14 September 2017, 12:00
Für das Leben? Oder nur so ein bisschen?
 
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„Die wütenden Proteste gegen den ‚Marsch für das Leben‘ gäbe es nicht, wenn nicht zumindest unsere Gegner der Meinung wären, dass wir mit dem Marsch etwas bewirken können. Ich finde das ermutigend.“ Kommentar von Tobias Klein

Berlin (kath.net/Blog „Huhn meets Ei“/tk) Würde mir im "Real Life" jemand die Frage stellen "Muss man als Christ den Marsch für das Leben unterstützen?", dann würde ich wahrscheinlich antworten: "Beim Christsein geht es nicht ums Müssen, daher: nein." Ich stelle mir vor, dass das recht interessante Reaktionen auslösen dürfte, denn die genannte Frage kann ja eigentlich nur in provozierender Absicht gestellt worden sein, und vermutlich hat der Fragesteller eine Vorstellung vom Christsein, in der es permanent ums Müssen geht. Also wird der wohl erst mal ziemlich komisch gucken, und wenn man Glück hat, entwickelt sich der Dialog von da an in eine ganz andere Richtung. (Es ist immer ratsam, für alle Fälle vier oder fünf solcher "conversation changer"-Sätze in petto zu haben; sie funktionieren nicht immer, aber den Versuch ist es wert.) Bleibt der Fragesteller jedoch souverän und erwidert: "Okay, dann also: Sollte man als Christ den Marsch für das Leben unterstützen?", dann würde ich wohl antworten: "Ich finde, ja."

Mir sind allerlei Gründe bekannt, weshalb Christen dem Marsch für das Leben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen; die meisten halte ich für falsch und die übrigen für nicht ausreichend. Gleichwohl bin ich mir bewusst, dass es sich dabei – idealerweise – um eine Gewissensentscheidung handelt und es mir nicht zusteht, über jene zu urteilen, die in diesem Punkt anderer Meinung sind als ich. Wenn aber Christen nicht bloß als Privatpersonen, sondern als Repräsentanten christlicher Organisationen, Gruppen oder Gremien den Marsch demonstrativ nicht unterstützen – das heißt, wenn sie ein Statement daraus machen, ihn nicht zu unterstützen - dann finde ich das schon sehr ärgerlich, ja sogar schändlich.

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Dies mal als unfreundlichen Gruß an den Diözesanrat der Berliner Katholiken, der bereits Ende Mai einen Antrag auf Unterstützung des Marsches mit großer Mehrheit abgelehnt hat. Näheres dazu kann man beispielsweise hier, hier, hier und vor allem hier nachlesen. Die Gegenrede gegen den Antrag, der sich in der Abstimmung dann die meisten Diözesanratsmitglieder inhaltlich anschlossen, muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da wird den Veranstaltern des Marsches vorgeworfen bzw. unterstellt, sie ließen eine "differenzierte Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema vermissen" und würden einer "Stigmatisierung der Frauen" und "Radikalisierung" Vorschub leisten. Im gleichen Atemzug wird – halten wir (uns) fest: seitens der offiziellen obersten Laienvertretung eines katholischen Erzbistums! - der in einem Akt offenen Widerstands gegen eine Entscheidung des Papstes gegründete und betriebene Verein "donum vitae" gelobt, da dieser dafür Sorge trage, "dass die betroffenen Menschen in ihrer Not nicht allein gelassen werden". Damit nicht genug, übernimmt der Wortbeitrag unverhohlen die Rhetorik der "Pro Choice"-Propagandisten, indem er euphemistisch von "Frauen und Männer[n]" spricht, die sich "gegen ihr Kind entscheiden".

Pikant an dieser Entscheidung des Diözesanrats war es nicht zuletzt, dass das Gremium sich damit gegen die eigenen Bischöfe stellte: Beim Marsch für das Leben 2016 waren neben drei Diözesan- und Weihbischöfen anderer Bistümer der Berliner Erzbischof Heiner Koch und Weihbischof Matthias Heinrich dabei. Dieses Jahr ist der Erzbischof verhindert - er muss nach Greifswald zum Ökumenischen Kirchentag Vorpommerns -, aber Weihbischof Heinrich wird erneut teilnehmen und ein Grußwort von Erzbischof Koch verlesen. Dieses ist bereits vorab veröffentlicht worden, und ich erlaube mir, daraus zu zitieren:

"Auch in diesem Jahr treffen Sie sich in Berlin, um die Stimme zu erheben für das Recht aller Menschen zu leben und ihr Leben zu entfalten, das Recht der ungeborenen Menschen, der schwachen und heimatlosen, der verfolgten und der Flüchtenden und schließlich der sterbenden Menschen. [...]
Die Fragen, die Sie mit dem 'Marsch für das Leben' stellen, stelle ich mir selbst in gleicher Weise, und ich stelle sie in vielen Gesprächen, die ich führe:
Warum setzen wir menschlichem Leben eine Grenze? Warum gilt der Lebensschutz für die Ungeborenen nicht uneingeschränkt?
Warum wird behindertes Leben im Mutterschoß weniger geschützt als nicht behindertes Leben?
Warum ist der Schutz von Artenvielfalt, sauberer Luft oder Lebensbedingungen oft strenger und konsequenter juristisch aufgestellt als der Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens?
Das menschliche Leben ist vielfach gefährdet und schutzbedürftig. Es wird bedroht durch Umweltverschmutzung, soziale Ungerechtigkeiten, Krankheiten und Kriege. In fast allen Bereichen bilden sich wirkmächtige Lobby-Verbände. [...] Warum wird der Lebensschutz für das ungeborene Leben noch immer relativiert und gern in die rechte Ecke gestellt, völlig zu Unrecht?"


Nun wollte sich der Diözesanrat wohl auch nicht lumpen lassen und hat seinerseits angesichts des herannahenden Marsches noch einmal ein Statement abgegeben. Ein Statement, das auf den ersten Blick nach einem Versuch aussieht, es allen Seiten recht zu machen, auf den zweiten Blick jedoch ein gerüttelt Maß an Perfidie erkennen lässt.

"Diözesanrat engagiert für Lebensschutz", ist die Pressemitteilung überschrieben. Will sagen: Okay, wir haben uns gegen die Unterstützung des Marschs für das Leben ausgesprochen, aber davon abgesehen tun wir ganz doll viel für den Lebensschutz. Echt jetzt! Zum Beispiel "donum vitae" unterstützen. Wir sind auch ganz doll gegen "Abtreibung als Mittel der Familienplanung" und gegen "organisierte Sterbehilfe". (Das lässt raffinierterweise offen, was von anderen Motiven für Abtreibung und von nicht-organisierter Sterbehilfe zu halten ist.) Und obendrein hat der Diözesanrat auch gar nichts dagegen, wenn Leute so "plakative Formen des Protestes" wie den Marsch für das Leben unterstützenswert finden: Der wird zwar "von manchem als der Sache nicht förderlich angesehen", aber der Diözesanrat ist da gar nicht so und "möchte es [...] jedem selbst überlassen", ob er da mitläuft oder nicht. Toll, toller, tolerant!

Offen gestanden, es widert mich an, von was für Gestalten man sich als katholischer Laie in Berlin offiziell vertreten lassen muss.

Aber warum ist es denn nun meiner Meinung nach so wichtig, den Marsch für das Leben zu unterstützen? – Würde mich jemand fragen "Glaubst du, durch deine Teilnahme am Marsch für das Leben rettest du auch nur ein einziges Kind vor der Abtreibung?", müsste ich wohl antworten: Unmittelbar und allein dadurch sehr wahrscheinlich nicht.

Aber ich hätte auch eine tolle Gegenfrage: "Glaubst du, durch deine Nichtteilnahme am Marsch für das Leben rettest du auch nur ein einziges Kind vor der Abtreibung?" Ich schätze mal, diese Frage wird man mindestens ebenso sicher mit Nein beantworten müssen. Und das ist in meinen Augen ein absolut hinreichender Grund, lieber hinzugehen als nicht hinzugehen.

In erster Linie ist der Marsch für das Leben eine Gedenkveranstaltung für die durch Abtreibung getöteten Kinder, deren Zahl allein in den gut zwei Jahrzehnten seit der Novellierung des § 218 in Deutschland in die Millionen geht. Diese Kinder verdienen es, dass man an sie erinnert. Sodann ist der Marsch für das Leben auch der jährliche – man verzeihe mir die vielleicht unangemessene Ausdrucksweise – "Programmhöhepunkt" für die deutsche Lebensschutzbewegung. Selbst wenn der Marsch "nur" der Selbstvergewisserung der Bewegung dienen würde, hätte er damit schon seine Berechtigung: Eine hohe Teilnehmerzahl beim Marsch sendet ein Signal der Unterstützung und Ermutigung an die vielen haupt- und ehrenamtlich Tätigen, die sich tagtäglich für den Lebensschutz engagieren und damit sehr wohl zahlreichen Kindern das Leben retten. Wie viel Schaden ein demonstrativer Akt der Nicht-Unterstützung dieser Arbeit zufügt, dürfte kaum zu ermessen sein.

Und schließlich sind da noch die wütenden und nicht selten gewaltsamen Proteste gegen den Marsch. Die gäbe es auch nicht, wenn nicht zumindest unsere Gegner der Meinung wären, dass wir mit dem Marsch etwas bewirken können. Ich finde das ermutigend.

Der Marsch für das Leben Berlin 2017 wird am Samstag, 16.09.2017, stattfinden

Archivfoto:



Berliner Erzbischof Heiner Koch - Ansprache beim Marsch für das Leben 2016 #MarschFürDasLeben




EWTN Reporter - Bischof Rudolf Voderholzer - Marsch für das Leben 2016




EWTN Reporter - Weihbischof Dominikus Schwaderlapp - Marsch für das Leben 2016





Archivfoto: Marsch für das Leben (c) Andreas Kobs







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