11 August 2017, 17:00
Die Erscheinungen von Kibeho – Leseprobe 2
 
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Maria spricht zur Welt aus dem Herzen Afrikas. Leseprobe 2 aus dem Buch „Die Erscheinungen von Kibeho“ von Immaculee Ilibagiza

Linz (kath.net)
Der 28. November 1981 war ein Samstag und begann genau wie alle anderen Tage. Dann aber überkam Alphonsine wenige Augenblicke nach der letzten Unterrichtsstunde ‒ Erdkunde –, in der sie einen unangekündigten Test geschrieben hatten, ein mächtiger Ansturm merkwürdig gemischter Gefühle. Sie war außer sich vor Freude und doch gleichzeitig voller Angst.

Verwirrt und erschrocken sprach sie auf dem Korridor eine Freundin an, beschrieb ihr den emotionalen Aufruhr, den sie empfand, und vertraute ihr an, dass sie fürchtete, den Verstand zu verlieren. Die Freundin lachte und sagte zu Alphonsine, dass sie sich vermutlich nur Sorgen darüber mache, wie sie in dem Test abgeschnitten habe; in ein paar Minuten, wenn sich ihre Nerven beruhigt hätten, werde es ihr ganz bestimmt wieder besser gehen.

Alphonsine stimmte ihr zu, atmete ein paarmal tief durch und fühlte sich tatsächlich schon bald wieder besser. Sie betrat den Speiseraum: Heute war sie an der Reihe, den anderen Mädchen das Essen aufzutragen.

Doch während sie von Tisch zu Tisch ging und Wasser in die Gläser ihrer Mitschülerinnen goss, überkam sie erneut dieselbe Mischung aus glückseliger Freude und beinahe lähmender Furcht. Sie wurde immer ängstlicher und machte sich Sorgen, ob sie wohl eine Prüfung oder einen wichtigen Termin vergessen hätte. Dann hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Sie stellte den Wasserkrug auf einen der Tische und ging langsam in Richtung Hauptkorridor, denn sie glaubte, dass sie genau dorthin gerufen wurde. Ihre Haut kribbelte und ihre Hände zitterten, während sie sich dem Eingangsbereich näherte. Außerdem bewegte sie sich ganz seltsam und wusste plötzlich nicht mehr, wie man einen Fuß vor den anderen setzt. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie überhaupt keine Kontrolle mehr über ihren Körper.

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Das laute Gewirr der Mädchenstimmen, das im Speiseraum widerhallte, verklang. Eine sanfte Stimme sprach zu Alphonsine: eine Stimme, wie sie sie noch nie gehört hatte.
„Mein Kind“, sagte die einladende Stimme, mild wie die Luft und süßer als Musik.

Alphonsine verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit – sie wusste nicht, wo sie war oder wer nach ihr rief. Sie zögerte, antwortete dann aber mit der höflichen Entgegnung, die ruandische Kinder älteren Respektspersonen gegenüber verwenden: „Ich wünsche Ihnen ein langes Leben.“

Im selben Augenblick verengte sich das Gesichtsfeld des Mädchens und sie sah nichts mehr außer einer hell leuchtenden weißen Wolke, die vor ihr, nur wenige Meter entfernt, mitten in der Luft in Erscheinung trat.

„Mein Kind“, hörte sie die Stimme erneut. Dann tauchte zu Alphonsines Entzücken die schönste Frau, die sie je gesehen hatte, aus der Wolke auf und schwebte, umgeben von einem schimmernden Lichtkranz, zwischen Fußboden und Decke. Sie trug ein fließendes, nahtloses weißes Gewand mit einem weißen Schleier, der ihr Haar bedeckte. Ihre Hände hielt sie vor sich zum Gebet gefaltet, ihre schlanken Finger zeigten himmelwärts.

Die Frau war barfuß wie eine gewöhnliche Frau aus dem Dorf, doch ihre Haut war makellos und so vollkommen, dass Alphonsine ihre Farbe nicht bestimmen konnte. Diese wunderschöne Gestalt näherte sich dem Mädchen, ohne dass ihre Füße den Boden berührten. Liebe strömte in Wellen von der majestätischen Dame aus und umfing Alphonsine wie die liebevolle Umarmung einer Mutter. Die Angst, die sie noch kurz zuvor gefühlt hatte, verschwand, und ihr Herz füllte sich mit einer unvorstellbaren Freude. Sie spürte, dass sie in der Gegenwart des Göttlichen war, sank auf die Knie und fragte: „Wer sind Sie?“

„Ich bin die Mutter des Wortes.“
„Sie sind die Mutter des Wortes?“, wiederholte Alphonsine. Sie verstand nicht ganz, was das bedeuten sollte, doch sie war sich jetzt sicher, dass sie vor der Muttergottes kniete. „Ich heiße Alphonsine“, fügte sie glücklich hinzu. Überraschenderweise fühlte sie sich in der Gegenwart der Dame ausgesprochen wohl und überaus glücklich darüber, dass die Jungfrau Maria sie ausgewählt hatte, um mit ihr zu sprechen.

„Was von allen Dingen im Himmel macht dich glücklich?“
„Ich liebe Gott und ich liebe die Muttergottes, die uns ihren Sohn Jesus schenkte, der uns erlöst hat!“, antwortete Alphonsine, ohne zu zögern.
„Wirklich?“, erwiderte die Dame und die einfache Antwort des Kindes schien ihr sehr zu gefallen.
„Oh ja.“

„Wenn es stimmt, dann sollst du wissen, dass ich deine Gebete erhört habe und dass ich hier bin, um dich zu trösten. Ich wünsche, dass deine Freundinnen und Mitschülerinnen einen Glauben haben werden, der so stark ist wie deiner, denn ihrer ist nicht stark genug.“
„Mutter ‒ wenn Du es wirklich bist ‒, Du musst uns wirklich sehr lieben, wenn Du extra in unsere Schule gekommen bist, um uns zu sagen, dass wir mehr Glauben haben sollen! Es ist eine solche Freude, Dich mit meinen eigenen Augen zu sehen!“

Die Jungfrau Maria bat Alphonsine, sich der Legion Mariens anzuschließen. Die Mitglieder dieser katholischen Gruppe machen es sich zur Aufgabe, wie die Jungfrau Maria ein Leben in Einfachheit, Demut und Gebet zu führen und mit ihren Taten den Namen Gottes zu verherrlichen. Alphonsine versprach, dass sie das sofort tun wollte.
Dann erklärte Maria, sie wünsche, dass die Menschen in aller Welt sie lieben und ihr vertrauen, denn dann könne sie verlorene Seelen zu Jesus führen, um von ihm erlöst zu werden. „Sieh nun, wie ich in den Himmel zurückkehre, um bei meinem Sohn zu sein“, sagte sie anschließend mit einem Lächeln, indem sie sich langsam nach oben bewegte und in der Wolke, deren Licht dahinschwand, allmählich unsichtbar wurde.

Alphonsine stürzte auf den Boden und blieb dort mehr als zehn Minuten lang halb bewusstlos liegen. Als sie die Augen aufschlug, sah sie in die Gesichter ihrer Mitschülerinnen, die auf sie herabschauten. Einige hatten sie an den Schultern gepackt und schüttelten sie, um sie aufzuwecken, während andere sie mit Fragen darüber löcherten, was denn passiert sei. Nach dem süßen Ton der Worte der schönen Dame klangen die Stimmen der Schulmädchen in Alphonsines Ohren wie ein misstönendes Kreischen, und als ihr bewusst wurde, dass sie sich nicht mehr im warmen Licht der Himmelskönigin befand, brach sie in Tränen aus. Sie versuchte aufzustehen, hatte aber keine Kraft. Alles, was sie tun konnte, war, hilflos und verwirrt auf dem Boden ausgestreckt liegen zu bleiben.

Während der Erscheinung hatte Alphonsine alles um sich herum vollständig vergessen. Die ganze Zeit über hatten ihre Mitschülerinnen sie ungläubig angestarrt, wie sie auf dem Boden kniete, an die Decke stierte und mit der Luft redete. Zuerst hatte sie Kinyarwanda (die ruandische Landessprache) gesprochen, dann war sie zum Französischen übergegangen, und schließlich hatte sie Sprachen geredet, die selbst die Gebildetsten unter ihren Lehrerinnen nicht hatten erkennen können, auch wenn einige sagten, sie hätten hebräische und lateinische Brocken aufgeschnappt.

Das Gespräch mit der Jungfrau Maria hatte Alphonsines gesamte physische Energie aufgebraucht, aber zugleich eine bleibende Freude in ihrem Herzen hinterlassen. Diese Freude sprudelte jetzt, als sie das Bewusstsein allmählich wiedererlangte, aus ihr heraus, und ihre Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. „Die Muttergottes hat mit mir gesprochen“, sagte sie schließlich und hob den Blick. „Die Muttergottes hat mit mir gesprochen.“
Sofort fingen die anderen Schülerinnen an, sich alle gleichzeitig über Alphonsine lustig zu machen, die noch immer hilflos am Boden lag.

kath.net-Buchtipp
kath.net Buchtipp
Die Erscheinungen von Kibeho
Von Immaculee Ilibagiza
Geb., 256 Seiten
mit 16-seitigem Bildteil
Media Maria 2017
Preis: 19,50 Euro
ISBN 978-3-9454013-3-0
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Aloe am 15.8.2017
"Man muss nicht alles glauben"
 

 

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