20 November 2017, 10:30
Ehe und Familie: Auslauf- oder Zukunftsmodell?
 
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Was war die Familie gestern, was ist sie heute und was kommt künftig auf die Familie zu? Teil 1/1 Gastbeitrag von Hartmut Steeb

Breitscheid (kath.net) Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die schriftlichen Notizen zu einem dreiteilen Vortrag, den Hartmut Steeb bei der Freien Evangelischen Gemeinde Breitscheid im Oktober gehalten hat. Steeb ist der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Mitglied der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, aktiver Lebensschützer sowie Vater von zehn Kindern. kath.net dankt Herrn Steeb für die Erlaubnis, diese Ausführungen zu veröffentlichen. Die weiteren Teile werden folgen.

Zwei Vorbemerkungen:

1. Vielleicht erwarten Sie, dass ich als „Experte“ in Sachen Familie zu lauter Betroffenen rede. Als Betroffene sind Sie aber selbst Experte. Es gibt ja niemand, der vom Thema Familie nicht existenziell betroffen ist und sich deshalb auch zurecht auf eigenständige Erfahrungen berufen kann, die alles allgemeine relativieren können. Sie sind Betroffene oder Experte mit positiven oder negativen Familienerfahrungen, mit Hochglanzerinnerungen oder mit Mangelerscheinungen. Sie haben das Glück einer Familie erlebt oder Sie sind familiengeschädigt usw.

Ich habe versucht meine Erfahrungen als Kind, als Jugendlicher, als Heranwachsender mit sehr gediegener pietistischer Erziehung - in Stichworten: Morgenandacht (beim Frühstück) mit Losung und Andachtsbuch, mittags Andacht (beim Mittagessen) mit dem Neukirchener Kalender, Abendandacht (nach dem Abendessen) mit jeweils einem Kapitel aus der Bibel vorgelesen, fortlaufend von 1. Mose bis Offenbarung und wieder von vorne; Sonntag morgens Gottesdienst, anschließend Kindergottesdienst, Sonntag nachmittags Gemeinschaftsstunde meine Erfahrungen im Umgang mit jungen Menschen und ihren Familien in über zwanzig Jahren ehrenamtlicher Jugendarbeit, (davon fast 20 Jahre in der Leitung eines gemeindlichen Jugendwerks mit bis zu 60 ehrenamtlichen Jugendmitarbeitern), meine Erfahrungen als jung verheiratet (ich habe mich am Tag vor meinem 20. Geburtstag verlobt und mit 21 ½ Jahren geheiratet) - ich habe also 21 Jahre auf meine Frau gewartet -und meine Erfahrungen als Ehemann und Vater von 10 Kindern im Alter von inzwischen 21 bis 41 Jahren; davon sind inzwischen 6 verheiratet und wir freuen uns über 16 Enkel, von zwei Insidern bis zum 10 Jährigen.

nicht einfach auszuwerten und daraus eine Theorie zu entwickeln für die Familie als Auslauf- oder Zukunftsmodell, sondern auch das Wissen einiger Vollzeitexperten dazu zu nehmen, also solcher, die sich beruflich mit der Familie befassen, einschließlich des umfangreichen Familienreports 1994, des Berichts der Deutschen Nationalkommission für das internationale Jahr der Familie 1994, ein dicker Schmöker, der für heutige Verhältnisse natürlich fast schon uralt ist. Aber haben wir nicht gerade erst 500 Jahre Reformation gefeiert? Vielleicht kann man ja auch aus neueren alten Dokumenten schon manches lernen! - und anderes mehr.


2. Zur Themenformulierung:

Ehe und Familie – Auslauf- oder Zukunftsmodell? Wir haben das bewusst mit Fragezeichen geschrieben, obwohl ich solche Suggestivfragen ja gar nicht liebe. Aber die gesellschaftliche Diskussionslage schaut ja ganz danach aus, als ob man einerseits Ehe und Familie als Relikt aus mittelalterlichen Zeiten gerne auch in die Archiv-Schubladen einreihen würde und ihnen – höchstens – dort noch ein ehrwürdiges Andenken bewahren. Aber andererseits scheinen diese Relikte aus alter Zeit plötzlich eine neue Faszination zu bekommen. Während man in den letzten Jahrzehnten über die Bürgerlichen eher mitleidig gelächelt hat, die noch heiraten wollten, Ehe schließen, wollen jetzt plötzlich die Menschen die Ehe sogar für Alle! Also gar nicht mehr nur Mann und Frau als potentielle Väter und Mütter sondern alle, die irgendwie zusammenleben oder zusammen lieben wollen jetzt Ehe heißen und sein. Und bei der Familie ist es ähnlich: War früher der Familienbegriff klar: Vater, Mutter, Kind soll jetzt Familie überall dort sein, wo Erwachsene irgendwie Verantwortung für Kinder übernehmen und mit ihnen irgendwie verbunden sind. Ich warte noch drauf, dass man auch die Kindertagesstätten und die Ganztagsschulen als Familien bezeichnen will. Denn dort geschieht das ja schließlich auch und zeitlich und quantitativ ja gar nicht mit so kleinen Lebensanteilen verbunden.

Aber zu diesen Fragen dann eher morgen Abend noch mal mehr.

Ja, es stimmt, Familie ist keine Erfindung der Moderne, sie ist eine sehr natürliche Grundordnung menschlichen Zusammenlebens, die früher gar keiner Begründung bedurfte sondern wie selbstverständlich als tagtägliche Wirklichkeit wahrgenommen und gelebt wurde.

Ich will keine historische Vorlesung über die Bedeutung der Familie absolvieren, aber doch deutlich vor Augen führen, was die Familie früher war: Was war die Familie gestern? Sie war als selbstverständliche Lebensform ein Stabilisator, eine Keimzelle der Gesellschaft, ein Haus, in das man sich zurückziehen konnte und in dem man in entspannter Atmosphäre neue Kräfte für das Erwerbsleben und für das Leben in der größeren Gesellschaft sammelte.

Zweifellos war die Familie in früheren Jahrhunderten eine viel umfassendere Lebensgemeinschaft, im Regelfall war sie zugleich auch die gemeinsame Erwerbsgemeinschaft, der Lebensraum von Arbeit und Freizeit insgesamt. Die gemeinsame Arbeit der Eltern und der Kinder im bäuerlichen Leben der Eigenversorgung und im Bereich des Handwerks war selbstverständlich.

Und die Familie war auch die funktionierende Sozialstruktur, bis hin zur Kranken- und Altersversorgung. Von der Wiege bis zur Bahre waren nicht Formulare bestimmend, sondern die familiäre Beziehung.

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Und die Familie heute? Jedenfalls eine solche Familienstruktur ist starken Angriffen ausgesetzt. Solche Ehen und Familien sollen nach den Vorstellungen vieler nicht mehr die vorherrschende und allein bestimmende Größe sozialer Beziehungen sein. Und darum hat man sich in den letzten zwanzig Jahren erfolgreich daran gemacht, systematisch und emotional den Institutionen Ehe und Familie ihre absolute Vorrangstellung zu nehmen. #
Warum stehen Ehe und Familie in unserem Grundgesetz in Artikel 6 mitten drin in den Freiheitsrechten? „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Gemeinschaft“. Das ist in erster Linie ein Freiheitsrecht gegenüber einem Staat und einer Gesellschaft, die selbst in den privatesten Bereich des Menschen Einfluss nehmen wollen. Und sie stehen nicht nur unter dem Schutz der Freiheit sondern sogar unter dem „besonderen“ Schutz, weil den Verfassungsgebern klar und bewusst war, dass Ehe und Familie auch eine besondere Aufgabenstellung in jeder Gesellschaft haben. Geht es im allerkleinsten Bereich gut, dann ist das die beste Voraussetzung dafür, dass es auch in größeren Zusammenhängen mit dem Miteinander klappt. Und natürlich stimmt das umgekehrte auch und erst recht: Wenn es schon in der kleinsten Zelle der Gemeinschaft nicht funktioniert, nicht gut geht, wie soll es dann im Großen gehen?

Auch wenn noch viele unserer Zeitgenossen eine positive Grundeinstellung zu Ehe und Familie haben, so ist der Verlust an Prägekraft dieser sozialen Institutionen doch für jeden unübersehbar. Das ist natürlich nicht nur das Ergebnis politischen Handelns sondern sozialer Veränderungen in der Gesellschaft. Aber es stimmt auch nicht, dass die Politik nur nachfolgend klärt, was in der Bevölkerung schon lange gärt – Politik kann prägen. Politik kann steuern. Politik kann ideologisieren. Und das hat sie getan. Ich nenne nur Stichworte:

- Lebenspartnerschaftsgesetz, dass die bisherige herausragende - auch rechtlich herausragende – Stellung der Ehe und Familie wegnimmt. Und nun gefolgt in diesem Sommer von der ad hoc Entscheidung der Parlamente zur Veränderung des Ehebegriffs, dass er nicht mehr länger heterosexuellen Gemeinschaften gilt. Wie oft muss ich hören: Den Heterosexuellen wird doch nichts weggenommen, wenn man anderen Lebenspartnerschaften das Gleiche gibt. Doch: Ihnen wird die herausragende Stellung, die Einzigartigkeit, ja, die bewusste Priorisierung genommen.

- Aber schon längst davor: Scheidungs- und Unterhaltsrecht, das nicht mehr Treue und Beständigkeit belohnt, weit von Gleichwertigkeit und Gleichschätzung kindlicher Fürsorge mit außerfamiliärer Erwerbstätigkeit entfernt ist und das Einstehen für die Kinder und damit für die Nachhaltigkeit kommender Generationen nicht angemessen berücksichtigt
- die einseitige Förderungspraxis nicht-familiärer Erziehungsleistung gegenüber der familiären Erziehung

- das Prostitutionsgesetz, das zwar Prostitution als ordentlichen Beruf bewertet, nicht aber die Arbeit für die eigene Ehe und die eigene Familie und die eigenen Kinder

- die Ausgestaltung des Elterngeldes, das sich weder am Kindeswohl noch an den wirklichen Familienbedürfnissen orientiert sondern am Diktat der Wirtschaft und dem Zur-Verfügung-Stellen von Arbeitskraft

- Eine völlige Entartung der in früheren Jahren notwendigen Gleichberechtigungsdebatte, die zu einer Gleichheitsideologie wurde, aus Gleichberechtigung Gleichstellung machte und schließlich in der nicht im geringsten Maße ordentlicher Wissenschaftlichkeit Genüge leistenden Gender-Ideologie landete, die gleichsam wie eine scheinbare Naturgewalt als soziologische Vergewaltigung alles in den Bann zu ziehen scheint (morgen dazu mehr!).

Man könnte fortfahren: Das alles ist dann verbunden mit einer Uminterpretation der Begriffe Ehe und Familie in den Medien, in Gesetzen, beim Gericht und nicht zuletzt auch in Äußerungen meiner Evangelischen Kirche, so besonders augenfällig und negativ herausragend in der Schrift „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ 2013 und durch die der Bundestagsentscheidung vorauseilende Erklärung des Rates der EKD, dass gegen eine „Ehe für alle“ aus Sicht der EKD nichts einzuwenden sei.

Freilich müsste ein glaubwürdiger Protest gegen solche Regelungen und Entwicklungen auch damit verbunden sein, offen und klar einzugestehen, dass der bisher verfassungsrechtlich garantierte besondere Schutz von Ehe und Familien jahrzehntelang – auch nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts – nicht in erforderlichem Maße gewährt wurde. Die quantitativ vielen und qualitativ gehaltvollen Urteile des Bundesverfassungsgerichts gegen familienrechtliche Festlegungen schon in den 90er Jahren richteten sich ja nicht gegen grün-rote Parlamentsmehrheiten sondern in der Hauptsache gegen Entscheidungen, die unter CDU-geführten Regierungen zustande kamen.

Hinter diesen Haltungen steckt ja so ungefähr die Haltung: wer sich auf familiäre Beziehungen einlässt, tut das ja aus eigener Überzeugung. Ehe und Familie werden zum Hobby erklärt. Viele sehen deshalb gar nicht ein, weshalb Familien heute aufmüpfig werden und nicht mehr länger einseitig die Lasten der Kindererziehung tragen wollen, die Nutzen aber gleichmäßig auf alle verteilt werden.

Nach diesen einleitenden Worten jetzt der Versuch der Entfaltung des Themas:


B Hauptteil

1. Fakten, Zahlen:


Ich war zu einem Vortrag in Mailand eingeladen. Beim Mittagstisch wollte ich endlich mal wissen, warum die als so kinderfreundlich geltenden Italiener genauso wenig Kinder haben wie wir Deutschen. Die Antworten waren verblüffend und kamen rasch, wie vorbereitet:

- Ein Kind kostet 800 Euro im Monat. Das können sich die meisten nicht leisten

- Ein Kind muss überall hingefahren werden, zum Kindergarten, zur Schule, zum Musikunterricht. Das kostet Geld. Alleine gehen können sie insbesondere auf dem Land nicht. Es ist zu gefährlich im Straßenverkehr, weil es keine Gehsteige gibt und weil es keinen ausreichenden Schutz vor Kindesentführungen gibt.

- Um sich ein Kind leisten zu können, müssen beide Elternteile außerfamiliär erwerbstätig sein. Mit den Fahrdiensten bekommt man das vor allem bei mehr als einem oder zwei Kindern gar nicht organisiert.

- Sicherlich nur drei der Problemlagen. Sie werden nicht konsequent genug analysiert und darum auch nicht konsequent zu Lösungen geführt. Zwar zahlt die italienische Regierung jetzt für jedes Neugeborene einmalig 2.500 Euro. Aber das hilft noch nicht grundlegend genug. Also stirbt auch das italienische Volk lieber freiwillig aus.

Weitere Fakten, die ich nur ansatzweise in den Raum werfe:

- Eheschließungen nehmen ab:

- 2011: 377.000 – fast kontinuierlich Jahr für Jahr abnehmend; 1988: vor 25 Jahren waren es noch 535.000, also Abnahme um ca. 30%!
- Ehescheidungen stagnieren einigermaßen, gehen mitunter sogar leicht zurück.

- 2011 187.600!

– Wir hatten schon 213.000 jährlich - Natürlich können ja Ehen, die nicht geschlossen worden sind, auch nicht geschieden werden. Aber 1991 waren es 136.000, also eine Steigerung um ca. 37 % in 20 Jahren. – ganz grob: 30% Abnahme der Eheschließungen, 30% Zunahme der Ehescheidungen in den vergangenen 25 Jahren

Die Zahl der Scheidungswaisen beträgt 148.200! Das sind 523.000 enttäuschte und verletzte Menschen, im Jahr! Ich weiß gar nicht, ob wir das erahnen können, was das für eine Gesellschaft bedeutet. Im Leben über einer halben Million Menschen zerbrechen jedes Jahr kühnste Träume, die wichtigste Beziehung für einen Menschen. Die Zahl reicht bald an die Einwohnerschaft von Stuttgart ran. Und dabei sind die ja noch gar nicht mitgezählt, die unverheiratet, aber doch wie ein Ehepaar zusammengelebt haben, also die unverheiratet Geschiedenen.

- Man muss das ins Verhältnis setzen zu den Ehen, die durch Tod beendet werden – das waren 2005 336.000. d.h. 37,5% aller zu Ende gehenden Ehen sind durch Scheidung zu Ende gegangen und 62,5% durch Tod. Die Zahlen 1990 waren 29,4% durch Scheidung und 71,6 % durch Tod.

- Kinderreiche Familien gelten als Exoten. Nur 5 % der Frauen haben 3 und mehr Kinder.

- - In Deutschland gibt es mehr kinderlose Ehepaare als Ehepaare mit Kindern. Dabei ist der Anteil der Alleinerziehenden in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gestiegen.

- Die Zahl der Ehescheidungen liegen bereits über einem Drittel aller heute geschlossener Ehen. Die Wahrscheinlichkeit der Ehescheidung bei heutigen Eheschließungen liegt bei ca. 50 %.

- Über die Hälfte der Bevölkerung erzieht kein oder nur ein Kind. Kinderreiche Familien sind in einer kleinen Minderheit. In nur jedem sechsten Haushalt (ca. 6 Mio. Haushalte) leben zwei und mehr Kinder, aber nur in jedem 20. Haushalt (ca. 1,75 Mio. Haushalte) leben drei und mehr Kinder. Nicht einmal drei Prozent der Ehepaare haben vier und mehr Kinder.

- - Das Bestandserhaltsminimum für eine nationale Bevölkerung beträgt etwa 210 Kinder pro 100 Frauen. Wir liegen derzeit zwischen 120 und 130.

- - Die durchschnittlichen Aufwendungen für den Lebensunterhalt von Kindern betragen etwas über 400 Euro pro Monat. Die Gesamtkosten für die tatsächliche Aufwendung in Geld bewertbarer Erziehungsleistung von 2 Kindern, also die entsprechenden Lebens- und Unterhaltskosten sowie das durch die Erziehungsarbeit einer Vollzeitmutter bzw. -hausfrau allein bis zum 18. Lebensjahr entgangene Arbeitsentgelt beträgt etwas über eine halbe Million Euro. Damit geht mit der Entscheidung zur Vollzeitmutter oder zum Vollzeitvater fast während der ganzen Lebensarbeitszeit ein dramatischer Abstieg im Lebensstandard einher.


2. Begriff(e) der Familie:

Was ist eigentlich eine Familie (wir müssen uns in der sich ständig verändernden Zeit angewöhnen, immer wieder die Grundfragen neu zu stellen)? Als die Väter des Grundgesetzes den Artikel 6 formuliert haben: „Ehe und Familien stehen unter dem besonderen Schutz des Staates“, da hatten sie ein bestimmtes Ehe- und Familienverständnis. Der Normalfall damals war, dass Mann und Frau verheiratet Kinder zeugen, gebären und erziehen. Dies war der Leitbegriff, auch wenn es zu allen Zeiten davon erhebliche Abweichungen gab. (Aber die Ausnahmen davon waren eben die nicht-ehelichen Kinder oder die unvollständigen Familien.)

Die Deutsche Nationalkommission hatte 1994 dem gegenüber formuliert: „Die Familie ist eine auf Ehe, Abstammung oder Ausübung der elterlichen Sorge gegründete Verbindung von Personen.“

Später wurde in politischen Kreisen Familie mitunter definiert: Wo Erwachsenen mit Kindern zusammen leben, ist Familie! – also auch Kindergarten, Schule?

Und dann startete man die Anti-Diskriminierungsdebatte und man beklagte es sei eine Diskriminierung, wenn man Lebensverbindungen ohne Kinder nicht auch Familie nennen dürfte.

Und nun hat ja im letzten Jahr die sogenannte „Orientierungshilfe“ der EKD dies fast kirchenamtlich so formuliert (ich sage „fast“, weil diese Schrift ja keine Denkschrift ist, kein verabschiedetes Dokument sondern ein Papier zur Diskussion. Nur: Wer soll das eigentlich noch unterscheiden?): In der Schrift unter dem Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ heißt es dann, dass es darum geht, dass überall dort, wo Menschen „verbindlich, verantwortlich und verlässlich“ zusammenleben, dies gleich gestellt werden müsse mit dem Wert von Ehe und Familie.

Ich sehe Ehe und Familie in ihrem Wesen als Stiftungen Gottes an. Der Mensch ist keine Erfindung des Menschen, sondern die Idee Gottes, des Schöpfers unseres Universums. Bei aller Hochachtung vor Ihnen, keiner von uns wäre in der Lage gewesen, diese genialste Erfindung aller Zeiten in die Wege zu leiten. Und dass die Gattung Mensch männliche und weibliche Spezies hat, dass ist auch die Erfindung Gottes mit all dem, was dazu gehört: Die Überwindung der Einsamkeit, die phantastische Gabe der Geschlechtlichkeit mit der Möglichkeit der sexuellen Gemeinschaft zwischen Mann und Frau und vieles andere mehr.

Ist es nicht logisch, dass derjenige, der etwas erfindet, plant, konstruiert, erschafft und herstellt, auch am besten weiß, wie es zu gebrauchen ist? Natürlich kann man sich auch seine eigenen Gedanken darüber machen und Gegenstände anders gebrauchen als dazu, wofür sie gedacht sind. Aber am besten ist es doch zweifellos, die Anleitung zum Leben vom Erfinder und Schöpfer selbst entgegenzunehmen.

Vom biblischen Menschenbild her dürfen wir davon ausgehen, dass Mann und Frau von Gott zur Gemeinschaft miteinander geschaffen und zur lebenslangen Verbindung aufeinander bezogen sind. Diese Schöpfungsordnung Gottes hat Jesus und in seiner Nachfolge auch Paulus und die anderen Apostel bestätigt (z.B. 1. Mose 1,27; 2, 18-24; Mt. 15, 5ff; 1. Kor. 7; 1. Tim 3). Es geht also nicht nur um ein traditionelles sondern um ein biblisch begründetes Leitbild Familie. Weil ich davon überzeugt bin, dass die Ordnungen Gottes die effektivsten Hilfen zu einer idealen Lebensgestaltung sind, deshalb möchte ich auch für die Familie von morgen daran festhalten.
Dass im Hinblick auf den wirtschaftlichen Schutz familiärer Strukturen auch familiäre Teil-Strukturen einbezogen werden müssen und wir natürlich dafür zu sorgen haben, dass auch Kinder, die nicht aus nicht diesem Leitbild sondern aus anderen Verbindungen kommen, möglichst wenig weitere Nachteile erfahren, betone ich zur Vermeidung von sonst entstehenden Missverständnissen - Keine Diskriminierung von Kindern!

Die menschlichen Schwierigkeiten heutiger Kinder, die durch das Miterleben elterlicher Liebe- und Treulosigkeit oder der begrenzten Liebe und Treue auf Zeit auftreten werden, sind noch gar nicht absehbar. Wie soll ein Mensch zu lebenslanger Treue, Liebe und Hingabe fähig werden, der in einer „Patchwork-Familie“ groß wird?

3. Ehe und Familie bedürfen des besonderen Schutzes:

Ich plädiere leidenschaftlich dafür, dass auch künftig Rechte und Pflichten einander zugeordnet werden. Die lebenslange Treuegemeinschaft in der Ehe ist nach meiner tiefsten Überzeugung ohne qualitative Konkurrenz. Ehe ist die schöpfungsgemäße Zuordnung der Gemeinschaft zwischen Mann und Frau und es ist deshalb richtig, daß auch die Gesellschaft diese eheliche Ordnung achtet und schützt. Natürlich werde ich auch als Christ in der nachchristlichen Epoche nicht verhindern können und müssen, dass auch andere Lebensformen nicht-ehelicher Gemeinschaften existieren. Aber weil sie nicht die gleichen Pflichten des Füreinander-Sorgens übernehmen wollen, können sie auch nicht die gleichen Rechte des staatlichen Schutzes in Anspruch nehmen. Auch sind gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften von Männern oder Frauen nicht unter den gleichen Schutzmantel zu nehmen, weil sie eben nicht zugleich Keimzellen für Familien sind, die auch für die Generationenfolge sorgen und damit eben nicht den unersetzbaren und unvergleichlichen sozialen Dienst für die Gesellschaft tun.

Es geht hier nicht um die Diskriminierung anderer Lebensformen. Wer vielmehr andere Lebensformen mit Ehe und Familie gleichsetzen möchte, der diskriminiert die besonderen Leistungen der Ehen und Familien für diese Gesellschaft. Wenn gar Kirche unter Gottes Segen stellen will, was gegen Gottes Wort ist – voreheliche, außereheliche, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften oder Ehescheidungen - dann diskriminiert die Kirche Gottes Ordnungen und damit disqualifiziert sie sich selbst.


4. Familie – Zukunftsmodell:

4.1. Gesundbrunnen der Gesellschaft:

Keiner zweifelt an der Notwendigkeit für ein gezeugtes Kind, neun Monate in der behüteten Atmosphäre des Mutterleibes heranzuwachsen. So wächst ein Mensch auch nach der Geburt am besten in der behüteten Atmosphäre einer Familie mit Mutter und Vater und - wenn irgend möglich - mit Geschwistern heran. Menschen, die so aufwachsen können und deren Mütter und Väter ihre Aufgaben als Eltern und Erzieher recht wahrnehmen, sind auch statistisch gesehen die gesündesten Menschen. In der Atmosphäre der Familie geschieht Entspannung und neue Kraftzuteilung für die Aufgaben des Alltags. Die Familie bietet auch den idealen Rahmen für eine ausgleichende Freizeitgestaltung im Tagesablauf.

4.2. Treuegemeinschaft:

Menschliche Beziehungen sind auf Zuverlässigkeit, Wahrhaftigkeit, Liebe und Treue angewiesen. Liebe ohne Treue ist höchstens Liebelei. Wer zu einem anderen Menschen sagt, „Ich liebe Dich“, dabei aber das Ende der Liebe als Möglichkeit einkalkuliert, der lügt. Aus der festen Treuegemeinschaft heraus gestaltet sich auch das gemeinschaftliche Leben in Nachbarschaft, Gesellschaft und Staat zu einer hilfreichen Gemeinschaft. Gerade die Politik-, Industrie-, Sport-, Kultur- und Medizinskandale unserer Zeit zeigen den Weg der Welt ohne solche Treue. Wer um der Treue willen auf eigene Vorteile nicht verzichten kann, zerstört auch den gesellschaftlichen Grundkonsens.

4.3. Soziales Lernen

Auch wenn unser Staat ein hohes Maß an Bildung bietet und wir ja auch Kinder zur Ausbildung nötigen (allgemeine Schulpflicht), so ist der freiheitliche Staat gut beraten, wenn er sich nicht die gesamte Bildung der Persönlichkeit auf seine eigenen Fahnen schreibt. Das unterscheidet ihn gerade vom ideologie-abhängigen Staat und der Einheitsgesellschaft. In der kleinsten Verantwortungsgemeinschaft der Familie entstehen natürliche Sozialbeziehungen. Durch die gemeinsame Zeugung eines Kindes übernehmen die Ehepartner die Erstverantwortung für das Leben eines neuen Menschen und Staatsbürgers. Der vor allem Anfang an auf andere menschliche Hilfe angewiesene Mensch erfährt in der unvergleichbaren Ehe- und Familiengemeinschaft Angenommensein und lernt später andere Menschen in ihrer ganzen Eigenart anzunehmen. Familie ist die entscheidende Bedingung für die grundlegende Vermittlung sozialer Werte und darin auch Voraussetzung einer auf Zukunft hin orientierten Gesellschaft. Sie ist auch der Ort der Solidarität für ältere und behinderte Angehörige. Sie ist Ort der Förderung und Regeneration von Begabungen, Fähigkeiten und Kräften von Menschen. Sie verleiht - wie keine andere Lebensformen - menschliche Grundstabilität.

4.4. Generationenvertrag:

Insbesondere die Sorge um das eigene Lebensglück, die eigene Lebensverwirklichung, hindern Menschen Kinder zu wollen, vor allem auch noch mehr als zwei. Damit ist der ungeschriebene Generationenvertrag gekündigt. Existierten frühere Generationen und die Mehrzahl der weltweiten Völkergemeinschaften auch heute noch ohne die Früchte des hervorragend aufgebauten Sozialstaats mit seiner allgemeinen gesellschaftlichen Solidarität, sondern nur aufgrund der selbst geschaffenen Solidarität in der Familie, so war der Aspekt des Generationsvertrags in der kleinen Zelle der Familiensippe für jeden deutlich täglich erkenn- und spürbar. In der Zeitspanne der mittleren Generation sorgte man sowohl für die Kinder als auch für die Eltern, die einstens für sie in ihrer Kleinkinderzeit gesorgt hatten. Die sozialen gesellschaftlichen Solidaritätsgemeinschaften sollten die daraus entstehenden Nachteile derer beseitigen, die in einen solchen Generationenvertrag nicht eingebunden waren und deshalb ohne eigene Schuld in die Vereinsamung und deshalb auch in die Verarmung hineinfielen. Es ist auch eine Frage der Verantwortung für die kommende Generation, ob wir bereit sind, Kinder zu gebären und zu erziehen. Hier ist auch elementare politische Verantwortung wahrzunehmen (Jeremia 29).

Vielleicht wenden Sie ein, dass es ohnehin schon viel zu viel Menschen auf dieser Welt gäbe. Unsere Verantwortung als eine der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt besteht darin, durch Mission und Entwicklungshilfe die Lebensbedingungen für Zeit und Ewigkeit für die Menschen in den Armutsgebieten zu verbessern. Wenn wir aber unsererseits den Generationenvertrag aufkündigen, werden im Laufe der Zeit alle unsere Gaben gebraucht werden, um unseren eigenen Wohlstand mit Klauen und Zähnen und eines Tages vielleicht sogar mit Waffengewalt zu verteidigen. Die Möglichkeit zur wirksamen Hilfe hängt entscheidend auch davon ab, dass wir nicht aus selbstverschuldetem Absterben und Aussterben unsere Hilfsmöglichkeiten selbst beschränken. Wer in den Industrienationen wegen der Welt-Überbevölkerung für weniger Geburten plädiert, entzieht sich auch der wirtschaftlichen Weltverantwortung. Gott hat in unsere Hände mit der Einsetzung der ehelichen Gemeinschaft und der Gabe der Sexualität viel mehr Verantwortung gelegt, als viele von uns ahnen!

4.5. Wirtschaftsfaktor Familie:

Gesunde Familien übernehmen zugleich für die Gesellschaft große Leistungen, die viel zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Es wurde als großer familienpolitischer Erfolg gefeiert, dass wir inzwischen einen Rechtsanspruch für alle Kinder für Ganztagesbetreuung haben. Das soll jetzt noch weiter ausgedehnt werden. Dabei lernt man langsam, dass die Betreuer dafür vielleicht auch gar nicht auf dem Markt zu haben sind. Darum sollen jetzt – so verlautet aus den Sondierungsgesprächen in Berlin – auch Betreuungsstandards und ähnliches beschlossen werden. Dagegen muss man ja zunächst nicht mal sein! Aber was leisten jene Familien, die für ihre Kinder einen solchen Platz nicht in Anspruch nehmen? Was leisten jene, die eine eigene Ganztagesbetreuung für ihre Kinder in der Familie anbieten und deshalb keinen noch viel teureren Hortplatz benötigen? Warum fördert die staatliche Gemeinschaft nicht zuerst das Original sondern Kopien, Hilfskonstruktionen? Was leisten jene, die aufgrund ihrer eigenen ganztägigen Gemeinschaft anderes nicht in Anspruch nehmen müssen, wie Psychologische Beratungsstellen, Jugendberatungsstellen, Jugendhäuser, ärztliche Behandlungen bis hin zur geringeren Kriminalität? Natürlich sind Kinder aus Familien nicht vor allen Gefahren gefeit, aber sie sind seelisch und körperlich gesünder.

4.6. Lebensqualität:
Hoffentlich gewinnen Sie nicht den Eindruck, dass es nur um materielle Dinge ginge, um Fragen des nüchternen Abwägens von Kosten und Nutzen für die Gesellschaft. Ich betone das aber, weil wir das auch als Argumentation gegenüber jenen brauchen, für die mindestens auf den ersten Blick schwer nachzuvollziehen ist, weshalb sie sich auf eine biblisch-christlich begründete Wertorientierung einlassen sollen. Ehe und Familie ist eben nicht nur eine Institution für Christen und diejenigen, die sich an Gottes Gebot halten oder in der alten Tradition vielleicht auch nur aus Bequemlichkeit mitschwimmen. Es ist vielmehr eine Lebensordnung für alle Menschen. Man muß nicht erst Christ werden, bevor man ein Ja zu Ehe und Familie finden kann. Ich will gerne bewusst die Diskussion mit jenen aufnehmen, die meinen, es gäbe wirkliche Alternativen zu diesen hergekommenen Werte-Gemeinschaften.

Es geht auch um eine gesellschaftliche Verantwortung. Geld und Gut lassen sich messen. Gesundheit lässt sich inzwischen weithin auch zahlenmäßig beziffern und Krankheit muß bezahlt werden. Aber das sagt noch nichts über Lebensqualität aus, die einen Gesunden von einem Kranken vielleicht unterscheidet. Wir brauchen Familien auch morgen, weil sie unverzichtbare Lebensqualität bieten.

Die moderne Industriegesellschaft schwankt zwischen Vereinsamung und Vermassung. Zur Lebensqualität gehört die kleine auf Dauer angelegte Treuegemeinschaft, in der man Lachen und Weinen, Erziehen und Altwerden, Entspannen und Kräfte sammeln, sich freuen und klagen, getragen werden und tragen kann, kurzum: Leben in der Fülle. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Die Gemeinschaft von Mann und Frau in der Ehe, die dann auch zu einer Familiengemeinschaft werden, ist und bleibt, das qualifizierteste Lebensmodell.


5. Familie als Auslaufmodell?

In der Tat habe ich den Eindruck, dass nicht wenige heute die Familie als Störfaktor sehen, obgleich das (noch) nicht viele so artikulieren. Für wen ist die Familie Störfaktor? Wer würde sie gerne als Auslaufmodell sehen?


5.1. Für eine falsch verstandene Liberalisierung:

Manche sehen noch immer alle Ordnungen als Feinde wahrer Freiheit, natürlich auch alle Schöpfungsordnungen Gottes. Wer dies so sieht und nicht mehr in der ordnenden Schöpferhand die Chancen für einen gemeinsamen Konsens zur Gestaltung des Lebens und des Zusammenlebens, der ärgert sich natürlich auch an der Ordnung Gottes für Ehe und Familie.

Weil man freilich inzwischen auch merkt, dass sich solche Langzeitinstitutionen wie Familie doch auch langlebig erweisen wird sie jetzt von innen durch eine Egalisierung ausgehöhlt. Jetzt will einfach jeder Familie sein. Dann gibt es sie zwar noch, aber sie ist nicht mehr das, was sie einmal war und was sie sein könnte. Ebenso gilt das natürlich auch für die Ehe!

Freiheit ohne Bindung führt aber letztlich in die Brutalität, auch der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist gerade fast modern geworden, sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit zu geißeln. Manche geben gerade ihre Ämter zurück. Das kritisiere ich nicht. Aber ich kritisiere die verlogene Gesellschaft, die sich dahinter verbirgt. Denn wir züchten doch seit langem diese Gesellschaft durch eine bindungslose Mediengesellschaft, die sich durch stumpfsinnige Programme von Sexualdarstellungen und Gewalt selbst eine sexualisierte Gesellschaft und ein Gewaltpotential erzieht. Gibt es Fernsehfilme ohne sexuelle Übergriffe, Krimis ohne solche und ohne Gewaltdarstellungen? Menschliche Beziehungen und dazu gehören in besonderer Weise auch die sexuellen Beziehungen, sind eben sehr viel mehr als Essen und Trinken, als Hab und Gut. Ich wage die Behauptung, dass die ständigen steigenden zunehmenden seelischen Erkrankungen sehr wohl viel damit zu tun haben, dass wir die kleinste unverzichtbare Zelle des geordneten häuslichen Miteinanders in Ehe und Familie verloren haben. Denken Sie an die vielen verletzten Persönlichkeiten, Beziehungsstörungen, Rücknahmeerklärungen ausgesprochener Liebesbezeugungen, Aufkündigung von Treue. Das Weglaufen aus gemeinsamer Geschichte und gemeinsamem Erleben fügen seelische Verletzungen zu, die Menschen tief schädigen.


5.2. Für eine unbeschränkte Selbstverwirklichung:

Wer nur sich selbst und seine Verwirklichung sucht, seine Lust, sein Glück und die Verantwortung für sein Tun ablehnt, weil er sich nur sich selbst gegenüber verantwortlich weiß, dem sind die familiären Strukturen ein Hindernis. Denn gerade davor sollen sie bewahren, dass der Mensch nicht einmal mehr im kleinsten Umfeld, im täglichen nahen Miteinander bleibende Verantwortung wahrnimmt. Familien richten sich gegen die unbeschränkte Selbstverwirklichung.

Wir werden am Donnerstag ja auch über Fragen des Lebensschutzes sprechen, z.B. über die 100.000 Kinder die jährlich in Deutschland durch Gewalteinwirkungen, verharmlosend Abtreibungen genannt, daran gehindert werden, das Licht der Welt zu erblicken: Die Einwohnerschaft einer ganzen Großstadt. Der Menschenrechtsskandal schlechthin. Aber in unserem Zusammenhang jetzt nur mal eine kleine Nebenbeobachtung dieses Skandals: Die Frage ist leider tabuisiert, wie so viele wichtige Fragen in unserer Gesellschaft, wer denn dafür die Kosten übernimmt. Wenn zwei sich miteinander sexuell einlassen, und dabei ein Kind gezeugt wird, dann stellt sich ja die Frage, was geschieht. Wenn der Mann sagt: Das ist dumm gelaufen! Aber Tamara, jetzt stehe ich zu dir und jetzt stehen wir das miteinander durch! Dann zahlt dieser Mann für die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung 25 Jahre lang Unterhalt. Wenn er aber – was in solchen Fällen meistens geschieht – Tamara zur Abtreibung drängt oder gar zwingt, dann trägt er im Regelfall noch nicht mal selbst die Kosten dafür. Also: Wer Verantwortung übernimmt, bezahlt, wer Verantwortung ablehnt, spart! Warum? Warum muss er nicht wenigstens die Kosten bezahlen? Soviel muß das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft dann doch wert sein und es ist doch gar nicht einzusehen, weshalb ein verantwortungsloser Umgang mit der Gabe der Sexualität am Ende noch billiger sein soll als ein Bordellbesuch!


5.3 Die Einheitsgesellschaft:

Es ist vielleicht längst noch nicht allen bekannt, dass die Familienpolitik in der ehemaligen DDR in Form der direkten Unterstützung der Familie vordergründig sehr viel günstiger war als jetzt und in den alten Bundesländern. Dies führte ja zu vielen verständlichen Frustrationen im Bereich der Neuen Bundesländer. Familie musste gefördert werden und zwar kräftig, weil die sozialistische Einheitsgesellschaft natürlich auch auf Nachwuchs angewiesen war. Es brauchte Kinder, die später den Faktor Arbeit im materialistischen Sozialismus übernehmen konnten. Die Einheitsgesellschaft hat natürlich auch dafür gesorgt, dass genügend Kindergärten und Kinderhortplätze zur Verfügung standen. Denn an der Erziehung der Kinder durch die Familie war man nicht interessiert. Erziehung ist in der Einheitsgesellschaft Aufgabe der Gesellschaft. Dies erleichtert die Formung der Menschen, so wie es die Gesellschaft braucht. Auch deshalb sehe ich mit großer Skepsis die Bemühungen um ständige Ausweitungen der sozialen Dienstleistungen zur Kinderbetreuung. Reicht die Schulpflicht noch nicht? Jetzt brauchen wir für die Kleinsten der Kleinen Ganztagesbetreuung und natürlich dann auch Ganztagesschulen und – obwohl wir schon keine guten Schulbildungen mehr schaffen – auch bald noch Vorschulpflicht, Kindergarten- und Kindertagesstellen-Bildung. Wollen wir die Erziehung, die nach dem schon erwähnten Artikel 6 des Grundgesetzes, die zuvörderst den Eltern obliegende Pflicht ist, immer mehr von den personalen Eltern auf die bezahlten Erzieher abwälzen? Geschieht hier nicht langfristig noch viel mehr als die lapidare Zielsetzung „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ vermuten lässt?

Für die Einheitsgesellschaft ist auch die Ehescheidung kein großes Problem, weil die allzu familiären Beziehungen hinderlich werden können für die Durchdringung der Ideologie. Und die Problematik der Scheidungswaisen wird tabuisiert.


5. 4. Der Emanzipationsbewegung:

Wenn Sie die Diskussion um die Familienpolitik verfolgen, dann stellen Sie leicht fest, dass der eindeutige Schwerpunkt auf dem Thema liegt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch als Teil der Beseitigung von „Benachteiligungen der Frau“. Man kann sagen, dass die Politiker darin den Schlüssel einer erfolgreichen Familienpolitik sehen. Die diesbezüglichen Vorschläge überschlagen sich geradezu, ohne dass bisher ein wirklich überzeugendes brauchbares Modell entwickelt wird. Aus der gesuchten Vereinbarkeit wird weithin eine Doppelbelastung und nicht selten eine Dreifachbelastung, weil überdies Beziehungen zerbrechen. Natürlich liegt das alles an den Männern, die sich nicht genügend an der Arbeit im Haus und in der Erziehung beteiligen. Es gäbe genug Grund, jetzt ein heißes Plädoyer an uns Männer zu richten. Aber die Verantwortung des Mannes in der Familie und Gesellschaft ist ein weiteres eigenständiges Thema.

Darf man aber heute auch wieder einmal die Frage stellen, ob diese Emanzipationsbewegung wirklich zur Verwirklichung des Lebensglücks beiträgt oder wird man dann gleich als Patriarch oder als Fetischist gebrandmarkt? Ist es wirklich das Anliegen der Frauen, den von Männern aufgestellten Maßstäben zu entsprechen, dass die außerhäusliche Erwerbstätigkeit mehr zählt als die zukunftsträchtige Arbeit zu Hause? Oder hat Irmela Hofmann, die mit ihrem Mann die Offensive junger Christen gründete nicht sehr viel mehr Wahrheit ausgedrückt als sie uns das Wort übermittelte, das sich meine Frau gerne über den Schreibtisch hängen ließ: „Ich arbeite in der wichtigsten Werkstatt des Atomzeitalters – heute sage ich: In der wichtigsten Werkstatt des 21. Jahrhunderts, wo die Zukunft gestaltet wird und die Gegenwart ihren Gehalt gewinnt: Ich bin Hausfrau und Mutter von drei Kindern!“

Darf ich das so als älter werdender Vater sagen - ich gehöre ja seit einiger Zeit zur Generation KvA = Kurz vor Achtzig - ? Ich wünsche mir mehr selbstbewusste Frauen, die nicht dem Zeitgeist und dem von Männern geprägten Idealen hinterherlaufen sondern die ihrer Zeit voraus sind und in kluger Analyse erkennen und danach handeln, dass der einst von Alexander Mitscherlich festgestellten „vaterlosen Gesellschaft“ nicht jetzt im 21. Jahrhundert auch noch die „mutterlose Gesellschaft“ folgen darf – die dann natürlich zu einer kinderlosen und folgerichtig zu einer zukunftslosen Gesellschaft führt.


5.5. Der Ellbogen- und Karrieregesellschaft:

Wir Männer dürfen es nicht zulassen, dass andere Werte Ehe und Familie zerstören. Dazu gehört jene Ellbogengesellschaft, die den Menschen nur unter dem Gesichtspunkt der Leistung und Arbeitskraft sieht und die ihn gegebenenfalls zu Höchstpreisen aufkauft und auspumpt, auch wenn die Familie dadurch zerstört wird. Das ist ein außerordentlich heikles Kapitel, auch für mich persönlich. Zwar wird unsere Leistungskraft in den evangelikalen Werken nicht zu Höchstpreisen abgekauft. Aber nicht wenige Ehen und Familien von christlichen und evangelikalen Funktionären sind gefährdet, weil andere Werte Ehe und Familie als Störfaktoren empfinden. Hier müssen wir widerstehen. Ich rede mir selbst zum Gericht. Natürlich habe ich wegen der Fülle meiner Verpflichtungen ein ungewöhnliches Maß an Arbeit zu leisten – ich liebe ja die 40 Stunde Woche so sehr, dass ich sie gerne zweimal mache. Aber ich höre jeden Tag spätestens um 24 Uhr mit der Arbeit auf, auch wenn sie nicht erledigt ist und beginne nie vor 0 Uhr.

Wie froh bin ich, dass ich hier nicht das Thema des Zeitmanagements zwischen Ehe, Familie und Beruf zu behandeln habe.


5.6. Die internationalen Bevölkerungspolitik:

Die Weltgemeinschaft sieht eine wesentliche Ursache der Zwei-Drittel-Armutsgesellschaft im Bevölkerungswachstum in der Welt der Armut. Dabei wird völlig verkannt: Weniger Bevölkerung schafft nicht mehr Wohlstand. Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt. Richtig ist vielmehr, dass mehr Wohlstand langfristig zu einem geringeren Bevölkerungswachstum führt. Besonders grauenvoll ist, wenn die Länder des Westens meinen, ihrer Weltverantwortung dadurch gerechter werden zu können, dass sie den ärmeren Ländern eine Minimierung der Bevölkerung vorschreiben. Es funktioniert auf freiwilliger Basis auch nirgendwo. Und dort wo vielleicht aufgrund minimaleren Bevölkerungswachstum ein Stück Wohlstandswachstum erkennbar ist, ist dieser mit Blut und Tränen erkauft, wie z.B. in China, wo dann die Tötung ungeborener Kinder und nicht selten auch der dann noch weniger gewünschten bereits geborenen Mädchen zur Methode wird. Beschämt und erbost muß man dann schließlich zur Kenntnis nehmen, dass auch deutsche Steuergelder über die internationalen Organisationen zur Entwicklung der Abtreibungspille und deren Verbreitung beigetragen haben.

Auch dazu dann am Donnerstag vielleicht noch etwas mehr:
Lassen Sie mich bitte an dieser Stelle noch ein paar sehr unpopuläre Nebenbemerkungen machen: In einer beispiellosen Ideologisierungskampagne hat man uns über Jahrzehnte hinweg eingeredet, dass die Weltbevölkerung ohnehin zu groß würde. Aber das stimmt doch auch nicht. Deshalb zum Nachdenken: Wer maßt sich eigentlich an, zu wissen, dass es auf dieser Welt 7 Milliarden Menschen gibt? Sie haben ja wahrgenommen, dass selbst in Deutschland bei einer kleinen Volkszählung eben gerade mal 1,5 Millionen Menschen bisher nicht erfasst wurden, wo bei uns nun doch wirklich alle Geburten, Sterbefälle Umzüge usw. erfasst werden. Wo sonst auf der Welt aber gibt es ein solch ausgeprägtes Meldewesen? Wer hat denn jemals die Menschen in Afrika und Asien gezählt? Selbst wenn die Regierungen zutreffende Antworten geben wollten: Sie sind dazu objektiv überhaupt nicht in der Lage. Es ist übrigens interessant, dass die statistischen Angaben in manchen Ländern kräftige Unterschiede aufweisen, je nachdem zu welchen Zwecken diese Statistiken aufgestellt werden.

Wenn die Weltbevölkerung aber so groß ist: Alleine im US-Bundesstaat Texas haben mehr als 5 Milliarden Menschen, aufgeteilt in 3-Personen-Haushalten soviel Platz, dass sie jeweils in einstöckigen Bungalows mit 113 m² Wohnfläche und mit einem schönen Gartenanteil von 250 m² gemütlich leben könnten. Die Erdbevölkerung ist nicht größer als das sie zu einer Weltversammlung fast im Saarland Platz finden könnte.

Nur 17 % der bewohnbaren Erdoberfläche werden wirklich benutzt zum Wohnen und bepflanzen. Ist das schon das Ende des Bebauens?

Im Weltmaßstab gibt es genügend Nahrungsmittel für alle Menschen. Wir haben „nur“ ein dickes Verteilungsproblem und den fehlenden Willen, wirklich die vorhandenen Probleme zu lösen, ggf. auf Kosten unseres eigenen Lebensstandards.

Ist es nicht besonders grauenvoll, dass die Länder des Westens meinen, ihre Weltverantwortung dadurch gerechter werden zu können, dass sie den ärmeren Ländern eine Minimierung der Bevölkerung vorschreiben?

Familiäre Strukturen lassen einen solchen Angriff der internationalen Organisationen auf das Leben der Menschen nicht selten scheitern.

Insofern wird die Familie morgen hoffentlich Störfaktor einer dem Chaos zutreibenden Gesellschaft sein und bleiben.


6. Familie in der Gesellschaft von morgen:

Die Lobby für die Familie ist nach wie vor viel zu schwach. Es ärgert mich, wenn ich in anderen Ländern sehe, wie dort viel selbstverständlicher vieles für die Familie getan wird: Etwa in der Schweiz die kostenlose Mitfahrt der Kinder in der Bundesbahn, in Wien die kostenlose Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Kinder und Jugendliche in den Ferien, in Schweden das kostenlose Frühstück in vielen Hotels und Restaurants für Kinder bis 12 Jahre usw. Familienpolitik muß der politische Schwerpunkt der nächsten Jahre sein. Es ist verrückt, dass knappste Minderheiten von Randgruppen mit Forderungen nach Gleichstellung heute stärken die politische Diskussion bestimmen, obwohl von einer Gleichberechtigung der Familien noch lange nicht gesprochen werden kann. Neben Sie nur einmal die schöne Entfernungspauschale. Ich wohne mit meiner Familie im Stadtzentrum Stuttgarts mit höheren Mieten als in den Umlandgemeinden. Wäre ich vor 30 Jahren rausgezogen und würde jetzt jeden Tag nach Stuttgart fahren, dann hätte ich für den Wohnungsbau außerhalb staatliche Subventionen bezogen und würde täglich für die Verstopfung der Straßen auch noch mit entschädigt. Ich gehe zu Fuß ins Büro, bekomme keine Unterstützung fürs Wohnen und wenn ich mit meiner Familie einmal in der Woche auch hinaus ins Grüne will, dann darf ich ohne Ausgleich die hohe Dieselrechnung selbst bezahlen. Ist das eine ökologische, familienfreundliche oder gar gerechte Steuerpolitik?

Hartmut Steeb, Generalsekretär der ´Deutschen Evangelischen Allianz´ - Marsch für das Leben 2016 (#MarschFürDasLeben)




Foto (c) Rudolf Gehrig







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