut, wenn die Christen im Westen verstärkt Petitionen an ihre Regierungen richten würden, um sie auf die Bedeutung der christlichen Präsenz aufmerksam zu machen. Anscheinend stehen manchmal wirtschaftliche Gesichtspunkte bei der staatlichen Hilfe im Vordergrund. Die Christen müssen im Nahen Osten bleiben – ihre Präsenz ist notwendig. Dafür sollten die westlichen Regierungen eintreten.


Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ fördert seit Beginn der Flüchtlingskrise im Libanon zahlreiche Flüchtlingsprojekte. Ziel ist es, den Geflüchteten eine Zukunftsperspektive in ihrer Heimatregion zu ermöglichen. Ein Schwerpunkt der Hilfen liegt auf der Unterbringung und Versorgung Tausender Kriegsflüchtlinge in der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze.

Auch in anderen Landesteilen unterstützt „Kirche in Not“ die Flüchtlingsarbeit der dortigen Gemeinden: zum Beispiel in der Stadt Zahlé, wo in einer Suppenküche rund 1000 Flüchtlinge und notleidende Einheimische verköstigt werden.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Arbeit von Ordensgemeinschaften, die sich der medizinischen und psychologischen Betreuung von Flüchtlingen widmen.

Um weiterhin helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.de oder an:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Libanon


Foto: Kinder vor einer Flüchtlingsbaracke in Zahlé, 55 Kilometer östlich von Beirut. © KIRCHE IN NOT







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